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Ist das amerikanische Waffenrecht ein soziales Problem? Kritikpunkte und Argumente für das Recht auf Selbstverteidigung

Hausarbeit 2015 18 Seiten

Sozialwissenschaften allgemein

Leseprobe

Inhalt

1. Abbildungsverzeichnis

2. Einleitung
2.1 Definition „Soziales Problem“

3. Waffenrecht der USA
3.1 Gesetzeslage des Waffenrechts der USA
3.2 Zahlen und Daten rund um den Besitz und Umgang mit Waffen

4. Waffenrecht als soziales Problem
4.1 Entstehung und Entwicklung des sozialen Problems
4.2 Gegenspieler des sozialen Problems „Waffenrecht“

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Das Recht eine Schusswaffe öffentlich zu tragen nach Bundesstaaten

2. Einleitung

Im Volksmund wird Amerika immer als das Land „der unbegrenzten Möglichkeiten“ beschrieben. Das Land, in dem jedes Mitglied der Gesellschaft, das hart arbeitet seinen Lebensstandard und Wohlstand erhöhen kann und den „American Dream“, den sprichwörtlichen Traum „vom Tellerwäscher zum Millionär“ erreichen kann. Ein anderer, mindestens ebenso häufig verwendeter Wert, der als typisch „amerikanisch“ verstanden wird und von Politik und Gesellschaft quasi gebetsmühlenartig angepriesen wird, ist der Wert der „Freiheit“. Freiheit in den USA bedeutet vor allem symbolische Stärke und meint damit einerseits Rechte, die vor Zwang schützen, andererseits Rechte auf positives Handeln.1 Konkrete Anwendungsformen finden sich bei der Presse- oder Religionsfreiheit, aber auch, um mein Thema einzuleiten, beim Recht auf Selbstverteidigung. Um die eigene Sicherheit zu schützen, gehört insbesondere das freie Recht auf Waffenbesitz als Teil der persönlichen Freiheit dazu. In der Verfassung der Vereinigten Staaten von Amerika ist eine Einschränkung dieses Gesetzes durch die Politik mit dem 2. Zusatzartikel der Verfassung nicht möglich.2 Das Waffenrecht unterliegt zwar größtenteils dem Föderalismus der USA und hat deshalb in jedem Bundesstaat andere Auswüchse, am beschriebenen Grundsatz ändert dies jedoch nichts.

Jedoch gilt das amerikanische Waffenrecht, auch aufgrund häufigen Waffenmissbrauchs, bei dem etwa 1/3 aller Straftaten unter Waffengewalt stattfinden3 als politisch und juristisch besonders brisant.

Meine Vorstellung für diese Arbeit ist es also, zu verstehen, welchen Ansporn bestimmte Gruppen der Gesellschaft haben könnten, um das Waffenrecht der USA nicht nur zu hinterfragen, sondern den freien Waffenbesitz und dessen Folgen als soziales Problem zu verstehen. Hierzu ist es erforderlich zu definieren, was man unter einem sozialen Problem versteht, welche Phasen die Entwicklung eines solchen Prozesses durchläuft und welche Mitglieder der Gesellschaft sich diesem Prozess entweder anschließen oder aber diesem kritisch begegnen. Ebenfalls von Bedeutung ist die Art und Weise, wie Akteure auf ein soziales Problem aufmerksam machen und welche Ressourcen eine Rolle spielen. Gibt es außerdem eine einheitliche Gruppierung? Existieren unterschiedliche Meinungen zu diesem Thema?

Schließlich kann bereits ein Zustand, welcher von bestimmten Akteuren als soziales Problem betrachtet wird, von selbigen unterschiedlich interpretiert werden. Sind die Waffen selbst das soziale Problem? Ist der Umgang mit den Waffen das Soziale Problem? Würde ein Eingriff in das Waffenrecht das „Freiheitsgefühl“ der Mitglieder der Gesellschaft nicht stark beschneiden? Ich werde in dieser Arbeit wohl keine allgemein gültigen Antworten auf diese Fragen geben können, aber ich möchte Argumente derer, die sich einer dieser Fragen widmen, porträtieren und kann am Ende möglicherweise eine persönliche Einschätzung abbilden.

