Lade Inhalt...

Schule und Bildung in der Deutschen Demokratischen Republik

Vordiplomarbeit 2004 25 Seiten

Pädagogik - Geschichte der Päd.

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Die schulische Sozialisation
2.1 Die Schulklasse als soziales System

3. Schulpolitik und –entwicklung in der DDR
3.1 Polytechnische Bildung und sozialistisches Schulwesen
3.2 Das einheitliche sozialistische Bildungssystem

4. Die Bewertung von Schülerleistungen
4.1 Zensuren
4.2 Auszeichnungen, Lob und Strafe
4.3 Abschluss – und Reifeprüfungen
4.4 Zeugnisse
4.5 Bewertung des Verhaltens
4.5.1 Kopfnoten
4.5.2 Gesamteinschätzung

5. Außerunterrichtliche und außerschulische Arbeit

6. Ziele und Inhalte der sozialistischen Bildung und Erziehung
6.1 Ziele der sozialistischen Erziehung und Bildung
6.2 Inhalte der Erziehungs- und Bildungsarbeit

7. Fazit

8. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Ich habe mich für das Thema „Schule in der DDR“ entschieden, weil ich in der DDR eingeschult wurde und mich die Hintergründe, Inhalte, sowie Ziele dieses Schulsystems interessieren, da es sich ja von dem Schulsystem der Bundesrepublik Deutschland etwas unterscheidet. Es hat mich außerdem interessiert, inwiefern sich die Schulfächer und die Benotung von denen der BRD unterschieden haben. Als Erstes werde ich in dieser Hausarbeit jedoch auf die schulische Sozialisation eingehen, wobei ich vor allem mit Parsons Theorie „Handeln in gesellschaftlichen Systemen“ arbeiten werde. Anschließend werde ich die Schulpolitik, sowie die Schulentwicklung beleuchten und dabei werde ich die polytechnische Bildung einmal genauer erläutern. Danach werde ich auf die verschiedenen Bewertungsformen der Schülerleistungen eingehen, sowie auf die Bewertung des Verhaltens. Im Anschluss daran erkläre ich die außerschulische und außerunterrichtliche Arbeit näher. Auf die Darstellung der Ziele und Inhalte der sozialistischen Bildung und Erziehung gehe ich zum Schluss ein, bevor ich zu meinem Fazit komme. Ganz besonders will ich in dieser Hausarbeit zeigen, wie das System der Schulen in der DDR aussah. Anhand von Parsons möchte ich das Problem der Selektion näher darstellen und ich werde versuchen in meinem Fazit Parsons Theorie mit der Praxis in den Schulen der DDR zu verbinden.

2. Die schulische Sozialisation

In diesem Punkt werde ich auf Talcott Parsons und seine Theorie „Handeln in gesellschaftlichen Systemen“ eingehen. Dabei bearbeite ich speziell „Die Schulklasse als soziales System“ und das Problem der Sozialisation und Selektion.

