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Eine Übersicht über die Sprachperiodisierung des Deutschen

Ausarbeitung zur mündlichen Examensprüfung Altgermanistik

Zusammenfassung 2012 23 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Sprachperiodisierung des Deutschen

1. Sprachwandel und Periodisierung der deutschen Sprache

2. (Phonologischer Wandel)

3. Morphologischer Wandel
3.1. Flexionsmorphologischer Wandel
3.2. Wortbildungswandel

4. (Ablaut)
4.1. Ablaut in der Flexion starker Verben
4.2. Ablaut in der Wortbildung: Kausativderivation

5. (Umlaut)
5.1. Steigerungsumlaut bei Adjektiven
5.2. Umlaut in Wortbildung und Lexik

1. Sprachwandel und Periodisierung der deutschen Sprache

- Sprachwandel erstreckt sich über eine recht lange Zeit, so dass Sprecher kaum größere Veränderungen in der Sprache wahrnehmen
- Dennoch unterscheidet man sprachl. Perioden, deren Übergänge fließend sind u. letztendlich nur wissenschaftl. Konstrukte darstellen; Sprachperiodisierung versucht den Entwicklungsprozess der Sprache in einzelne, zeitlich fassbare Abschnitte zu gliedern
- Eine einheitliche Periodisierung des Deutschen gibt es nicht, da keine einheitliche Auffassung darüber besteht, welche Kriterien der Periodisierung zugrunde gelegt werden sollen
- So unterliegen verschiedene Sprachperiodisierungen auch verschiedenen Kriterien
- Die genutzten Kriterien lassen sich grob in 3 Gruppen zusammenfassen:

1) Sprachliche Kriterien: hier werden sprachl. Veränderungen in den Bereichen der Phonologie, Morphologie Syntax sowie bezüglich der Sprachverwendung betrachtet
2) Außersprachliche Kriterien wie historische, sozialgeschichtliche, ökonomische u. kulturelle Faktoren werden herangezogen
3) Soziolinguistische Kriterien: dazu gehören u.a. die Varietäten u. ihr Verhältnis zueinander o. auch die Rolle fremder Sprachen u. ihr Einfluss auf das Deutsche

- Die Beschränkung auf ausschließlich ein Kriterium zur Periodisierung ist zwar leicht handhabbar, aber das führt notwendigerweise zu einer einseitigen Betrachtung
- Ein Versuch der Sprachperiodisierung ist zwangsläufig mit Problemen verbunden
- Prinzipiell liegen Probleme in der zeitlich differenzierten Durchsetzung sprachlicher Wandlungen, im unterschiedlichen Verhältnis von gesprochener u. geschriebener Sprache, in den Beziehungen zw. den Varietäten einer Periode sowie im ungleichen Anteil versch. Sprachlandschaften an der Entwicklung überregional gültiger Sprachnormen; so werden oft in der Sprachperiodisierung das Hochdeutsche und Niederdeutsche getrennt betrachtet, da sie verschiedene Sprachentwicklungen durchmachten (Grenze zw. Hochdeutsch u. Niederdeutsch stellt die so genannte Benrather-Linie dar: hochdeutschen Dialekte liegen im Zentrum u. v.a. im südlichen Gebiet -> etwa von Köln bis Oberitalien; die niederdeutschen Dialekte nördlich davon; überregionale Standardsprache bildet sich erst langsam ab ca. 1350 heraus)
- Für eine Sprachperiodisierung ist es jedoch unumgänglich innersprachliche Kriterien, d.h. v.a. dominante Tendenzen des Sprachwandels, heranzuziehen, denn dann hat man wichtige Kriterien zur Abgrenzung; sprachexterne Kriterien sind dagegen weniger relevant, wenn sie nicht direkt Einfluss auf die Sprache hatten (so stellt sich bspw. die Frage, weshalb das Ende des 30-jährigen Krieges eine sprachgeschichtl. Grenze markieren soll)
- Zudem mehren sich die Schwierigkeiten bei der Gliederung der Vorgeschichte des Deutschen, da für diese Zeiträume kaum schriftl. Belege vorliegen
- Bei der Sprachperiodisierung muss sich auf eine Auswahl wesentlicher v.a. innersprachl. Aspekte beschränkt werden u. die Periodisierung letztendlich als abstrahierende Abbildung tatsächlicher Sprachentwicklungen zu begreifen ist
- i. Allg. teilt man die Sprachentwicklung in 4 Zeitabschnitte ein (nach Schierer; auch bei Nübling):

