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Der Bürgerkrieg in Tadschikistan. Ursachen und politikwissenschaftliche Möglichkeiten zur Analyse

Seminararbeit 2015 28 Seiten

Politik - Internationale Politik - Region: Osteuropa

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Bürgerkrieg in Tadschikistan
2.1 Die Lage in Tadschikistan vor dem Bürgerkrieg
2.2 Überblick über den Verlauf des Bürgerkrieges
2.3 Das Ende des Bürgerkrieges

3. Die Ursachen des Bürgerkrieges in Tadschikistan
3.1 Kategorisierung der Ursachen nach Funktionsbereichen
3.1.1 Politik
3.1.2 Wirtschaft
3.1.3 Öffentliche Verwaltung
3.1.4 Justiz
Zusammenfassung
3.2 Gewichtung der Ursachen
3.3 Weitere Differenzierungsmöglichkeiten

4. Forschungskontroversen
4.1 Politikwissenschaftliche Ansätze zur Erklärung von Bürgerkriegen
4.1.1 Kategorisierung von Kriegsformen
4.1.2 Ethnizität
4.1.3 Fragile Staatlichkeit
4.2 Bewertung der Ansätze

5. Fazit

Quellen- und Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

Die Leitfrage der vorliegenden Arbeit lautet:

Was waren die Ursachen für den Bürgerkrieg in Tadschikistan und welche politikwissenschaftlichen Möglichkeiten gibt es, diese zu analysieren?

Diese Fragestellung impliziert zwei Teilfragen:

1.) Was waren die Ursachen für den Bürgerkrieg?
2.) Welche politikwissenschaftlichen Ansätze sind für diese Ursachenerforschung besonders geeignet?

Zur Beantwortung der ersten Teilfrage wird im nachfolgenden Kapitel die politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Lage und allgemeine Entwicklung Tadschikistans vor dem Bürgerkrieg prägnant dargestellt. Ein kurzer Überblick über den Verlauf des Bürgerkrieges und das Ende des Bürgerkrieges schließen sich an diesen Teil an.

Im zweiten Abschnitt liegt der Fokus auf den Ursachen des Bürgerkrieges. Diese werden zunächst mit Hilfe der bis dahin erreichten Ergebnisse in verschiedene Funktionsbereiche eingeordnet, um danach eine Gewichtung der Ursachen mit Hilfe der Bedürfnishierarchie von Maslow vorzunehmen. Weiterhin wird diese Methodik retrospektiv kritisch gewürdigt und andere Differenzierungsmöglichkeiten werden aufgezeigt.

Der dritte Teil dient der Beantwortung der zweiten Teilfrage, den politikwissenschaftlichen Ansätzen zur Ursachenanalyse. Dabei werden drei ausgewählte Ansätze, die Kategorisierung von Kriegsformen, Ethnizität und fragile Staatlichkeit, vorgestellt und in den Grundzügen auf den tadschikischen Bürgerkrieg angewendet. Diese theoretischen Konstruktionen werden daraufhin noch vergleichend bewertet hinsichtlich ihrer Reichweite und Erklärungskraft. Abschließend folgt eine Zusammenfassung mit der Beantwortung der Teilfragen beziehungsweise der zentralen Fragestellung und ein kurzer Ausblick auf die weitere Entwicklung Tadschikistans unter Berücksichtigung der gewonnenen Ergebnisse.

