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Analyse des Beitritts Polens in den Euroraum mittels der Theorie optimaler Währungsräume

Seminararbeit 2011 37 Seiten

BWL - Wirtschaftspolitik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

II Abbildungsverzeichnis

III Tabellenverzeichnis

IV Abkürzungsverzeichnis

V Abstract

1 Einleitung

2 Die Theorie der optimalen Währungsräume im Überblick

3 Mundells Begründung der Theorie der optimalen Währungsräume
3.1 Der asymmetrische Schock
3.2 Eigenständige Geld- und Währungspolitik als Anpassungsmechanismus
3.3 Alternative Anpassungsmechanismen
3.3.1 Mobilität der Arbeitskräfte
3.3.2 Lohnflexibilität
3.4 Kritiken an den alternativen Anpassungsmechanismen

4 McKinnons Erweiterung der Theorie der optimalen Währungsräume
4.1 Der Offenheitsgrad im Allgemeinen
4.2 Der Offenheitsgrad der polnischen Volkswirtschaft
4.3 Interpretation des Offenheitsgrads der polnischen Volkswirtschaft
4.4 Vor- und Nachteile des Euroraumbeitritts in Relation zum Offenheitsgrad

5 Kenens Erweiterung der Theorie der optimalen Währungsräume
5.1 Die Produktdiversifikation im Allgemeinen
5.2 Die „Symmetrie-Diskussion“ in der Literatur
5.3 Die Produktionsstruktur Polens
5.4 Interpretation der Produktionsstruktur Polens

6 Überblick und Eingrenzung unserer Erkenntnisse für Polen

7 Kritische Würdigung der Theorie und weiterführende Literatur

8 Fazit

VI Literaturverzeichnis

VII Internetquellen

VIII Anhang 1: Berechnungen zum polnischen Offenheitsgrad 2007 und 2009 und Quellen

IX. Anhang 2: Exportstruktur Polens nach Gütergruppen

X Anhang 3: Überblick unserer Erkenntnisse

II Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Aggregierte Nachfrage/ Angebot von Pralinen in Deutschland und Polen

Abbildung 2: Mittelwert der Im- und Exporte von Gütern/Dienstleistungen im Verhältnis zum BIP (1994-2008)

Abbildung 3: Konkurrierende Sichtweisen im Überblick

III Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Offenheitsgrad ausgewählter EU-Länder in 2007

IV Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

V Abstract

The intention of this paper is to explore fundamental costs and benefits of the adoption of the Euro for Poland. This exploration is based upon the reasoning of the theory of optimal currency area created by Mundell and expanded by McKinnon and Kenen. Note that we do not claim to present a widespread analysis of many costs and benefits but a deep analysis of rather few points. This is basically due to the fact that we try to stick as much as possible to the original ideas. In a first step we will approach Mundells considerations of asymmetric shocks, how they affect members of a currency union, and how to protect against the effects. These considerations are then applied to Poland. Similarly, we proceed with McKinnons thesis of openness and Kenens reflection of product diversification – an analysis is followed by an application to the case of Poland, respectively. Having done so, we will critically appreciate the theoretical aspects and raise an outlook of further literature in a last step.

The originality of this paper is provided by the illustration of the theoretical fundamentals and by applying these to the practical issue of Poland’s upcoming Euro-adoption.

1. Einleitung

Die Diskussion über die Kosten und Nutzen einer gemeinsamen Währung ist aktueller denn je. Drohende Staatspleiten einiger EU-Länder verschaffen den Kritikern der Währungsunion zunehmend Gehör. Polens Regierung jedoch ist, nach wie vor, fest entschlossen den Euro schnellstmöglich einzuführen. Dabei ist Polens Situation nicht weniger prekär. Angesichts des Haushaltsdefizits von 7,9 Prozent, das zwar, laut polnischer Regierung (auch durch Druck von der EU-Kommission), bis 2012 auf 3,0 Prozent verringert werden solle (dieses Ziel ist akut bedroht), scheinen die Euro-Münzen in undefinierter Ferne.1 Aber weder dies noch der, durch die anhaltende Finanzkrise vereitelte Plan der polnischen Regierung (2008), den Euro bis 2012 einzuführen, vermögen Polens Zielstrebigkeit in puncto Euroadoption zu untergraben.2 Der polnische Finanzdirektor Robert Krzyskow sagte dem Handelsblatt am 3. Februar 2011 in diesem Sinne, dass die Euro-Einführung, nach wie vor, höchste Priorität genießen würde. Polen wolle dieses Ziel schnellstmöglich erreichen und von einer vollen Mitgliedschaft profitieren.3

