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Regula non bullata. Die Regeln des Ordens der Minderen Brüder von 1221 und 1223 im Vergleich

Hausarbeit (Hauptseminar) 2013 18 Seiten

Geschichte - Allgemeines

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die Regula non bullata von 1221
2.1 Überlieferte Handschriften der Regula non bullata
2.2 Textgeschichte der Regula non bullata
2.3 Textstrukturelle Analyse der Regula non bullata

3 Die Regula bullata von 1223
3.1 Überlieferten Handschriften der Regula bullata
3.2 Textgeschichte der Regula bullata
3.3 Textstrukturelle Analyse der Regula bullata

4 Vergleich zwischen der Regula non bullata und der Regula bullata
4.1 Gegenüberstellung der Textstrukturen
4.1.1 Sprachliche und formale Gestaltung
4.1.2 Zusammenlegungen
4.1.3 Weglassungen
4.1.4 Neuerungen
4.2 Rückschlüsse auf die Struktur des Ordens
4.3 Ordensregel oder Lebensform?

5 Zusammenfassende Ergebnisse

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

In der vorliegenden Arbeit werden die Regula non bullata von 1221 und die Regula bullata von 1223 des Ordens der Minderbrüder miteinander verglichen. Ziel der Arbeit ist es, grundlegende Unterschiede zwischen den beiden Regeln aufzudecken und in den historischen Kontext des Ordens zu stellen.

Die lateinische Quellenbasis dieser Arbeit bildet die kritische Ausgabe von Heinrich Boehmer, die Analekten zur Geschichte des Franciscus von Assisi (1930), die beide Texte enthält. An einzelnen Stellen - jedoch nicht bei Zitaten - habe ich die deutsche Übertragung der Regula non bullata und der Regula bullata von P. Laurentius Casutt1, die der kritischen Textausgabe von Boehmer folgt, herangezogen.

Gesamtdarstellungen zur Thematik, die als Einführung dienen können, sind das Heribert Holzapfels „Handbuch der Geschichte des Franziskanerordens“ (1909) sowie die Mono- graphie „A History of the Franciscan Order” (1968) von John Moorman. Im Jahr 2012 ist das Werk von Gert Melville „Die Welt der mittelalterlichen Klöster“ erschienen, das ei- nen Einstieg in die Ordensgeschichte bietet. Mit der frühen strukturellen Entwicklung des Ordens befasst sich Rosalind Brooke in ihrer Monographie „Early Franciscan Government“ (1959). Als einschlägige Forschungsliteratur zum Gegenstand der Regula non bullata ist die Dissertation mit dem Titel „Die Regula non bullata der Minderbrüder“ (1967) von David Flood zu nennen. Kajetan Eßer und Lothar Hardick behandeln neben den beiden Regeln weitere Texte in „Die Schriften des hl. Franziskus von Assisi“ (1951). Um dem eingangs genannten Erkenntnisziel der Arbeit nachzugehen, werden die beiden Regeln des Ordens hinsichtlich ihrer Überlieferungen, ihrer Textgeschichte und inhaltli- chen Gestaltung untersucht. Welche Besonderheiten weisen die Texte jeweils auf? Auch der sprachlichen Struktur wird nachgegangen.

Im anschließenden Teil der Arbeit werden die Ordensregeln von 1221 und 1223 gegen- übergestellt. Welche Veränderungen treten bei der Regula bullata im Vergleich zur Regu- la non bullata auf? Gibt es inhaltliche Hinzufügen und Weglassungen? Danach wird hin- terfragt, inwiefern sich daraus Rückschlüsse auf die Situation im Orden selbst zur jeweili- gen Zeit der beiden Regeln ziehen lassen. Darüber hinaus soll versucht werden, die Frage zu klären, ob es sich bei der Regel von 1221 sowie der von 1223 eher um eine Ordensre- gel oder um eine Lebensform handelt. Abschließend werden die Ergebnisse der Gegen- überstellung zusammengefasst und ein Ausblick auf weitere Forschungsfragen gegeben.

2 Die Regula non bullata von 1221

2.1 Überlieferte Handschriften der Regula non bullata

Erhaltene Handschriften, welche die Regula non bullata überliefern, stammen nicht aus der Zeit, in der man annimmt, dass die Regel entstanden sei. Erst 100 Jahre später, 1323, wird der Text selbst, der als Regula bullata bekannt ist, schriftlich fassbar. Flood nennt 20 verschiedene Handschriften, die aus dem 14. bis 16. Jahrhundert stammen, ihren Ur- sprung aber alle im 13. Jahrhundert besäßen. Für seinen kritischen Text der Regula bullata benutzt er die Überlieferung einer Handschrift, die in Rom, San Antonio, in der Bibliothek des Athenäum Antonianum zu finden ist. Weitere Handschriften zieht er bei Mangelhaftigkeit dieser Handschrift zu Rande. Insgesamt bleibt die schriftliche Überlie- ferung der Regel von 1221 unübersichtlich.2