Althochdeutsch von den Anfängen bis 1050

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2. Lautwandelprozesse

2.1. Zweite/ ahd. Lautverschiebung

- Für die Sprachgeschichte des Deutschen grundlegender Lautwandelprozess, dadurch kam es zur Ausgliederung des (Hoch- )Deutschen aus dem germ. Sprachverbund
- Es handelt sich um einen zw. dem Germ. und dem Deutschen liegenden Lautwandelprozess (vollzog sich im Ahd.)
- Lautwandel ergriff insbesondere die stimmlosen Plosive [p], [t], [k]

➨ Aus den germ. stl. Plosiven wurden zum Ahd. hin entweder stl. Frikative oder Affrikate

➨ Veränderungen sind lautlich genau geregelt:

1) stand der Laut im Germ. nach Vokal oder im Auslaut so wurde der Plosiv zu Doppelspirans (ff, zz, hh = ch)

Ape -> affe

Water -> wazzer

Maken -> machen

Ik -> ich

Dat -> das

Dorp -> dorf

2) p, t, k, im Anlaut bzw. nach Konsonant so wurde aus Verschlusslaut ein Reibelaut (pf, tz, kch)

punt -> pfunt

tîd -> zît

plegen -> pflegen tunga -> zunga

- durch 2. Lautverschiebung grenzt sich das Hochdeutsche vom Niederdeutschen ab sowie von den übrigen aus den germanischen Sprachen hervorgegangenen Einzelidiomen wie Niederländisch. Englisch, Dänisch, Schwedisch ab

2.2. Abschwächung der vollen Nebenvokalsilbe, Durchführung des Sekundärumlauts

- Epochenabgrenzendes Kriterium zw. Ahd. u. Mhd. stellt die Abschwächung der vollen Nebenvokalsilbe dar
- Das Ahd. kennt in der unbetonten Nebensilbe (der Vor- u. auch Nachsilbe) noch volle Vokale

➨ Z.B.: TAGA (Nom. Pl.) gegenüber mhd. TAGE; GIGRABAN (PART. II) gegenüber mhd. GEGRABEN; ER SALBôT (3. Sg. Ind.Präs.) gegenüber mhd. ER SALBET

➨ Vom Mhd. zum Nhd. hin kann der unbetonte Nebensilbenvokal im Auslaut sowie interkonsonantisch ausfallen

➨ Beim Ausfall im absoluten Auslaut handelt es sich um eine APOKOPE; z.B. wird der mhd. zweisilbige rtikel ͣdeme“ (Dat. Sg.) zum nh. Einsilbigen ͣdem“

➨ Beim interkonsonantischen Ausfall handelt es sich um eine Synkope; z.B. mhd. ͣer lobet“ gegenüber nhd. ͣer lobt“ oder ͣbelîben“ gegenüber nhd. ͣbleiben“

- Weiteres Epochenkriterium des Mhd. ist die Durchführung des Sekundärumlauts:
- Das Mhd. kennt mehrere versch. `e`-Qualitäten; in der unbetonten Nebensilbe wird `e`stets als Schwa-Laut realisiert (z.B. wie in bitten); in der betonten Stammsilbe sind die Langvokale von den Kurzvokalen zu unterscheiden: bei den Langvokalen realisiert ê einen geschlossenen Vokal (z.B. sele-> Seele) u. æ einen offenen Vokal -> es handelt sich um den Umlaut von â z.B. in er gab: er gæbe wie im Nhd. Gäbe; bei den Kurzvokalen realisiert e einen geschlossenen (z.B. Komparativ lenger), ë einen offenen (z.B. sterben) und ä einen überoffenen Vokal (z.B. mähtic)