2.1 Definition „Soziales Problem“

Anders als in den Naturwissenschaften, ist der Untersuchungsgegenstand der Soziologie einer, der sich in einer Welt bewegt, die von Menschen, durch menschliches Handeln existent geworden ist. „Hier ist nicht nur die Wirklichkeit des Denkens (epistemische Welt), sondern auch die Realität des Seins (ontische Welt) von Menschen gemacht.“4

In der Soziologie - und das ist der größte Unterschied z.B. zur Astronomie5 - befassen sich Forscher mit dem Untersuchungsgegenstand „Mensch“, der kollektives Wissen über sich selbst besitzt und sich individuell seiner selbst bewusst ist.6 Das bedeutet, dass die von Menschen geschaffene soziale Wirklichkeit auch moralische Werturteile mit sich bringt. Aus diesem Grund interpretieren bestimmte Mitglieder der Gesellschaft einige spezifische Dinge anders und stufen Prozesse als problematisch ein.7 Wichtig ist außerdem, dass niemals „objektive Bedingungen“ sozialer Probleme untersucht werden, sondern nur die „vermeintlichen Bedingungen“ der „Problementwickler“ über soziale Sachverhalte. „Der Wahrheitsgehalt dieser Behauptungen ist dabei objektiv nicht überprüfbar, weil die hierbei zu verwendenden methodischen Instrumente und Techniken ihrerseits Ergebnis gesellschaftlicher Definitions- und Entscheidungsprozesse sind.“8

Ein Sachverhalt wird dann zum sozialen Problem, wenn jemand darauf aufmerksam macht. Im Englischen spricht man vom „Claimmaking“, also „eine Forderung erheben“. Das Phänomen des „sozialen Problems“ lässt sich zeitlich gesehen erstmals in der Hälfte des 20. Jahrhunderts in den englischsprachigen Ländern und ab den 60er Jahren in Deutschland verorten. Mittlerweile ist der Begriff etabliert und thematisiert unerwünschte gesellschaftliche Zustände. Allerdings sei dazu gesagt, dass das Verständnis von sozialen Problemen, vor allem in Deutschland, über einen langen Zeitraum ein anderer war als in den englischsprachigen Ländern.

Heute gelten vor allem die sich gegenseitig konkurrierenden Theorien, die „strukturfunktionalistische“ und die „objektivistische“ Theorie sozialer Probleme als die wichtigsten beiden Betrachtungsweisen sozialer Probleme. In dieser Arbeit kommen Elemente beider Theorien zum Tragen.

3. Waffenrecht der USA

Zur genaueren Analyse meines Themas ist es von entscheidender Bedeutung, einen kurzen Einblick in den so genannten „Status quo“ des amerikanischen Waffenrechts zu ermöglichen. Im Detail bedeutet das, dass ich einerseits die genaue gesetzliche Lage, insbesondere föderale Unterschiede im Waffenrecht, verdeutlichen möchte und andererseits ergänzend dazu einige Zahlen und Daten, die mit dem Besitz und dem Umgang mit Waffen in den USA und auch außerhalb davon, eine Rolle spielen könnten, präsentiere.

Der kurze Exkurs soll im Hinblick auf den Analyseteil einen gewissen Grundkenntnisstand liefern, der nötig ist, um die Ursachen der Konstruktion eines sozialen Problems in diese Richtung besser nachvollziehen zu können.9

3.1 Gesetzeslage des Waffenrechts der USA

Das Waffenrecht der Vereinigten Staaten wird auf Bundesebene hauptsächlich von drei Bundesgesetzen bestimmt: The National Firearms Act (1934), the Gun Control Act (1968) und der 2. Zusatzartikel zur Verfassung der Vereinigten Staaten (1791). Im Laufe der Jahre sind weitere Waffengesetze entstanden, die diese fundamentalen Gesetze geändert, oder weitere Beschränkungen evoziert haben.

Weil im Rahmen der - durch den zweiten Zusatzartikel beschränkten - Möglichkeiten die Entscheidungsgewalt über das Waffenrecht auf Bundesebene stattfindet, kann zumindest beschlossen werden, ob das Tragen einer Schusswaffe in der Öffentlichkeit erlaubt ist (Right to carry), ob es dafür einer Lizenz bedarf, oder ob dies nur in Ausnahmen bzw. gar nicht möglich ist.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Das Recht eine Schusswaffe öffentlich zu tragen nach Bundesstaaten (2013)10

So gelten im Jahr 2013 in Kalifornien, New York und weiteren 8 Bundesstaaten strengere Regelungen, was das öffentliche Tragen einer Schusswaffe angeht. In fünf Bundesstaaten hingegen ist das offene Mitführen einer Schusswaffe ohne Besitz einer Lizenz möglich. Als amerikanische Besonderheit gelten die „Stand-Your-Grand-Laws“, welche es einem Menschen erlauben, sich innerhalb eines Geltungsbereichs, gewaltsam gegen einen rechtswidrigen Angriff zu wehren. Aktuell gilt dieses Recht für 30 Bundesstaaten.11

3.2 Zahlen und Daten rund um den Besitz und Umgang mit Waffen

Um in meiner späteren Analyse weitere Rückschlüsse ziehen zu können, muss man sich zwingendermaßen auch damit befassen, wie viele Schusswaffen (schätzungsweise) in Amerika unter der Zivilbevölkerung im Umlauf sind. Außerdem ist es von wesentlicher Bedeutung, sich mit dem Umgang von Waffen zu befassen und sich hierzu konkrete Zahlen über Negativfolgen, z.B. bezüglich „Gewaltdelikten mit Todesfolge nach Waffeneinsatz“ vor Augen zu führen. Hierfür erweist sich ein intra- sowie internationaler Vergleich als hilfreich.

