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Erwachsenenlernen. Erwachsensein, Reife, Kompetenzen und andere Fragen der Erwachsenenbildung

Einsendeaufgaben

Hausarbeit 2015 17 Seiten

Pädagogik - Erwachsenenbildung

Leseprobe

Aufgabe 1:

Kommentieren Sie die Anekdote des Ballonfahrers aus konstruktivistischer Sicht.

'Anekdote: „Ein Ballonfahrer hat sich verirrt. Er sieht unter sich einen Bauern und ruft ihm zu: „Wo bin ich?“ Der Bauer antwortet: „In einem Ballon.“[1]

Der Ballonfahrer und der Bauer befinden sich in unterschiedlichen Situationen mit unterschiedlichen Blickwinkeln. Der Bauer hat eine erdgebundene Sicht der Welt, der Ballon ist ungewöhnlich, daher sieht es den Ballonfahrer primär im Ballon. Der Ballonfahrer hingegen hat die Perspektive eines Reisenden, der sich primär dafür interessiert, wo er mit seinem Fortbewegungsmittel befindet. Die Erwartung und Bezüge auf die Frage nach dem Ort unterscheiden sich aufgrund dieser unterschiedlicher Blickwinkel. Dies führt zu einer Antwort des Bauern, die jegliche Erwartung des Ballonfahrers durchkreuzt.

Konstruktivismus besagt, dass Erkenntnis die konstruktivistische Tätigkeit des Gehirns las geschlossenes System ist. Somit existiert im Konstruktivismus keine objektiv beschriebene Realität[2], sondern nur subjektive Erkenntnisse von einzelnen, die aufgrund von Konsens durchaus zu gleicher Sicht führen können.[3]

Im Konstruktivismus herrscht die Sicht, dass Sinneswahrnehmung eine subjektiver Sicht der Wirklichkeit erschafft, daher mag zwar eine objektiver Realität existieren, diese wird jedoch stets subjektiv beschrieben.[4] Die subjektive Wahrnehmung des Ballonfahrers ist die eines Menschen, der sich auf einer Reise verirrt hat. Die subjektive Wahrnehmung des Bauern ist die eines Menschen aus „seinem“ Land, an das er in irgendeiner Weise gebunden ist. Diese subjektiven Positionen divergieren stark.

Individuelle Interpretationen von Vorgängen beruhen auf Assoziationen, bisherigen Erfahrungen und bereits existentem Wissen; hinzu kommt ein besonderer, steuernder Einfluss der Emotionen.[5] Der Bauer in der Anekdote mag sich hier besonders eignen, um diese zu interpretieren, ihm ist der Ballon fremd, weshalb er auf das Fremde fokussiert. Der Ballonfahrer dagegen sieht in dem Ort etwas fremden, da er sich verirrt hat, somit zielt seine Frage auf diesen fremden Ort. Dies spiegelt die konstruktivistische Pluralität der Sichtweisen dar.[6] Folglich gibt es nicht eine Wahrheit, sondern die subjektiven Abbildungen davon.[7] In der Anekdote des Ballonfahrers sind dies die subjektiven Bedeutungen und Zielsetzungen der Frage, wo der Ballonfahrer sich befindet.

Natürlich würde ein Dritter erkennen, dass der Ballonfahrer sich selbstverständlich im Ballon befindet, wie der Bauer anmerkt, aber ihm dies auch absolut klar ist, weshalb die Antwort des Bauers ebenso offensichtlich für den Ballonfahrer sinnlos erscheint.

Ballonfahrer und Bauer haben unterschiedliche Ausgangspunkte. Im Konstruktivismus bezeichnet sich diese als Programme mit Werten und Bedürfnissen. Zieht man die verschiedenen Ichs der Gehirnforschung heran, so erkennt man unterschiedliche perspektivische und Erlebnis-Ichs bei den beiden Protagonisten der Anekdote.[8]

