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Die Medienkritik von Günther Anders. Ein Vergleich aktueller Beiträge zu Faulstichs Chronologie des "Kulturschocks"

Essay 2014 8 Seiten

Medien / Kommunikation - Theorien, Modelle, Begriffe

Leseprobe

Essay
Schädigung des Menschen
Zerfall von Beziehungen
Realitätsverlust

Literaturverzeichnis

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Essay

Wenn Rundfunk und Fernsehen „Die Welt als Phantom und Matrize“ erscheinen lassen, dann verkehren sich Sein und Schein zu einer zwielichtigen Zwischensphäre in der die sozialen Bindungen zerreißen, die Menschen zu „Masseneremiten“[1] vereinsamen und ihre sinnlos evozierten Gefühle in die unaufhaltsame Leere eines fiktiven Weltgebildes schicken.

Günther Anders beherrscht die Klaviatur der philosophischen Schauermär: Das Nichts, das Alleinsein, die Sinnlosigkeit – darauf läuft es in seiner Medienkritik in „Die Antiquiertheit des Menschen“ (Band 1, 1956) letztlich hinaus. Die genannten Massenmedien sind die Unheilsbringer in dieser Dystopie; sie machen unumkehrbar Schluss mit dem sozialen und selbstbestimmten Humanisten und seiner Welt. Eine Argumentation, die provoziert und fasziniert, aus historischer Sicht jedoch verständlicher erscheint: Anders formulierte seine Kritik inmitten eines medientechnischen Wandels. Die Etablierung der elektronischen Medien Rundfunk und Fernsehen veränderten das kulturelle und soziale Leben; sie wiesen den Weg in eine ungewisse, gewiss aber andersartige Zukunft.

Gut sechzig Jahre später bringen Tendenzen, die sich grob zusammengefasst als zunehmende Digitalisierung und elektronische Vernetzung bezeichnen lassen, vergleichbar pessimistische Medienkritik hervor. Wenn, in Bezug auf neue, soziale Medien, von „Smartphone Zombies“[2], „passiver Kommunikation“[3] und „schöner neuer Psychowelt“[4] die Rede ist, dann ist eine gewisse Ähnlichkeit zu Anders’ „Phantomwelt“, zumindest in sprachlich-metaphorischer Hinsicht, nicht von der Hand zu weisen. Die Versuchung lockt, „Die Welt als Phantom und Matrize“ deshalb als wahrgewordene Prophezeiung zu deuten. Es soll hier jedoch nicht um ein Belegen oder Widerlegen inhaltlicher Aspekte gehen. Die Frage, ob und inwiefern Anders’ Beitrag aktuell ist, meint nicht das Überprüfen seiner Argumente; sondern vielmehr die Art und Weise wie er Medienkritik formuliert und konstruiert. Infolgedessen werden die strukturellen und argumentativen Parallelen zwischen dem Text von Anders und den gegenwärtigen Formen der Medienkritik in einem größeren historischen und medienwissenschaftlichen Zusammenhang betrachtet.

Konkret geht es um folgende Fragen: Wie werden die Medien kritisiert? Welche Szenarien werden entworfen und wie wird argumentiert? Worin gleichen und unterscheiden sich die verschiedenen medienkritischen Beiträge? Und was ergibt sich daraus? (Im Hinblick auf die Aktualität von Anders’ Text)

Als Betrachtungsschablone soll hier Werner Faulstichs Betrachtung der Mediengeschichte bzw. der Medienrevolutionen in „Jetzt geht die Welt zugrunde […]“ (2000)[5] verwendet werden. Dort skizziert Faulstich eine Chronik der Medienentwicklung mit Blick auf die Leitmedienwechsel. Phasen radikaler, medientechnischer Neuordnung, so seine These, werden meist als eine tiefgreifende, beängstigende Veränderung der Lebensverhältnisse erfahren. Ausdruck findet das Erleben des „Kulturschocks“[6] in der Medienkritik; frenetisch wird dort um Mensch und Menschlichkeit gebangt, um Moral, Ordnung und tradierte Werte, die, je nach Epoche, an Theater, Buchdruck, Zeitung und TV zu zerschellen drohen. Dass sich die Ängste und Verteufelungen dabei in ihrer Grundcharakteristik stets gleichen, weist Faulstich präzise mit Zeitdokumenten nach. Als Narrative prägen vor allem die Sujets Schädigung des Menschen, Zerfall von Beziehungen und damit einhergehend Realitätsverlust den medienkritischen Diskurs.

Diese Schwerpunkte sollen im Folgenden eine Vergleichbarkeit zwischen Anders’ „Welt als Phantom und Matrize“ (Kritik an TV und Rundfunk) und einigen zeitgenössischen medienkritischen Artikeln (Kritik an Sozialen Netzwerken, Smartphones) gewährleisten. Da jeweils unterschiedliche Medienarten und ihre Nutzung kritisiert werden, wird das Augenmerk des Vergleiches vor allem auf jenen allgemeinen Charakteristika des „Kultur- oder Medienschocks“ liegen und nicht auf den spezifischen Merkmalen der einzelnen Medien.