Wieso ist Tadschikistan Gegenstand dieser Untersuchung? Der zentralasiatische Raum im Allgemeinen bietet auf kleinem Gebiet viele Konfliktlinien und ist somit aus (politik-) wissenschaftlicher Sicht interessant. Zusätzlich ist Tadschikistan ein relevanter Partner für die westlichen Staaten bei der Bekämpfung von Terrorismus und Drogenhandel in der Region. Das Auswärtige Amt der Bundesrepublik Deutschland beschreibt die deutsch-tadschikischen Beziehungen wie folgt:

"[...] Zwischen Deutschland und Tadschikistan besteht seit Jahren eine intensive Zusammenarbeit im Rahmen der Bekämpfung von Terrorismus und grenzüberschreitender Kriminalität, insbesondere Drogenschmuggel. Tadschikistan ist hier wegen seiner 1200 km langen gemeinsamen Grenze mit Afghanistan ein besonders wichtiger Partner. [...]"1

Als strategischer Partner im zentralasiatischen Raum ist Tadschikistan nicht ausschließlich für Deutschland von Bedeutung. Nach dem Abzug des Großteils der ISAF-Truppen aus Afghanistan im Jahr 2014 befürchtete man eine Destabilisierung der gesamten Region und die Zunahme des Drogenschmuggels, primär durch das Grenzgebiet von Afghanistan und Tadschikistan. Vor allem die Entstehung eines möglichen neuen Rückzugsraumes für Terroristen beziehungsweise Islamisten gilt es zu verhindern. Tadschikistan wird in der Literatur nicht umsonst oftmals der "[...] weiche Unterbauch Russlands [...]"2 genannt. Die russische Föderation hat erhebliche Sicherheitsinteressen in Zentralasien, denn die Verhinderung der Ausbreitung von radikalisierten Islamisten ist auch Ziel russischer Außen- und Sicherheitspolitik.

Nachdem nun die Relevanz des tadschikischen Staates geklärt ist, ist die Frage noch offen, wieso die Ursachen des Bürgerkrieges in dieser Arbeit aufgegriffen werden. Generell ist es wichtig, vergangene bewaffnete Konflikte zu analysieren und daraus Lehren für die Zukunft zu ziehen. Insbesondere bei einem Staat mit sicherheitspolitischer Relevanz gilt es, die Ursachen für solche Konflikte zu identifizieren, um mögliche Prognosen und Handlungsempfehlungen zu entwickeln. Die Arbeitsgemeinschaft Kriegsursachenforschung (AKUF) hat sich sogar gänzlich dieser Thematik verschrieben.3

Der tadschikische Bürgerkrieg ist prinzipiell wissenschaftlich gut aufgearbeitet. Vor allem russische Intellektuelle haben sich dem Thema angenommen, aber leider ist nicht jede Arbeit übersetzt verfügbar. Neben der renommierten Friedrich-Ebert-Stiftung widmeten sich unter Anderem auch das Auswärtige Amt, die Bundeszentrale für politische Bildung und verschiedene Institute den Thematiken Bürgerkrieg und (gesellschaftliche, kulturelle, strukturelle) Gegebenheiten in Tadschikistan. Insgesamt kann man von einer guten Quellenlage sprechen.

2. Der Bürgerkrieg in Tadschikistan

Das folgende Kapitel dient dem Grundverständnis der vorliegenden Arbeit, denn um die Ursachen des tadschikischen Bürgerkrieges analysieren zu können ist es zwingend erforderlich, einen Überblick über die Geschehnisse vor, während und zum Ende des Konflikts zu kennen und die Zusammenhänge zu verstehen. Es werden primär die für die kommende Analyse und das Gesamtverständnis relevanten Handlungsstränge und Ereignisse zusammengefasst. Nach einem kurzen historischen Abriss über die Entwicklung von Tadschikistan wird die politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Lage in dem Land vor Ausbruch des Bürgerkrieges betrachtet. Im Anschluss daran wird der Verlauf des Bürgerkrieges in seinen Grundzügen dargestellt und zuletzt das Ende des Bürgerkrieges und das Friedensabkommen betrachtet.