Die konstruktivistische Erwartung einer Erwartung des anderen wird Erwartungs-Erwartung genannt.[9] Dieses Bild der Erwartung des Ballonfahrers macht sich der Bauer entweder nicht, oder aber er durchkreuzt sie bewusst. Die Motivation dazu mag unterschiedlich gesehen werden, entweder aus Unkenntnis der Erwartung oder Absicht die Erwartung nicht zu erfüllen. Dies mag ein Stück weit mit Rollenzuschreibungen zu erklären sein, wie dies mit Hilfe des Konstruktivismus geschehen kann; so wie sich selbst erfüllende Prophezeiungen über Lernfähigkeiten und Erwartungen erfüllen können.[10] Danach könnte der Bauer erwarten, dass der Ballonfahrer von ihm keine sinnvolle Antwort erwartet. Grund dafür könnte die Rollenerwartung sein, in der ein Reisender auf ihn herabblicken würde, zumal in früherer Zeit als per Ballon gereist wurde, Reisen ein Zeichen eine gehobenen Status galt. Insofern könnte ein Marxist sogar einen Klassenkonflikt in die Anekdote interpretieren. Zumindest aber lässt sich darin ein verdeckter Konflikt erkennen.

Wenn nun Erwartung wahrgenommene Realität konstruiert und die Lebenssituation die Erwartung beeinflusst, so erreicht man eine Rückkopplung, die letztlich zu einem Zirkelbezug zwischen Erwartung, Realität und Reaktion in einer derartigen Begegnung unterschiedlicher Personen führt.[11] Der Bauer sieht sich erdgebunden, erwartet den Ballonfahrer als auf ihn hinabblickend und reagiert entsprechend. Der Ballonfahrer wiederum leitet aus der Reaktion eine wahrgenommene Realität über die Intelligenz des Bauern ab und reagiert wiederum darauf. Es besteht die realistische Möglichkeit, dass der Ballonfahrer den Bauern eben aufgrund der Antwort eben derart beurteilt, wie der Bauer es vermutet hatte. Der Bauer schafft sich seine Realität damit gestaltend. Er bring den Ballonfahrer durch seine Antwort dazu, ihn so zu beurteilen, wie er vermutete bereits vorher beurteilt worden zu sein. Der Bauer hätte somit eine selbsterfüllende Prophezeiung realisiert.

Gleichartiges stellt sich in der Situation zwischen Kursleiter bzw. Dozent und Teilnehmer in der Erwachsenbildung dar, wenn Erwartungen über die Erwartungen der anderen Seite projiziert werden und sich aufgrund der Projektion erfüllen.[12] Gleichfalls mag die Erwartung von Feindschaft einer fremden Nation deren Misstrauen wecken und somit Feindschaft erzeugen. Ein Konzept welches retrospektiv die Situation des Wettrüstens in der Hochphase des kalten Krieges beschreibt, in der jede Seite intensiv zu rüsten bemüht war, um die andere Seite von einem Angriff abzuschrecken. Genau damit bestärkten sie die andere Seite in der Annahme, ein Krieg würde vorbereitet, denn im Grunde niemand wollte. Erwartung konstruiert also Wirklichkeit, ist somit konstitutiv für die Realität, nicht nur für das konstruierende Subjekt, sondern auch für in diesem Zusammenspiel neutrale Dritte.

Der Einfluss der Erwartung an die Erwartung des anderen zeigt sich somit selbst in der Anekdote des Ballonfahrers, obwohl hier primär die Erwartung des Ballonfahrers, zu erfahren wo er sich befindet, durchkreuzt wurde. Hier sind es verdeckte Erwartungen, die sich bestätigt sehen können, wenn man den Konstruktivismus mit seinen Erwartungs-Erwartungen heranzieht.

Aufgabe 2:

Welche unterschiedlichen Deutungen das „Erwachsenseins“ kennen Sie?

Das Konzept von Erwachsenen unterscheidet sich in verschiedenen Kontexten und Kulturkreisen. In archaischen Kulturkreisen war Erwachsen sein durch Jagdfähigkeiten, eine eigene Herde oder die erfolgreiche Beendigung eines Übergangsritus erreicht. Diese einfache Definition von Erwachsen sein lässt sich ein einer modernen bzw. postmodernen westlichen Gesellschaft nicht länger anwenden.

Eine Deutung von Erwachsenen entstammt dem Rechtssystem, wo es zwei Unterschiedliche Stufen gibt. Die Volljährigkeit wird im Alter von 18 Jahren erreicht, bis zum Alter von 21 Jahren gibt es dann den Heranwachsenden, der eine Mischform darstellt, in dem noch Jugendgerichte zuständig sind, aber Erwachsenenstrafrecht angewendet werden kann.[13] Somit wird man erst mit dem einundzwanzigsten Geburtstag wirklich vollkommen erwachsen im deutschen Recht. Weitere Einschränkungen und Überlegungen dazu könnten sich noch auf Altersgrenzen für unterschiedliche Führerscheinarten und passives Wahlrecht[14] erstrecken, in dem sowohl 18 wie auch 21 Jahre vorkommen.

