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Anwendung der kognitiven Hermeneutik auf "Nussknacker und Mausekönig" von E.T.A. Hoffmann

Hausarbeit 2011 21 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. EINLEITUNG
1.1 Einleitung

II. E.T.A. HOFFMANNS „NUSSKNACKER UND MAUSEKÖNIG“
2.1 Darstellung des Textweltgeschehens
2.2 Traum- und Wirklichkeitsebenen der Erzählung
2.3 Pate Droßelmeier als Transmitter zur imaginären Welt
2.4 Die Erzählweise Hoffmanns

III. Interpretation im Zuge der kognitiven Hermeneutik
3.1 Das Textkonzept
3.2 Das Literaturprogramm
3.3 Das Überzeugungssystem

IV. Fazit

Literaturverzeichnis

1.1 Einleitung

E.T.A. Hoffmanns 1816 erstmalig im ersten Band der Kindermärchen von K.W. Contessa, F.Baron de La Motte Foque und E.T.A. Hoffmann erschienene und 1819 von den Serapions Brüdern im ersten Band aufgenommene Erzählung „Der Nussknacker und der Mausekönig“ gehört zu den Klassikern der Kinderbuchliteratur und bietet diverse Möglichkeiten zur Analyse und Diskussion.

Diese Hauarbeit legt ihren Fokus auf die Analyse dieses Werkes und soll mit Hilfe der von Prof. Dr. Peter Tepe an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf entwickelten „kognitiven Hermeneutik“ eine am Textbestand nah anliegende und literaturtheoretische Interpretation erstellen. Dies geschieht in zwei Schritten; zunächst erfolgt die sogenannte Basis-Analyse. Hierbei wird ausschließlich auf den Primärtext als solchen eingegangen und Handlungsabläufe, sowie zentrale Themen und Motive der Erzählung herausgearbeitet. So werde ich dementsprechend in Kapitel 2.1 zum einen auf den Textwelt-Sinn eingehen und diesen beschreiben um im Weiteren die von mir ausgewählten und für die Interpretation relevanten Elemente näher zu betrachten und darzustellen. Außerdem arbeite ich in 2.2 die Ebenen des Textweltgeschehens heraus, um die übernatürlichen und mystischen Komponenten der Erzählung aufzuzeigen. Anschließend findet der Übergang zur Basis-Interpretation statt in der die dargestellte Textwelt näher erläutert wird. Diese Interpretation bedient sich der Theorie von den drei textprägenden Instanzen, die bei der Lösung des Erklärungsproblems des Werkes in der kognitiven Hermeneutik eine zentrale Rolle spielen. Unterschieden werden diese Instanzen nach dem Textkonzept, dem Literaturprogramm und schließlich dem Überzeugungssystem des Autors. Welche Leitfragen die soeben genannten Entitäten beinhalten und was die kognitive Hermeneutik darunter versteht, werde ich im Einzelnen in der entsprechenden Bearbeitung der Abschnitte erklären.

II. E.T.A. Hoffmanns „Nussknacker und Mausekönig“

Wie bereits in der Einleitung erwähnt, wird bei der Basisanalyse ausschließlich der vorliegende Primärtext untersucht, beschrieben und aufgenommen. Sie „knüpft zunächst an die Leseerfahrung mit dem jeweiligen Text an, um die dort bereits bemerkten Texteigentümlichkeiten [...] genauer zu bestimmen“1. Die erste Phase der Basis-Arbeit beschäftigt sich mit der Leitfrage: Wie ist der vorliegende Text beschaffen? Es geht hierbei also primär um eine Betrachtung des Textes ohne dass Rückschlüsse auf den Autor oder auf den soziohistorischen Kontext gezogen werden. Es gilt lediglich die „Besonderheiten [der Strukturierung des Textes] zu erfassen“2, da nur anhand einer genauen Textkenntnis später Rückschlüsse gezogen und sinnvolle Thesen aufgestellt werden können.

