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Zur Ähnlichkeit und Verschiedenheit von Salutogenese und Resilienz

Hausarbeit 2011 18 Seiten

Gesundheit - Pflegewissenschaft - Pflegemanagement

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung: Zum Motiv dieser Arbeit

2. Die Grundlagen von Resilienz und Salutogenese
2.1 Salutogenese und Kohärenzgefühl
2.2 Resilienz: Widerstandsfähig wie Gummi

3. Analyse und Diskussion
3.1 Salutogenese – ein paradigmatischer Wechsel?
3.2 Der konkrete Alltagsbezug der Resilienz

4. Vergleich des Salutogenesekonzepts mit dem Resilienzmodell

5. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung: Zum Motiv dieser Arbeit

Als ich auf dem Heilberufe-Kongress 2011 bei einem Vortrag das erste Mal von „Resilienz“ hörte, erinnerte mich dies an das Konzept[1] der Salutogenese. Durch weitere Recherchen verfestigte sich der Eindruck, dass hier eine Analogie vorliegt: Forschungsgegenstand waren in beiden Fällen Personengruppen mit traumatischen Erlebnissen; ein relativ großer Teil dieser Personen bekam aufgrund dieser Traumatisierungen im weiteren Leben gesundheitliche Probleme; aber ein Teil der Gruppe meisterte weitere Krisen und lebte trotz aller Widrigkeiten ein gesundes Leben. Nun arbeiteten die Forscher/-innen heraus, welche Eigenschaften und Verhaltensweisen die gesund bleibenden Personen hatten, um ihre Gesundheit zu erhalten und ihre Probleme erfolgreich zu meistern.

Als Resilienz soll hier die Widerstandsfähigkeit gegenüber Risikofaktoren verstanden werden; Risikofaktoren wiederum sind äußere Einflüsse, die die Entwicklung eines Individuums beeinträchtigen können, aber nicht beeinträchtigen müssen. Salutogenese wiederum ist die Erforschung von der Entstehung von Gesundheit und befindet sich im Kontrast zur Pathogenese, also der Erforschung von der Entstehung von Krankheiten. Zentral für die Salutogenese ist das Konzept des Kohärenzgefühls, also die Eigenschaft eines Menschen, mit Problemen und Herausforderungen des Lebens umzugehen und heil oder auch gestärkt aus Gefährdungen für die eigene Person hervorzugehen.

Wieso hatten die Wissenschaftler/-innen Antonovsky, Werner und Smith sich nicht zusammengetan, um ihre Ideen synergetisch zu bündeln, anstatt das Rad zweimal zu erfinden? Der Grund, so die Hypothese, könnte sein, dass diese auf den ersten Blick so ähnlichen Theorien doch verschiedener sind, als man zunächst vermutet. Insofern liegen der vorliegenden Arbeit drei Fragen zu Grunde: Inwieweit überschneiden und unterscheiden sich Resilienz und Salutogenese? Ist eines der beiden Konzepte dem anderen überlegen? Welche Konsequenzen hat dies für die Praxis? Insofern verfolgt die vorliegende Arbeit das Ziel, eine Struktur in das Dickicht der Gesundheitstheorien zu bringen, auch in Hinblick auf eine praktische Handhabbarkeit.

Dabei werde ich so vorgehen, dass ich im ersten Schritt das Konzept der Salutogenese und das Resilienzmodell separat voneinander vorstelle, im zweiten Schritt die beiden Konzepte einer Analyse unterziehe und im dritten Schritt miteinander vergleiche.

