Lade Inhalt...

Das Judentum. Ausgewählte religiöse Richtungen in der Moderne

Hausarbeit 2015 23 Seiten

Theologie - Vergleichende Religionswissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Das Judentum: Eine Einführung

II. Das ultraorthodoxe Judentum
1. Die Haredim: Ultraorthodoxe Juden in Israel
2. Religiöse Lehre und Praxis
2.1 Haltung zu Gott
2.2 Thora und Mitzwot
2.3 Das Jüdische Volk und Israel
3. Lebensrealität und Gesellschaft

III. Das liberale Judentum (Reformjudentum)
1. Die Entstehung des Reformjudentums
2. Religiöse Lehre und Praxis
2.1 Haltung zu Gott
2.2 Thora und Mitzwot
2.3 Das Jüdische Volk und Israel
3. Die Haltung des liberalen Judentums heute
4. Gesellschaftliche Verantwortung

IV. Zusammenfassung

V. Glossar

VI. Literaturverzeichnis

Das Judentum -

Ausgewählte religiöse Strömungen in der Moderne

I. Das Judentum: Eine Einführung

Das Judentum gehört laut heutigen wissenschaftlichen Erkenntnissen nicht nur zur ältesten monotheistischen Religion der Geschichte, sondern umfasst auch eine Jahrtausende alte, faszinierende Kultur mit einer spannenden obgleich tragischen Geschichte. Trotz seiner wandelnden Geschichte und seines heutigen Facettenreichtums birgt das Judentum zwei klare Konstanten, die die Vielfalt des jüdischen Volkes

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Foto: Rukiye Hamza (2008)

Das Judentum gilt als der ä lteste Monotheismus vereinheitlichen: Die Thora als das Heilige Buch und Israel als geographische Heimat des jüdischen Volkes und als ethnisch-religiöse Gemeinschaft (Galley 2006, 12). Wenngleich Weltreligion ist die Zahl ihrer Anhänger mit rund 14 Millionen recht klein, wobei sich etwa die Hälfte in den Vereinigten Staaten von Amerika im Exil niedergelassen haben. Die Zugehörigkeit zum Judentum erfolgt auf zwei Wegen, qua Geburt durch eine jüdische Mutter oder durch den Übertritt.

Die Grundlagen der jüdischen Religionslehre leiten sich aus den Geboten und Verboten der Thora ab, dessen Interpretationen sich wiederum im Talmud wiederfinden. Der Talmud lässt sich als ein Sammelwerk von Interpretationen und Anpassungen der Thora definieren, in dem die Gesetze, Gebote und Verbote des Heiligen Buches ausgelegt und definiert sind. Diese umfassen beispielsweise die Landwirtschaft, Ehe- und Scheidungsgesetze, Straf- und Zivilgerichtsbarkeit, Speisevorschriften, Reinigungsregelungen, aber auch die Feiertage, das Darbringen von Opfern und die Definition von Heiligkeit (Boese 2004, 1).

Wenngleich wir heute im Judentum mannigfaltige religiöse Strömungen auffinden, die zu einem wesentlichen Teil aus dem Leben in der Diaspora und einer langen Geschichte als Minderheit im Exil resultieren, so lässt sich doch die Treue und Rückbesinnung auf die Thora, als die von Gott empfangene Offenbarung durch Moses am Berg Sinai, und der von ihr abgeleiteten religiösen Praxis und Lebensweise basierend auf den religionsgesetzlichen Bestimmungen des Heiligen Buches - wenn auch in unterschiedlichen Abstufungen - festhalten (Galley, 2006, 10). Galley definiert das Judentum folgendermaßen:

„Die Bezeichnung Judentum leitet sich vom hebräischen Wort Jehudi her, was mit „Bewohner des Königreiches Jehuda“ oder „Judäer“, zunächst jedoch nicht mit „Jude“ zu übersetzen wäre. Das Königreich „Juda, der südliche Teil des von Israel besiedelten Gebietes, existierte von etwa 925 bis 586 v.d.Z.(...). Der älteste Beleg für die Bezeichnung „Judentum“ entstammt ebenfalls dem 2. Jahrhundert (...). Er beschreibt eine komplexe politisch-ethnisch kulturelle Größe, welche sich gegen die griechische Herrschafts- und Lebensweise abgrenzt“ (Galley, 2006, 10f.).

Das Judentum hat sich stets in Abhängigkeit der Geschichte seiner Anhänger gewandelt (Romain et al. 1991, 20). Das moderne Judentum weist im Wesentlichen vier verschiedene Hauptströmungen auf, die sich im Laufe der neuzeitlichen Geschichte herausgebildet haben. Die Erörterung des gesamten Spektrums aller modernen jüdischen Strömungen in der Moderne würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen. Im Zuge dieser Arbeit werde ich mich daher auf zwei religiöse Strömungen konzentrieren, die besonders mein Interesse geweckt haben: 1. Das ultraorthodoxe Judentum, auch bekannt unter dem Namen Haredim oder Charedim, welches einen Großteil seiner Anhänger in Israel vereint und 2. das liberale Judentum als extremes Gegenpol zur Orthodoxie, auch bekannt unter dem Namen Reformjudentum, das zu einem Großteil in den Vereinigten Staaten von Amerika beheimatet ist. Dabei werde ich näher untersuchen, in welchen zentralen theologischen Gesichtspunkten sich diese Richtungen unterscheiden, wie sich die Glaubensinhalte konkret auf ihre Lebenspraxis und ihren Lebensalltag auswirken und welche Rolle sie in ihrer soziokulturellen Gesellschaft spielen.