2.1 Darstellung des Textweltgeschehens

In der Erzählung vom „Nussknacker und Mausekönig“ geht es um die kleine Marie Stahlbaum, die von ihrem Onkel und Uhrmacher Droßelmeier einen hölzernen Nussknacker zu Weihnachten geschenkt bekommt, welcher in derselben Nacht zum Leben erwacht und Marie mit auf eine Reise voller Abenteuer nimmt. Das Mädchen wird Zuschauerin einer erbitterten Schlacht zwischen dem Nussknacker und dem siebenköpfigen Mausekönig und ist bemüht, dem hölzernen Wesen auch in den darauffolgenden Nächten zu helfen. Dadurch steht sie immer wieder in Konfrontation zu den erwachsenen Personen in ihrem Umfeld, welche ihre Erzählungen von den Abenteuern und der Sorge um den kleinen Nussknacker nicht ernst nehmen und als „albernes Zeug“3 verharmlosen. Spannend an dieser Erzählung ist die Vermischung der Textwelten, in welcher der Leser sich immer wieder im Unklaren darüber ist welche Komponenten zu der realen und welche zur imaginären Textwelt gehören.

Die Erzählung setzt am 24. Dezember im Hause Stahlbaums mit einer Schilderung des Ablaufs des Heiligen Abend ein. Es wird beschrieben wie die siebenjährige Marie Stahlbaum mit ihrem Bruder Fritz „in einem Winkel des Hinterstübchens zusammengekauert [sitzen]“4 und voller Vorfreude auf Geschenke und das Fest warten. Deutlich wird, dass der Pate Droßelmeier von dem immer wieder die Rede ist, eine zentrale Rolle sowohl in der Erzählung als auch in dem Leben der Familie Stahlbaum spielt. Man erhält eine ausführliche Beschreibung der äußeren, sowie charakterlichen Merkmale des Paten und bekommt so einen ersten Eindruck von ihm. Unter anderem erfährt der Leser, dass Droßelmeier die Kinder des Medizinalrats jährlich mit besonderen und kreativen Gaben beschenkt, auf welche sich die Kinder auch in diesem Jahr wieder besonders freuen. Bei der Beschreibung der Wünsche der Kinder wird ein Unterschied in der Darstellung von Fritz und Marie sehr deutlich. Fritz, der eine eher raue und direkte Art zu haben scheint, spricht von einer Festung, Soldaten und Kanonen5 als Kontrast zu der artigen, höflichen und einfühlsamen Marie, die von einem schönen Garten, See und Schwänen6 träumt. Auf diese Dichotomie der Darstellung von Junge und Mädchen werde ich in meiner Arbeit zwar nicht näher eingehen, sie ist aber insofern relevant, als dass sie im Zusammenhang mit der von den Erwachsenen dargestellten Naivität Maries stehen könnte. Bei der eigentlichen Bescherung nimmt die kleine Marie den optisch eher unschönen Nussknacker auf dem Gabentisch sofort wahr und schließt diesen in ihr Herz. Es erfolgt eine ausführliche Beschreibung des Schützlings durch den auktorialen Erzähler, der dem Leser schildert, wie der „still und bescheiden“7 dastehende Nussknacker auf Marie gewirkt haben muss. Durch die ihm zugeschriebenen Attribute sympathisiert man als Leser automatisch mit dem „netten Mann“8. In derselben Weihnachtsnacht wird Marie, die schon zu Beginn etwas Natürliches und Lebendiges in dem Nussknacker gesehen hat, Zeugin eines schaurigen Kampfes zwischen dem zum Leben erwachten Nussknacker und der großen Schar Mäuse, die von dem bösartigen, siebenköpfigen Mausekönig angetrieben werden. Sie schaut sich das Spektakel voller Unruhe und Sorge um den Nussknacker mit an, bis sie schließlich ihren Schuh auf die Mäuse wirft, um den vom „Feinde dicht umringt[en]“9 Nussknacker zu helfen. Durch eine Verletzung des Arms, welche Marie sich an den Scherben der Vitrine zuzieht, wird sie ohnmächtig und erwacht am nächsten Morgen in ihrem Bett. Die Zustände der letzten Nacht sind jedoch dieselben geblieben; Maries Mutter erklärt sich die zerbrochene Glasscheibe aber damit, dass die Tochter lediglich Angst vor einer kleinen Maus