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Die "Power-Control-Theorie". Wie Geschlechtsunterschiede in der Jugenddelinquenz erklärt werden können

von Wolfgang Daspelgruber (Autor) Carina Lackner (Autor)

Seminararbeit 2011 15 Seiten

Pädagogik - Pädagogische Soziologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Frühe Wurzeln der Power-Control Theorie
2.1 Die Kontrolltheorie Hirschis

3 Die Power-Control Theorie
3.1 Die ursprüngliche Power-Control Theorie
3.2 Die modifizierte Power-Control Theorie
3.3 Die erweiterte Power-Control Theorie

4 Empirische Überprüfungen der Power-Control Theorie
4.1 Empirische Überprüfung von Hadjar et al.
4.1.1 Hypothesen
4.1.2 Information zur Fragestellung
4.1.3 Ergebnisse
4.1.4 Diskussion der Ergebnisse
4.2 Empirische Überprüfung von Stefan Schmitt
4.2.1 Hypothesen
4.2.2 Information zur Fragestellung
4.2.3 Ergebnisse
4.2.4 Diskussion der Ergebnisse

5 Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Die ursprüngliche Power-Control Theorie (Hadjar, Baier, & Boehnke, 2003, S. 177)

Abbildung 2: Die modifizierte Power-Control Theorie (Hadjar, Baier, & Boehnke, 2003, S. 178)

Abbildung 3: Die erweiterte Power-Control Theorie (Hadjar, Baier, & Boehnke, 2003, S. 181)

Abbildung 4: Strukturgleichungsmodell (Hadjar, Baier, & Boehnke, 2003, S. 189)

Abbildung 5: Simples Power-Control-Modell (Schmitt, 2001, S. 97)

Abbildung 6: Erweitertes Power-Control-Modell (Schmitt, 2001, S. 98)

1 Einleitung

In unserer Arbeit werden wir die Power-Control Theorie von John Hagan et al., sowie deren Erweiterungen, vorstellen. Zusätzlich zu den Originaltexten haben wir versucht die gesamte deutschsprachige Literatur zu diesem Thema zu verwenden. Dabei haben wir erfahren, dass die „Macht-Kontroll-Theorie“ (Hadjar, 2004, S. 183) Theorie im deutschsprachigen Raum kaum anzutreffen ist.

Am Ende unsere Arbeit zeigen wir zwei empirische Untersuchungen, die interessanten Ergebnisse liefern.

2 Frühe Wurzeln der Power-Control Theorie

Bevor wir uns den Kernstück unserer Arbeit – der Power-Control Theorie - widmen, möchten wir auf die Kernaspekte der Theorien von Travis Hirschi hinweisen. Diese Theorien, sie gehören zur Gruppe der Kontrolltheorien, waren maßgeblich für die Entwicklung der Power-Control Theorie.

Für alle Kontrolltheorien gilt, dass sozial abweichendes bzw. kriminelles Verhalten durch eine Abwesenheit von sozialer Kontrolle erfolgt. Kunz (2008, S.110f) sieht die soziale Kontrolle in den Kontrolltheorien als eine Art „Schutzmantel“ der aus zwei Schichten besteht: Die äußere Schicht besteht aus informellen Gruppen, Familie usw. in der die Person integriert ist. Die innere Schicht ist die Neigung des Individuums soziale Normen einzuhalten.

2.1 Die Kontrolltheorie Hirschis

In den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts kam es in den USA zu der „Sex, Drugs & Alkohol“ Revolution. Die bis dahin gültigen gesellschaftlichen Normen brachen auf und es kam zu einem Bedeutungsverlust von Kirche, Schule und Familie. Der Soziologe und Kriminologe Travis Hirschi (1969) begründete diese Revolution mit dem Rückgang der sozialen Kontrolle durch die oben angeführten Instanzen – seine Theorie war die der „sozialen Desintegrationsprozesse“ (Hadjar, Baier, & Boehnke, 2003, S. 174f). Aus diesem Grund stehen bei Hirschis Theorien die sozialen Bindungen im Vordergrund.