II. Das ultraorthodoxe Judentum

Das ultraorthodoxe Judentum ist grundsätzlich durch die Ablehnung der jüdischen Aufklärung und die Verwerfung emanzipatorischer Gedanken im Allgemeinen gekennzeichnet. Durch diese Haltung wird eine Assimilation oder in moderaterer Form eine Anpassung an die Zivilisation und Kultur der Umwelt bewusst vermieden. Im Gegensatz zu den übrigen religiösen Strömungen der Moderne hält die Ultraorthodoxie strikt an der traditionellen Frömmigkeit und Lebensweise durch das penible Einhalten der kleinsten jüdischen Gebote der Thora fest. Dies da gemäß ihrer Glaubensvorstellung die Thora die wortwörtliche und unabänderliche Offenbarung Gottes ist, die dieser an die Juden als „das auserwählte Volk“ vermittelt hat (Boese 2004, 3). Einen Großteil des ultraorthodoxen Lagers bilden die aschkenasischen Juden, die bis weit ins 20. Jahrhundert überwiegend in den kleinen Städten und Dörfern Osteuropas gelebt haben. Diese betrachten das säkulare Judentum als ihren Gegenpol. Im modernen Staat Israel stehen sich vor allem ultraorthodoxe und säkulare Juden gegenüber, während liberale Juden eher eine Randgruppe bilden (Galley 2006, 153) und eine gewichtigere Rolle im Exil einnehmen.

Das orthodoxe Judentum im Allgemeinen gliedert sich in chassidische und nicht- chassidische Strömungen. Diese weisen im Wesentlichen zwei Grundformen auf. Zum einen die Sefarden nordafrikanischer und arabischer Herkunft, die eine ultraorthodoxe Umsetzung des Judentums pflegen und politisch überwiegend gemäßigt rechts orientiert sind. Zentrale Lebensinhalte sind die strikte Befolgung der Gebote und Verbote der Thora sowie eine stabile religiöse Bildung. Ferner ist die Orthodoxie durch die Verwerfung der halachischen1 Neuerungen und das geringe Interesse an religiösen oder gesellschaftlichen Kooperationen mit anderen Religionsgemeinschaften gekennzeichnet. Die zweite Gruppe bilden die Aschkenasen litauischer Prägung, die sich auf die Neo-Orthodoxie von Samson Raphael Hirsch beziehen. Diese Strömung versucht insbesondere der halachischen Erosion durch die Kombination moderner Wissenschaft und jüdischer Ausbildung entgegen zu wirken (Galley 2006, 179).

Beide Formen orthodoxer Prägung haben sich insbesondere im Staat Israel in den letzten Jahrzehnten zunehmend politisiert. Aufgrund ihrer recht hohen Geburtenrate entwickeln sie sich zudem zu einem immer wichtiger werdenden Lager im politischen Geflecht Israels aber auch in den Vereinigten Staaten von Amerika. Ein Teil von ihnen (z.B. die Chassidim des Rebben von Satmar) lehnen den Staat Israel als säkularen Staat von Grund auf ab. Dagegen befürwortet die größte chassidische Strömung (Chaba ’ d-Lubawitsch) den modernen israelischen Staat und forciert zudem eine rechte Siedlungspolitik (Galley 2006, 180). Im Folgenden werde ich näher auf die Ultraorthodoxie eingehen und deren theologisches Fundament, hierbei insbesondere die Lehre zu Gott, der Thora als Heiliges Buch und der Mitzwot sowie zum jüdischen Volk und Israel erörtern. Anschließend werde ich kurz auf die gesellschaftliche Rolle der ultraorthodoxen Juden eingehen.

