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Wie sich das Inklusionskonzept mit dem Erhalt von Förderschulen vereinbaren lässt

Hausarbeit 2015 22 Seiten

Pädagogik - Allgemein

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffsdefinitionen
2.1 Behinderung
2.2 Sonderpädagogischer Förderbedarf
2.3 Bedarf an sonderpädagogischer Unterstützung

3. Von der Exklusion zur Inklusion – ein Blick auf die historische Entwicklung
3.1 Exklusion
3.2 Separation/ Segregation
3.3 Integration
3.4 Inklusion

4. Inklusion und Förderschulen in Niedersachsen
4.1 Das niedersächsische Schulgesetz
4.2 Fordert die UN-Konvention die Abschaffung der Förderschulen in Deutschland?
4.3 Inklusion durch Förderschulen?

5. Fazit

Literaturverzeichnis

Quellenverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1 Schülerinnen und Schüler mit Bedarf an sonderpädagogischer Unterstützung in allgemeinen Schulen und Förderschulen in Niedersachsen 2003 bis 2012

Abb. 2 Absolventen und Abgänger von Förderschulen in Niedersachsen 2003 bis 2012

1. Einleitung

„Wir haben den scheinbar Nichtbehinderten klar zu machen, daß ihre Unfähigkeit, Behinderte als Gleiche zu begreifen, ihre eigene Behinderung ist.“ (Ernst Klee in: (Eberwein und Knauer 2002)[1]

Seit über 40 Jahre wird diskutiert, wie Menschen mit Behinderungen in die Gesellschaft integriert werden können. Mit der Integrationsbewegung der 1970er Jahre rückte vor allem die schulische Integration in den Vordergrund. Die existierenden Sonderschulen und die dadurch entstehende Separation von Schülern mit Behinderungen mussten sich zunehmender Kritik stellen. Mit der Verabschiedung der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen (kurz: UN-Behindertenrechtskonvention) im Jahre 2006 tauchte ein neuer Begriff in der Debatte auf – die Inklusion. Artikel 24 dieser Konvention fordert ein inklusives Bildungssystem (im englischen Original: an inclusive education system) auf allen Ebenen und, dass Menschen mit Behinderungen nicht aufgrund von Behinderung vom allgemeinen Bildungssystem ausgeschlossen werden (vgl. Bundesgesetzblatt Jahrgang 2008, Teil II, Nr. 35, Artikel 24). Mit Inkrafttreten der UN-Behindertenrechtskonvention in Deutschland im Jahre 2009 stehen die Kultusministerien der einzelnen Bundesländer vor der Aufgabe, die Forderungen dieser Konvention zu erfüllen. Das Schulwesen liegt im Hoheitsgebiet der einzelnen Bundesländer, sodass jedes Bundesland seine eigenen Reformen durchführen kann. In dieser Arbeit soll der Blick auf das niedersächsische Schulgesetz gerichtet werden. In diesem ist mit einer Gesetzesänderung im März 2012 festgelegt worden, dass ab dem Schuljahr 2013/14 alle Schulen inklusive Schulen sind, aber Förderschulen mit bestimmten Förderschwerpunkten bestehen bleiben (vgl. Niedersächsisches Kultusministerium 2012). Hier stellt sich die Frage, ob die Erhaltung von Förderschulen mit dem Inklusionsgedanken vereinbar ist, da dieser schließlich die Abschaffung der Segregation fordert. Ist es also im Sinne des Inklusionsgedanken, dass alle Förderschulen geschlossen werden? Oder können diese weiterhin bestehen, ohne dabei den Inklusionsgedanken zu verfälschen? Um diese Fragen, zu klären möchte ich zu Beginn einen kurzen Einblick in die geschichtliche Entwicklung von der Exklusion bis zum aktuellen Begriff der Inklusion geben. Dabei werde ich nicht auf die verschiedenen Konzepte innerhalb der Begriffe im Einzelnen eingehen, da dies den Umfang dieser Arbeit sprengen würde, sondern die Gemeinsamkeiten der Konzepte herausarbeiten, um mit ihnen die Begriffe zu erläutern. Danach betrachte ich die Änderung des niedersächsischen Schulgesetzes und das Schulkonzept der Förderschulen und vergleiche diese mit der UN-Behindertenrechtskonvention sowie dem Inklusionsgedanken. In einem anschließenden Fazit werde ich die Ergebnisse kurz zusammenfassen.