Wie der polnische Finanzdirektor die Euroeinführung beurteilt ist klar erkenntlich. Doch was liegt dieser positiven Einschätzung zugrunde?

Im Rahmen der nachfolgenden Arbeit wollen wir einen Beitrag zu genau dieser Diskussion über die Vor- und Nachteile des Beitritt Polens in den Euroraum leisten. Anhand der etablierten Theorie der optimalen Währungsräume werden wir fundamentale Kosten und Nutzen einer Währungsunion erarbeiten und diese auf das Fallbeispiel „Polen“ anwenden. Unser Anspruch liegt dabei nicht auf der quantitativen Analyse der Kosten und Nutzen, sondern auf einer qualitativen - geleitet von der ursprünglichen Argumentationslinie der Theorie der optimalen Währungsräume. Wohlbewusst, dass wir im Zuge dessen zahlreiche Vor- und Nachteile vernachlässigen werden, beenden wir unsere Analyse nicht mit einer Gesamtwertung über den Währungsraumbeitritt Polens.

Abschnitt 2 stellt dem Leser die Theorie und die Wissenschaftler dahinter in 7 Sätzen vor. Mit Abschnitt 3 beginnt die Analyse des Beitrags des Begründers der Theorie – Robert A. Mundell. Ein asymmetrischer Schock wird simuliert und verschiedene Anpassungsmechanismen auf ihre Tauglichkeit überprüft. Ob und wie diese Anpassungsmechanismen greifen, soll allgemein, aber auch im polnischen Kontext erörtert werden. Eine ähnliche Methodik zieht sich durch den vierten Abschnitt. Zunächst wird der Offenheitsgrad nach Ronald I. McKinnon im Allgemeinen analysiert, um schließlich ein Nach- oder Vorteil für Polen zu begründen. Abschnitt 5 beschäftigt sich mit dem dritten und letzten Theorieaspekt. Peter Kenens Erkenntnisse über die Produktdiversifikation werden untersucht, diesmal sogar mit Hilfe aktuellerer Literatur diskutiert, und auf Polen angewandt. Eine Grafik in Abschnitt 6 fasst die Ergebnisse übersichtlich zusammen. Abschnitt 7 ist der kritischen Würdigung, sowie weiterführender Literatur gewidmet. Das Fazit bildet den Abschluss unserer Arbeit.

2 Die Theorie der optimalen Währungsräume im Überblick

Die Geburt der Theorie der optimalen Währungsräume wird mit der Veröffentlichung des Werks „A Theory of Optimal Currency Area“ des kanadischen Volkswirts Robert A. Mundell im Jahr 1961 datiert.4 Der Anspruch Mundells war es Kriterien für die optimale Größe eines Integrationsraumes, also eines Währungsraumes, zu ermitteln.5 Kosten und Nutzen einer gemeinsamen Währung werden mittels dieser Theorie erstmalig analysiert.6

Diese Analyse sollte noch in derselben Dekade um zwei weitere Aspekte ergänzt werden. Ronald I. McKinnon beschäftigte sich in seinem bedeutenden Werk „Optimum Currency Areas“7, aus dem Jahre 1963, mit dem Zusammenhang zwischen dem Offenheitsgrad einer Volkswirtschaft und dem Nutzen einer Währungsunion.8 Den letzten wesentlichen Beitrag zu der Theorie der optimalen Währungsräume leistete Paul B. Kenen im Jahr 1969 mit „The Theory of Optimum Currency Areas: An Electric View“.9 Kenen beschrieb die Relation zwischen der Produktdiversifikation und der Optimalität eines Währungsraumes.

