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Die Zelebrationsrichtung in der Feier der heiligen Eucharistie

Seminararbeit 2011 21 Seiten

Theologie - Praktische Theologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Historische Entwicklungen
2.1 Geschichtliches zur christlichen Gebetsostung
2.2 Kirchenbau und Zelebrationsrichtung
2.2.1 Das Prinzip der Kirchenostung
2.2.2 Kontroverse um die Zelebration versus populum

3 Kirchenrechtliche Vorgaben
3.1 Quellen des kirchlichen Rechts
3.2 Messbuch und Messformular
3.2.1 Ein Blick auf das Messbuch von 1570
3.2.2 Der ritus novus und die celebratio versus populum
3.2.3 Rezeption, Fortführung, Bekräftigung

4 Theologische Dimensionen
4.1 Das Für und das Wider der beiden Zelebrationsweisen
4.1.1 Was spricht für eine Zelebration versus populum?
4.1.2 Was spricht für eine Zelebration in gemeinsamer Ausrichtung?
4.2 Diabatische und echatologische Dimension der Liturgie
4.2.1 Wortgottesdienst und Eucharistiefeier
4.2.2 Die Symbolik der Ostung
4.3 Ausrichtung nach Osten - Würdigung und Kritik
4.3.1 Historisch-echatologisch oder symbolisch motiviert?
4.3.2 Die Sakramentalität der Heiligen Schriften
4.3.3 Die neue Christusgegenwart
4.4 Ein anderer Fokus
4.4.1 Das hodie in der eucharistischen Liturgie
4.4.2 Ineinsfall von Zeit und Ewigkeit in Christus
4.4.3 Gemeinsame Ausrichtung nach oben

5 Schlussbetrachtungen

1 Einleitung

Im Laufe der Kirchengeschichte hat es in der liturgischen Feier der heiligen Eucharistie zwei Weisen der Zelebration gegeben, genauerhin zwei Richtungen, in welcher der Zelebrant die heiligen Geheimnisse feierte. Zum einen wäre da die gemeinsame Ausrichtung von Priester und seiner Gemeinde auf den Hochaltar bzw. auf einen freistehenden Altar hin, zum anderen handelt es sich um die sog. celebratio versus populum, bei welcher der Priester der gläubigen Gemeinde zugewandt ist. Dieser Begriff geht wohl auf den päpstlichen Zeremonienmeister Johannes Burckard zurück, der ihn im Jahre 1502 in seinem Ordo Missae verwendete; von dort hat er dann seinen Weg in das Römische Messbuch (1570) gefunden.1

Was ist nun die "richtige" Weise der Zelebration? Wie haben die ersten Christen die heiligen Geheimnisse gefeiert? Und: Ist die Zelebrationsrichtung eine Vorgabe der Tradition, die auf keinen Fall verändert werden darf? Diese Fragen bilden den Gegenstand dieser Seminararbeit.

2 Historische Entwicklungen

2.1 Geschichtliches zur christlichen Gebetsostung

In Anlehnung an eine Studie über die Ostung in Gebet und Liturgie, die von dem katholischen Theologen und Archäologen Franz Joseph Dölger durchgeführt wurde, weist Uwe Michael Lang darauf hin, dass die Wendung nach Osten beim Gebet ein weit verbreitetes Ritual der Antike war, welches sich im gesamten Orient nachweisen lässt. Auch bei den Griechen und Römern war die Wendung nach Osten im Gebet nichts Ungewöhnliches.2

Die Wendung nach Osten im Gebet ist somit nichts genuin Christliches. Das spezifisch Christliche erhält diese Praxis erst vor dem Hintergrund der Ablösung vom Judentum. In der Diaspora hatten die Juden in Richtung Jerusalem gebetet, genauerhin zum Jerusalemer Tem- pel, in dem sich das Allerheiligste befand. Diese Praxis wurde auch in der Zeit nach der Zer- störung des Tempels noch lange beibehalten, denn damit waren für Israel auch messianische Hoffnungen verknüpft. Für die frühen Christen hingegen war nicht der Tempel der Ort der endzeitlichen Erwartung, sondern vielmehr der Ölberg, der als der Ort der Himmelfahrt Chris- ti galt und mit dem folglich auch die Parusieerwartung der frühen Christen verbunden war.3