2.1 Die Lage in Tadschikistan vor dem Bürgerkrieg

Bereits 1924 wurde die Verwaltungseinheit "Tadschikische Sozialistische Sowjetrepublik"4 geschaffen. Bis 1929 unterlag dieses Territorium der Kontrolle der Sowjetrepublik Usbekistan, aber mit der Angliederung weiterer Gebiete wurde die Sowjetrepublik autonom. Die Bemessung bei der Aufteilung von Mittelasien erfolgte nicht an kulturellen oder regionalen Gegebenheiten, sondern vor allem an sprachlichen Aspekten. Die Sowjetunion hatte die Absicht, homogene Verwaltungseinheiten zu schaffen, jedoch wurden damals wie auch heute zwei oder mehr Sprachen in dem Gebiet des heutigen Tadschikistans gesprochen. Das tadschikische Volk wurde dementsprechend bereits seit den 1920er Jahren fremdbestimmt, das im weiteren Verlauf der vorliegenden Arbeit noch ein wichtiger Faktor sein wird.5

Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurde Tadschikistan im September 1991 in die Unabhängigkeit "gestoßen"6. Diese Formulierung soll unterstreichen, dass weder politisch, ökonomisch oder gesellschaftlich das Land auf eine Selbstständigkeit vorbereitet war.

Die politische Lage in Tadschikistan war durch die Sowjetherrschaft geprägt. Funktionäre bekleideten die wichtigsten politischen und wirtschaftlichen Ämter. Korruption war allgegenwärtig, sowohl in staatlichen Institutionen als auch in der Wirtschaft. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion beziehungsweise nach der Unabhängigkeit entstand ein Machtvakuum in der Politik. Nicht der Kampf zwischen Ex-Kommunisten und Islamisten war zentral, sondern die Interessengegensätze entstanden zwischen altkommunistischen und autokratisch geprägten Interessengruppen und demokratisch-national beziehungsweise islamistisch bestrebten Gruppierungen. Ebenso entstanden Differenzen zwischen regionalen und lokalen Gruppierungen, die bestrebt waren, die Herrschaft in Tadschikistan zu übernehmen.7

Bereits 1990 gründete sich die "Demokratische Partei Tadschikistan" 8 (DPT), welche die Schaffung einer eigenen nationalen Identität nach der sowjetischen Herrschaft und die Errichtung eines demokratischen Staates mit einem Mehrparteiensystem anstrebte. Weitere Ziele waren die Implementierung von Menschenrechten und die Liberalisierung der tadschikischen Wirtschaft. Im selben Jahr gründete sich die "Partei der islamischen Wiedergeburt" 9 (PIW), die mit der DPT später kooperierte. Wenn von der Opposition in Tadschikistan die Rede ist, dann umfasst das im Regelfall vor allem diese beiden Parteien und deren Anhänger.10

Im November 1991 wurden die ersten Wahlen nach der Unabhängigkeit durchgeführt und Präsident wurde Rahmon Nabijev, der knapp 60 Prozent der Stimmen auf sich vereinen konnte. Dieser ging scharf gegen die Opposition vor, welche mit Demonstrationen gegen die durchgeführten Wahlen, gegen die Regierung und die Missstände des politischen Systems protestierten. Der Anlass dieser Demonstrationen war eine Äußerung eines Parlamentssprechers gegenüber dem Innenminister, welcher aufgrund dieser Äußerung zurücktrat.11

Die unterschiedlichen Vorstellungen von der Gestaltung des Staatsapparates, das Machtvakuum seit dem Ende der Sowjetherrschaft und andere Ursachen, die im weiteren Verlauf noch detaillierter betrachtet werden, stürzten das Land im Sommer 1992 nach monatelangen Demonstrationen letztendlich in den Bürgerkrieg.12,13

