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"Reformpädagogik" und Demokratie. Resümee eines Seminars

Zusammenfassung 2008 4 Seiten

Pädagogik - Reformpädagogik

Leseprobe

,Reformpädagogik‘ und Demokratie, ein Resümee

Gabriel Stabentheiner, Juni 2008

„,Reformpädagogik‘ und Demokratie“, so lautet der Titel des Seminars, über das hier resümiert werden soll. Der genauen Formulierung des LV-Titels sei eingangs eine kurze Betrachtung gewidmet, denn sie war es, die mich auf das Seminar aufmerksam machte und mich dazu bewog, daran teil zu nehmen.

Es ist anzunehmen, dass der Titel durchaus absichtlich genau so gewählt worden war. Daraus las ich, dass es in der Lehrveranstaltung um so genannte Reformpädagogik ( weil in Anführungszeichen) und demgegenüber wohl um echte Demokratie gehen würde . Hatte die „Reformpädagogik“ ihren Namen also nicht verdient, war sie gar nicht wirklich reformatorisch? Oder reformierte sie vielleicht zwar irgendwie irgendwas, aber führte diese Reform jedenfalls nicht zu einer Demokratisierung?

Mein Interesse war also geweckt und ich sollte mich nicht getäuscht haben: Demokratie und Pädagogik, das war das durchgängige Thema, sozusagen der (ein? mein?) roter Faden, der das ganze Seminar durchzog. Und sich – und das finde ich immer besonders spannend – auch auf der Meta-Ebene, also in der Seminarsituation selbst, zeigte und teilweise auch unter diesem Aspekt zur Diskussion gebracht wurde.

Meine Leitfrage für, während und auch nach diesem Seminar ist, zusammenfassend, also folgende: Ausgehend von der Grundforderung nach einer demokratischen Gesellschaft mit selbstbestimmten und partizipierenden Individuen, was könnten die Ziele, Aufgaben und Methoden der Pädagogik sein? Ist eine in diesem Sinne gedachte Pädagogik als Erziehung zur Demokratie oder als Erziehung in Demokratie zu verstehen? Was für ein Verständnis vom Verhältnis zwischen LehrerInnen und SchülerInnen könnte eine solche Pädagogik haben? Meine Gedanken und Erkenntnisse dazu, die im Laufe des Seminars entstanden sind, werde ich im Folgenden darlegen.

Der Begriff Demokratie

Was ist eigentlich gemeint, wenn wir hier den Begriff Demokratie verwenden? Was könnte echte Demokratie bedeuten? Offensichtlich geht es dabei nicht nur um eine Staatsform, und weniger noch um die der parlamentarisch-repräsentativen Demokratie, in der wir leben.

John Dewey spricht von „Demokratie als Lebensform“. Hinter dieser immer noch ungenauen Formulierung können wir eine Vorstellung von gesellschaftlicher Organisation vermuten, in der die einzelnen BürgerInnen einen möglichst hohen Grad von persönlicher Freiheit besitzen. Dies soll durch die Partizipation aller BürgerInnen an gesellschaftlichen (Entscheidungs-) Prozessen gewährleistet werden.[1] Als weiteres Indiz zur Begriffsklärung kann uns Foucaults Herrschaftsbegriff dienen, der im Seminar immer wieder angesprochen wurde. Möglichst hohe persönliche Freiheit könnte in diesem Sinne durch die Minimierung von Herrschaftsstrukturen entstehen. Paulo Freires Vorstellung von Unterdrückung scheint mir dem Herrschaftsbegriff sehr zu ähneln. Mit ihm können wir den Prozess der Bewusstmachung als Instrument zur Befreiung der Menschen festhalten. Ich werde darauf noch zurück kommen.

Wie entsteht Demokratie?