3 Mundells Begründung der Theorie der optimalen Währungsräume

3.1 Der asymmetrische Schock

Mundell beschäftigte sich im Rahmen seiner Abhandlung mit den Auswirkungen eines exogenen, asymmetrischen Schocks auf zwei benachbarte Länder. 10 Sein Ziel war es, Anpassungsmechanismen zu begründen, die bei der Aufgabe einer eigenständigen Geld- und Währungspolitik, greifen können.

Im Nachfolgenden wollen wir solch einen asymmetrischen Schock (Nachfrageschock) simulieren und die Auswirkungen für Polen veranschaulichen. Die Gestaltung der Rahmenbedingungen basiert nicht auf tatsächlichen Fakten und dient lediglich der Illustration.

Der Pralinenmarkt in Deutschland und Polen boomt. Es werden jeweils polnische und deutsche Pralinen exportiert bzw. importiert. Der Trend in jüngster Vergangenheit geht jedoch dahingegen, dass die Nachfrage innerhalb der beiden Länder sich verstärkt auf die in Deutschland produzierten Pralinen konzentriert. Eine mögliche Begründung ist die Entdeckung deutscher Konditorkunst zu konkurrenzfähigen Preisen in Polen, bzw. die Wiederentdeckung in Deutschland. Dieser Trend führt zu einem asymmetrischen Schock, dessen Effekte in Abb. 1 modelltheoretisch dargestellt werden. In der Ausgangsituation, die den Punkten 1 in den Grafiken entspricht, herrscht ein Gütermarktgleichgewicht in beiden Ländern.11 Der Preis PP1 bzw. PD1 für Pralinen in den jeweiligen Ländern ergibt sich aus dem Schnittpunkt der aggregierten Nachfragekurve NP1 (für Polen) bzw. ND1 (für Deutschland) mit der aggregierten Angebotskurve AP bzw. AD.12

Abbildung 1: Aggregierte Nachfrage/ Angebot von Pralinen in Deutschland und Polen

Quelle: in Anlehnung an EU-Parlament (06.06.2011); De Grauwe (2007), S.6

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Zu diesem Preis wird in Polen die Menge QP1 an Pralinen (analog QD1 in Deutschland) umgesetzt. Die positive Steigung der Angebotskurve spiegelt die Tatsache wider, dass bei einem höheren Preis das Angebot der Produzenten steigt, da diese von der Preiserhöhung profitieren wollen. Dem entgegen steht die negative Steigung der Nachfragekurve, die die abnehmende Nachfrage der Konsumenten an Pralinen bei einer Preiserhöhung ausdrückt.13

Durch den vom Trend induzierten Schock verschieben sich die Nachfragekurven NP1 bzw. ND1 der beiden Länder zu NP2 bzw. ND2.14 Während die Nachfrage in Polen von QP1 auf QP2 sinkt, steigt sie in Deutschland von QD1 auf QD2 an. Es werden in Polen mehr deutsche Pralinen importiert und weniger polnische Pralinen nach Deutschland exportiert. Die neuen Gütermarktgleichgewichte der beiden Länder werden durch die Punkte 2 repräsentiert. In Folge des Nachfragerückgangs müssen polnische Pralinenproduzenten mit einem Produktionsrückgang (QP1 à QP2) reagieren, sowie ihre Waren unterhalb des vormaligen Gleichgewichtspreises (PP1 à PP2) verkaufen. 15 Dieser Vorgang führt zwangsläufig zu einer Steigerung der Arbeitslosigkeit und zu einer Senkung des polnischen Volkseinkommens.16 Polen befindet sich im Abschwung und besitzt, durch den gesunkenen Pralinenexport und den gestiegenen Pralinenimport, ein Außenhandelsdefizit.17

Die Asymmetrie dieses Schocks wird erst durch die Betrachtung der simultanen Vorgänge in Deutschland erkenntlich. Durch den Nachfrageüberhang wird die deutsche Pralinenproduktion ausgeweitet, die Arbeitslosigkeit sinkt und das Volkseinkommen steigt. Pralinen werden über dem ursprünglichen Gleichgewichtspreis verkauft (PD1 à PD2). Deutschland erlebt einen Aufschwung, der sich in der Leistungsbilanz durch einen Überschuss niederschlägt. Allerdings steht auch Deutschland vor einem Anpassungsproblem: Die, durch den Nachfrageüberschuss angestiegenen Preise führen zu inflationärem Druck.18 Dieser Druck würde potenziert, falls noch andere Güter, wie z.B. Autos, neben den Pralinen betroffen wären.