Die Wirtschaft in Tadschikistan unter der Sowjetherrschaft zeichnete sich durch große Abhängigkeitsverhältnisse aus. Um möglichen Autonomiebestrebungen der einzelnen Sowjetrepubliken entgegenzuwirken wurden die Wirtschaften der einzelnen Ländern miteinander verflochten: während die zentralasiatischen Staaten zur Gewinnung von Ressourcen und Landwirtschaft strukturiert wurden, errichtete man in den europäischen Sowjetrepubliken große Industriezweige. Wirtschaftlich gesehen waren dadurch weder die Industriestaaten, die auf die Rohstoffe aus den zentralasiatischen Staaten angewiesen waren, noch die Rohstoffgewinnungsstaaten, die keine eigene Weiterverarbeitungszweige im Land hatten, eigenständig. Durch das Prinzip der Planwirtschaft wurde zudem die Produktion und Güterverteilung zentral in der gesamten Sowjetunion gesteuert.14,15

Bereits zu Sowjetzeiten war Tadschikistan das "Armenhaus der Sowjetunion"16,17, wie es in der Literatur häufiger genannt wird. Die wirtschaftlichen Bedingungen erforderten stets hohe Subventionen aus Russland und die Tadschikische Sowjetrepublik war die am schlechtesten entwickelte Wirtschaft in Zentralasien. Insgesamt wurde Tadschikistan bis zu 40 Prozent während der Sowjetherrschaft extern versorgt. Bereits ab 1981 war die Entwicklung der Lebensqualität in Tadschikistan rückläufig. Manche Autoren sprechen gar von einer Misswirtschaft in Tadschikistan während der Sowjetherrschaft.18,19

Mit der Unabhängigkeit stürzte Tadschikistan auch in eine tiefe ökonomische Krise. Die Subventionen aus Moskau blieben aus, die Produkte und auch die Unternehmen waren nicht konkurrenzfähig gegenüber den ausländischen Firmen und deren Erzeugnissen. Die Arbeitslosigkeit betrug um die 40 Prozent und die Inflationsrate betrug mehr als 1100 Prozent. Die von den Entscheidungsträgern der Sowjetunion geschaffenen Abhängigkeitsverhältnisse, vor allem auch im Energiesektor, wurden deutlich. Eine deutliche "Kriminalisierung der Wirtschaft"20 war zu beobachten.21

Die gesellschaftliche Lage zu Sowjetzeiten war durch die Teilung in Arbeiter und Funktionäre geprägt. Vor allem die Clanstrukturen in Tadschikistan sind bis heute von Bedeutung. Clans sind soziale Aktionseinheiten, die über wirtschaftliche und politische Ressourcen verfügen und gemäß einer Studie der Stiftung Wissenschaft und Politik auch mit den Strukturen der italienischen Mafia verglichen werden können. Diese Clanstrukturen sind so stark, dass sie einer erfolgreichen Nationenbildung in Tadschikistan sogar im Wege waren.22,23

Nicht zu vernachlässigen ist auch die ethnische Komponente der tadschikischen Gesellschaft: Im "Schmelztiegel" 24 Tadschikistan vereinen sich viele verschiedene Nationalitäten, Religionen, Ethnien und Sprachen.25

Die starke regionale Zergliederung 26 der tadschikischen Gesellschaft erfordert eine kurze Erläuterung der verschiedenen Regionen. Besonders fünf dieser Regionen beziehungsweise Verwaltungsbezirke innerhalb Tadschikistans sind relevant für das Verständnis des Bürgerkrieges und seiner Konfliktlinien:

(1) Duschanbe, die Hauptstadt Tadschikistans, in der vor allem eine breit gefächerte Mittelschicht zu finden ist und die sich durch Modernisierungsprozesse gegenüber den anderen Regionen abhebt. Das kulturelle Zentrum des Landes beherbergt auch die meisten staatlichen Institutionen. Vor und während des Bürgerkrieges entstanden zahlreiche politische Bewegungen in Duschanbe, auch der Bildungsgrad ist im Vergleich zum Rest des Landes vergleichsweise hoch.27
(2) Bergbadakhshan im Pamir-Gebirge, diese rar besiedelte Region mit ihrer islamisch- geprägten Bevölkerung zeichnete sich vor allem durch seine Autonomiebestrebungen vor, während und nach dem Bürgerkrieg aus. Das Gebiet ist von starker Armut betroffen. Im Bürgerkrieg gründete sich eine politische Bewegung in diesem Gebiet, welche ein wichtiger Bestandteil der Opposition wurde.28
(3) Die Zentralregion, unter diesem Begriff wurden verschiedene Einzelregionen rund um Duschanbe zusammengefasst. Vor allem die Industrie des Landes ist hier angesiedelt. Die Menschen in der Region waren Anhänger der Regierung.29
(4) Die Region Kuljab zeichnet sich vor allem durch seine Konflikte mit der Region Bergbadakhshan aus. Die Kuljabi übernahmen im Laufe des Bürgerkrieges die Macht in Tadschikistan. Vor allem zu Sowjetzeiten war der Anteil der Kuljabi in der Armee vergleichsweise hoch.30 Daher entstammte auch die Redensart: "Leninabad regiert, Kuljab bewacht und der Pamir tanzt."31
(5) Leninabad, in dieser Region ist besonders die Herrschaftselite stark verwurzelt. Die Nähe zur usbekischen Hauptstadt Tashkent war ein bedeutender kultureller Einfluss in der Region. Zeitweise kamen Bestrebungen in der Bevölkerung auf, sich von Tadschikistan abzuspalten und sich Usbekistan anzuschließen.32

2.2 Überblick über den Verlauf des Bürgerkrieges

Nachdem die Demonstrationen im Verlauf des Sommers 1992 in bewaffnete Auseinandersetzungen mündeten, trat im September 1992 der kommunistische Präsident Nabijev zurück. Es waren vor allem die Pamiris aus Bergbadakhshan, die in Duschanbe auf die Straße gegangen waren, um ihre Forderungen zu verdeutlichen. Die Opposition schloss sich zur "Front der Rettung des Vaterlandes"33 zusammen und die Regierung und ihre Anhänger formierten sich zur "Volksfront" 34. Im Herbst 1992 wurde Emomali Rahmonov zunächst Parlamentspräsident. Dieser konnte die Unterstützung Russlands und Usbekistans für sich gewinnen und so nahm die Volksfront die Hauptstadt Duschanbe wieder ein, die während den Auseinandersetzungen unkontrollierbar geworden war. Er erhielt dadurch die Macht über die Hauptstadt und die politischen Institutionen, jedoch dauerten die Kämpfe im ganzen Land bis Sommer 1993 an und auch in der Hauptstadt waren die Machtverhältnisse noch nicht vollends geklärt. Im Jahr 1994 kam es zu ersten Verhandlungen zwischen der Opposition und der Regierung in Teheran, bei denen ein Waffenstillstandsabkommen unterzeichnet wurde. Jedoch gab es in den Folgejahren regelmäßige Brüche dieses Abkommens. Im November 1994 wurde per Referendum eine neue Verfassung in Tadschikistan etabliert und Rahmonov zum Staatspräsidenten gewählt. Diese Wahlen wurden heftig kritisiert, da keine externen und unabhängigen Wahlbeobachter vor Ort waren. Trotzdem wurde die Regierung von diesem Zeitpunkt an als ein legitimer Ansprechpartner, vor allem vom Ausland, anerkannt. Die wichtigsten staatlichen Strukturen und Institutionen waren bereits in den Händen der Volksfront, aber die Rechtmäßigkeit der Wahlen lässt sich bis heute nicht abschließend bewerten. Die Parlamentswahl 1995 stand unter ähnlich schlechten Vorzeichen wie die Präsidentschaftswahl und auch hier konnte die Regierung die Mehrheit für sich gewinnen. Während des Bürgerkrieges erhielt Rahmonov, respektive die Regierung, Waffenlieferungen aus Russland, weil es unter Anderem an Stabilität in der Region und an der Eindämmung des islamischen Einflusses interessiert war. Bis 1996 nahmen die Gefechte zwischen der Regierung und der Opposition wieder signifikant zu und diverse Waffenstillstandsverhandlungen und -abkommen scheiterten in dieser Zeit.35,36,37