➨ Mhd. unterschiedenen Vokalqualitäten sind Ergebnis unterschiedl. historischer Lautprozesse

➨ Das mhd. ë ist der schon im Germ vorhandene Vokal; das mhd. e (geschlossene Vokal bei den Kurzvokalen) ist im Ahd. durch den PRIMÄRUMLAUT entstanden, das mhd. ä ist Ergebnis des SEKUNDÄRUMLAUTS

➨ PRIMÄRUMLAUT bezeichnet ein im frühen Ahd. vollzogener Lautwandel, bei dem der Vokal A der Stammsilbe aufgrund eines in der Nebensilbe stehenden I lautlich zu einem geschlossenen E ͣumgefärbt“ wurde: z.B. ahd. er varit (Inf. ist varan, nhd. fahren) wurde zu er verit verändert

➨ Aber: in einigen Fällen trat im Ahd. dieser Prozess nicht ein, da bestimmte Lautkombinationen den Lautwandel hemmten: z.B. ahd. er wahsit (Inf. ist wahsan, nhd. wachsen) bleibt im Ahd. unverändert

➨ Zum Mhd. hin tritt hier der SEKUNDÄRUMLAUT ein, der nun eine lautlich überoffene Qualität hat: z.B. er wähset

➨ Im Mhd. erscheint nun auch der Umlaut bei den anderen umlautfähigen Kurz- u. Langvokalen: æ von â, oe von ô, iu von û,övon o,üvon u -> man spricht hier vom Restumlaut

- Im Mhd. tritt Auslautverhärtung ein, so dass alle stimmhaften Konsonanten im Auslaut stimmlos werden (kint-kindes, lîp- lîbes, tac-tage)

➨ Ahd. kennt die Auslautverhärtung noch nicht: tag u. taga -> beide werden mit stimmhaften [g] realisiert Vom Mhd. zum Nhd. (oder besser: Frnhd.)

- Nhd./ Frnhd. Diphtongierung

➨ Mhd. Langvokale î,û, iu werden zu ei, au, eu diphtongiert: mîn niuwes hûs -> mein neues Haus

➨ Aber: nicht jeder entsprechende Diphtong des Nhd. entspricht einem Langvokal des Mhd.

➨ Das Mhd. kennt auch die Diphtonge ei (als e_i realisiert), ou, öu; bei diesen Diphtongen findet zum Nhd. hin ein Diphtongwandel statt -> ei (mhd. bein) wird zu [ai] nhd. Bein

- Nhd./ Frnhd. Monophtongierung

➨ Die mhd. Diphtonge ei, uo, üe werden zu den Langvokalen [i:] (oft ie geschrieben), [u:], [ü:] monophtongiert: des bruoders liebe unde güete -> des Bruders Liebe und Güte

- Wichtigste lautgeschichtliche Veränderung zw. dem Mhd. und Nhd. ist die Dehnung der mhd. kurzen Vokalen in offener Tonsilbe (Tonsilbe meint die betonte Stammsilbe; eine Silbe gilt als offen, wenn die Silbentrennung auf den Vokal folgt -> z.B. la-den, le-gen: eine geschlossene Silbe liegt vor, wenn auf den Silbenkern noch ein Konsonant folgt -> z.B. dan-ken, sen-ken)

➨ Aber der Prozess der Dehnung unterbleibt fast immer vor t (gate), häufig vor m (komen), ofters vor er (wider)

➨ Durch diesen Prozess wird erreicht, dass die nhd. Silbe keine offene kurze Tonsilbe mehr kennt; in den Fällen, in denen die Dehnung unterbleibt, wird die Silbengrenze in den folgenden Konsonanten verlegt -> in der Schreibung meist durch Doppelkonsonanten deutlich (gate -> Gatte)