3.2 Eigenständige Geld- und Währungspolitik als Anpassungsmechanismus

Eine eigenständige Geld- und Währungspolitik vermag nicht die Ursachen, in unserem Beispiel der Trend, von asymmetrischen Schocks abzuwenden, allerdings die Auswirkungen.

Nehmen wir an, dass Polen autonome Verfügungsgewalt über währungs- und geldpolitische Maßnahmen beibehält, dann kann es diese als Anpassungsmechanismen verwenden. In einem ersten Szenario kann Polen, als Reaktion auf den Schock, den Zloty gegenüber dem Euro nominell abwerten. Auf Grund des neuen Wechselkurses sind polnische Pralinen für deutsche Konsumenten billiger, denn diese bekommen nun mehr Zloty für ihren Euro, und analog deutsche Pralinen für polnische Konsumenten teurer. Die Wettbewerbsfähigkeit der polnischen Praline verbessert sich und die Nachfragekurven in Polen und Deutschland bewegen sich in Richtung der Ausgangsnachfragekurven NP1 bzw. ND1.19

In einem zweiten Szenario kann Polen, im Rahmen eines Systems flexibler Wechselkurse, den Zinssatz senken. Nehmen wir an, dass der Zinssatz in Deutschland nun höher als in Polen ist, so fragen polnische Anleger vermehrt den Euro nach, um in Deutschland anzulegen. Diese vermehrte Nachfrage nach dem Euro bzw. die verminderte Nachfrage nach dem Zloty führt zu einer realen Abwertung des Zloty gegenüber dem Euro. Der Effekt ist der gleiche wie im ersten Szenario und wirkt sowohl dem Problem der Arbeitslosigkeit in Polen, sowie dem inflationären Druck in Deutschland entgegen.20

Ebenso modelltheoretisch wie unsere Simulation des „Pralinenschocks“ sind auch die Wirkungsweisen einer unabhängigen Währungs- und Geldpolitik, dennoch geben sie Aufschluss über ein erstes, begründetes Urteil: Die Einführung des Euro und die damit verbundene Aufgabe einer eigenständigen Geld- und Währungspolitik ist für Polen nachteilig, da es ein wirkungsvolles Instrument zur Abwendung der Auswirkungen von asymmetrischen Schocks verliert.

3.3 Alternative Anpassungsmechanismen

3.3.1 Mobilität der Arbeitskräfte

Der zuvor erarbeitete Nachteil eines Beitritt Polens in den Euroraum soll in den nachfolgenden Abschnitten relativiert werden. Die Frage ist also, gibt es alternative Anpassungsmechanismen, die die Auswirkungen von asymmetrischen Schocks bekämpfen.

Mundells Theorie des optimalen Währungsraums stellt in diesem Sinne die Mobilität der Arbeitskräfte vor, die unter bestimmten Bedingungen, das ursprüngliche Gleichgewicht zwischen zwei Ländern teilweise wieder herstellen kann.21

Angenommen die polnischen Konditoren, die auf Grund des Produktionsrückgangs in Polen entlassen werden mussten, finden Arbeit in deutschen Konditoreien. Dieser Vorgang hat mehrere Effekte für die beteiligten Länder: Die Arbeitslosenanzahl in Polen sinkt durch das Abwandern der entlassenen Konditoren. Zwar stimulieren diese, durch ihre Auslandseinkünfte in Deutschland, auch die Inlandsnachfrage in Polen, aber nichtsdestotrotz muss Polen in puncto Produktionsniveau und Inlandsprodukt einbüßen. 22 In Deutschland hingegen kann die überschüssige Nachfrage nach Arbeit durch die immigrierten Konditoren gedeckt werden. Man muss dementsprechend nicht die Löhne, als Anreiz zur Bewältigung des Nachfrageüberhangs nach Konditoren, erhöhen. 23 Die Vermeidung einer Lohnerhöhung spielt dem Entgegenwirken von inflationärem Druck zu, da andernfalls mehr verfügbares Einkommen, also mehr Geld bei konstanter Gütermenge (Geldentwertung, Inflation), im Umlauf wäre. Mundell führt die Anpassung über Löhne nichtsdestotrotz als weiteren Mechanismus, der den Nachteil der Aufgabe einer eigenständigen Geld- und Währungspolitik relativieren kann, an.