2.3 Das Ende des Bürgerkrieges

Für einen zeitlichen und inhaltlichen Abschluss ist ein kurzer Blick auf das Ende des Bürgerkrieges von Nöten: Es war vor allem der starke Druck aus Russland, der die Regierung und die Opposition zur Unterzeichnung des Friedensabkommens im Juni 1997 in Moskau regelrecht zwang. Die militärischen Auseinandersetzungen verringerten sich in Anzahl und Ausmaß, aber trotzdem blieb die Lage in Tadschikistan auch in den folgenden Jahren weiter instabil. Das Abkommen umfasste formell große Zugeständnisse gegenüber der Opposition. Genau ein Drittel der relevanten lokalen und nationalen Regierungsposten wurden dieser zugesichert, jedoch scheiterten diese Versprechungen an ihrer Umsetzung. Die bewaffneten Kräfte der Regierungsgegner wurden in die nationale Armee integriert, um erstens Perspektiven für diese Menschen zu schaffen und zweitens die Kontrolle über sie zu erlangen. Das Moskauer Friedensabkommen wird in den meisten Abhandlungen über den tadschikischen Bürgerkrieg und auch von der tadschikischen Regierung als Ende des Bürgerkrieges gehandelt. Einige Autoren verweigern sich dieser zeitlichen Eingrenzung und setzen erst ein Jahr später, 1998, das Ende des Bürgerkrieges - aufgrund der vereinzelt weitergeführten Gefechte und Machtkämpfe auch nach dem Friedensabkommen von 1997.38,39

3. Die Ursachen des Bürgerkrieges in Tadschikistan

Nachdem im vorangegangen Kapitel die Bedingungen und Missstände in Tadschikistan vor dem Bürgerkrieg und der Verlauf des Bürgerkrieges kurz dargestellt wurden, widmet sich der folgende Abschnitt nun gänzlich den Ursachen dieser Entwicklungen. Dabei wird versucht, diese Ursachen in verschiedene Kategorien einzuordnen. Der Ansatz zur Kategorisierung erfolgt nach den verschiedenen Funktionsbereichen 40 wie Politik, Wirtschaft, öffentliche Verwaltung und Justiz. Mit Hilfe der Bedürfnishierarchie nach Maslow ist das Ziel, eine Gewichtung der Ursachen vornehmen zu können und so die zentralen Ursachenbereiche herauszufiltern. Zuletzt werden in diesem Kapitel die weiteren Differenzierungsmöglichkeiten dargestellt und die vorgenommene Kategorisierung kritisch gewürdigt.41

3.1 Kategorisierung der Ursachen nach Funktionsbereichen

Im Folgenden werden die Ursachen für den Bürgerkrieg in Tadschikistan nach den verschiedenen Funktionsbereichen getrennt betrachtet. Die Gliederung in Funktionsbereiche entspringt der Theorie des Funktionalismus und wurde ursprünglich vorgenommen, um politische Maßnahmen auf Handlungsfelder begrenzt koordinieren zu können. Ein Funktionsbereich ist vergleichbar mit einem Politikfeld wie zum Beispiel Wirtschaft oder Soziales. Der Fokus der sich anschließenden Kategorisierung liegt auf vier Funktionsbereichen: Politik, Wirtschaft, Öffentliche Verwaltung und Justiz.42

3.1.1 Politik

Eine ursächliche Konfliktlinie im Funktionsbereich der Politik war der Machtkampf zwischen der altkommunistischen, auf Säkularisierung ausgerichteten Regierung und der demokratisch- islamischen Opposition. Die Unabhängigkeit beendete die Fremdbestimmung des tadschikischen Volkes - aber es entstand zeitgleich ein Machtvakuum. Das politische System war zu dieser Zeit nicht in der Lage, diesen Machtkampf institutionalisiert, durch zum Beispiel allgemeine und freie Wahlen, ausfechten zu lassen. Es fehlte die Erfahrung, formelle und informelle Aushandlungsprozesse einzuleiten und in einen möglichen Konsens münden zu lassen. Nicht nur verschiedene Ideologien trennten die beiden Lager, es waren auch die Vorstellungen von dem zu schaffenden Staatsapparat, die deutlich voneinander abwichen. Die Relevanz dieser fehlenden Konfliktlösungsmechanismen ist von besonderer Bedeutung, da die Möglichkeiten, über Politik Veränderungen herbeizuführen, sehr begrenzt waren.