Die Kontrolltheorie von Hirschi gehört zur Gruppe der neueren Kontrolltheorien den sogenannten Bindungstheorien. Hirschis Control Theory of Delinquency (1969) basiert auf vier Variablen (Kunz, 2008, S. 111f) / (Hadjar, Baier, & Boehnke, 2003, S. 175f):

- Attachment: emotionale Bindung eines Individuums an andere nahestehenden Individuen
- Commitment: Ist die Angst vor abweichendem Verhalten
- Involvement: Gebunden sein an konventionelle Aktivitäten (z.B. Schule, Beruf…)
- Belief: Glauben an ein existierendes gesellschaftliches Normen- und Wertesystem

Ein Auftreten von Delinquenz besteht laut Hirschi dann, wenn eine oder mehrere Variablen nicht bedient werden (Hadjar et al., S. 175). Hadjar et al. erwähnt desweiteren einige Kritikpunkte an Hirschis Theorie die Hirschi selbst sowie auch andere Sozialwissenschaftler (z.B. Lilly et al. (1995), Conger (1976) sowie Thompson et al. (1984)) bei empirischen Versuchen feststellten. Als der größte Mangel wird das vernachlässigen von psychologischen Aspekten genannt. Die entstandenen Kritikpunkte flossen in die erweiterte Theorie der sogenannten Self-Control Theory of Delinquency ein, die Hirschi gemeinsam mit Michael R. Gottfredson 1990 veröffentlichte. Der Unterschied zur ursprünglichen Theorie ist die Erweiterung des Objektbereichs bei der Definition einer kriminellen Handlung. Der größte Unterschied zwischen der Theorie von Hirschi und der ursprünglichen Power-Control Theorie von Hagan et al. (1979) ist die gesellschaftliche Komponente die sich bei Hagan in Form von Klassenbeziehung und Geschlechtsunterschieden niederschlägt. Bei Hirschi (1989) bzw. Hirschi/Gottfredson (1990) steht die Familie im Kernpunkt (ebd., S.175f).

3 Die Power-Control Theorie

Im folgenden Abschnitt möchten wir zeigen wie sich die Power-Control Theorie entwickelt hat. Sie ist eine Theorie die zur Gruppe der Theorien mittlerer Reichweite gehört (Hadjar, Baier, & Boehnke, 2003, S. 182). Zu ihrem Objektbereich gehören Jugendliche aus vollständig intakten Familien. Ein Ziel der Power-Control Theorie besteht im Beweis darin, dass Geschlechtsunterschiede in der Jugenddelinquenz soziologisch erklärt werden und somit biologistische oder genetische Erklärungen wiederlegt werden können (ebd., S.191).

3.1 Die ursprüngliche Power-Control Theorie

„Hagan´s view is that crime and delinquency rates are a function of two factors: (1) class position (power) and (2) family functions (control.)“ (Siegel, 2009, S. 241)

Der Kriminologe John Hagan führte in den 1980er Jahren des letzten Jahrhunderts mit seinen Kollegen John Simpson und A.R. Gillis ein Jugendforschungsprojekt durch. Bei dieser, in den USA durchgeführten empirischen Studie, wurde die Power-Control Theorie erarbeitet. Ihr Ziel war es einen strukturellen Rahmen für die Untersuchung der Beziehungen zwischen Geschlecht und leichter Jugenddelinquenz (Devianz) zu schaffen (Schmitt, 2001, S. 84f). Die klassische Theorie wird vor allem durch die Ausdrücke „power“ und „control“ dominiert. Später floss die Variable „class“, also die soziale Klasse, in sein Erklärungsmodell ein, wobei zu beachten ist, dass der amerikanische Begriff „class“ in der deutschen Übersetzung sowohl Klassen als auch Schichten bedeutet (Hadjar et al, S.176).

Das grundlegende Konzept von Hagan et al. (1979) enthielt folgende Annahmen (ebd., S.176):

- Informal control (z.B. innerfamiliäre Kontrolle): Mädchen/Frauen werden stärker von dieser Art der Kontrolle beeinflusst
- Formal control (z.B. staatliche Kontrolle): Buben/Männer sind Objekte von formaler Kontrolle
Wie oben erwähnt fügten Hagan et al. 1985 zusätzlich die soziale Klasse zu ihrer Theorie hinzu. Sie kamen zu folgendem Schluss (ebd., S.176f):
- Kinder, deren Eltern eine leitende Funktion am Arbeitsplatz haben, neigen eher zu delinquenten Handlungen als Kinder deren Eltern eine untergebene Position haben
- In höheren/dominanteren Klassen gibt es – im Gegesatz zu untergebenen Klassen - eher Geschlechtsunterschiede in der leichten Jugenddeliquenz
- Die Klasse (Vier Klassen bei Hagan) leitet sich von der Position des Haushaltsvorstandes ab.