2.1 Die Schulklasse als soziales System

Die Gesellschaft wird als System betrachtet, das heißt als Zusammenhang von Teilen (Subsystemen). Dazu gehören zum Beispiel Verwandtschaftssysteme, Klassen, Berufssystem, Wirtschaftssystem und Erziehungssystem. Die leitende Annahme ist hierbei, dass Teile zur Funktionalität, also zum Erhalt des Systems beitragen. Die Schulklasse wird zunächst als Sozialisationsinstanz behandelt. Um der Erfüllung von Erwachsenenrollen motivationsmäßig und technisch gerecht zu werden, handelt es sich dabei um eine Instanz, durch die einzelne Persönlichkeiten ausgebildet werden. Kirchen, Familie, Peergroups sowie die eigentliche Berufsausbildung und verschiedene, Freiwillige Organisationen, sind ebenfalls Instanzen solcher Art und spielen eine bedeutende Rolle. Als wesentliche Voraussetzung zur späteren Rollenerfüllung, kann die Sozialisationsfunktion als Entwicklung von Bereitschaften und Fähigkeiten gekennzeichnet werden. Einerseits werden verschiedene Komponenten der Bereitschaften und Fähigkeiten durch die Schulklasse als primäre Instanz entwickelt und andererseits ist die Schulklasse eine Instanz zur Verteilung von Arbeitskräften, wenn man sie von dem gesellschaftlichen Gesichtspunkt aus betrachtet. Schule wird als Vermittlungsinstanz zwischen dem Familiensystem und dem System der Öffentlichkeit gesehen. Die Struktur der Schulklasse steht im Vergleich zu der Familie. Die Größe der Schule wächst mit der Schulstufe und es kommen mehrere Kinder auf einen Erwachsenen, sodass kürzere Beziehungen zu den Erwachsenen die Folge sind. Außerdem sind alle Schüler gleich alt, in der Familie hingegen ist fast jedes Mitglied durch Alter und Geschlecht identifizierbar. Im Laufe der Schulkarriere nimmt auch das Fachlehrerprinzip zu, also haben die Schüler spezifischere und weniger enge Beziehungen. Die öffentliche Bewertung von Leistungen unabhängig von Geschlecht und sozialen Zugehörigkeiten und das individuelle Lösen von Aufgaben, also unabhängig voneinander, selektiert die Schüler in gut und schlecht. In der Schule wird das Kriterium der „Liebe“ durch sachliche Zuwendung ersetzt und es gibt zunehmend geringere Chancen, Abhängigkeitsbeziehungen einzugehen. Dabei kommen maßgebende Normen zur Geltung, wobei die Annahme darin besteht, dass die Schüler lernen die strukturell verankerten Normen wertzuschätzen („heimlicher Lehrplan“). Dies sind die Normen der Unabhängigkeit, also die Norm selbst zu handeln, wenn keine Kooperation erforderlich ist. Die Leistung, also die Norm Aufgaben zu erfüllen. Der Universalismus, also das Recht anderer anzuerkennen, dass sie in Kategorien eingeordnet werden, zum Beispiel in ethnische Zugehörigkeit, Geschlecht, Alter und Religion. Sowie die Spezifität, also das Recht anzuerkennen, dass die Einordnung auf einigen wenigen Merkmalen beruht. Anhand dieser Normen wird deutlich, dass wieder ein Selektionsprozess der einzelnen Schüler stattfindet. Diese Normen gelten nicht in der Familie, sondern im Berufssystem und anderen Systemen der modernen, arbeitsteiligen Gesellschaft. Das heißt, dass die Schule als Einführung in die moderne Gesellschaft gesehen werden kann. Auf den Ideen des Universalismus und der Spezifität beruht auch die Idee der Gerechtigkeit als Gleichbehandlung. Es werden auch die problematischen Auswirkungen der Normen gelernt, was jedoch nichts an der Übernahme der Norm selbst ändert. Hierbei ist besonders die Unterscheidung zwischen der Sozialisation des Individuums und der einzelnen Verteilung von Personenanteilen auf zukünftige Rollen wichtig. Die alte Familienidentifizierung zerbricht und das Kind beginnt mit einer unabhängigen Identifizierung und nimmt einen individuellen Status innerhalb des Systems ein. Dabei selektiert es innerhalb der Schulklasse, als auch innerhalb einer Peergroup und entwickelt seine eigene Persönlichkeit.

(vgl. Baumgart, Theorien der Sozialisation, 2000, S. 81 ff.)

(vgl. Mühlbauer, Sozialisation, 1980, S. 260 ff.)

3. Schulpolitik und –entwicklung in der DDR

In dem folgenden Punkt gehe ich auf die Entwicklung der polytechnischen Bildung ein, wie die Klassen unterteilt waren, welche Ziele dieses Bildungssystem verfolgt und welche Folgen dieses nach sich zog.

3.1 Polytechnische Bildung und sozialistisches Schulwesen

Polytechnische Bildung ist das charakteristische Merkmal der sozialistischen Schule und beschreibt den Übergang von der demokratischen zur sozialistischen Schule. Das System der polytechnischen Bildung und Erziehung erweist sich Ende der sechziger Jahre als stabil und anpassungsfähig neuen Aufgaben und Problemen gegenüber. Die Hauptziele der polytechnischen Oberschule, kurz POS, sind die theoretischen, ideologischen Grundlagen, die erzieherische Funktion und das Verhältnis zur beruflichen Ausbildung. Das Konzept ist hierbei die marxistische Theorie der Bildung und Erziehung, welche sich auf die Verbindung von Unterricht und Produktion, sowie der polytechnischen Bildung bezogen. Die Realisierung der polytechnischen Bildung wird von schulpolitischen Entscheidungen und der Entwicklung in der Sowjetunion beeinflusst. Bis Mitte der sechziger Jahre herrscht eine Parallelität der schulpolitischen Linie zwischen der Sowjetunion und der deutschen demokratischen Republik (DDR). Erst nach den sechziger Jahren wird das „DDR-Modell“ der polytechnischen Bildung eigenständig. Jedoch stand die polytechnische Bildung bis 1956 nur am Rande der Schulpolitik. Auf der dritten Parteikonferenz der sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) 1956 forderte Walter Ulbricht, dass im Fünfjahrplan (1956-1960) der Übergang zum polytechnischen Unterricht erreicht werden sollte und die Zehnklassenschule bis 1965 zwingend ist. Außerdem forderte er weiterhin, die Aufnahme des Werkunterrichts in den Lehrplan, die Einführung eines Praktikums für obere Klassen, zum Beispiel in der Landwirtschaft oder der Elektronik zur Vermittlung von verschiedenen, technischen Grundfertigkeiten.