Zunächst möchte ich einige grundsätzliche Überlegungen festhalten: demokratisches Verhalten, wie ich es soeben umrissen habe, stellt meiner Meinung nach eine unter vielen Möglichkeiten menschlichen Verhaltens darstellt. Phylogenetisch betrachtet, lässt sich dies an der Geschichte der Menschheit leicht nachprüfen. Und auch im konkreten Leben einer/s durchschnittlichen europäischen BürgerIn des 21. Jahrhunderts halte ich gelebte Demokratie für eine Option unter mehreren.

Interessant wird diese Betrachtung dann, wenn man sich die Frage stellt, ob für das Leben von Demokratie bestimmte Fähigkeiten oder Erfahrungen nötig sind. Trifft dies nämlich zu – und ich gehe davon aus – so wird klar, dass tatsächlich nicht jedeR die Möglichkeit hat, demokratisches Verhalten an den Tag zu legen, sondern nur diejenigen, die über diese Fähigkeiten oder Erfahrungen verfügen. Diese Überlegung ist deshalb interessant, weil so verdeutlicht werden kann, welche Aufgabe der Pädagogik in Demokratisierungsprozessen zukommen kann: Nämlich die Entwicklung von Fähigkeiten, die für demokratisches Handeln notwendig sind, zu unterstützen (oder wenigstens nicht zu verhindern) und Erfahrungen zu ermöglichen, in denen demokratisches Verhalten ausprobiert, gefördert und etabliert werden kann.

Es würde den Rahmen dieses Resümees sprengen, über die einzelnen Fähigkeiten und Erfahrungen nachzudenken, die für die Entwicklung (oder Erhaltung) von gelebter Demokratie nötig sind. Kurz möchte ich mich aber noch mit folgender Frage auseinander setzen: Hängen die Aufgaben der Pädagogik, die ich soeben entworfen habe, vom Alter der zu Erziehenden ab? Eigentlich gibt es darauf nur eine Antwort, nämlich die, dass es nach dem Gesagten wohl kaum von Bedeutung ist, wie alt eine Person ist, sondern lediglich davon, welche demokratischen Fähigkeiten bereits entwickelt sind und welche Erfahrungen bereits gemacht wurden. Es ist also durchaus vorstellbar, dass schon sehr kleine Kinder viele wesentliche Fähigkeiten für ein demokratisches Leben besitzen, genauso wie es denkbar ist, dass Erwachsene entscheidende Erfahrungen für und von gelebter Demokratie noch nicht gemacht haben.

Damit ist auch ein Erklärungsansatz für die eingangs gestellte Frage zwischen Erziehung zur Demokratie und Erziehung in Demokratie gefunden: Es wird wohl in den allermeisten Fällen ein Mischung aus beidem sein, indem Demokratie einerseits bereits aktiv gelebt wird und andererseits Raum für die weitere Ausbildung von Fähigkeiten geboten wird.

Werkzeuge zur Demokratieerziehung

Die eben erwähnte Dualität ist womöglich die größte Herausforderung für eine Pädagogik, die zur und in Demokratie erziehen will. Auf der einen Seite sollen bestimmte Werte, Einsichten und Handlungsmaximen vermittelt werden, die die Bedingungen für eine demokratische Gesellschaft bilden. Bei einem derartigen Vermittlungsprozess entsteht notwendigerweise ein Machtgefälle zwischen Wissenden und Noch-Nicht-Wissenden, Erziehenden und zu Erziehenden. Dieses Gefälle kann zu einem Herrschaftsverhältnis werden, wie es sich in „klassischen” Erziehungsmethoden findet[2]. Vor demselben Problem steht ja die gesamte Pädagogik, wenn sie Wissen – welcher Art auch immer – vermitteln will.

Gleichzeitig muss eine demokratische Erziehung davon ausgehen, dass manche Fähigkeiten schon ausgebildet sind und manche Erfahrungen schon gemacht wurden, die für die Entwicklung zu und als demokratische Individuen nötig sind. Daher kann und muss Demokratie bereits während der Erziehung praktiziert werden und zwar überall dort, wo das aufgrund des bereits erworbenen Wissens möglich ist. Da dieses Wissen bei jedem Menschen unterschiedlich entwickelt ist, steht die Pädagogik freilich vor erheblichen Herausforderungen.