3.3.2 Lohnflexibilität

Sind die Löhne der Konditoren in unserem Beispiel in Polen und Deutschland flexibel genug, so kann zumindest das Problem der Arbeitslosigkeit bzw. das der ungedeckten Arbeitsnachfrage bewältigt werden (Mobilität der Arbeitskräfte wird hier nicht unterstellt).

Die polnischen Löhne werden gesenkt, sodass sich die aggregierte Angebotskurve AP in Abb. 1 nach rechts verschiebt. Diese Angebotskurve gilt nämlich nur für einen bestimmten Nominallohnsatz und wenn dieser gesenkt wird, dann sinken auch die Lohnstückkosten – es können mehr Pralinen zu einem niedrigeren Preis verkauft werden. 24 Die Zahl der Arbeitslosen sinkt ebenfalls, da mehr Konditoren bei gleichen kumulierten Lohnzahlungen beschäftigt sind. Im bilateralen Kontext verbessert sich die Wettbewerbsfähigkeit der polnischen Praline, auf Grund der gesunkenen Kosten der Produktion, gegenüber der deutschen. Die Nachfrage nach polnischen Pralinen wird also ebenso stimuliert.25

Die gleichzeitige Erhöhung der Konditorenlöhne in Deutschland, bedingt durch die ungedeckte Arbeitsnachfrage, wirkt gegenteilig und verschiebt die Angebotskurve AD in Abb. 1 nach links.26

3.4 Kritiken an den alternativen Anpassungsmechanismen

Während flexible Löhne den inflationären Druck in Deutschland beflügeln, ist Polen durch eine Deflation geplagt. Die Lohnflexibilität als Anpassungsmechanismus vermag also die Vollbeschäftigung in den beiden Ländern wiederherzustellen, allerdings auf Kosten in- und deflationärer Tendenzen.27

Auch die Mobilität der Arbeitskräfte als alternativer Anpassungsmechanismus ist nur bedingt geeignet. Neben Polens Einbuße in puncto Produktionsniveau und Inlandsprodukt, ist eine Anpassung mittels dieser Arbeitskräftebewegung nur mittel- bis langfristig möglich. 28 Die Suche nach Unterkunft, Arbeitsplatz und vor allem die Sprach- und Bürokratiehürden bzgl. des Aufenthalts und des Arbeitsmarktes sind zumeist nicht nur sehr zeitintensiv, sondern auch kostspielig. Für unser Beispiel stellt sich die Frage wie hoch die Mobilität der polnischen Arbeitskräfte ist und ob diese reichen würde, um einen asymmetrischen Schock abzudämpfen. Diese Größe ist jedoch schwer quantifizierbar und branchenabhängig. Die Mobilität von polnischen Konditoren zu ermitteln wird uns nicht gelingen, allerdings lassen sich Tendenzen erarbeiten, die Rückschlüsse über die Mobilität polnischer Arbeitskräfte im Allgemeinen zulassen. Eine Studie von PricewaterhouseCoopers aus dem Jahr 2002, bei der 10000 Arbeitnehmer aus den EU8-Staaten, sowie Ungarn und Polen befragt wurden, ermittelte, dass die Bereitschaft polnischer Beschäftigter im Ausland zu arbeiten sehr groß sei. 29 Diesen Trend bestätigt auch ein aktuellerer Bericht des Onlineportals „Eures“ aus dem Jahr 2007, also nach dem Beitritt Polens in die EU in 2004 und der einhergehenden, schrittweisen Öffnung des Arbeitsmarkts der EU. 30 Eine OECD-Studie aus dem Jahr 2011 kritisiert hingegen die mangelnde Mobilität von polnischen Arbeitskräften auf nationaler Ebene, die insbesondere weniger qualifizierte Arbeitnehmer betrifft. 31 Unter der Annahme, dass letzteres nicht nur im nationalen Kontext zutrifft, scheint der Trend dahinzugehen, dass die Mobilität polnischer Arbeitskräfte sich ausschließlich auf hochqualifizierte Arbeitnehmer konzentriert. Neben einem „brain drain“ – Effekt, bedeutet das, dass unser simulierter Schock unzureichend, bedingt durch die Immobilität der Konditoren, abgedämpft würde.32