Das Ziel besteht darin, dass die Schule dem Leben näher gebracht werden soll und die polytechnische Oberschule soll den Schülern eine gute Allgemeinbildung geben und sie gleichzeitig auf die Praxis vorbereiten. Die Entschließung des fünften pädagogischen Kongresses 1956 zur polytechnischen Bildung hat ein umfangreiches Programm entwickelt, welches im Laufe der Jahre erfüllt werden soll. Dieses Programm enthält folgende Punkte: Einbeziehung polytechnischer Kenntnisse in die Lehrpläne naturwissenschaftlicher Fächer, Mathematik und Geografie, Einführung des Werkunterrichts vom ersten bis zum achten Schuljahr sowie polytechnische Praktika in den Klassen neun und zehn, Weiterentwicklung von technischen Arbeitsgemeinschaften im Rahmen der Pionierorganisation und der Freien Deutschen Jugend (FDJ), Schaffung von materiellen Voraussetzungen, wie Werkstätten, Schulgärten, polytechnische Ausstellungen und Museen sowie Weiterbildung der Lehrer und die Zusammenarbeit mit Einrichtungen der Berufsausbildung und mit Patentbetrieben. Diese Punkte wurden in den ersten zwei Jahren jedoch nur begrenzt verwirklicht, da noch große Unklarheit über die Verwirklichung der Ziele vorherrschte.

Die Polytechnisierung der allgemein bildenden Schulen verteilt sich auf drei Ebenen. Die schulpolitische Steuerung, die didaktische Grundlegung und die praktische Realisierung. Die schulpolitische Steuerung findet 1959 ihren Abschluss mit dem Gesetz des Übergangs von der antifaschistischdemokratischen Schule zur sozialistischen Schule, wobei die zehnklassige allgemein bildende polytechnische Oberschule eine Pflichtschule ist, welche die neue Schulstruktur mit dem neuen Inhalt verbindet. Die didaktische Grundlegung ist das schwächste Glied bei der Polytechnisierung da es schwer ist, Unterricht und Arbeit zu verbinden. Aus diesem Grund wird 1958/1959 der Unterrichtstag in der Produktion eingeführt, für den die Lehrpläne jedoch erst ein Jahr später folgen. Die praktische Realisierung stellt sich als sehr schwierig heraus, da zu wenige geeignete Arbeitskräfte vorhanden sind und Systemspannungen zwischen dem allgemein bildenden Schulwesen, dem Berufsbildungssystem sowie dem Hochschulwesen vorherrschen. Dadurch gibt es keine durchgängige Linie zur Problemlösung, da die Probleme zu komplex sind und der Erfahrungshintergrund der eingeleiteten Maßnahmen zu klein ist.

(vgl. Anweiler, Schulpolitik und Schulsystem in der DDR, 1988, S. 58 ff.)

Die polytechnische Oberschule wird bis 1964 eine Schule für alle Kinder. Es werden jeweils am 1. September alle Kinder eingeschult, die bis zum 31. Mai das sechste Lebensjahr erreicht haben. Durch eine traditionelle Feier werden die Schüler in ihrer zukünftigen Schule aufgenommen und durch die Pionierorganisation „Ernst Thälmann“ begrüßt. Die Oberschule gliedert sich in zwei Stufen, der Unterstufe und der Oberstufe. Die Unterstufe umfasst die Klassen eins bis vier und vermittelt die Grundlagen, wie Lesen, Schreiben und Rechnen. Die Verbindung von Unterricht und praktischem Leben, wie Pflege von Blumenbeeten, Sammlung von Altmaterial, sowie Unterrichtsbesuche in Betrieben und landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften spielen hier eine große Rolle. In der Unterstufe unterrichtet während der gesamten vier Jahre immer der gleiche Lehrer. Die folgende Stundentafel gilt für die gesamte Unterstufe.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Quelle: Ministerium für Volksbildung der DDR, Die Schule in der DDR, 1959, S.57)

Die Oberstufe der polytechnischen Oberschule umfasst die Klassen fünf bis zehn und beginnt mit dem Eintritt in die fünfte Klasse. Hier setzt dann auch der Fachunterricht mit den Fächern Geschichte, Erdkunde, Russisch und Biologie ein, die jeweils von einem Fachlehrer unterrichtet werden. Mit steigender Klassenstufe kommen neue Fächer, wie Chemie, Physik und Staatsbürgerkunde hinzu. Die siebente Klasse ist sehr bedeutungsvoll, da der Unterrichtstag in der Produktion eintritt, welcher in Industrie- oder Landwirtschaftsbetrieben, Lehrwerkstätten oder Schulwerkstätten der Betriebe durchgeführt wird. Außerdem setzt in diesem Schuljahr der fakultative (frei wählbare) Unterricht in einer zweiten Fremdsprache – Englisch oder Französisch – ein. Der Fachunterricht vermittelt grundlegende, allgemeine und politische Bildung entsprechend der gesellschaftlichen Entwicklung. Die Stundentafel für die Oberstufe sieht folgendermaßen aus:

[...]

Details

Seiten
25
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638317672
ISBN (Buch)
9783638906838
Dateigröße
545 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v30517
Institution / Hochschule
Universität Vechta; früher Hochschule Vechta
Note
2
Schlagworte
Schule Bildung Deutschen Demokratischen Republik

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Schule und Bildung in der Deutschen Demokratischen Republik