Das Erwachsensein kann als eine Art des Entwickelt-Seins definiert werden. Diese Entwicklung wiederum bedarf einer Abgrenzung, die gegenüber einer Phase der Entwicklung erfolgen könnte. Dazu kann eine Sicht mit Mündigkeit verbunden mit Reife, Vernunft, Verantwortung und Überlegenheit herangezogen werden. Diese wirft dabei sofort die Frage auf, wem der Erwachsene überlegen sein soll, wozu die nicht-erwachsenen und noch in der Entwicklung befindlichen Personen die einzig sinnvolle Vervollständigung der Definition ergäben.[15]

Diese Definitionen benötigen einen Blick auf Entwicklung. Der gesamte Kontext der Erwachsenenbildung legt nahe, dass Erwachsene sich ebenfalls noch entwickeln können und wollen. Dabei ist die Entwicklung bzw. genauer die Weiterentwicklung von Erwachsenen doch stets Thema von klassischer Literatur und Dichtung. Mag man bei der Odyssee beginnen, oder gar früher beim Gilgameschepos und den Blick weiterführen bis in moderne Werke, die Heldenreise der Hauptfiguren beinhaltet eine Form der Entwicklung. Daran zeigt sich der Drang zur Entwicklung bei Erwachsenen, der kein Phänomen der Neuzeit ist, sondern vielmehr in unserer Natur verankert ist.

Bezieht man die Darstellung ein, dass Erwachsen ist, wer erfolgreich, strebend und bemüht ist, so entsteht bei antriebslosen Erwachsenen ohne Motivation und Ehrgeiz ein Deutungsproblem.[16] Umgekehrt entsteht Ungenauigkeit bei Kindern und Jugendlichen mit früh entwickeltem Ehrgeiz und Erfolgen. Wie würde ein junger Autor mit erfolgreichen Veröffentlichungen im Alter von 14 Jahren demnach beurteilt? Was wäre ein Vierzigjähriger, der lediglich von einem Erbe lebt ohne in seinem Leben Sinn oder Entwicklung zu suchen?

Christlich geprägte religiöse Gruppen haben eine schuld-zentrierte Sicht von Erwachsenen, in Unterscheidung von der teils angenommenen Unschuld der Kinder, die teils aber auch unter Verweis auf eine Form der durch Geburt ererbten Sünde negiert wird. In Anlehnung daran erscheint die Argumentation über Phänomene wie Umweltzerstörung und Grausamkeiten des Krieges als Verantwortung Erwachsener logisch.[17]

Die Ausschließlichkeit dessen ist jedoch nicht gegeben, denn auch Kinder neigen dazu sich wenig um ihre Umwelt zu kümmern, Gewässer gedankenlos zu verschmutzen oder grausam zu sein. Die Frage nach dem Bewusstsein über ihr Handeln hingegen erscheint nicht so eindeutig wie bei Erwachsenen. Nach den Schriften des Philosophen Schopenhauer kann man den Primat des Willens zur Definition heranziehen und eine Person in vollem Bewusstsein[18] ihrer selbst und voll ausgeprägtem Willen und Charakter als erwachsen bezeichnen.[19] Ist also Erwachsen, wer sich der Konsequenzen des eigenen Handelns bewusst ist? In Anlehnung an die juristische Sprache müsste man diese Frage um „bewusst sein kann“ erweitern, um zustimmen zu können.

Ein Hinweis auf das Erwachsensein findet sich im Verweis auf das Bewusstsein der Vergänglichkeit des eigenen Lebens. Dazu kommt das Erreichen der endgültigen Größe im Sinne der Persönlichkeitsentwicklung. Hierhin findet sich auch ein Stück weit die Sicht Schopenhauers wieder. Die römische Tradition in Westeuropa legt nahe die Irrtumsfähigkeit als Indiz für das Erwachsensein zu nutzen. Somit kann die Fähigkeit des Menschen mit Irrtümern umzugehen, gar daraus selbsttätig Nutzen und Erkenntnis für die Zukunft zu ziehen einer der wichtigsten Teile des Erwachsenseins bilden.[20]

Diejenigen, die unsere Welt gestalten sind zweifelsohne Erwachsene. Diese Definition lässt sich jedoch nicht umdrehen. Erwachsensein als Vollendung der Entwicklung des Menschen war lange die prägende Definition.[21] Aufgrund dessen ergäbe sich ein Konflikt mit jeder Form später Weiterentwicklungsbemühungen in höherem Alter. Ein ehemaliger Ministerpräsident, der nochmal ein zusätzliches Studium beginnt, scheint solche Definitionen zu sprengen. Verantwortungspflicht die Weiterbildungspflicht begründet[22] erzeugt auch Weiterentwicklung. Fertige Entwicklung als definitorische Grundlage für Erwachsensein erscheint somit überholt.