Das Fazit dieser kritischen Auseinandersetzung mit den alternativen Anpassungsmechanismen ist also, dass wir den Nachteil nicht negieren jedoch relativieren können: Die Einführung des Euro und die damit verbundene Aufgabe einer eigenständigen Geld- und Währungspolitik ist für Polen dann nachteilig, wenn alternative Anpassungsmechanismen, wie z.B. die Mobilität der Arbeitskräfte, nicht ausreichen (bzw. unvertretbar sind), um die Auswirkungen eines asymmetrischen Schocks zu bekämpfen.

4 McKinnons Erweiterung der Theorie der optimalen Währungsräume

4.1 Der Offenheitsgrad im Allgemeinen

Dieser Kostenpunkt einer Währungsunion wird von McKinnon in seinem Werk „Optimum Currency Areas“ von 1963 untersucht. 33 Im Zuge seiner Analyse kam er zu dem Ergebnis, dass dieser Nachteil umso irrelevanter sei, desto höher der Offenheitsgrad zwischen den Ländern einer Währungsunion ist.

Der Offenheitsgrad der Wirtschaft eines Landes gibt Auskunft darüber, inwieweit diese durch Außenhandel mit der Weltwirtschaft verflochten ist.34 Ursprünglich wird er von McKinnon als das Verhältnis von „handelbaren“ zu „nicht handelbaren“ Gütern definiert. 35 Handelbare Produkte unterliegen dem Gesetz eines einheitlichen Preises auf dem Weltmarkt, wodurch eine Preisabkopplung unmöglich ist (bei einem genügend hohen Offenheitsgrad). 36 Der Praktikabilität wegen werden wir allerdings einen anderen Indikator für den Grad der Offenheit einer Volkswirtschaft verwenden, nämlich das Verhältnis des Wertes von Im- und Exporten zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) geteilt durch zwei (also den Mittelwert des „internationalen Handels“).37

McKinnon stützt seine Erkenntnis auf einer wesentlichen Argumentation: In einer „offenen“ Volkswirtschaft werden die Preise durch Weltmarktpreise und den Wechselkurs determiniert. Benutzt ein Land unter diesen Umständen den Wechselkurs als Anpassungsmechanismus bei asymmetrischen Schocks, so kommt es lediglich zu Preisschwankungen. Der Effekt der Steigerung (oder Reduzierung) eines Wettbewerbsvorteils (siehe 3.2) bleibt aus. Die Folge der Preisschwankungen ist De- oder Inflation. Eine Abwertung der Währung bspw. führt zu steigenden Preisen der Importgüter. Um einer Reallohnsenkung entgegenzuwirken, müssen die Nominallöhne erhöht werden. Das wiederum führt dazu, dass, auf Grund der gestiegenen Lohnstückkosten 38, ebenfalls die Preise der heimischen Produkte steigen (inflationäre Entwicklung).39

Die für unsere Arbeit relevanten Fragen sind also: Wie hoch ist der Offenheitsgrad Polens? Ist die Volkswirtschaft Polens offen genug, dass Wechselkursänderungen kein adäquates Mittel zur Bekämpfung der Auswirkungen von asymmetrischen Schocks darstellen? Kann damit der, durch die Aufgabe einer eigenständigen Geld- und Währungspolitik, entstandene Nachteil endgültig negiert werden?