Welche Mittel und Methoden stehen einer Demokratieerziehung zur Verfügung? Paulo Freire schwört auf den Dialog und eine „problemformulierende Bildung“. Tatsächlich erscheint es mir für eine Demokratieerziehung sinnvoll, davon auszugehen, dass jedeR – Erziehende wie zu Erziehende – über Vorwissen verfügen, das den anderen möglicherweise nicht zur Verfügung steht. Dementsprechend sollte Lernen immer ein gegenseitiger, ein dialogischer und kein monologischer Prozess sein. Auch die Idee, Erziehung als Lehr-Lern-Prozess zwischen Gleichaltrigen bzw. zwischen Kindern unterschiedlichen Alters zu ermöglichen, scheint interessant.

Und um noch ein letztes Beispiel für mögliche Methoden einer Demokratieerziehung zu nennen: Freires (bereits erwähnte) „Bewusstmachung“ könnte in diesem Zusammenhang einerseits als konkretes Instrument der Dekonstruktion gesellschaftlicher Strukturen verstanden werden. Andererseits könnte sie aber auch die „Bewusstmachung“ bei den zu Erziehenden über den Erziehungsprozess meinen – also die Möglichkeit der SchülerInnen, über Schule und Lernprozesse zu reflektieren. Daraus würde die Forderung nach einem – auch den Lernenden gegenüber – transparenten Erziehungsprozess entstehen.

Warum eigentlich Demokratie?

In den bisherigen Ausführungen ist, denke ich, klar geworden, dass ich davon ausgehe, dass demokratisches Verhalten keineswegs mehr als andere Verhaltensweisen „in der Natur des Menschen“ liegt. Ich wähle damit eine Argumentationslinie, die von der vieler ReformpädagogInnen abweicht. Womit kann sich dann aber eine derartige Vorstellung von Gesellschaft und von Pädagogik legitimieren? Es muss ja zunächst einmal zugegeben werden, dass es sich bei der Grundforderung nach einer demokratischen Gesellschaft, die eingangs aufgestellt wurde, um eine reine Setzung handelt. Es wird eine Norm festgelegt, an der sich die Pädagogik orientiert. Diese Norm ist grundsätzlich angreif- und diskutierbar und muss sich aus der konkreten historischen Situation begründen lassen. Eine derartige Diskussion kann aus Gründen des Umfangs hier allerdings nicht Eingang finden.

Trotz seines geringen argumentativen Wert sei hier doch eines abschließend gesagt: Ein demokratisches Zusammenleben, wie es in diesem Aufsatz kurz skizziert wurde liegt meiner Meinung nach zwar nicht notwendigerweise in der Natur des Menschen. Trotzdem denke ich, dass es unter den momentanen historischen Bedingungen die Form des Zusammenlebens ist, die den Menschen am meisten gerecht wird.

[...]


[1] Vgl. Kleinschmidt, Melanie: Rezension „John Dewey: Demokratie und Erziehung”. URL: http://www.didaktik.uni-jena.de/did_10/rez_dewey.htm – Abruf am 29.6.2008

[2] Paulo Freire spricht von der „Bankiers-Erziehung“, in der der Lehrer „Wissenseinlagen“ bei den Schülern mache, die nichts mit deren Lebenswirklichkeit zu tun haben. Er treffe alle Entscheidungen über den Lernprozess: Er lehrt, er weiß, er denkt, er redet, er wählt aus, er handelt.

Details

Seiten
4
Jahr
2008
Dateigröße
359 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v303403
Institution / Hochschule
Leopold-Franzens-Universität Innsbruck – Fakultät für Erziehungswissenschaften
Note
Schlagworte
Reformpädagogik Demokratie Demokratieerziehung John Dewey Paulo Freire

Autor

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