Die Funktion der Erwachsenen als Erzieher der Heranwachsenden[23] erscheint ebenso wenig für die Zukunft haltbar, Mutter- oder Vaterrollen werden in Zeiten kinderloser Paare tendenziell weniger. Hinzu kommt der Faktor, dass Kinder beispielsweise jüngere Geschwister (mit-)erziehen. Dennoch zeigt dieser Faktor ein interessantes Indiz. Erwachsene können fremdbestimmt Erziehung bei Kindern vornehmen. Die Entwicklung bei Erwachsenen hingegen ist eher von der Person selbst gesteuert.

Die größere Sorge von Kindern und Jugendlichen bezüglich der Umweltzerstörung[24] lässt sich möglicherweise mit der höheren Lebenserwartung an noch zu erlebenden Jahren erklären. Wer mehr Jahre in Zukunft erleben wird, ist mit höherer Wahrscheinlichkeit von kommenden Problemen betroffen.

Abschließend sei Erwachsensein auf Basis der vorgenannten Ansätze zusammenführend betrachtet:

Erwachsensein beinhaltet als prägende Element die Erreichung eine Großteils charakterlicher Reife, der Fähigkeit Irrtümer konstruktiv zu nutzen, Steuerung durch den eigenen Willen und darauf begründeter bewusster selbst-gesteuerter Entwicklung.

[...]


[1] Siebert, Menschenbild und Bildungsanspruch, Seite 7

[2] Gabler Wirtschaftslexikon

[3] Siebert, Menschenbild und Bildungsanspruch, Seite 1

[4] Gabler Wirtschaftslexikon

[5] Siebert, Menschenbild und Bildungsanspruch, Seite 2

[6] Siebert, Menschenbild und Bildungsanspruch, Seite 5

[7] Siebert, Menschenbild und Bildungsanspruch, Seite 7

[8] Siebert, Menschenbild und Bildungsanspruch, Seite 8

[9] Siebert, Menschenbild und Bildungsanspruch, Seite 29

[10] Siebert, Menschenbild und Bildungsanspruch, Seite 13

[11] Siebert, Menschenbild und Bildungsanspruch, Seite 29

[12] Siebert, Menschenbild und Bildungsanspruch, Seite 29

[13] Suchbegriff „Heranwachsender“ in: Unbekannter Autor in http://www.rechtslexikon.net/d/heranwachsende/heranwachsende.htm

[14] Eine Ausnahme stellt die Position des Bundespräsidenten dar, mit 40 Jahren Mindestalter

[15] Siebert, Menschenbild und Bildungsanspruch, Seite 10

[16] Siebert, Menschenbild und Bildungsanspruch, Seite 10 und 12

[17] Siebert, Menschenbild und Bildungsanspruch, Seite 10

[18] In Schreibweise von Schopenhaur: „Selbstbewußtseyn“

[19] Schopenhauer, Die Welt als Wille und Vorstellung, Seite 628 bis 632

[20] Siebert, Menschenbild und Bildungsanspruch, Seite 11 bis 12

[21] Siebert, Menschenbild und Bildungsanspruch, Seite 12

[22] Siebert, Menschenbild und Bildungsanspruch, Seite 17

[23] Siebert, Menschenbild und Bildungsanspruch, Seite 10

[24] Siebert, Menschenbild und Bildungsanspruch, Seite 13

Details

Seiten
17
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668032729
ISBN (Buch)
9783668032736
Dateigröße
479 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v303814
Institution / Hochschule
Technische Universität Kaiserslautern
Note
Schlagworte
Konstruktivismus Erwachsenenlernen Erwachsensein Adoleszenz-Maximum-Kurve formelle Bildung informelles LErnen Kompetenzentwicklung Ideologie und Erwachsenenbildung

Autor

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