Darüber hinaus wurde die Gebetsostung von den frühen Christen mit der Lage des Paradieses erklärt, welches stets im Osten lokalisiert wurde.4 Diese Differenzen, v.a. jene mit Blick auf die messianische Bedeutung der Gebetsrichtung, wogen so schwer, dass sie den Prozess der Ablösung der frühen Christen vom Judentum beschleunigten, wenn nicht gar erst bewirkten.5

Im zweiten Jahrhundert ist die Gebetsostung dann in allen Teilen der christlichen Welt nachweisbar.6 Aus den sog. Märtyrerakten des dritten Jahrhunderts wissen wir, "daß sich die Christen bei ihrem Blutzeugnis zum Gebet nach Osten wandten"7.

Die Gebetsostung ist ferner durch zwei frühe syrische Kirchenordnungen bezeugt: zum einen die Didascalia Apostolorum, zum anderen die Didascalia Addai.8 Das Interessante an diesen Schriften ist, dass "in ihnen die Gebetsostung nicht von einem Theologen [] begründet wird, sondern als kirchliche Satzung vorgeschrieben wird im Rückgriff auf die Überlieferung"[9].

2.2 Kirchenbau und Zelebrationsrichtung

2.2.1 Das Prinzip der Kirchenostung

Die Ostausrichtung der Kirchen war keinesfalls von Anfang an gegeben; vielmehr hat sie sich im Laufe der ersten Jahrhunderte allmählich entwickelt.10

Die ersten christlichen Gottesdienste wurden in Privathäusern abgehalten. In Anlehnung an die basale antike Sozialform des Oikos waren die ersten Gemeinden sog. "Hausgemeinden"11 ; aus diesen haben sich dann im 2. Jahrhundert entsprechende "Hauskirchen"12 herausgebildet.

Unter Kaiser Konstantin (seit der zweiten Hälfte des vierten Jahrhunderts) bot sich erstmals die Möglichkeit, eine Ostung vorzunehmen. Dies scheiterte jedoch nicht selten an den lokalen Gegebenheiten: zugewiesene Grundstücke und Gebäude waren oftmals nicht in der Ost-West- Ausrichtung; sie wichen vielfach, zum Teil erheblich, von der idealen Orientierung ab.13

In den von der Kirche selbst errichteten Bauten hat es schon recht früh eine Ausrichtung nach Osten bzw. nach Westen gegeben (Ost-West-Orientierung). Bei der Eingangsostung wurde in Richtung der Gläubigen zelebriert; diese wandten sich beim Gebet dann in Richtung des geo- steten Portals. Bei der Apsisostung wandte sich der Priester nach Osten, dem Altar entgegen. Zunächst dominierte die Portalorientierung, bis sich vom 4. bis zum 6. Jahrhundert dann die Apsisorientierung allgemein durchsetzte. Später existierten beide Bauweisen nebeneinander; seit der Reformationszeit aber geriet die Ostung für lange Zeit ganz aus dem Blick, bis sie im 19. Jahrhundert schließlich von beiden Konfessionen wiederentdeckt und gefördert wurde.14

2.2.2 Kontroverse um die Zelebration versus populum

Otto Nußbaum konstatiert in seiner Studie über den Standort des Liturgen im 1. Millenium15:

I. Selbst bei einer Apsisostung habe man das heilige Messopfer zu gleichen Teilen sowohl versus populum als auch in gemeinsamer Ausrichtung mit der Gemeinde gefeiert.

II. Eine strenge Regel darüber, an welcher Altarseite der Priester das heilige Messopfer feiert, habe es seit der Errichtung eigener Kultbauten nicht gegeben. Dem Priester habe es freigestanden, sich diese oder jene Seite des Altares auszusuchen.

III. Von Anbeginn bis in eine sehr späte, nicht genau bestimmte Zeit, habe man das heilige Messopfer versus populum zelebriert.

Uwe Michael Lang erscheint "Nußbaums Auswertung des archäologischen und literarischen Materials jedoch höchst fragwürdig"16 ; bei seiner Argumentation weist er auf die Einwände von Marcel Metzger hin.17 Diese seien hier ebenfalls kurz erwähnt:

I. Nußbaums Beweisführung sei zirkulär: er setze immer schon das voraus, was er in seiner Studie erst beweisen wolle: die kirchlich recht frühe Zelebration versus populum.