- Zudem werden Vokale in bestimmter konsonantischer Umgebung mit stärkerer Rundung gesprochen: Mhd. [e] wird zu nhd. [ö] (helle -> Hölle); mhd. [ie] zu nhd. [ü] (liegen -> lügen)
- Mhd. [u] und [ü] werden vor Nasal zu [o] und [ö] gesenkt (sunne -> Sonne; künec -> König) Entstehung der Fugenelemente
- Wurden durch wortsprachliche Entwicklungen gefördert
- Sie treten im Nhd. v.a. in Komposita zw. lexikalischen Morphemen auf (Kind-er-garten, Freund-es-kreis, Dame-n-tasche, Frau- en-roman, Bad-e-mantel, Herz-ens-freude)
- Ihre Entstehung wird auf den sich im Frnhd. vollziehenden syntaktischen Wandel zurückgeführt, in dem sich u.a. die Veränderung der Position des Genitivattributs von pränominal zu postnominal vollzieht
- Erweiterte u. einfache Genitivattribute werden immer häufiger dem Bezugsnomen nachgestellt u. die festen NP werden als Komposita reanalysiert
- Z.B zuvor sagte man ͣder Nasen Bein“ -> Ausgangspunkt ist eine NP, in der BEIN den Phrasenkopf und DER NASEN ein
Genitivattribut bilden; nach der Reanalyse wird NASEN als Teil des Nomens NASENBEIN verstanden; die Endung -n in Nasen büßt dabei ihre gramm. Fkt. ein u. wird zu einem bloßen Fugenelement zw. den beiden lexikalischen Morphemen NASE und BEIN; der Artikel DER bezieht sich in der Ausgangsstruktur auf das im Gen. stehende Nomen NASE (fnhd. der Nasen, nhd. der Nase); in der reanalysierten Strukur wird der Artikel an das Bestimmungswort BEIN angepasst
- Die nhd. Fugenelemente sind nicht nur in Komposita fixierte ehemalige Flexionselemente, sondern sie entwickeln auch eigene Produktivität, indem sie auch in neu gebildeten Komposita auftreten

➨ Dabei hat sich die unparadigmatische s-Fuge entwickelt, d.h. eine synchron unerwartbare Fuge; nur Maskulina u. Neutra haben ein Genitiv -s, Feminina nicht, doch in Komposita weisen einfache u. derivierte feminine Erstglieder oft eine unparadigmatische s-Fuge auf (Abfahrtszeit, Universitätsgebäude, anpassungsfähig)

➨ Auch n-Fuge (wie in Nasenbein) kann unparadigmatisch auftreten; aber sie tritt nur dort auf, wo es historisch ein Geniitivflexiv -n gab (ist nicht produktiv): Hahnenfuß, Nasenbein

3. Morphologischer Wandel

- für die Sprachperiodisierung des Deutschen spielt u.a. der morphologische Wandel hinsichtlich der Flexion u. der Wortbildung eine Rolle
- Morphologie beschäftigt sich mit den Strukturen innerhalb von Wörtern und umfasst die kleinstmöglichen Strukturen mit eigener Bedeutung (Morpheme); Morpheme werden nach 2 Parametern klassifiziert: 1) frei vs. gebunden, 2) lexikalische vs. grammatische Bedeutung; Morphologie hat 2 Teilgebiete: Flexion (betrachtet den inneren Aufbau von Wörtern) u. Wortbildung (geht um die Möglichkeiten, wie aus bereits vorhandenen Wörtern bzw. aus vorhandenem Wortmaterial neue Wörter gebildet werden können)

Analogie = Mechanismus morphologischen Wandels

- Meint Veränderungen von Wörtern/ Wortformen nach dem Muster anderer Wörter/ Wortformen
- Dabei besteht zw. der Vorlage u. der veränderten Einheit immer eine inhaltl. o. formale Ähnlichkeit, an die angeknüpft wird: z.B. Präs.: er singt - er schwingt -> Prät.: er sang - er schwang; aber das geht bei den unregelmäßigen Verben meist nicht auf: Präs.: er denkt, er lenkt -> Prät. er dachte - er *lachte oder er singt -er bringt -> er sang/ er brachte
- Aus der phonologischen Ähnlichkeit des Musters singt mit bringt wird geschlossen, dass beide auch im Prät. Gleich konjugiert werden; doch sind irreguläre Verben u. daher funktioniert ihre Formbildung nicht nach klaren Regeln, sondern ist lexikalisiert
- In solchen Fällen ist das Muster nicht produktiv (d.h. in der Flexion, dass ein Muster für die Flexion neuer Wörter genutzt wird u. schon vorhandene Wörter, die ihre Flexion wechseln, zu diesem Muster übergehen)