1. Die Haredim: Ultraorthodoxe Juden in Israel

Ein Großteil der ultraorthodoxen Gemeinde lebt in Israel in einem regelrecht verschlossenen soziokulturellen Milieu in abgetrennten Wohngebieten. Diese ultraorthodoxen Juden oder auch hebräisch Haredim oder Charedim genannt (was im biblischen Hebräisch in Anlehnung an Jesaja 66,5 „die vor Gottes Wort zittern“ bedeutet) bilden etwa ein Drittel der Bewohner Jerusalems. Diese lehnen Kontakte oder Kooperationen mit orthodoxen, konservativen oder säkularen Juden rigoros ab (Galley 2006, 180), denn ein Leben nach den göttlichen Geboten sei nur in klarer Trennung von der säkularen Gesellschaft möglich (Hagemann 2006, 63). Unter der Ultraorthodoxie versteht man - wie bereits oben erwähnt - ein weites Spektrum aus Gruppierungen wie die Chassidim, die Aschkenasim sowie die Sephardim. Der Großteil stammt allerdings aus den frommen jüdischen Einwanderern aus Osteuropa, die damals knapp außerhalb der Altstadt Jerusalems in Mea Sharim oder in Bne Beraq bei Tel Aviv die ersten jüdischen Gemeinden gründeten (Rosenthal 2007, 206). Sie hält strikt an den jahrhundertealten Traditionen des osteuropäischen Judentums fest. Über ihre politischen Repräsentanten übt die Ultraorthodoxie signifikanten Einfluss auf die politischen Machenschaften des Staates Israel aus (Rosenthal et al. 1999, 155). Aufgrund der hohen Geburtenrate konnte sich mittlerweile auch das aschkenasische Judentum in Israel auf rund eine halbe Million Anhänger erhöhen. Ein kleiner Teil lebt auch in den USA und in Westeuropa (London, Paris, Antwerpen).

Die Haredim sind recht einfach an ihrer Garderobe und ihrer Kopfbedeckung zu erkennen: Alle Männer tragen die schwarze Kippa und darüber einen schwarzen Hut, je nach Gruppierung mit einer bestimmten Schrägneigung, während die Peyot an ihren Schäfenlocken zu erkennen sind. Die Schilder in den Wohnvierteln der Haredim ermahnen und erinnern Frauen daran, sich züchtig zu kleiden und ihre Haare zu bedecken2. Gegenüber anderen religiösen Gemeinden zeichnen sich die Haredim dadurch aus, dass sie von der allgemeinen Wehrpflicht befreit sind. Nach Erlangung der Unabhängigkeit erfüllte der damalige Premierminister Ben Gurion diese von Rabbi Schach gestellte Forderung, um den aus Osteuropa eingewanderten Haredim den Wiederaufbau der durch den Holocaust stark dezimierten Gemeinde zu erleichtern (Rosenthal 2007, 207). Auf der anderen Seite war die Ultraorthodoxie genötigt mit der Regierung zu kooperieren, um auf diese Weise die religiösen Dienstleistungen für ihre Gemeinde sicherzustellen. Der säkulare Zionismus wiederum benötigte die Haredim während der Staatsgründung, um von der internationalen Gemeinschaft die Legitimation für die Gründung des Staates Israel zu erhalten (Hagemann 2006, 64).

Das Verhältnis zum Staat hat sich jedoch in den letzten Jahrzehnten wesentlich verändert. So wird der zionistische Staat nicht mehr von Grund auf abgelehnt, sondern anerkannt. Ein kleiner Teil der Haredim haben gar an der Besiedelung des Westjordanlandes teilgenommen, um eigene ultraorthodoxe Siedlungen zu errichten. Mit zunehmender Partizipation am politischen System durch die Arbeitspartei und den Likud konnte sogar eine Legitimation in der jüdischen Gesellschaft sowie der Zugang zu staatlichen Geldern sichergestellt werden (Hagemann 2006, 98).

2. Religiöse Lehre und Praxis

Für Haredim ist die Thora das authentische, direkte Wort Gottes, wie Er es Moses am Sinai vor über dreitausend Jahren offenbarte. Somit wird das Judentum als eine Religion verstanden, die ausschließlich auf den Geboten der Halacha und damit auf einem Normenprinzip basiert, der das Leben von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, von Geburt bis Tod bis ins kleinste Detail reglementiert (Rosenthal et al. 1999, 158).

2.1 Haltung zu Gott

Gott wird als die absolute und einzige Macht im Universum betrachtet, als jene Macht, die alles im Kosmos erschaffen hat und alles Leben aufrechterhält. Gott ist demnach jener, der allmächtig und allwissend ist und alles über seine Geschöpfe weiß:

„Gott sieht, was wir tun und hört, was wir denken, beten und sagen. Gott weiß alles. Durch das Studium der Thora und durch das Halten der Gebote, der Mitzwot, begreifen Menschen Gottes Willen.“ (Rosenthal et al. 1999, 158).

[...]


1 Unter der Halacha versteht man eine Leitlinie für das religiöse Leben. Sie dient den Menschen vor allem dazu Gott näher zu kommen, da sie durch ihr Normenprinzip hilft Gelüste und Instinkte zu zügeln. Die Gesetze der Halacha leiten sich aus der Thora ab (Rosenthal et al. 1999, 159f).

2 Gemäß der religiösen Gesinnung tragen sittsame Frauen Hüte, Kopftücher oder Perücken (Rosenthal 2007, 207).

Details

Seiten
23
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668026261
ISBN (Buch)
9783668026278
Dateigröße
481 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v304335
Institution / Hochschule
Universität Wien – Islamologie
Note
1,0
Schlagworte
judentum ausgewählte richtungen moderne

Autor

Zurück

Titel: Das Judentum. Ausgewählte religiöse Richtungen in der Moderne