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Der Blick in die Natur und seine Erwiderung. Ein Versuch zur artenübergreifenden Intersubjektivität nach Darwin

Hausarbeit (Hauptseminar) 2006 22 Seiten

Literaturwissenschaft - Vergleichende Literaturwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Das Menschentier und sein Blick in die Natur

2. Das erkannte Subjekt und der Andere

3. Die Sprache des Blicks

Literaturverzeichnis

Das Verhältnis von Text und Welt wandelt sich mit Darwins Evolutionstheorie dramatisch. Ging noch die Naturtheologie der anglikanischen Kirche von einer Welt als Kunstwerk aus, das als solches interpretiert auf einen Schöpfer verweist, und mit der Heiligen Schrift übereinstimmt, weist Darwin auf die Spannungen zwischen beiden hin: weder lässt sich das Postulat der Schöpfungsakte mit der empirischen Beobachtung in Einklang bringen, noch lässt sich die dynamische Welt mit Begriffen angemessen wiedergeben. Zusätzlich hebt die nahe Verwandtschaft von Mensch und Tier, die eine graduelle, nicht aber eine grundsätzliche Unterscheidung erlaubt, die saubere Trennung von Leser und Text auf – das selbstvergessene Subjekt der Wissenschaften erkennt sich als Teil seines Objektes. Ein schwerwiegender nächster Schritt wird in der Abhandlung über die sexuelle Selektion vollzogen: Tiere, meist die weiblichen, treffen ästhetische Urteile bei der Wahl ihrer Reproduktionspartner. Es gibt also auch (andere) tierische Leser der Welt, und, insofern ihre Geschmacksurteile Spuren in ihr hinterlassen, Autoren. Der Blick dieser neuen Subjekte fällt parallel zu dem des Menschen auf ein gemeinsames Objekt – das erkennende Subjekt erkennt ein erkennendes Subjekt. Dabei weist die Übereinstimmung des ästhetischen Urteils menschlicher Betrachter mit dem weiblicher Pfauen auf eine strukturelle Ähnlichkeit ihrer Wahrnehmung hin. Mit „The Expression of Emotions in Man and Animals“ erstreckt sich die auf ihrer Verwandtschaft beruhende Ähnlichkeit von Mensch und Tier auch auf den körperlichen Ausdruck; tierische ebenso wie menschliche Körper werden als Texte interpretiert. Damit nimmt das Subjekt über die „language of emotions“[1] an einem fortlaufenden und artenübergreifenden Dialog Teil, der intuitiv ist und jeder Analyse vorhergeht.

Die Konsequenzen, die das Erscheinen tierischer Subjekte für den menschlichen Beobachter hat, sollen anhand von Jean-Paul Sartres Modell des Blicks ermessen werden. Als Medium der Intersubjektivität lässt der Blick mit seiner Erwiderung das Objekt der Wahrnehmung aus der Gegenständlichkeit ausbrechen, und löst auf der Seite des Subjekts dessen Für-Andere-Sein aus. Seine Wirkung ist dabei, wie auch die Interpretation der Körpersprache, jedem bewussten Verstehen vorgängig. Daher soll untersucht werden, ob Sartre und Darwin zwei Aspekte der ästhetischen Kommunikation beschreiben, die einander ergänzen: Die Wirkung des von Sartre beschriebenen abstrakten Blicks auf das Subjekt als Für-Andere-sein, und der körpersprachlich vermittelte Eindruck, der diesem eine konkrete Qualität verleiht. Sartre geht dabei grundsätzlich von menschlichen Subjekten aus, definiert das Subjekt geradezu als menschliches. Erlaubt aber nicht gerade ein Modell der Intersubjektivität, das auf dem Blick beruht, eine Einbeziehung tierischer Verwandtschaft?