Zur Benennung des Regeltextes lässt sich zeigen, dass es zahlreiche Varianten gibt. Boehmer bestimmt ihn als Regula prima bzw. als Regula prima non bullata.3 Moorman betitelt den Text ebenfalls als Regula prima oder auch als die Regel von 1221.4 Auch Brooke bezeichnet die Regel als Regula prima.5 Als Regula sine bulla wird der Text bei Casutt benannt.6 Dieser Ausdruck ist ebenso wie die gebräuchliche Nennung Regula non bullata historisch nachvollziehbar aufgrund dessen, dass für diese Regel von 1221 nicht durch eine päpstliche Bulle approbiert wurde.7 Die Bezeichnung Regula prima kann da- gegen Unklarheiten aufkommen lassen. Man geht von einem Urtext aus, mit dem der Or- den in den Jahren 1209/1210 bei Papst Innozenz III. um Bestätigung bat. Diese Urregel oder auch Regula primitiva8 konnte bisher noch nicht in seiner ursprünglichen Form nicht rekonstruiert werden.9

Der Urtext wurde aber zumindest mündlich von Papst Innozenz III. 1209/10 bestätigt. Dies wird in mehreren Quellen deutlich, beispielweise im Prolog der Regula non bullata:

Hec est vita evangelii Iesu Christi, quam frater Franciscus petiit a domino papa Innocentio concedi sibi et confirmari et dominus papa concessit et confirmavit eam […]10

Im Werk von Kajetan und Hardick11 wird die Regula non bullata u. a. als nicht bestätigte Regel übersetzt. Nach der eben dargelegten mündlichen Bestätigung durch Innozenz III. kann man Casutt zustimmen, wenn er meint, dieser Ausdruck sei irreführend.12

2.2 Textgeschichte der Regula non bullata

Wie oben beschrieben wurde, ist von einem Urtext auszugehen, der vom Papst mündlich bestätigt wurde. Allerdings ist bisher unklar, wie viel genau sich tatsächlich vom Urtext von 1209/10 in der Regula non bullata befindet.13

Die vorherrschende Meinung, die die Forschung vertritt, geht davon aus, dass die Regel von 1221 dem Wachsen und Verändern des Ordens seit 1209/10 stetig angepasst wurde und somit selbst in ihrem Umfang wuchs. Zudem nahm auch das Abschreiben der Regel über die Jahrhunderte hinweg Einfluss auf Veränderungen, die besonders innerhalb ein- zelnen Handschriften deutlich werden. Dennoch besteht Uneinigkeit darüber, wie die Entwicklung der Regel von 1209/10 bis zur Regula non bullata von Statten ging. Eßer und Hardick geben an, dass Teile aus der Urregel wortwörtlich übernommen worden sei- en, zum Beispiel der Prolog und das erste Kapitel. Die Entstehung anderer Kapitel stellen sie als Reaktion auf den päpstlichen Erlass vom 22.09.1220 sowie auf das 4. Laterankonzil 1215 als mögliche Auslöser dar.14

Die Mehrheit der Autoren bestätigt, dass Cäsarius von Speyer auf Wunsch von Franziskus Zitate aus dem Evangelium in die Regula non bullata eingearbeitet hat. Nach Flood seien bereits in der Urregel Stellen aus dem Evangelium zu finden.15

2.3 Textstrukturelle Analyse der Regula non bullata

Die Regula non bullata beginnt mit einem Prolog, der mit dem christlichen Trinitätsdogma eingeleitet wird. Er bezeichnet die Regel als das Leben des Evangeliums Jesu Christi: Hec es vita evangelii Iesu Christi16. Anschließend wird das Gehorsamsgebot der Regula non bullata dargelegt:

Frater Franciscus et quicumque erit caput istius religionis promittat obedientiam et reverentiam domino Innocentio pape et successoribus eius et omnes alii fratres teneantur obedire fratri Francisco et eius succesoribus.17