II. Die Beweislast liege bei demjenigen, der die bisherigen Annahmen widerlegen möchte.

Anfrage: Lässt sich tatsächlich feststellen, was die ursprüngliche Praxis gewesen ist?

III. Nußbaums Annahmen über die urkirchliche Form der Zelebration seien rein spekulativ: die literarischen Quellen seien zu dünn, archäologische Monumente fehlten zudem ganz.

Anders als Nußbaum, der bei 192 der von ihm - rd. 560 - untersuchten Kirchen von einer Zelebration versus populum ausgeht, betrachtet Metzger dies in gerade einmal 20 Kirchen als erwiesen.18 Denn "Von den ca. 560 Kirchen […] geben mehr als 360 keine Hinweise auf die Stellung des Liturgen, sei es daß vom Altar keine Spuren mehr vorhanden sind, sei es daß der Altar sowohl auf der Seite des Kirchenschiffs als auch auf der zur Apsis gewandten Seite be- nützt werden kann"19. Aus der reinen Möglichkeit einer Zelebration versus populum, so die Kritik, lässt sich noch nicht (zwingend) auf die tatsächliche Zelebrationsrichtung schließen.

Die grundlegende Schwäche der Argumentation Nußbaums liegt in der Hypothese, daß die Zelebration versus populum stets vorauszusetzen sei, falls nicht die Einrichtung der betreffenden Kirche dem widerspreche. […] Nußbaum ist bemüht, so oft wie möglich auf eine Position versus populum zu schließen […]. 20

Auf Grund einer kritischen Prüfung von Nußbaums Studie kommt Metzger zu dem Schluss, "daß die Ostung … allgemeine Praxis war"21. Und Lang schreibt gleichfalls in diesem Tenor: "Die Geschichte der celebratio versus populum ... hebt an im ausgehenden Mittelalter und in der Renaissance, als das Prinzip der Gebetsostung in Vergessenheit zu geraten begann und es zu Mißverständnissen über die Eigenart des frühchristlichen römischen Kirchenbaus kam."22

3 Kirchenrechtliche Vorgaben

Auf Grund des in der Liturgiekonstitution des II. Vatikanischen Konzils alles bestimmenden Begriffs der "participatio actuosa", also der Forderung nach einer "tätigen Teilnahme" aller Gläubigen an der Feier der heiligen Liturgie, wurde in der Nachkonzilszeit die "celebratio versus populum" stillschweigend und faktisch zu einer unumstößlichen Norm erkoren.23 Wie Uwe Michael Lang (in Anlehnung an Josef Andreas Jungmann) bemerkt, seien in der Zeit nach dem Konzil erstaunlich schnell und in aller Lande Altare versus populum aufgestellt worden.24 Ganz zu Recht stellt Michael Schneider die Frage: "Bedeutet 'tätige Teilnahme', daß alle im Gottesdienst gleicherweise 'aktiv' etwas zu tun haben (sollen)?"25 Auch der Konzils- theologe Josef Ratzinger sprach bereits 1966 von "Übersteigerungen und Einseitigkeiten".26 Diese Entwicklung soll im Folgenden etwas näher betrachtet und kritisch hinterfragt werden.

3.1 Quellen des kirchlichen Rechts

Als erstes Dokument des II. Vatikanischen Konzils ist die Liturgiekonstitution "Sacrosanctum Concilium" (SC), die bereits 1963 veröffentlicht wurde, eine der wichtigsten Quellen für die liturgische Feier der hl. Eucharistie. Als quasi letztes Konzilsdokument (des II. Vatikanischen Konzils) kann das Gesetzbuch der katholischen Kirche, der Codex Iuris Canonici (CIC) von 1917 gelten; aktuell ist der überarbeitete Codex von 1983 maßgeblich.