➨ Produktive Muster gelten bei den schwachen Verben

- Analogien sind um so wahrscheinlicher u. häufiger, je produktiver das Muster der Vorlage u. je höher dessen Typenfrequenz ist (d.h. je größer die Anzahl der Wörter, die bereits dem Muster angehören) u. deshalb sind die Konjugationsformen der schwachen Verben als Analogievorlage sehr geeignet (z.B. backen; ursprünglich unregelmäßiges Verb: ich backe -ich buk; mittlerweile auch ich backte akzeptiert oder auch starke Verb ͣbellen“: mhd. bellen-ball-bullen-gebollen; heute: bellen-bellte-gebellt
- Starke Verben sind nicht so irregulär wie bspw. das Verb ͣdenken“; ihre Bildungsweise ist einfacher u. hat höhere Typenfrequenz
- Aber starke Verben sind unregelmäßiger als schwache, denn sie arbeiten mit Vokalwechsel statt nur mit Suffigierung u. sind nicht mehr produktiv -> ihre Formen sind lexikalisiert; geht Zugang zu diesen Formen verloren, dann wird auf das produktive schwache Muster zugegriffen
- Analogie ist auch dafür verantwortlich, dass zusammengehörige Flexionsformen, die sich durch phonologischen Wandel zu stark auseinander entwickelt haben, wieder zusammengerückt werden

➨ Alle Formen eines Wortes bilden zusammen ein Flexionsparadigma (Mutter, Mütter, Müttern, verben und deren Konjugationsformen, etc.); im Paradigma haben die Formen einen starken Zusammenhalt untereinander, sind sich formal ähnlich; werden sie durch phonologischen Wandel unähnlicher, dann wird häufig der formale Zusammenhalt durch ANALOGISCHEN AUSGLEICH im Paradigma wieder hergestellt -> sind Vereinheitlichungen innerhalb von Flexionsparadigmen

➨ Analogischer Ausgleich wirkte z.B. bei der analogischen Dehnung von Formen mit geschlossener Silbe, wenn in den anderen Formen der Stamm eine offene Silbe hatte u. deshalb lautgesetzlich gedehnt wurde:

z.B. mhd. [stap] - des [sta:bes], dem [sta:be] -> nhd. St[a:]b, des St[a:]bes etc.

➨ Bei durch WB verwandten Wörtern, deren Zusammenhalt weniger stark ist, tritt dagegen kaum analogischer Ausgleich ein: so wurden bspw. die Flexionsformen von HEBEN einander angeglichen (mhd. heven - huop > nhd. heben -hob), das ist aber auf Wortbildungsebene nicht passiert -> Der Pilz, der den Teig anhebt, heisst weiterhin Hefe u. nicht *Hebe

➨ Unterschied zw. WB u. Flexion gilt auch auf orthographischer Ebene: z.B. alt-älter, aber Eltern

- Analogie muss aber nicht immer regularisierend wirken -> Verb haben = BEISPIEL FÜR ENTSTEHUNG FLEXIVISCHER IRREGULARITÄT

Flexionskategorien und ihre Hierarchisierung

➨ Analogiekonzept beschreibt plausibel, wie flexionsmorphologischer Wandel vonstattengehen kann

➨ Problem: allein erlaubt es aber weder Vorhersagen darüber, in welche Richtung analogischer Ausgleich erfolgt, noch kann es im Nachhinein erklären, warum gerade dieser Weg eingeschlagen wurde (allein Produktivität u. Typenfrequenz erklären es nicht, sie steuern nur zur best. Richtung bei)