hatte und vor Schreck ihren Schuh nach dieser warf. Ihre Geschichte von dem Nussknacker und der grausamen Schlacht, die das Kind in der Nacht mit angesehen hat, nimmt ihre Mutter aber nicht ernst und deutet diese als Fieberwahn. Als der Pate Droßelmeier zu Besuch kommt um nach der „kranken und wunden“10 Marie zu sehen, wird diese wütend und beschuldigt den Onkel für seine Untat in der Nacht, da er die Uhr bedeckte, sodass diese nicht laut schlagen konnte und die Mäuse folglich nicht vertrieben wurden. Hier wird Droßelmeier sowohl der kleinen Marie, aber auch dem gespannten Leser etwas unheimlich und mysteriös, da man verwirrende Zusammenhänge zwischen Maries Erlebnissen in der Nacht mit dem lebendigen Nussknacker und dem Paten Droßelmeier erkennt. Um das aufgewühlte Mädchen zu beruhigen, fängt Droßelmeier an eine Geschichte zu erzählen; „das Märchen von der harten Nuss“, die er an drei aufeinander folgenden Abenden fortsetzt. Es stellt sich heraus, dass diese Erzählung die Erklärung für die verhexte Gestalt des armen Nussknackers liefert, da dieser in Wahrheit der Neffe von Pate Droßelmeier sei und nach der Befreiung der Prinzessin Pirlipat von dem bösen Zauber der Frau Mauserinks von eben dieser in einen Nussknacker verwandelt worden sei. Bei diesem Vorgang stirbt Frau Mauserink durch den siebten Schritt des Prinzen, der darauf zum Nussknacker wird und seine Missgestalt erst wieder loswerden kann, wenn ihr siebenköpfiger Sohn, der Mausekönig eine Dame für sich findet. Marie wird klar, dass sich alle Vorkommnisse der Erzählung des Paten bewahrheitet haben und gewinnt die Erkenntnis, dass ihr geliebter Nussknacker der junge Droßelmeier aus Nürnberg ist. In den folgenden Wochen muss das Mädchen in ihrem Bett bleiben um zu genesen, wird jedoch in jeder Nacht von dem gemeinen Mausekönig heimgesucht, welcher ihre Süßigkeiten von ihr verlangt, da er dem Nussknacker sonst etwas antue. Marie, „voll Jammer und Betrübnis“11, realisiert dass die Bestechung des Mausekönigs so nie aufhören wird und zieht den Nussknacker zu Rate. Dieser macht den Vorschlag, ihm ein Schwert umzuhängen, sodass er in der darauffolgenden Nacht die Möglichkeit hat, den Mausekönig zu verletzen und die Mäuseschar endlich zu bezwingen. Als Dank nimmt der Nussknacker, der in seinem Reich ein beliebter Prinz ist, Marie mit dorthin und zeigt ihr all die wundervollen Dinge und bezaubernden Menschen, die sein Reich zu bieten hat. Es folgen lauter paradiesische, bildhafte Beschreibungen des Puppenreiches, an denen man ein weiteres Mal erkennt, dass diese Weihnachtsgeschichte zum größten Teil für Kinder konzipiert ist. Marie erhält zahlreiche positive Eindrücke dieser Welt und erwacht am nächsten Morgen voller Begeisterung in ihrem Bett. Daraufhin berichtet sie ihrer Mutter von den Ereignissen der letzten Nacht, diese hat jedoch ein weiteres Mal kein Verständnis für die „Einbildungen und Possen“12 ihrer Tochter und ermahnt sie, sich diese Träumerei endlich aus dem Kopf zu schlagen. Auch der Pate Droßelmeier und ihr Vater, der Medizinalrat, brechen in großem Gelächter aus und scheinen ihre Erzählung nicht ernst zu nehmen. Selbst Maries Beweis von der Krone des Mausekönigs, die ihr der Nussknacker zum Dank seiner Rettung geschenkt hat, überzeugt die Erwachsenen nicht, sodass Marie ein weiteres Mal getadelt wird und der Vater ihr verbietet jemals wieder über dieses Thema zu reden. Eines Tages aber, als Marie dem Nussknacker ihre Zuneigung offenbart, erscheint der wahrhaftige, junge Neffe des Paten Droßelmeier und bittet Marie ihm in sein Puppenreich zu folgen und dort mit ihm zu herrschen, da er nun König geworden sei. Marie nimmt den Heiratsantrag an und folgt ihm in sein Reich.