In den ersten drei Kapiteln werden einige Grundsätze des franziskanischen Lebens aufge- stellt. Im ersten Kapitel (Quod fratres vivant in obedientia, sine proprio et in castitate18 ) werden die richtungsweisenden Normen, in Gehorsam, Keuschheit und ohne Eigentum zu leben sowie der Lehre Christi zu folgen, festgeschrieben und mit mehreren Zitaten aus den Evangelien nach Matthäus und Lukas unterlegt. Im zweiten Kapitel (De receptione et vestimentis fratrum19 ) wird beschrieben, dass bevor ein Bruder in den Orden eintritt, er seinen gesamten Besitz verkaufen soll und möglichst den Armen zukommen lassen soll, sofern er dabei unbehindert bleibt. Die Kleiderordnung der Brüder ist hier vereinbart so- wie, dass es für die Novizen eine einjährige Probezeit gibt. Auch in diesem Kapitel sind zwei Stellen des Evangeliums zu lesen. De divino officio et ieiunio20 ist der Inhalt des dritten Kapitels, das mit diversen Anführungen aus dem Evangelium beginnt. Jeder Bru- der - Kleriker oder Laie - soll das göttliche Offizium beten. Die Fastenzeit findet von den Allerheiligen bis zur Geburt des Herrn statt sowie von Epiphanie bis Ostern. Zu anderen Zeiten soll nur am Freitag gefastet werden.

Im vierten Kapitel steht über das gegenseitige Verhältnis der Minister und der anderen Brüder geschrieben.21 Eßer und Hardick beschreiben im Wesentlichen, was Franziskus unter „ministri“ verstand. Und zwar sah er die Minister, sich selbst eingeschlossen, nicht als Obere der Brüder an, sondern als Diener, die ihren Brüdern helfen gehorsam Gott ge- genüber zu erweisen.22 Dass, Gehorsam gegenüber den Ministern aufhört, wenn in qua delictum vel peccatum committitur23, wird in Kapitel 5 beschrieben.

[...]


1 In: Balthasar, Hans Urs von: Die grossen Ordensregeln. 5. Aufl., Einsiedeln 1984.

2 Vgl. Flood, David Ethelbert: Die Regula non bullata der Minderbrüder, zugl. Diss., Werl 1967, S. 23, 52. Um die Einheitlichkeit der vorliegenden Arbeit zu wahren, wird bei Zitaten aus der Regula non bullata und der Regula bullata dennoch auf die kritische Edition von Boehmer (1930), siehe Anm. 3, zurückgegriffen.

3 Boehmer, Heinrich (Hrsg.): Analekten zur Geschichte des Franciscus von Assisi, 2. Aufl., durchgesehen von Friedrich Wiegand, Tübingen 1930, XI, S. 1.

4 Moorman, John: A History of the Franciscan Order. From its origins to the year 1517. Oxford 1968, p. 51.

5 Brooke, Rosalind B.: Early Franciscan Government. Elias to Bonaventure, Cambridge 1959, p. 107.

6 Casutt, P. Laurentius: Die Regeln des franziskanischen Ordens, in: Balthasar: Die grossen Ordensregeln,, S. 263.

7 Vgl. ebd., S. 265.

8 Brooke: Early Franciscan Government, p. 57.

9 Vgl. Flood: Die Regula non bullata, S. 155-157; Casutt: Die Regeln, S. 267.

10 Boehmer: Analekten, S. 1; für weitere Nachweise siehe Casutt: Die Regeln, S. 265.

11 Eßer, Kajetan/Hardick, Lothar: Die Schriften des Hl. Franziskus von Assisi. Einführung, Übersetzung, Auswertung, Werl 1951.

12 Vgl. Casutt: Die Regeln, S. 265.

13 Vgl. Eßer/Hardick: Die Schriften, S. 3. Siehe dazu auch Müller, Karl Ferdinand F. von: Die Anfänge des Minoritenordens und der Bußbruderschaften, Freiburg im Breisgau 1885, der einen Versuch einer Rekonstruktion der Regel von 1209 darlegt.

14 Vgl. Flood: Die Regula non bullata, S.21, 155; Casutt: Die Regeln, S. 266; Eßer/Hardick: Die Schriften, S. 3, 24. Flood wertet verschiedene Handschriften aus, um zu einer kritischen Ausgabe zu gelangen.

15 Vgl.; Flood: Die Regula non bullata, S. 45; Moorman: History, p. 51; Boehmer: Analekten, XI.; Eßer/Hardick: Die Schriften, S. 3. Zur genaueren Untersuchung der Zitate aus der Bibel siehe: Flood: Die Regula non bullata, S. 44-49.

16 Boehmer: Analekten, S. 1; Siehe Anm. 10.

17 Ebd.

18 Ebd.

19 Ebd., S.1-2.

20 Ebd., S. 2-3.

21 Ebd., S. 3.

22 Vgl. Eßer/Hardick: Die Schriften, S. 33.

23 Boehmer: Analekten, S. 4

Details

Seiten
18
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783668026049
ISBN (Buch)
9783668026056
Dateigröße
581 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v304295
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden – Institut für Geschichte
Note
1,7
Schlagworte
Franziskaner Bettelorden regula bullata regula non bullata Ordensregeln Mittelalter Mindere Brüder

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