Die Bestimmungen des CIC über die "Heiligste Eucharistie" (cc 897-944 CIC) machen keine Vorgaben über die Zelebrationsrichtung während der Feier der heiligen Eucharistie. Jedoch sagt can. 846 § 1 CIC: "Bei der Feier der Sakramente sind die von der zuständigen Autorität ge- billigten liturgischen Bücher getreu zu beachten […]". Das für die liturgische Feier der heiligen Eucharistie maßgebliche liturgische Buch ist das jeweils gültige Messbuch. Folglich ist danach zu fragen, welche Vorgaben das Messbuch über die Richtung der Zelebration macht.

3.2 Messbuch und Messformular

3.2.1 Ein Blick auf das Messbuch von 1570

Bereits vor dem Erscheinen des neuen Römischen Messbuches (1570) infolge des Trienter Konzils (1545-1563) war die Gleichrichtung von Priester und Gemeinde in der liturgischen Feier der heiligen Eucharistie seit Jahrhunderten allgemein üblich. Der Umstand nun, dass das neue Missale Romanum grundsätzlich von dieser Stellung des Priesters zwischen Volk und Altar ausgeht, sieht Otto Nußbaum nicht als Indiz für eine Höherwertigkeit dieser Zelebrati- onsweise an, sondern vielmehr als eine logische Konsequenz aus der damals herrschenden allgemeinen Praxis, auf die sich die Ausführungen des neuen Messbuches beziehen.27

Weiter bemerkt Nußbaum, dass das Messbuch von 1570 auch die Möglichkeit der Zelebration versus populum gekannt habe und er sieht keine Anzeichen dafür, "daß die Zelebration versus populum … weniger gerne gesehen … würde"28. Insgesamt habe es bis zum II. Vatikanischen Konzil niemals Restriktionen oder gar ein Verbot der Zelebration versus populum gegeben.29

[...]


1 Vgl. Lang 52010, 29.

2 Vgl. Lang 52010, 33 f.

3 Vgl. Lang 52010, 34 f.

4 Vgl. Krüger, Jürgen, Ostung: II. Christentum (Art.), in: LThK, Bd. 7, Freiburg 32006, 1212 f.

5 Vgl. Lang 52010, 40.

6 Vgl. Lang 52010, 47.

7 Lang 52010, 48.

8 Vgl. Lang 52010, 52 ff.

9 Lang 52010, 54.

10 Vgl. Krüger, Jürgen, "Ostung: II. Christentum" (Art.), in: LThK, Bd. 7, Freiburg 32006, 1212 f.

11 Vgl. Gielen, Marlis, "Hausgemeinde" (Art.), in: LThK, Bd. 4, Freiburg 32006, 1216.

12 Vgl. Gessel, Wilhelm, "Hauskirche: I. Historisch-theologisch" (Art.), in: LThK, Bd. 4, Freiburg 32006, 1217 f.

13 Vgl. Krüger, Jürgen, "Ostung: II. Christentum" (Art.), in: LThK, Bd. 7, Freiburg 32006, 1212 f.

14 Vgl. Krüger, Jürgen, "Ostung: II. Christentum" (Art.), in: LThK, Bd. 7, Freiburg 32006, 1212-1213.

15 Nußbaum, Otto, "Der Standort des Liturgen am christlichen Altar vor dem Jahre 1000" (Art.), in: Zeitschrift für Katholische Theologie 88 (1966). Vgl. Lang 52010, 64.

16 Lang 52010, 65.

17 Vgl. Lang 52010, 65-68.

18 Vgl. Lang 52010, 68.

19 Lang 52010, 66.

20 Lang 52010, 66 f.

21 Lang 52010, 73.

22 Lang 52010, 145.

23 Vgl. Lang 52010, 27.

24 Vgl. Lang 52010, 20.

25 Schneider [SdE] 2007, 248.

26 Vgl. Lang 52010, 27.

27 Vgl. Nußbaum 1971 1996, 51.

28 Nußbaum 1971 1996, 50.

Details

Seiten
21
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783668078741
ISBN (Buch)
9783668078758
Dateigröße
462 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v303628
Institution / Hochschule
Philosophisch-Theologische Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt am Main
Note
1,0
Schlagworte
Liturgie Eucharistie Zelebrationsrichtung celebratio versus populum Stellung des Altares Gebetsostung Eingangsostung Apsisostung Messbuch ritus novus Zweites Vatikanisches Konzil Otto Nußbaum Uwe Michael Lang Josef Ratzinger Michael Schneider

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