Um den vorliegenden Textbestand nicht nur darstellen, sondern auch beschreiben zu können, ist es wichtig sich auf bestimmte künstlerische Merkmale der Erzählung zu beziehen und diese genauer zu untersuchen. Das vorliegende Werk „Der Nussknacker und Mausekönig“ bietet diverse unterschiedliche Motive, Figurendarstellungen und Elemente, die es wert wären einer intensiven Analyse unterzogen zu werden. Zwecks der Basis- Analyse beschränke ich mich in meiner Arbeit aber auf explizit ausgewählte Besonderheiten des Textes, die mir infolge einer Interpretation der „kognitiven Hermeneutik“ weiterhelfen und das Erkennen von Rückschlüssen auf die Autorposition möglich machen.

2.2 Traum- und Wirklichkeitsebenen der Erzählung

Zunächst einmal auffällig an der Erzählung von Hoffmann ist, wie in vielen anderen seiner Werke, die Vermischung mehrerer Wirklichkeitsebenen. Marie befindet sich in einem ständigen Wechsel zwischen der realen Wirklichkeitswelt am Tag und der fiktiven Traumwelt in der Nacht. Bereits bei der Bescherung der Kinder, wo Marie den Nussknacker auf einem Tisch entdeckt und dieser ausführlich in seinen äußeren Merkmalen beschrieben wird, lässt sich eine Art Einführung in die magische Textwelt erkennen. Dass der auktoriale Erzähler dem Leser eine detaillierte Beschreibung des Nussknackers liefert, spiegelt wider wie Marie diesen sieht und schnell anfängt etwas Menschliches in ihm zu erkennen. Seine Statur und Kleidung lässt auf einen „Mann von Geschmack und Bildung“13 schließen, und die Gutmütigkeit, das Wohlwollen und die Freundschaft in seinen Augen14 machen den Nussknacker vertrauenswürdig für die kleine Marie, die das Spielzeug direkt vom ersten Moment an in ihr Herz geschlossen hat. Als ihr Bruder Fritz, den Nussknacker in seiner Rauheit zerstört, nimmt Marie ihn sofort in ihre Obhut und hält ihn „wie ein kleines Kind wiegend in den Armen“15. Es wird deutlich, wie sie sich seiner sofort annimmt und in ihrer kindlichen Unbefangenheit eine Beziehung zu ihm aufbaut. Diese Personifikation des Nussknackers dient als Leitmotiv und Einstieg in die irreale Traumwelt Maries.

[...]


1 Tepe, Peter „Kognitive Interpretation“ in: Kognitive Hermeneutik. Würzburg: Verlag Königshausen & Neumann GmbH 2008, S. 51.

2 Ebd., S. 51.

3 Hoffmann, E.T.A: Nussknacker und Mausekönig. Ein fantastisches Märchen, Anaconda Verlag GmbH, Köln 2011, S.33.

4 Ebd., S. 5.

5 Ebd., S. 6.

6 Ebd., S. 6.

7 Ebd., S. 14.

8 Ebd., S. 15.

9 Ebd., S. 32.

10 Ebd., S. 35.

11 Ebd., S. 65.

12 Ebd., S. 88.

13 Ebd., S. 14.

14 Ebd., S. 15.

15 Ebd., S. 17.

Details

Seiten
21
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783668021877
ISBN (Buch)
9783668021884
Dateigröße
571 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v303611
Institution / Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Note
1,7
Schlagworte
kognitive Hermeneutik Nussknacker Nussknacker und Mausekönig Interpretation Germanistik E.T.A. Hoffmann

Autor

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Titel: Anwendung der kognitiven Hermeneutik auf "Nussknacker und Mausekönig" von E.T.A. Hoffmann