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Pierre Bourdieus Theorie über das subversive politische Handeln

Mit einem besonderen Augenmerk auf die PEGIDA Bewegung

Essay 2015 8 Seiten

Politik - Internationale Politik - Allgemeines und Theorien

Leseprobe

Dieses Essay soll textnah die Argumentation von Pierre Bourdieu über die Möglichkeit des subversiven politischen Handelns wiedergeben. Dafür versuche ich aufzudecken, inwieweit und wodurch Akteure politisch handlungsfähig sind, wie sich politische Gruppen als Zusammenschlüsse interessennaher Akteure organisieren, welche Probleme dabei für subversive Gruppen entstehen und wie diese letztlich ihre Subversivität durchsetzen oder einbüßen. Aufgrund des aktuellen Anlasses der regelmäßig nervenden Demonstrationen der PEGIDA und ihrerGegenbewegung möchte ich die Thesen Bourdieus unter anderem auf dieses Beispiel anwenden um aufzuzeigen, ob und inwiefern die Bewegung der PEGIDA subversiv zu nennen ist und welches Gefüge der oberflächlich divers erscheinenden Gegenbewegung zugrunde liegt.

Die von Bourdieu angeführten Begriffe sind bei erstmaliger Verwendung kursiv geschrieben, Zitate und populäre Parolen apostrophiert. Viel Vergnügen!

Der Prozess des Auftretens politisch Handelnder beginnt bei Bourdieu mit dem sozialen Akteur als einer Einzelperson, die sich innerhalb der sozialen Welt als mehr oder weniger richtig erkennende bewegt und diese Welt insofern beeinflussen kann, indem die Person ihre Erkenntnisse beeinflusst. Dabei ist das Verhalten zwischen der politischen Handlung und dem Erkenntnisprozess hier schon ein wechselseitiges: durch die politische Handlung werden Repräsentationen der sozialen Welt geschaffen, durch welche die Erkenntnis des sozialen Akteurs und letztlich die soziale Welt selbst beeinflusst wird. “Die ökonomisch-soziale Welt - Erkenntnisobjekt für die in ihr lebenden sozialen Akteure - übt ihren Einfluss nicht in Gestalt mechanischer Determinierung aus, sondern in Gestalt einer Beeinflussung dieser Erkenntnis.”[1]

Bourdieu setzt voraus, dass es in einer Gesellschaft Herrscher und Beherrschte gibt, die sich in Klassen unterteilen, da die Beeinflussung der Erkenntnis über Klassifizierungsschemata (mentale Strukturen) durchgesetzt werden, die - angepasst an objektive Klassifizierungen - die Ordnung zwischen den politisch handelnden Herrschenden und den nicht zum politischen Handeln beeinflussten Beherrschten durchsetzen. Dieses Zusammenspiel von mentalen Strukturen und objektiven Strukturen, führt zur Doxa, der Ur-Bejahung derbestehenden Ordnung. Diese Doxa ist die Weiterführung von Bourdieus Begriff der lllusio, des Vertrauens der Akteure an ein soziales Feld als solches. Ohne lllusio gibt es keine Zugehörigkeit zu einem sozialen Feld und die Doxa beschreibt die selbstverständliche Einsicht in die grundsätzlichen Regeln, Mechanismen und Normen dieses Feldes; zusammen bilden sie den common sense, eine Art Leitidee als Fundament der öffentlichen Meinung.

Die Produktionsweisen von den Meinungen derAkteure finden unterden Voraussetzungen des common sense, von lllusio und Doxa statt. Bourdieu verweist auf Nietzsche, der bereits zu seiner Zeit über die Förderung von Kreativität und die Betonung des Persönlichkeitswerts bei der bemühten Herstellung von Bildung in Schule und Erziehung spottete. Bourdieu selbst betont darauf aufbauend, dass dieser persönlichkeitsorientierte Ich-Kult dem künstlerischen Bildungsbegriff von Literaten entstamme; dass dieser in einen Egoismus verwandelt durchaus auf gesamtgesellschaftlicher Ebene verbreitet ist und positiv sanktioniert wird. Ein gewisser Egoismus entspricht der Doxa, da er als Zustimmung zu den Institutionen und zur sozialen Ordnung generell verstanden wird.[2]

Dieser Sachverhalt, die Verinnerlichung der objektiven Strukturen - die Doxa - wird anhand eines Beispiels augenscheinlich. Gesellschaftliche Klassen werden weniger darin unterschieden, inwieweit die Welt der Bildung anerkannt wird, als vielmehr darin, wieviel darüber gewusst wird. Bei einer von Bourdieu untersuchten Befragung mit Schulprüfungscharakter, fiel ihm auf, dass "Gleichgültigkeit oder feindselige Abwehr [gegenüber den Gegenständen der Befragung] nur ausnahmsweise anzutreffen [sind]. Eines der zuverlässigsten Zeugnisse der Durchsetzung der legitimen Kultur besteht in der Neigung der mit ihr am wenigsten Vertrauten, Unwissen oder Gleichgültigkeit zu kaschieren und der kulturellen Legitimität, die der Befrager in ihren Augen verkörpert, dadurch Tribut zu zollen, dass sie aus ihrem Bildungsschatz das hervorkramen, was in ihren Augen mit dem Begriffdes Legitimen am ehesten übereinstimmt, zum Beispiel [klassische Musik]."[3] Darin, dass Personen mit verschiedenen Klassenzugehörigkeiten einen gleichen Legitimitätsbegriffvon Kultur haben, erkennt Bourdieu den Mangel an Subversivität, da diese Personen sich eher innerhalb bestehenden Strukturen rehabilitieren und nobilitieren wollen.