Da Sartre sich nicht auf eine theoretische Erkenntnis, sondern auf die Erfahrung des Für-Andere-sein beruft, muss diese Möglichkeit anhand von Beispielen erörtert werden, wie sie sich in dem von Douglas Adams und dem Zoologen Marc Carwardine geschriebenen Reisebericht „Last Chance to See“ finden. Auf der Suche nach Exemplaren aussterbender Tierarten erscheint immer wieder der Augenkontakt als Moment der Begegnung, wobei mit dem Reisebericht eine Form gewählt ist, die gerade die emotionale Wirkung des Erlebten auf das Subjekt in den Vordergrund stellt. Wie lässt sich die praktische Erfahrung des tierischen Blicks, wie Adams sie darstellt, mit Sartre und Darwin beschreiben? Welche Wirkung hat sie auf das Selbstverständnis des menschlichen Beobachters und seine Beziehung zum Objekt seiner Beobachtung?

1. Das Menschentier und sein Blick in die Natur

Michael Ruse beschreibt in „Darwin and Design“ die Entwicklung vom protestantischen Glauben sola scriptura zur Naturtheologie der Anglikanischen Kirche[2]. Als Meilensteine dieses Prozesses nennt er zum einen Hooker, der ein produktives Nebeneinander von Welt und Heiliger Schrift propagiert[3], und später Paley, dem Gott in der Natur erscheint, und dem diese als ausreichender Beweis eines Schöpfers gilt[4]. Damit ist Ruse zufolge der Grundstein einer Erforschung der Natur gelegt: „Paley set the tone, provided a pattern, and offered a religious justification for pursuing a life of inquiry and scientific endeavour in the nineteenth century“[5]. Mit zunehmender Forschung geraten Heilige Schrift und als solche angenommene Schöpfung in Spannung zueinander, die in Darwins Feststellung gipfelt, dass das Postulat der Schöpfungsakte nicht mit den empirischen Fakten in Einklang zu bringen ist. Paleys Schluss auf einen Schöpfer als beste Erklärung der Natur wird durch eine bessere, die natürliche und sexuelle Selektion, ersetzt, und die empirische Welt wird – für die Wissenschaften und nicht ohne Widerstände – zum Primärtext.

Zugleich wird in „The Origin of Species“ das Verhältnis von Text und Welt problematisch – die einheitlichen Gattungsbegriffe täuschen über die großen Unterschiede der Individuen einer Art hinweg, die zudem in permanenter Veränderung begriffen ist. Klare Unter­schei­dun­gen von Arten, wie sie sprachlich festgehalten werden, existieren in der Natur nicht. Der Übergang zu Varietäten ist fließend, ihre Trennung existiert nunmehr „for the sake of conveniance“[6]. Das Bild des Lebensbaumes veranschaulicht das dynamische Leben, das immer über die ihm angehefteten Begriffe hinauszuwachsen droht. Zugleich kündigt die Übertragung der Metapher des Stammbaumes auf die Arten die radikale Entgrenzung der menschlichen Genealogie an, wie sie in „The Descent of Man“ explizit behandelt wird[7]. Zahl­lose Ähnlichkeiten von Mensch und Tier in Knochenbau, Rudimenten usw. lassen keine Zweifel an einer nahen Verwandtschaft zu. Im Gegensatz zum christlichen Verständnis eines nach dem Bild Gottes geschaffenen, als Herrscher über die Natur eingesetzten Menschen, ist dieser selbst Tier und nur graduell von anderen Tieren unterschieden. Damit ist die klare Unterscheidung von Leser und Text, von Subjekt und Objekt, durchbrochen. Der beobachtende Mensch nimmt Teil an seinem Thema, steht zu diesem in unmittelbarer Beziehung. Die eigene Sonderstellung in der Natur entpuppt sich als „natural prejudice“[8] des Beobachters: “If man had not been his own classifier, he would never have thought of founding a different order for his own reception”[9]. Sprache abstrahiert nicht lediglich, und fasst das dynamische Leben in statische Kategorien, sondern weist auch Spuren ihrer Sprecher und von deren Perspektive auf. Mit der Theorie ihrer graduellen Entwicklung wird sie als Produkt der Evolution verstanden, spiegelt die Welt nicht, sondern hat einen Überlebenswert und ist selbst der natürlichen Selektion unterworfen[10]. Sprache existiert in der Welt und erfüllt eine Funktion in ihr.