➨ Die Maßstäbe Flexionskategorien u. ihre Hierarchisierung tragen dazu bei, die Richtung von Wandel zu erklären

- Flexionskategorie: gramm. Inhalte, die direkt am Wort über dessen Flexion ausgedrückt werden -> ͣZwangsinformationen“, da sie obligatorisch bei jeder Benutzung des Wortes mit realisiert werden müssen -> das lohnt sich nur für solche Inhalte, die wichtig u. dabei so allgemeingültig sind, dass sie für fast alle Wörter einer Wortart gelten, wie es bspw. bei der Numerus-Information am Substantiv der Fall ist; Gegenbeispiel: Diminution ist eine konkretere Information, da bestehen Blockaden, denn nicht an jedes Subst. kann Diminutivform angefügt werden: *Rieschen, *Bruttosozialprodüktchen
- Jede Wortart hat ihre eigenen Flexionskategorien (Subst.: Numerus, Kasus, Genus; V: Tempus, Modus, Numerus/ Person)
- Diachron kann sich Anzahl der Flexionskategorien verändern (neue Flexionskategorien können entstehen o. alte abgebaut werden: z.B. in allen germ. Sprachen wurde innerhalb der Kategorie Numerus der DUAL abgebaut
- Auf- und Abbau von Kategorien geschieht nicht willkürlich: einerseits eignen sich nicht alle Infos als Kategorie (nur solche, die allgemeingültig sind), andererseits gibt es innerhalb einer Sprache
Hierarchien zw. den Kategorien -> z.B. es ist wahrscheinlicher, dass am V der Tempus markiert wird, als Numerus o. Person/ es ist wahrscheinlicher bei einer Sprache, die alle 3 Kategorien hat, eher Person u. Numerus als Tempus aufgibt
- Hierarchien werden auf das RELEVANZPRINZIP zurück geführt
- Relevanz bezieht sich auf den semantischen Einfluss, den eine Kategorie auf ihre Basis hat (z.B. Numerus/ Kasus auf das Subst.)

➨ Modifiziert die Semantik der Kategorie das Konzept, das der Basis zugrunde liegt, stark -> dann ist diese Kategorie sehr relevant für die Basis; so modifiziert Numerus das Subst. stark, denn das Konzept wird vervielfacht; Kasus dagegen modifiziert lediglich die Rolle des Konzepts in der Handlung, lässt aber das Konzept an sich intakt -> Kasus weniger relevant als Numerus Bsp.: DER HUND jagt DIE KATZE. DIE KATZE jagt DEN HUND. DIE KATZEN jagen DEN HUND. -> ob gejagt oder nicht gejagt - Katze bleibt Katze; ob aber eine oder mehrere Katzen den Hund jagen, macht einen Unterschied im Konzept des Subst.

- Zum Genus: hat anderen Status -> das ist im Lexikoneintrag festgelegt; es kann nicht wie andere Kategorien wechseln u. daher kann es die Basis auch nicht modifizieren
- Relevanzhierarchie beim V: Kategorie Tempus ist am relevantesten, denn sie versetzt die Handlung in eine andere Zeitstufe; darauf folgt der Modus (Indikativ, Konjunktiv, Imperativ), denn sie modifiziert den Realitätsgrad des Aussagegehalts einer Äußerung, aber die darin eingebettete Handlung bleibt die selbe; Numerus u. Pers. Sind noch weniger relevant -> haben keinen Einfluss auf die Verbhandlung selbst, sondern beziehen sich nur auf die Handlungsbeteiligten, die sowieso an anderer Stelle im Satz genannt werden (als Pronomen od. Substantiv)
- Relevanzgrad einer Kategorie hat Einfluss auf ihre formale Realisierung -> je stärker eine Kategorie semantisch die Basis modifiziert, desto stärker verschmilzt auch ihre Ausdrucksseite mit der der Basis

➨ Je relevanter eine Kategorie ist, desto näher steht sie an der Basis u. desto eher verschmilzt sie mit dieser

➨ Je relevanter eine Kategorie ist, um so wahrscheinlicher ist es, dass ihr Ausdruck direkt am o. gar im Stamm erfolgt

