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Glaubensbekenntnisse in der frühen Kirche. Bekenntnisse bei den Apostolischen Vätern und Apologeten

Seminararbeit 2009 19 Seiten

Theologie - Historische Theologie, Kirchengeschichte

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1 Einleitung

2 Die Zeit des ersten und des zweiten Jahrhunderts
2.1 Vom zum
2.2 Eine Zeit des Übergangs hin zu festen Formeln
2.3 Verdichtung des Kerygmas der frühen Kirche
2.4 Glaubensregel und Glaubenssymbol
2.5 Impulse zur Fixierung von Form und Wortlaut
2.6 Der Ursprung der Bekenntnisformeln
2.7 Die Rolle der Häresien und Synkretismen

3 Die Schriften der Apostolischen Väter und Apologeten
3.1 Über das Leben und Wirken der Autoren
3.1.1 Ignatius von Antiochien
3.1.2 Polycarp von Smyrna
3.1.3 Justin, Märtyrer und Philosoph
3.2 Persönlicher Anteil am Entstehen fester Formeln
3.2.1 Die Verdienste des Ignatius von Antiochien
3.2.2 Die Verdienste des Polycarp von Smyrna
3.2.3 Die Verdienste Justins
3.3 Wichtige Textstellen und ihre Funktionen
3.3.1 Zunehmend dreigliedrige Formeln
3.3.2 Erste christologische Erklärungsversuche
3.3.3 Abwehr von Häresien und Synkretismen
3.3.4 Geschichtstheologische Erklärungen
3.3.5 Spuren fester liturgischer Formeln

4 Zusammenfassung

1 Einleitung

Die vorliegende Arbeit steht unter dem Motto: "Bekenntnisse bei den Apostolischen Vätern und Apologeten". Dieser Titel könnte den Eindruck erwecken, es habe bereits sehr früh feste Bekenntnisse unter den ersten Christen gegeben. Wenn dem so war, dann müsste dies auch in den frühen Schriften des Christentums seinen Niederschlag gefunden haben. Für ein solches frühes, im Wortlaut festes Bekenntnis aber finden sich (mit Ausnahme der durch Rufin popu- lär gewordenen Legende, das Glaubensbekenntnis stamme wortwörtlich von den Aposteln ab) weder in den Schriften des Neuen Testamentes, noch in den Schriften der Apostolischen Vä- ter, der Kirchenväter oder der Apologeten, irgendwelche konkreten Hinweise.

Vielmehr war das, was früh schon begonnen hatte, die Rezeption einer Legende, die mit Rufin ihren vorläufigen Höhepunkt erreichen sollte. Dieser jedoch war "nicht der Erfinder der von ihm berichteten Geschichte"[1], doch wurde sein Postulat in besonderem Maße geschichtsträch- tig, sodass die auf die Apostel zurückgeführte Legitimation sowie die daraus resultierende Autorität der Glaubenssätze im Grunde das ganze Mittelalter hindurch[2] nicht hinterfragt wur- den und somit nahezu uneingeschränkte Gültigkeit besaßen: "Über diese Frage hat es für die Dauer von mehr als der Hälfte der Kirchengeschichte keinen Zweifel gegeben ..."[3]

Doch Kellys Argument gegen die alte, durch Rufin bekannt gewordene Legende ist schlagend: "Hätte die Kirche eine derartige Formel besessen, so müßte eine Spur derselben lebendig geblieben sein, denn ihre Autorität wäre sicherlich unermeßlich gewesen."[4] Nun finden wir aber weder in den Schriften des Neuen Testamentes, noch in den Schriften der Apostolischen Väter oder in irgendwelchen anderen Texten aus dieser Zeit auch nur den geringsten Hinweis auf eine solche Formel. Das Postulat von der apotolischen Urheberschaft ist also eine Zu- schreibung aus späterer Zeit zum Zwecke der nachträglichen Legitimation und Autorisierung.

Zur Zeit der Apostolischen Väter jedenfalls hat es, dies sei vorab gesagt, kein festes Bekenntnis gegeben, welches für die gesamte Christenheit verbindlich gewesen wäre. Erst in der ersten Hälfte des 4. Jh.s wird das Konzil von Nicaia (325) unter dem Druck von Kaiser Konstantin eine für alle Christen verbindliche Formel erlassen, welche in der Folgezeit als Maßstab für die "Rechtgläubigkeit" angesehen werden sollte. Statt von "Bekenntnissen" sollten wir hier also lieber von "Spuren formelhafter Bekenntnisse" sprechen, welche in den Schriften der Apostolischen Väter und Apologeten ihren Niederschlag gefunden haben.

2 Die Zeit des ersten und zweiten Jahrhunderts

Was die Quellenlage in Bezug auf die Existenz etwaiger, schon sehr früh ausgeprägter Be- kenntnisse angeht, so befinden wir uns in einer ähnlich düsteren Lage wie zur Zeit der Entste- hung der neutestamentlichen Texte. Überhaupt ist uns - im Vergleich zu allen folgenden Epo- chen - hier recht wenig Material überliefert, und somanches Zeugnis der Apostolischen Väter (Papias von Hierapolis, Quadratus von Athen) ist uns nur in Form von Zitaten überliefert.