2. Begriffsdefinitionen

2.1 Behinderung

Nach der UN-Behindertenrechtskonvention (vgl. Bundesgesetzblatt Jahrgang 2008, Teil II, Nr. 35, Artikel 1) definiert der Begriff Behinderung Menschen, die langfristige körperliche, seelische, geistige oder Sinnesbeeinträchtigungen haben, welche sie in Wechselwirkung mit verschiedenen Barrieren an der vollen, wirksamen und gleichberechtigten Teilhabe an der Gesellschaft hindern können.

2.2 Sonderpädagogischer Förderbedarf

Durch sonderpädagogische Förderung soll den Schülern individuelle Unterstützung im Unterricht und bei der Erziehung gegeben werden, die auf die persönlichen Voraussetzungen und Bedürfnisse der Schüler angepasst sind. Sonderpädagogische Förderung zielt nicht nur auf die schulische Teilhabe, sondern sie zielt auch daraufhin, dass die Schüler ihre Wünsche und Vorstellungen in Freizeit, im Arbeitsleben und in der Gesellschaft verwirklichen können (vgl. RdErl. d. MK v. 1.2.2005 - 32 - 81027 VORIS 22410, 2005, S. 50).

2.3 Bedarf an sonderpädagogischer Unterstützung

Laut der Verordnung zum Bedarf an sonderpädagogischer Unterstützung aus dem Jahre 2013 bedarf ein Kind sonderpädagogischer Unterstützung, wenn es aufgrund seiner bestehenden Behinderung oder der drohenden Behinderung die Bildungsziele der Schulform oder seine individuellen Bildungsziele nicht oder nur mit sonderpädagogischer Unterstützung erreichen kann (vgl. Nds. GVBl. Nr. 2/2013). Die sonderpädagogische Unterstützung hat zum Ziel, die schulische Teilhabe zu gewährleisten. Ein Bedarf an sonderpädagogischer Förderung kann in den Förderschwerpunkten Lernen, emotionale und soziale Entwicklung, Sprache, geistige Entwicklung, körperliche und motorische Entwicklung, Sehen und Hören festgestellt werden (vgl. RdErl. d. MK v. 31.1.2013 -32-81006/2 - VORIS 22410 01 70 00 001- 2013, S. 1).

3. Von der Exklusion zur Inklusion – ein Blick auf die historische Entwicklung

Um die jetzige Debatte zur Integration und Inklusion besser verstehen zu können, ist es wichtig die geschichtliche Entwicklung der Integrationspädagogik nachzuvollziehen. Dazu möchte ich in diesem Kapitel einen kurzen Einblick in den historischen Ablauf geben. Nach Sander (2008, S. 349) kann dieser in vier Phasen eingeteilt werden: Exklusion, Separation/Segregation, Integration und Inklusion.

3.1 Exklusion

Der Begriff Exklusion hat seinen Ursprung im Lateinischen und leitet sich von dem Wort ‚ exclusio ‘ ab, was so viel bedeutet wie ‚ausschließen‘ oder ‚ausgrenzen‘ (vgl. Dudenverlag(a)). Im Altertum reagierten die Menschen auf Menschen mit Behinderungen mit Abscheu oder Achtung, je nachdem welche magischen, mythologischen und normativen Vorstellungen in der jeweiligen Kultur vorherrschten. So wurden zum Beispiel blinde Menschen oder Menschen mit einer leicht körperlichen Behinderung von den alten Ägyptern oder den Babyloniern geachtet, während Menschen mit geistiger Behinderung verstoßen oder getötet wurden. Es wurde angenommen, dass Menschen mit einer geistigen Behinderung unter Einfluss von Dämonen oder Geistern stünden. Das ‚Anderssein‘ dieser Menschen konnte man sich zur damaligen Zeit nicht erklären, zu „ naturwidrig war ihr Bild “ (Speck 1999, zit. nach Fornefeld 2013). Auch bei den Römern, Griechen und Germanen war das Töten und Aussetzen von Kindern mit Behinderungen weit verbreitet. Im Mittelalter wandte man sich Beschwörungen und Zauberei zu, um die Mitbürger vor den ‚Schwachsinnigen‘, wie Menschen mit Behinderungen betitelt wurden, zu beschützen. Ursache der ‚Schwachsinnigkeit‘ war zu dieser Zeit der Einfluss von Dämonen, ein Kindsaustausch durch Satan oder auch die Strafe Gottes für Sünden der Vorfahren. Menschen mit Behinderungen hat man ihr Lebensrecht und ihre Menschenwürde aberkannt. Auch in der Neuzeit verbesserten sich die Lebensbedingungen von Menschen mit Behinderungen kaum. Sie wurden zum Beispiel auf Jahrmärkten zur Schau gestellt und dem Gespött der Leute ausgesetzt. Sie lebten am Rande der Gesellschaft und wurden in Klöster, Armenhäuser, Hospitäler, Irrenanstalten und Zucht- und Tollhäuser abgeschoben. Zweck dieser Einrichtungen war aber nicht die Verbesserung der Lebensumstände von Menschen mit Behinderungen, sondern das Ziel war es, die Öffentlichkeit vor dem Anblick ‚solcher Menschen‘ zu verschonen. Einige blieben auch bei ihren Familien, aber immer waren sie der Willkür anderer ausgesetzt. (vgl. Fornefeld 2013, S. 30ff.)