4.2 Der Offenheitsgrad der polnischen Volkswirtschaft

Zwar ist diese Größe, im Gegensatz zur Mobilität der Arbeitskräfte, leicht zu bestimmen, allerdings gibt es ein Interpretationsproblem. Diesem Problem werden wir uns annehmen, nachdem wir den Offenheitsgrad für Polen für die Jahre 2003, 2007 und 2009 berechnet haben.

Der Wert der polnischen Exporte belief sich im Jahr 2003 auf ca. 73 Milliarden Dollar. Die polnischen Importe hatten im selben Jahr einen Wert von etwa 77 Milliarden Dollar. 40 Das BIP Polens 2003 betrug ca. 209,6 Milliarden Dollar.41

Der Exportanteil am BIP ergibt sich daher aus

$ 73 Mill. / $ 209,6 Mill. = 34,83%. (1)

Das Verhältnis des Wertes der Importe zum BIP beträgt

$ 77 Mill. / $ 209, 6 Mill. = 36,74%. (2)

Der Offenheitsgrad wird aus dem Mittelwert dieser beiden Anteile berechnet:

(34,83% + 36,74%) / 2 = 35,785%. (3)

Analog ergeben sich für die Jahre 2007 und 2009 die Offenheitsgrade von 42,25 und 38,95 Prozent (siehe Anhang 1). In der Literatur werden oftmals, anstelle des Mittelwertes, die Verhältnisse (vgl. (1) und (2)) addiert um den Offenheitsgrad zu bestimmen. Wir persönlich bevorzugen den Mittelwert auf Grund der Quellenlage. Es mangelt offensichtlich an einer einheitlichen Berechnung.

Wie sind diese Offenheitsgrade nun zu interpretieren?

[...]


1 Finanzen (22.06.11)

2 OECD (2011), S. 61-63

3 Handelsblatt (22.06.2011)

4 Mundell (1961)

5 Wagener et al. (2006), S. 532

6 Heise (1997), S. 85

7 McKinnon (1963)

8 Wagener et al. (2006), S. 532

9 Kenen (1969)

10 Mundell (1961), S. 657-665

11 Heise (1997), S.81

12 De Grauwe (2007), S.6

13 De Grauwe (2007), S. 6

14 EU-Parlament (06.06.2011)

15 Polnische Pralinen zu einem Preis, wie in der Ausgangslage, wären nicht mehr wettbewerbsfähig, da man, durch den Trend, bei diesen Preisen eher zu deutschen Pralinen greifen würde

16 Wagener et al. (2006), S.531

17 EU-Parlament (06.06.2011)

18 Wagener et al. (2006), S.531

19 Wagener et al. (2006), S.531

20 De Grauwe (2007), S.8-9

21 Mundell (1961), S. 657-665

22 Wagener et al. (2006), S.532

23 De Grauwe (2007): S.7

24 Wagener et al. (2006), S. 532

25 De Grauwe (2007), S.7

26 Wagener et al. (2006), S. 532

27 Wagener (2006), S. 532

28 De Grauwe (2007): S. 28

29 Innovationsreport (10.06.2011)

30 Eures (10.06.2011)

31 OECD (2011), S.97

32 Eures (10.06.2011)

33 McKinnon (1963), S. 717-724

34 De Grauwe, S. 56

35 Montgelli (2005), S. 163; Heise (1997), S. 85

36 Wagener: S.532-533

37 OECD (2011), S.29

38 Weitere Faktoren, die diesen Trend potenzieren können z.B. importierte Rohstoffe und Inputs sein, deren Preis durch die Entwicklung ebenfalls steigt

39 Knoppik (1997), S. 24

40 WTO (14.06.2011)

41 World Bank (14.06.2011)

Details

Seiten
37
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783668019645
ISBN (Buch)
9783668019652
Dateigröße
936 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v303544
Institution / Hochschule
Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder)
Note
1,7
Schlagworte
optimaler Währungsraum asymmetrischer Schock Mundell Offenheitsgrad McKinnon Produktdiversifizierung Kenan exogener Schock Arbeitskräftemobilität Lohnflexibilität Inflation Außenhandelsverflechtung Nachfrageschock Wirtschaftsintegration Krugmann Theorie optimaler Währungsräume

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