Diese vier Klassen – angelehnt an den neo-marxistischen Ansatz von Wright et al. (1982) - sind (ebd., S.177):

- Employers: Sie kaufen Arbeitskraft
- Managers: Weisen Untergebene an
- Workers: Verkaufen ihre Arbeitskraft
- Surplus Population: Arbeitslose

Summiert man all diese bisher beschriebenen Annahmen kommt es zu folgendem Bild:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Die ursprüngliche Power-Control Theorie (Hadjar, Baier, & Boehnke, 2003, S. 177)

3.2 Die modifizierte Power-Control Theorie

Mitte der 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts veränderten Hagan et al. (1987) die Power-Control Theorie. Der größte Unterschied zur ursprünglichen Theorie findet man in der modifizierten darin, dass nicht nur der Haushaltsvorstand die Klasse definiert, sondern beide Elternteile gleichermassen (ebd., S.178). Die modifizierte Power-Control Theorie geht davon aus, dass Männer, durch ihre beruflich bessere Stellung, mehr Macht im Haushalt beanspruchen als Frauen mit geringeren beruflichen Resourcen. Also: je mehr Befügnisse ein Mann am Arbeitsplatz hat desto patriarchischer ist die Familienstruktur (ebd., S.178). Hierbei muss man Anmerken, dass die dominierende Person auch eine Frau sein kann. Hagan et al. (1987) bildeten nun sechs Gruppen anhand der verschiedenen Familienstrukturen (ebd., S.178):

- Mann und Frau im Erwerbsleben: Beide führende Position
- Mann führende Position, Frau nicht
- Frau hat führende Position, Mann nicht
- Beide haben keine führende Position
- Mann hat führende Position, Frau nicht erwerbstätig
- Frau hat führende Position, Mann nicht erwerbstätig

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Die modifizierte Power-Control Theorie (Hadjar, Baier, & Boehnke, 2003, S. 178)

Die drei zentralen Thesen die sich aus der modifizierten Power-Control Theorie ergeben lauten (ebd., S.179):

1. Je höhere die berufliche Position des Vaters gegenüber die der Mütter, desto patriachalischer ist das Familienleben

Dies bedeutet, dass familiäre Machtunterschiede zugunsten des Vaters ausfallen wenn dieser eine höhere berufliche Position hat.

2. Je patriarchalischer das Familienleben ist, desto geschlechtsspezifischer ist die elterliche Kontrolle

Diese These sagt aus, dass Familien in denen der Vater die dominante Rolle aufweist die Kinder verschiedene Geschlechtsrollen erlernen: Dies führt dazu, dass Mädchen mehr kontrolliert werden als Buben. Siegel (2009, S. 242) nennt diese verstärkte Kontrolle „cult of domesticity“, welche es unwahrscheinlicher macht das Mädchen zu abweichenden Verhalten neigen. Mädchen, die aus patriachalen Familien stammen haben eine größere Abneigung gegenüber Risiken als ihre Brüder (Schmitt, 2001, S. 88). Demnach sind Mädchen weniger delinquent weil sie einer stärkeren familiären Kontrolle ausgesetzt sind.

Schmitt (2001, S.88) erklärt noch ein anderes Beispiel: Haben beide Elternteile die gleiche Machtposition am Arbeitsplatz ergibt sich eine gleiche Machtposition in der Familie. In diesem Fall kommt es zu einer egalitären Kindererziehung in der an Sohn und Tochter die gleichen Anforderungen in bezug auf Karriere und Erfolg gestellt werden. Es werden beide Kinder gleichwertig sozialisiert und es kommt dadurch auch zu den selben Einstellungen zu Risiken und deliquentem Verhalten. In solch einer egalitären Familie erlangen Töchter mehr Freiheit als in einer patriachal geführten Familie. Die elterliche Kontrolle gegenüber der Tochter ist hier geringer.

[...]

Details

Seiten
15
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783668022232
ISBN (Buch)
9783668022249
Dateigröße
1.2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v303663
Institution / Hochschule
Johannes Kepler Universität Linz – Rechtspsychologie und Kriminilogie
Note
1
Schlagworte
power-control-theorie geschlechtsunterschiede jugenddelinquenz

Autoren

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