In der Phase der Exklusion hatten Menschen mit Behinderungen keinen Zugang zur Schule oder zu anderen Bildungseinrichtungen (vgl. Frühauf 2012, S. 15). Allerdings muss man hier anmerken, dass bis ins 19. Jahrhundert hinein auch für Kinder ohne Behinderung die Schulpflicht noch nicht überall durchgesetzt wurde (vgl. Sander 2008, S. 349).

Im Gegensatz zu Menschen mit körperlichen Behinderungen, deren sich die Heilpädagogik annahm, galten Menschen mit geistigen Behinderungen als nicht-bildungsfähig. Erst im 19. Jahrhundert wurde ihnen pädagogische Aufmerksamkeit geschenkt (vgl. Fornefeld 2013, S. 31). In Folge der Aufklärung, „ die alle Menschen für prinzipiell gleich und jeden Menschen für grundsätzlich bildungsfähig erklärte“ (Sander 2008, S. 349), wurden Anstalten eröffnet, die eine menschenwürdige Pflege und Versorgung gewährleisten sollten. Außerdem wurden staatlich unterstützte Schulen als Orte der Erziehung errichtet (vgl. Fornefeld 2013, S. 32).

Die Zeit des Nationalsozialismus zerstörte die bisherige Entwicklung im Umgang mit Menschen mit Behinderungen. Wieder wurde Menschen mit Behinderungen ihr Lebensrecht aberkannt. Mit dem Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses von 1933 und dem Reichschulpflichtgesetz von 1938 begann die Selektion in ökonomisch nützliche und ‚minderwertige‘ Menschen. Menschen mit Behinderungen galten als bildungsunfähig und damit als lebensunwert. Es folgten Zwangssterilisationen und Euthanasie. Die Zahl der Opfer wird auf über 100.000 Menschen geschätzt. Zum Ende des Zweiten Weltkrieges existierte das in den Jahren vor 1933 entstandene Hilfsschulwesen nicht mehr (vgl. Ebd., S. 38f.).

3.2 Separation/ Segregation

Nach Ende des zweiten Weltkrieges versuchte man an das Bildungssystem vor 1933 anzuknüpfen (vgl. Fornefeld 2013, S. 40). Allerdings galt in der BRD weiterhin das Reichsschulgesetz von 1938, welches Schüler mit geistigen Behinderungen als bildungsunfähig erklärte. Auch in der DDR wurden ein Gesetz verabschiedet, welches Schülern mit Behinderungen in gesonderte Schule und Heime verwies, beziehungsweise sie von der Schulpflicht befreite (vgl. Ebd., S. 42). 1958 gründete sich in Marburg die Lebemshilfe für das geistig behinderte Kind e.V. Die Lebenshilfe gründete in den folgenden Jahren Einrichtungen für Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit geistigen Behinderungen wie zum Beispiel Kindergärten und Schulen. In den 1960er Jahren trat in den westlichen Bundesländern die Schulpflicht für Kinder mit Behinderungen in Kraft. Es wurden von staatlicher Seite aus weitere Schulen gegründet und bestehende Tageseinrichtungen in Sonderschulen für Menschen mit Behinderungen umgewandelt. In den 1970er und 1980er Jahren entstanden Frühfördereinrichtungen, Werkstätten für Menschen mit Behinderungen, Wohnheime, Erwachsenenbildungs- und Freizeiteinrichtungen (vgl. Ebd., S. 43f.). In der DDR wurden Kinder mit leichter geistiger Behinderung in Hilfsschulen unterrichtet und konnten ab den 1979er Jahren mit der Einrichtung von ‚geschützten Arbeitsplätzen‘ eine Ausbildung beginnen. Kinder mit einer körperlichen oder geistigen Behinderung, die als bildungsunfähig galten, unterstanden nicht dem Ministerium für Volksbildung sondern dem des Gesundheitswesens. Konnten diese Kinder nicht von der Familie betreut werden, wurden sie in psychiatrischen oder kirchlichen Einrichtungen untergebracht, in denen es jedoch nur wenige Bildungs- und Freizeitangebote gab (vgl. Ebd., S.44ff.) Nach der Wiedervereinigung übernahmen die neuen Bundesländern das System der Sonderpädagogik der alten Bundesländer (vgl. Ebd., S. 49).