➨ Beispiele: wie bei Numerus STAB - STÄB-E; LAMM - LÄMM-ER; MUTTER - MÜTTER

➨ Für Kasus wird dagegen im Nhd. nie Stammmodulation genutzt (diachron: Kasusnivellierung u. Numerusprofilierung)

➨ Umkehrschluss bei geringer Relevanz: betreffende Kategorie steht am äußeren Rand des Wortes; z.B. bei leb-te-n steht das Tempussuffix näher am Verbstamm als das weniger relevante Person- Numerus-Suffix -n; bei den Kinder-n, den Lämm-er-n steht Numerus näher am Stamm als Kasus

➨ Je geringer der Relevanzgrad, desto wahrscheinlicher, dass eine Info nicht auf Wortebene ausgedrückt, sondern auf syntaktischer Ebene ausgelagert wird: z.B.: wir vs. sie gehen -> PersonNumerus-Info wird nur über die Personalpronomen vermittelt

➨ Relavanzhierarchien der Kategorien erlauben Prognosen, wohin morphologischer Wandel tendieren wird/ kann

- Neben Flexionskategorien als Teilgruppe der gramm. Kategorien gibt es auch Infos, die syntaktisch markiert sind (Definitheit beim Substantiv durch Artikel, Diathese beim V); für Flexionskategorien Numerus, Kasus, Tempus, Modus u. Pers. Wird in Kombi mit flexivischen auch syntaktischer Ausdruck genutzt (Artikel trägt zur Numerus- u. Kasusanzeige bei: der Floh-die Flöhe-den Flöhen; kombinatorisch organisierte Periphrasen dienen zur Tempus- u. Modusanzeige beim Verb: wird fangen (Fut.)-wird gefangen (Pass.)-würde fangen (Konj.-wird gefangen worden sein (Fut. II))
- Morphologischer Wandel sollte immer ein ikonisches Verhälnis zw. semantischer u. formaler Abgeleitetheit herstellen (sog. Konstruktioneller Ikonismus); d.h.: was semantisch komplexer ist (z.B. Pl. gegenüber Sg.) sollte auch formal komplexer sein, also zum inhaltlichen sollte auch formal ein Mehr hinzutreten

➨ Wird bspw. bei Plural von Tag erfüllt -> wird ein -e angehängt (das Mehr); doch der mhd. Null-Plural Sg. Wort- Pl. wort verstößt dagegen -> hier lautet Prognose: dass eine formale Pluralmarkierung entsteht, wenn morphologischer Wandel stattfindet

Verhältnis von Form und Funktion

- Homonymie: Verstoß gegen Transparenz (eine Form hat eine Funktion: -st steht für 2.Pers. Sg.) -> eine Form hat mehrere Funktionen
- z.B. -er: Flexiv zur Pluralmarkierung, Markierung des Komparativs (ält-er), Kasusmarkierung (Dat. Sg. Fem.: ein-er Dame wurde die Handtasche geklaut), in WB dient es zur Ableitung von nomina agentis (schreien -> Schrei-er)
- Synkretismus (besonderer Fall der Homonymie): liegt systematische Homonymie in Flexion vor, die in allen Flexionsparadigmen einer Wortart durchgehend gilt

➨ Z.B. Suffix -en in der Verbkonjugation, dass für Inf., 1. u. 3.Pers.Pl steht

➨ Synkretismen sind bei den Flexiven im Dt. seit der mhd. Vokalreduktion in unbetonten Silben häufig; wurden aber auch durch analogischen Ausgleich verstärkt: bis ins frnhd. gab es einen Unterschied zw. wir schrei-en und sie schrei-ent -> das t muss analogisch beseitigt wurden sein, da es keinen lautgesetzlichen t-Schwund gab

- Allomorphie: Verstoß gegen Uniformität (eine Funktion hat auch nur eine Form) -> eine Funktion hat mehrere Formen
- Z.B. substantivische Pluralbildung; für Fkt. Plural gibt’s im Deutschen 7 llomorphe:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

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