Deshalb warnt John Kelly davor, "es [] als gesichert zu betrachten, daß stereotype amtliche Formeln zu einem relativ frühen Zeitpunkt aufkamen, und sei es nur örtlich"[5], und fordert uns auf, uns der durch Rufin populär gewordenen Legende zu entledigen, um so frei von aller Spekulation ("ohne vorgefaßte Vorstellungen") das historische Material kritisch zu prüfen. Indem wir dieser Aufforderung folgen, entdecken wir, wie schwankend der Boden ist, auf dem diese Annahmen beruhen[6].

2.1 Vom zum

"Bekenntnis" meinte für die frühen Christen nicht ein Aufzählen aller wesentlicher Glaubenswahrheiten, sondern bezeichnete primär den Akt des Bekennens ( = bekennen).

Verständlich wird dies besonders am Beispiel der Märtyrer, aber auch durch den Taufritus. Am nicht-widerrufenden Bekenntnis der Märtyprer sowie am interrogatorischen / akklamato- rischen Bekenntnis beim Taufakt wird deutlich: Bekenntnis meint primär ein "sich" bekennen "zu" etwas. Was dieses etwas im Kern ausmacht, dies wird erst in einem sekundären Prozess rationalisiert und expliziert. Für die Urchristen aber lag dies auf der Hand.[7] Ihre Hoffnung ist geleitet von dem Urkerygma (sinngemäß: Jesus, Sohn Gottes, Tod, Auferstehung, Erlösung), das bereits seinen Niederschlag in vielen Stellen des Neuen Testamentes gefunden hat.

Der Weg in dieser Übergangszeit hin zu festen Formeln ist also der: vom Akt des Sich Bekennens ( ) hin zum inhaltlich und im Wortlaut fixierten, feststehenden Bekenntnis ( ). Für diesen Prozess der Explikation des Glaubens, der im späten 1. und in der ersten Hälfte des 2. Jh.s seinen Anfang nimmt, spielen v.a. die Briefe des Ignatius von Antiochien sowie der Philipperbrief des Polycarp von Smyrna eine herausragende Rolle. Auch die Schriften Justins des Märtyrers und Philosophen sind hier von besonderer Bedeutung.

2.2 Eine Zeit des Übergangs hin zu festen Formeln

Die in dieser Arbeit behandelten Texte und Autoren sind Zeugnisse und Zeugen der ersten beiden nachchristlichen Jahrhunderte. Dieser Zeitraum lässt sich einordnen in den weiteren Rahmen vom Ende des ersten bis zur Mitte des dritten nachchristlichen Jahrhunderts[8]: vom Ende des 1. Jahrhunderts an, da hier eine grobe Grenze zur Entstehung der neutestamentlichen Schriften gezogen werden kann, und bis zur Mitte des 3. Jahrhunderts, weil nun "mit der Ein- führung der traditio und redditio des Bekenntnisses und der disciplina arcani, mit der diese verbunden waren"[9], eine völlig neue Situation eintritt: "Diese Zeremonien schoben nicht nur deklaratorische Bekenntnisse in den Vordergrund, sondern förderten auch deren Tendenz, ihren Wortlaut zu fixieren."[10] Bis dahin ist es aber noch ein weiter Weg, und so stellt die Zeit der Apostolischen Väter wie auch die der nachfolgenden Generationen eine Zeit des Über- gangs dar, in der das tradierte Glaubensgut zuerst mündlich konserviert wird, dann aber in Katechese, Liturgie und Predigt zunehmend an Gestalt gewinnt. In der Literatur tauchen zu- erst wage, später dann deutlich ausgeprägter - wiederkehrend - feste Formulierungen auf, welche das Glaubensgut der jungen Kirche nun auch in schriftlicher Form tradieren. Diese sich allmählich verfestigenden Formulierungen zeigen eine zunächst vornehmlich trinitarische Grundstruktur, die dann aber zunehmend durch christologische Aspekte ergänzt wird.

2.3 Verdichtung des Kerygmas der frühen Kirche

Bereits in den Schriften des Neuen Testamentes begegnen uns solch einfache, stereotype Formeln wie ’ / in 1 Kor 8,6 oder der Taufbefehl mit trinitarischem Akzent in Mt 28,19. Auch in der Literatur der Apostolischen Väter sowie anderer zeitgenössischer Autoren tauchen, wie bereits erwähnt, zunehmend Formulierungen mit vornehmlich trinitarischem und christologischem Charakter auf (siehe Kapitel 3.3: Wichtige Textstellen und ihre Funktionen). Diese stereotypen Bekenntnisfragmente sind Ausdruck eines sich mehr und mehr explizierenden Kerygmas der frühen Kirche bzw. des Urchristentums.[11]

Dieses Glaubenskerygma der jungen Kirche, über das von Anfang an Konsens herrschte und das bereits in der Heiligen Schrift seinen Niederschlag gefunden hat, ist bedeutsam für die nun folgende Unterscheidung zwischen Glaubensregel und Glaubenssymbol.