Separation leitet sich aus dem lateinischen Wort ‚ separatio ‘ ab und bedeutet genauso wie Segregation, welches vom lateinischen Wort ‚ segregatio ‘ abstammt, so viel wie ‚absondern‘, ‚ausscheiden‘ oder auch ‚trennen‘ (vgl. Dudenverlag(b), (c)). Beide Begriffe werden zumeist synonym verwendet, obwohl einige Fachleute unter Separation die Trennung „ unter dem gemeinsamen Dach der allgemeinen Schule “ (Sander 2008, S. 349) verstehen und unter Segregation, wenn die Trennung „ räumlich und administrativ “ (Sander 2008) von der Regelschule stattfindet. Die Kinder werden nach festgelegten Leistungskriterien in die verschiedenen Schulformen einsortiert, um homogene Lerngruppen zu gewährleisten. Dabei werden Kinder mit körperlichen oder geistigen Beeinträchtigungen in eigenständige Institutionen, sogenannten Sonderschulen, eingeschult. Trotz dieser schulischen Trennung wird in dieser Phase die soziale Integration als wichtiges Ziel angesehen. Hier bedeutet Integration aber nur, dass Vorurteile abgebaut und die gesellschaftliche Akzeptanz gefördert werden sollen (vgl. Frühauf 2012, S. 15.). Für Frühauf (2012, S. 16) ergibt sich aus der Segregation für Menschen mit geistiger Behinderung ein vordefinierter Lebensweg: „Sonderkindergarten [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] Sonderschule [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] Werkstatt für behinderte Menschen [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] Wohnheim.“

3.3 Integration

Die Integrationsbewegung entwickelte sich aus der Kritik an der Pflicht-Sonderschule. Ende der 1970/80er Jahre wurde die Diskussion über die schulische Pflichteinschulung von den Eltern von Kindern mit Behinderungen und von Fachleuten aus der Sonderpädagogik in die Öffentlichkeit getragen (vgl. Frühauf 2012, S. 16). Diese öffentliche Diskussion erzwang ein Umdenken in der Schulpolitik, sodass einige Kinder mit Behinderung in Regelschulen zugelassen wurden. Der Einschulung in Regelschulen standen aber trotz der neuen gesetzlichen Lage Hindernisse im Weg. So lag die Entscheidung einer Aufnahme bei der Landesschulbehörde, die dieser nur zustimmte, wenn Personal und Sachmittel vorhanden waren. Ob diese aber vorhanden waren, entschied auch die Landesschulbehörde. Des Weiteren wehrten sich die Eltern von Kindern ohne Behinderung gegen die Aufnahme von Kindern mit Behinderung (vgl. Sander 2008, S. 349f.).

Integration leitet sich vom lateinischen ‚ integratio‘ ab und bedeutet ‚die Wiederherstellung einer Einheit oder eines Ganzen‘. Wenn eine Einheit aber wiederhergestellt werden muss, heißt dies, dass sie vorher getrennt war. Also setzt der Integrationsbegriff eine vorherige Ausgrenzung oder Trennung voraus (vgl. Ju-Hwa Lee 2010, S. 2ff.). Integrative Bildung hat zum Ziel, dass Schüler mit Behinderungen gemeinsam mit Schülern ohne Behinderung an einer Regelschule unterrichtet werden, wenn dies möglich ist. Dafür wird den Schülern eine sonderpädagogische Unterstützung zur Seite gestellt. Das Wort ,möglich´ zeigt hier, dass es im Integrationskonzept auch Menschen mit Behinderungen gibt, die nicht integrierbar sind (vgl. Hübner 2013, S. 114). Integration entwickelte sich im Laufe der Zeit zu einer Zwei-Gruppen-Theorie, in der es die Gruppe gibt, die integriert wird und die Gruppe, in die integriert wird (vgl. Feyerer 2009).

[...]


[1] Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird in dieser Arbeit lediglich die männliche Form verwendet. Diese schließt die weibliche jedoch stets mit ein.

Details

Seiten
22
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668028821
ISBN (Buch)
9783668028838
Dateigröße
748 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v304323
Institution / Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg
Note
1,3
Schlagworte
Inklusion Exklusion Förderschule Integration Segregation

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