Hierin liegt das erste Hemmnis einer wirklich subversiven politischen Handlung. Bei der Konstituierung von Gruppen mit politischem Anliegen finden sich Akteure zusammen, deren Klassenkampf trotz angenommener Subversivität doch unter den Vorbedingungen der Doxa stattfindet, insofern als dass die Akteure über die Legitimität des gesetzten Kulturbegriffs übereinstimmen. Ob und wie sich derWille zur politischen Handlung überhaupt radikal geltend machen kann, möchte ich später darlegen. Zuvor ist es vonnöten, den sozialen Akteur überhaupt erst zu einer Gruppe werden zu lassen:

Gruppen sammeln sich aus mehreren Personen, die sich vor bestimmte soziale Fragen gestellt sehen und als einzelne Akteure sich über eine gemeinsame Antwort verständigen. Diese Antwort entspricht nicht unbedingt dem Begriff einer Meinung, da laut Bourdieu eine Antwort auch Meinungslosigkeit bedeuteten kann; die “willfährige Konzession an die aufgezwungene Fragestellung oder [die] in naiverWeise als “persönliche Meinung” genommene ethische Aussage” ist ebenso wahrscheinlich wie die Enthaltung über eine Frage. “Neigung wie Fähigkeit, spezifische Interessen und Erfahrungen aufdie Ebene des politischen Diskurses zu überführen, nach Meinungskohärenz zu streben und die eingenommenen Positionen im Rahmen eines expliziten und explizit politischen Prinzips zu integrieren, hängen zunächst weitgehend vom Bildungskapital ab, in zweiter Linie von der Struktur des Gesamtkapitals, das wie das relative Gewicht des kulturellen gegenüber dem ökonomischen Kapital zunimmt.”[4] Die Notwendigkeit von hohem Bildungskapital zur Herausbildung einer die Gruppe definierenden Position bedeutet eine Disqualifizierung von ungebildeten Akteuren, sofern diese ihre Antworten nicht an einen Repräsentanten übertragen können, dessen Bildungskapital das der Individuen aus der von ihm vertretenen Gruppe übersteigt und auf dem gesellschaftlich notwendigen Niveau für die Legitimation seiner politischen Rolle liegt. Die Antworten einer Gruppe werden durch diese Wortführer und Bevollmächtigten ausgedrückt, wodurch die “Wirklichkeit und Glaubwürdigkeit eben auch von derWirklichkeit und Glaubwürdigkeit dieser “Persönlichkeiten” abhängen”[5]

Das politische System parlamentarischer Repräsentation funktioniert nur über professionelle Politiker (im weitesten Sinne, also einschließlich Gewerkschaftsführer, Personen des öffentlichen Lebens mit politscher Relevanz etc.), die als Vertreter verschiedener Gruppen in Parlamenten oder anderen Institutionen als einzige durch die Doxa ausreichend legitimiert sind, um die Positionen der Gruppen zu vertreten. Dadurch werden diese Gruppen aber in ihrer Erkenntnis von ihren politischen Repräsentanten beeinflusst und ihr Erkenntnishorizont wird innerhalb der bestehenden Verhältnisse gesetzt. “Grob vereinfacht könnte man sagen, dass die sowohl in ökonomischer als auch in kultureller Hinsicht am stärksten benachteiligten sozialen Gruppen dem gegenwärtigen Stand derArbeitsteilung im Bereich politischen Handelns keine andere Chance haben, als ihr Schicksal den Parteien zu überlassen. Dies bedeutet aber, dass die Parteien in der Lage sind, zugleich das Angebot an politischen und wohlfahrtsstaatlichen Leistungen festzulegen und andererseits auch zu bestimmen, welche Forderungen der Betroffenen nach dieser Leistung legitim sind.”[6] - womit die politischen Parteien oder Wortführer maßgeblich den Erkenntnisgewinn dervon ihnen repräsentierten Gruppen beeinflussen. Beispielhaft für diese Gruppenrepräsentation durch Träger hohen Bildungskapitals stehen die sozialistischen Arbeiterparteien seit Beginn derArbeiterbewegung Mitte des 19. Jahrhunderts. Die Wortführer derArbeiterklasse waren - mit wenigen Ausnahmen - stets reich an Bildungskapital und entstammten nicht selten den bürgerlichen Verhältnissen, deren ökonomisches Kapital die Anhäufung von kulturellem Kapital möglich machte. Sich selbst als politisch subversiv begreifende Institution, bewegen sich die Arbeiterbewegung und ihre Nachfolgerinstitutionen der politischen Linken bis heute innerhalb dieser Doxa. Laut Bourdieu beginnt Politik aber “eigentlich erst mit derAufkündigung dieses für die ursprüngliche Doxa charakteristischen unausgesprochenen Vertrags über die Bejahung der bestehenden Ordnung; mit anderen Worten: Politische Subversion setzt kognitive Subversion voraus, Konversion der Weitsicht.”[7]

[...]


[1] Pierre Bourdieu. Was heißt Sprechen. Braumüller 2005. S. 131

[2] Pierre Bourdieu. Die feinen Unterschiede. Suhrkamp 1987. S. 650

[3] ebenda S. 511

[4] ebenda S. 654

[5] ebenda S. 665

[6] Pierre Bourdieu. Die verborgenen Mechanismen der Macht. VSA 2005. S. 19

[7] Pierre Bourdieu. Was heißt Sprechen. Braumüller 2005. S. 131

Details

Seiten
8
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668025226
ISBN (Buch)
9783668025233
Dateigröße
432 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v304131
Institution / Hochschule
Universität Leipzig – Sozialwissenschaften
Note
1,7
Schlagworte
Bourdieu PEGIDA Doxa Die feinen Unterschiede Was heißt Sprechen Illusio

Autor

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