2. Die Grundlagen von Resilienz und Salutogenese

2.1 Salutogenese und Kohärenzgefühl

Das Konzept der Salutogenese geht auf den Medizinsoziologen Aaron Antonovsky zurück, der in einer Studie in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts in Israel die Anpassung von Frauen verschiedener Bevölkerungsgruppen an die Menopause untersuchte. Bei den Frauen, die aus Mittel-Europa stammten, konnte man eine Unterteilung in zwei Gruppen vornehmen: diejenigen Frauen, die vor 1939 nach Palästina emigriert waren und diejenigen, die nach 1945 nach Israel emigriert waren. Die Frauen, die nach dem Holocaust in Israel einwanderten, waren zuvor fast alle in Vernichtungslagern gewesen. Die letztgenannte Gruppe hatte sich schlechter an die Menopause angepasst als die erste (vgl. Maoz 2004, 70f). Hier war also anzunehmen, dass die frühen Traumatisierungen auch die Bewältigung weiterer Lebenskrisen und Herausforderungen erschwerten. Antonovsky interessierte sich zur Überraschung seiner Forscherkollegen jedoch bevorzugt für die kleine Minderheit der zweiten Gruppe, die trotz ihrer traumatisierenden Erfahrungen im KZ die Wechseljahre gut meisterten. Antonovsky begann anhand dieser Gruppe herauszuarbeiten, was den Menschen relativ gesund werden oder gesund bleiben lässt. Es folgten weitere Studien und Antonovsky entwickelte unter dem Eindruck der Studienergebnisse sein Konzept der Salutogenese, nach der es der „sense of coherence“ (deutsch etwa „Kohärenzgefühl“) sei, der den Menschen relativ gesund bleiben lässt. Das Kohärenzgefühl besteht aus drei Komponenten:

1. Comprehensibility = Gefühl von Verstehbarkeit. Das ist die Kompetenz, Gesetzmäßigkeiten in der Welt zu erkennen, bestimmte Dinge vorauszusehen und die Welt nicht als unkalkulierbares Chaos zu betrachten. Die Dinge unterliegen einer gewissen Ordnung, sind klassifizierbar und auch mental begreifbar.

2. Manageability = Steuerbarkeit, Bewältigbarkeit oder Handhabbarkeit. Dies ist die Fähigkeit, eine verstandene Situation auch zu gestalten und handzuhaben. Der mit dieser Fähigkeit Ausgestattete kann auf die Situation positiv einwirken und sieht sich nicht als passiver Spielball fremder Mächte. Er ergreift selbst die Initiative und gestaltet sein Leben.

3. Meaningfulness = Sinnhaftigkeit. Diese Fähigkeit beinhaltet zwei Aspekte. Einerseits werden den Erlebnissen und den Situationen des Lebens Bedeutung beigemessen. Andererseits setzt sich der Träger dieser Eigenschaft für bestimmte Werte ein (vgl. Maoz 2004, 72f).

Mit Hilfe dieser Eigenschaften kann der Mensch gesund werden bzw. bleiben. Allerdings gibt es nicht die absolute Gesundheit, sondern Gesundheit und Krankheit sind die entgegengesetzten Endpunkte eines Kontinuums (vgl Maoz 2004, 76). Ich stelle mir dieses Kontinuum wie eine Skala vor, auf der ein Pegel mal eher nach links und mal eher nach rechts ausschlägt, aber eigentlich nie bis zum Anschlag, so dass also ein gesunder Mensch immer auch ein bisschen krank oder ein kranker Mensch immer auch ein bisschen gesund ist. Solange man Leben in sich trüge, sei man wenigstens für ein Minimum gesund.

Antonovsky enwtickelte einen Fragebogen mit 29 Items zur Bestimmung des Kohärenzgefühls (sense of coherence), der mit „SOC“ abgekürzt wird. Mit Hilfe dieses Fragebogens werden die drei Komponenten der Kohärenz bestimmt (vgl. Antonovsky 1997, 191 ff.). Zahlreiche Studien wurden bisher durchgeführt, um eine Korrelation zwischen dem Kohärenzgefühl und anderen Eigenschaften der Probanden herzustellen (vgl. Bengel 2001, 115 ff.).