Die ausgewählten Quellen erheben nicht den Anspruch, einen kompletten Überblick über die gegenwärtige Medienkritik darzustellen – sie sind als illustrative Schlaglichter auf einen breiten Prozess des Medienwandels im Zuge zunehmender Digitalisierung zu verstehen. Das ausgewählte Themengebiet Social Media umfasst hier vor allem die Nutzung von Smartphones und das Partizipieren an Sozialen Netzwerken. Beide Aspekte stehen stellvertretend für das Phänomen der kommunikativen Vernetzung im Web 2.0 und damit einhergehend für die Präsenz des Virtuellen im Alltag.

Günther Anders’ Aufsatz darf ebenfalls nicht verallgemeinernd als repräsentative Kritik seiner Generation betrachtet werden. Alle gewählten Aufsätze und Artikel sind im Wesentlichen Beispiele für eine pessimistische Medienkritik, die sich durch eine ausgeprägte Sensibilität für mögliche Gefährdungspotenziale neuer Medien auszeichnet.[7] Die folgenden Aspekte sind nach Faulstich essentielle Bestandteile, negativer medienkritischer Argumentationen ­– sie fungieren, wie bereits erwähnt, als kontextualisierende Vergleichsmomente.

Schädigung des Menschen:

Folgt man Faulstichs Grundannahme, dass radikale Medienkritik zum Zeitpunkt eines Medienumbruches vor allem Ausdruck einer irgendwie gearteten Schwellenangst ist, so scheinen die Sorgen der Ängstlichen zuvorderst dem Menschen und seiner Menschlichkeit zu gelten. In vielfältiger Variation wird stets das gleiche geschlussfolgert: Der Mensch wird durch den Gebrauch oder die bloße Anwesenheit des neuen Mediums zum schlechteren verändert. Das kann sowohl eine Beeinträchtigung seines Wohlbefindens bzw. seiner seelischen Gesundheit als auch eine Einschränkung seiner kognitiven und emotionalen Fähigkeiten meinen. So bergen „Aus Sicht von Experten […] soziale Netzwerke wie Facebook […] enorme Gefahren für echte Beziehungen – und fördern Vereinsamung sowie Phobien.“[8] Ähnlich riskant erscheint in gegenwärtigen medienkritischen Artikeln die übermäßige Smartphonenutzung: „Die Betroffenen leiden unter Konzentrations- und Schlafstörungen, sie vereinsamen und vernachlässigen Familie und Beruf. […] “[9] Laut „Einer Umfrage der britischen Post zufolge wird jeder Zehnte unruhig, wenn das Telefon auch nur ausgeschaltet ist.“[10] Noch dramatischer die Schilderung einer Nutzerin, deren Mobiltelefon kaputt ging: „Ohne ihr Smartphone sei sie sich ganz und gar verloren vorgekommen. […] Man fühlt sich geradezu nackt."[11]

[...]


[1] Anders, Günther (1956): Die Antiquiertheit des Menschen. Bd. 1 Über die Seele im Zeitalter der zweiten industriellen Revolution. Auflage 1994. München: Beck (Beck’sche Reihe) S. 102.

[2] http://www.stern.de/digital/telefon/kurzfilm-i-forgot-my-phone-allein-unter-smartphone-zombies-2053689.html

[3] http://www.focus.de/gesundheit/news/focus-titel-facebook-schadet-der-echten-freundschaft_aid_789545.html

[4] Ebd.

[5] Vgl. Faulstich, Werner (2000): Medienkulturen. 1. Auflage. München: Wilhelm Fink Verlag.

[6] Ebd.

[7] Zu jeder Zeit gab es neben der negativen Medienkritik auch optimistischere Ansätze, die den neuen Medien konstruktiver, differenzierter, manchmal gar euphorisch begegneten. (Zum Beispiel Marshall McLuhan; 1960er Jahre) Günther Anders Pessimismus ist somit eine spezifische Art auf einen „Kulturschock“ zu reagieren und nicht Ausdruck eines gesamtgenerationellen Gefühls.

[8] http://www.focus.de/gesundheit/news/focus-titel-facebook-schadet-der-echten-freundschaft_aid_789545.html

[9] http://www.zeit.de/zeit-wissen/2011/05/Online-Sucht/seite-3

[10] Ebd.

[11] http://www.welt.de/gesundheit/psychologie/article13520570/Wenn-Smartphone-Fans-seelenlose-Zombies-werden.html

Details

Seiten
8
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668019249
ISBN (Buch)
9783668019256
Dateigröße
447 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v303469
Institution / Hochschule
Leuphana Universität Lüneburg
Note
1,3
Schlagworte
Günther Anders Medienkritik Die Antiquiertheit des Menschen Werner Faulstich Kulturschock Mediengeschichte Massenmedien Rezeption Manipulation Manipulationtheorie Technikpessimismus

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Titel: Die Medienkritik von Günther Anders. Ein Vergleich aktueller Beiträge zu Faulstichs Chronologie des "Kulturschocks"