Die junge Parteigeschichte der Opposition verdeutlicht ebenfalls mangelnde Erfahrungswerte bei der Implementierung eigener Interessen und eigener politischen Inhalte in den politischen Prozess. Dadurch, dass die Wahlen nicht die Meinung der Bevölkerung widerspiegelten, entstand Misstrauen gegenüber dem politischen System und der Regierung. Vor allem Korruption und mangelnde Transparenz trugen zu der Unzufriedenheit mit der Politik bei.

[...]


1 Auswärtiges Amt, 2014.

2 Halbach, 1997.

3 Vgl. Widmer, 2014.

4 Reissner, 1997: 26.

5 Vgl. ebd.: 25f.

6 Wipperfürth, 2007: 55.

7 Vgl. Reissner, 1997: 9.

8 Ebd.: 11.

9 Ebd.: 13.

10 Vgl. ebd.: 9-13.

11 Vgl. ebd.: 13-18.

12 Vgl. Buschkow, 1995: 4-8.

13 Vgl. Reissner, 1997: 18.

14 Vgl. Bill, 2010: 34ff.

15 Vgl. Sauerland, 2014.

16 Bill, 2010: 36.

17 Wiegmann, 2007: 225.

18 Vgl. Buschkow, 1995: 8f.

19 Wiegmann, 2007: 226.

20 Buschkow, 1995: 3.

21 Vgl. Friedrich-Ebert-Stiftung, 1999.

22 Vgl. Reissner, 1997: 33.

23 Vgl. Buschkow, 1993: 4-12.

24 Ebd.: 37.

25 Vgl. ebd.: 37.

26 Vgl. Buschkow, 1995: 3.

27 Vgl. Reissner, 1997: 34.

28 Vgl. ebd.: 34f.

29 Vgl. ebd.: 36.

30 Vgl. ebd.: 35.

31 Reissner, 1997: 35.

32 Vgl. ebd.: 32ff.

33 Ebd.: 19.

34 Ebd.

35 Vgl. Bill, 2010: 36-38.

36 Vgl. Reissner, 1997: 9-22.

37 Vgl. Borcke, 1995.

38 Vgl. Dorenwendt, 2014.

39 Vgl. Sputnik, 2012.

40 Vgl. Schäfers, 2004: 4.

41 Anmerk. d. Verf.: Da die Umstände beziehungsweise politischen Verhältnisse schon ausführlich geschildert und anhand von Quellen belegt worden sind, wird aus Gründen der Lesbarkeit auf eine Wiederholung der selben Quellen in diesem Teil verzichtet.

42 Anmerk. d. Verf.: Es wird bewusst auf weitere Bereiche wie Soziales und Bildung verzichtet, da es keine verlässlichen Daten im Untersuchungszeitraum gibt und weil das nicht der Kernbereich dieser Arbeit ist.

Details

Seiten
28
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668032804
ISBN (Buch)
9783668032811
Dateigröße
565 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v303692
Institution / Hochschule
Helmut-Schmidt-Universität - Universität der Bundeswehr Hamburg – WiSo
Note
1,3
Schlagworte
Bürgerkrieg Tadschikistan Ursachen Möglichkeiten Politikwissenschaft

Autor

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Titel: Der Bürgerkrieg in Tadschikistan. 
Ursachen und politikwissenschaftliche Möglichkeiten zur Analyse