Die Idee von Antonovsky indes, dass die Erforschung der Pathogenese, also der Krankheit verursachenden Faktoren, durch die Erforschung der gesundheitsförderlichen Faktoren ergänzt werden müsse, ist nicht wirklich neu, wie auch sein Forscherkollege Maoz eingesteht. Die Hygiene, die sich seit dem 16. und 17. Jahrhundert entwickelte, befasste sich als Untergebiet der Medizin mit der Frage, wie man Krankheiten im Vorfeld vermeidet (man denke an großangelegte Impfaktionen zur Verhinderung der Ausbreitung von Epidemien), aber auch mit der Förderung gesunder Lebensweisen. Aber auch der Präventionsgedanke, der schon 1964 von Gerald Caplan formuliert wurde, legt den Fokus auf die Förderung und Erhaltung von Gesundheit (vgl. Maoz 2004, 75 f.).

2.2 Resilienz: Widerstandsfähig wie Gummi

Die Psychologinnen Emmy E. Werner und Ruth S. Smith hatten den Plan, eine Langzeitstudie an einem Ort durchzuführen, an dem es eine geringe Mobilität gibt, also die Wahrscheinlichkeit groß ist, dass die Probanden während der Laufzeit der Studie nicht wegziehen. In den USA konnte man wohl einen solchen Ort nicht finden und so führte man die Studie auf der Garteninsel Kaua’i durch, eines der acht Hauptinseln von Hawai’i. Die Inselgruppe Hawai’i war 1898 von den USA annektiert worden, aber erst im Jahre 1958 der USA als 50. Bundesstaat beigetreten. Doch schon zum Zeitpunkt des Beginns der Studie im Jahre 1955 ähnelte das Gesundheitssystem, das Ausbildungswesen und die Wohlfahrtspflege von Kaua’i dem US-amerikanischen Gemeinwesen (vgl. Werner 2010, 30).

Emmy E. Werner und Ruth S. Smith führten von 1955 bis 1995 die sogenannte „Kaua’i-Studie“ durch, eine Langzeitstudie, bei der der gesamte Geburtsjahrgang aus Kaua’i von 1955 über 40 Jahre begleitet und erforscht wurde. Ziel war es, die Langzeitfolgen von prä- und perinatalen Risikobedingungen zu untersuchen. Die Daten wurden zu mehreren Zeitpunkten erhoben: im Alter von 1, von 2, von 10, von 18, von 32 und von 40 Jahren. Die Informationen wurden durch Interviews, Verhaltensbeobachtungen, Persönlichkeits- und Leistungstests gewonnen und durch Informationen von Polizeibehörden, Gesundheits- und Sozialdiensten sowie Familiengerichten ergänzt (vgl. Elle 2009, 20 f.).

Etwa ein Drittel der Kohorte wuchs unter mehreren Risikobelastungen auf. Zu den Risikobelastungen zählen die folgenden Faktoren:

- wirtschaftliche Notlage der Familie
- psychische Krankheit der Eltern
- Alkoholismus der Eltern
- Missbrauch der Kinder
- Vernachlässigung der Kinder
- Komplikationen bei der Geburt des Kindes
- Scheidung der Eltern
- Wiederverheiratung eines Elternteils oder beider Elternteile
- Vermischung der Familien

Risikofaktoren können auch Krieg und politische Gewalt sein (vgl. Werner 2010, 28 f.). Doch die untersuchte Kohorte wurde in einer Periode relativen Friedens und wirtschaftlichen Aufschwungs geboren (vgl. Werner 2001, 19).

[...]


[1] Ich will hier nicht auf die wissenschaftstheoretische Unterscheidung zwischen den Termini „Konzept“, Modell“ und Theorie“ eingehen, obwohl ich den Eindruck habe, dass diese Begriffe in einiger Literatur zu Salutogenese und Resilienz unkritisch verwendet werden. Doch die genauen Bezeichnungen sind in diesem Zusammenhang unerheblich und so übernehme ich die Begrifflichkeit von Elle, die Salutogenese als Konzept und Resilienz als Modell bezeichnet.

Details

Seiten
18
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783668029125
ISBN (Buch)
9783668029132
Dateigröße
483 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v304434
Institution / Hochschule
Hamburger Fern-Hochschule – Gesundheit und Pflege
Note
1,7
Schlagworte
ähnlichkeit verschiedenheit salutogenese resilienz

Autor

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