Der tierische Blick auf die Welt wird zuerst in der Abhandlung über die sexuelle Selektion behandelt. Der Mensch ist nicht länger das einzige Subjekt, das die Natur interpretiert, und Schönheit nicht mehr das Werk eines dem Menschen zugeneigten Gottes. Vielmehr ist die Schönheit des Pfaus auf eine Übereinstimmung mit dem Geschmacksurteil der weiblichen Pfauen zurückzuführen, die entsprechende Merkmale bevorzugt und qua Erbgut weitergegeben haben:

Everyone who admits the principle of evolution, and yet feels great difficulty in admitting that female mammals, birds, reptiles, and fish, could have acquired the high taste implied by the beauty of the males, and which generally coincides with our own standards, should reflect that the nerve-cells of the brain in the highest as well as in the lowest members of the Vertebrate series, are derived from those of the common progenitor of this great Kingdom.[11]

Es gibt also auch (andere) tierische Leser der Welt, deren Wahrnehmung der menschlichen strukturell verwandt ist. Insofern die Wahl der Reproduktionspartner die bevorzugten Merkmale hervorbringt und verstärkt, sind sie auch Autoren der Welt, deren Geschmacks­urteile bleibende Spuren in ihr hinterlassen. Der weibliche Blick der female choice bleibt aber auf die männlichen Artgenossen gerichtet. Er fällt parallel zum menschlichen Blick – speziell dem des menschlichen Züchters, der die schönsten Exemplare und ihre Merkmale zur Reproduktion wählt – auf ein gemeinsames Objekt. Das menschliche Subjekt erhält ein tierisches Pendant, ohne von diesem wahrgenommen und beurteilt zu werden.

[...]


[1] Darwin, Charles Robert. The Expression of Emotions in Man and Animals. New York: D. Appleton and Company, 1878, S. 389.

[2] Ruse, Michael. Darwin and Design. Harvard UP: London, 2003.

[3] Ruse, Michael, S. 36.

[4] Ruse, Michael, S. 43.

[5] Ruse, Michael, S. 43.

[6] Darwin, Charles. The Origin of Species. New York: Mentor, 1958, S. 68.

[7] Horst Bredekamp geht ausführlich auf die Schwierigkeiten ein, die der Baum als bildliche Darstellung des Evolutionsprozesses mit sich bringt, und die auch Darwin bewusst waren. Er weist auf die semantische Lücke hin, die durch die fehlenden Bezüge des Diagramms der „Origin of Species“ und der Baummetapher entsteht. Die Funktion des Lebensbaumes mag also, wie meine Lesart impliziert, nicht in der Verbildlichung des Diagramms liegen, sondern in der Erweiterung der Stammbaummetapher. Vgl. Bredekamp, Horst. Darwins Korallen. Berlin: Wagenbach, 2005, S. 54 – 56.

[8] Darwin, Charles Robert. The Descent of Man and Selection in Relation to Sex. New York: D. Appleton and Company, 1878, S. 25.

[9] Darwin 1878, S. 150.

[10] Darwin 1878, S. 91.

[11] Darwin 1878, S. 616.

Details

Seiten
22
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783668024786
ISBN (Buch)
9783668024793
Dateigröße
421 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v304157
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Peter Szondi Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaften
Note
1,0
Schlagworte
Charles Darwin Douglas Adams Jean Paul Sartre Mark Carwardine der Blick Last Chance to See Intersubjektivität Evolutionstheorie nonverbale Kommunikation

Autor

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Titel: Der Blick in die Natur und seine Erwiderung. Ein Versuch zur artenübergreifenden Intersubjektivität nach Darwin