2.4 Glaubensregel und Glaubenssymbol

Ich hatte bereits erwähnt, dass ein durch die Apostel ausformuliertes und autorisiertes Glau- bensbekenntnis so unwahrscheinlich ist, dass wir diesen Gedanken guten Gewissens verwer- fen können, so wir Spekulationen, welche über das historische Material hinausgehen, tunlichst vermeiden wollen. Jedoch: "Daß die Kirche im apostolischen Zeitalter ein Bekenntnis in dem weiten Sinne eines anerkannten Lehrbestandes besaß, darf als bewiesene Tatsache gelten."[12] [13]

"Man kann nicht oft genug wiederholen, daß im eigentlichen Sinne der Worte ... eine Glaubensformel im Neuen Testament nicht entdeckt werden können ... Mit Händen zu greifen dagegen ist ... ein gemeinsamer Lehrbestand, scharf umrissen und von jedermann als Besitz nicht eines Einzelnen, sondern der Kirche als eines Ganzen betrachtet."[14]

Die Idee, die zwölf Apostel hätten ihren Glauben in einem Bekenntnis zusammengefasst und autorisiert, "kennzeichnet [auch] das Denken Justins, des Ignatius und des Verfassers der Didache"[15], jedoch mit dem bedeutsamen Unterschied, dass diese nicht von einem schriftlich fixierten Bekenntnis ausgehen, sondern vielmehr von einer mündlichen Tradition. In diesem Sinne betont Irenäus, "daß, wenn uns die Apostel nichts Schriftliches hinterlassen hätten, wir 'der Glaubensregel, welche sie den Führern der Kirche übergaben', hätten folgen müssen."[16] Auch Tertullian spricht in diesem Sinne von "'der Regel der Wahrheit, die von Christus herstammt und durch seine Jünger weitergegeben worden ist'"[17].

Von hier ist es dann nur noch ein kleiner Schritt hin zu der Annahme, das sog. Apostolische Glaubensbekenntnis sei mit der von Tertullian postulierten Regel der Wahrheit identisch.

Doch genau hier warnt Kelly vor einem zu schnellen Urteil: "Die Glaubensregel darf nicht mit dem Glaubensbekenntnis verwechselt werden, jedoch besteht zwischen ihnen ... eine nahe Verwandtschaft."[18] Im Klartext: Zwar wird in der Glaubensregel der originäre Glauben der Kirche von seinen Ursprüngen her konserviert und tradiert; diese Tradierung geschah aber keinesfalls in schriftlich fixierter Form, sondern basiert auf mündlicher Überlieferung und steht einer schriftlichen Ausgestaltung in den Grenzen des Kerygmas offen.

[...]


[1] Kelly, John, Altchristliche Glaubensbekenntnisse. Geschichte und Theologie, London 31972, 9 f.

[2] Vgl. Kelly 1972, 11.

[3] Kelly 1972, 9.

[4] Kelly 1972, 13.

[5] Kelly 1972, 67.

[6] Vgl. ebd.

[7] Vgl. Ritter, Adolf Martin, "Glaubensbekenntnisse. Alte Kirche" (Art.), in: Theologische Realenzyklopädie (TRE), Müller, Gerhard (Hrsg.), Bd. 13, Berlin - New York 1984, 400.

[8] Vgl. Kelly 1972, 66.

[9] Ebd.

[10] Ebd.

[11] Hierzu und im Folgenden siehe ausführlich: Fierdowicz, Michael, Theologie der Kirchenväter. Grundlagen frühchristlicher Glaubensreflexion, bes. Kapitel B. "Orientierung am Ursprung: das Prinzip der Überlieferung", Freiburg - Basel - Wien 2007, 44-96.

[12] Siehe hierzu auch: Vinzent, Markus, "Der Ursprung des Apostolikums im Urteil der kritischen Forschung", in: Forschungen zur Kirchen- und Dogmengeschichte, Kaufmann, Thomas (Hrsg.), Bd. 89, Göttingen 2006, 84-97.

[13] Kelly 1972, 20.

[14] Kelly 1972, 30.

[15] Kelly 1972, 10.

[16] Ebd.

[17] Ebd.

[18] Ebd.

Details

Seiten
19
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783668020405
ISBN (Buch)
9783668020412
Dateigröße
463 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v303620
Institution / Hochschule
Philosophisch-Theologische Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt am Main
Note
1,0
Schlagworte
Glaubens-Symbole Das Apostolische Bekenntnis Die Apostolischen Väter Ur-Kirche Ignatius von Antiochien Justin der Märtyrer Polycarp von Smyrna Häresien

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Titel: Glaubensbekenntnisse in der frühen Kirche. Bekenntnisse bei den Apostolischen Vätern und Apologeten