In den Vereinigten Staaten von Amerika kamen im Jahr 2007 auf 100 Personen etwa 89 Schusswaffen [Anm.d.Verf.: In absoluten Zahlen ausgedrückt: 250 Millionen Schusswaffen].12 Damit liegt die USA im weltweiten Vergleich beim Waffenbesitz deutlich an der Spitze und ist damit auch der größte Markt für zivile Schusswaffen. Von 1899 bis 1993 wurden fast 223 Millionen Schusswaffen in den Umlauf gebracht.13 Das zeigt einerseits das enorme Interesse der Gesellschaft, eine Waffe zu besitzen, andererseits gibt dies aber auch einen Einblick in die Größe des Wirtschaftszweiges der Waffenindustrie in den Vereinigten Staaten.

Neben dem generellen Besitz einer Waffe ist natürlich auch der Umgang mit selbiger von entscheidender Bedeutung. In meiner Argumentation geht es hier allerdings in erster Linie um den Waffenmissbrauch durch zivile Waffenträger. Wenngleich der unverhältnismäßige Einsatz von Schusswaffen durch staatliche Sicherheitskräfte ebenfalls zu einer großen Zahl von Opfern (Tod, Verletzung, Bedrohung etc.) führt. Zahlen aus dem Jahr 2004 belegen, dass in diesem Jahr in den USA etwa 10.000 Menschen durch Schusswaffen getötet wurden.14 Im internationalen Vergleich liegt die USA damit zwar ebenfalls weit vorne, allerdings ist die absolute Zahl derer, die durch eine Schusswaffe getötet wurden, in einigen südamerikanischen Staaten, sowie in Südafrika und Russland höher. Im Vergleich zu anderen OECD-Staaten jedoch ist die USA jedoch eindeutig Spitzenreiter. Besondere Aufmerksamkeit erfährt die USA vor allem bei Amokläufen an Schulen. Das Attentat an der Columbine Highschool im Jahr 1999 mit insgesamt 12 Toten, ausgeübt von zwei Schülern ist bis heute in Amerika das blutigste Attentat an einer Highschool.15 Gewaltexzesse an Schulen in den USA sind keine Seltenheit, kommen allerdings auch in anderen OECD-Ländern vor.

Interessant ist ein Vergleich zweier Großstädte: Zimring und Hawkins verglichen 1992 die Kriminalitätsrate zwischen dem australischen Sydney und Los Angeles16 und stellten erstaunlicherweise fest, dass prozentual gesehen, Verbrechen wie Diebstahl und Einbruch in Sydney ähnlich oft oder sogar häufiger auftraten als in Los Angeles. Schwere Verbrechen wie etwa Raubüberfälle oder Tötungsdelikte hingegen lagen in Los Angeles bei weitem über der Quote für Sydney. Ähnliche Vergleiche wurden auch in New York und London durchgeführt - mit identischem Ausgang. Vergleicht man allerdings nur die Bundesstaaten untereinander und nimmt das Beispiel Texas, wo etwa 37% der erwachsenen Bürger eine Schusswaffe besitzen und die Mordrate bei 12,7% liegt im Vergleich mit Vermont, wo 35% der Bevölkerung eine Schusswaffe besitzen, die Mordrate aber gerade einmal bei 0,7% liegt, dann sieht man sehr schnell, dass die Tötungsdelikte in Staaten, in denen es anzahlmäßig ähnlich viele Waffen gibt, stark voneinander abweichen können.17

Man könnte diese Vergleiche natürlich auch auf anderen Ebenen fortführen (Gendervergleich, politische Verortung, Religion, Rassen usw.) jedoch geht aus den meisten Daten hervor, dass das Verständnis in der amerikanischen Gesellschaft für den freien Waffenbesitz größtenteils unabhängig von veränderbaren- oder unveränderbaren Einflussfaktoren gesehen werden kann. Es bedarf also bei der Frage des freien Waffenbesitzes einer viel tiefgreifenderen Analyse.

4. Waffenrecht als soziales Problem

Im jetzigen Hauptteil meiner Analyse geht es darum, selbstständig, aber auch durch den Verweis auf existente soziale Bewegungen in den USA, zu erörtern, wie der Ablauf zur Entstehung und Entwicklung eines sozialen Problems aussehen kann.

4.1 Entstehung und Entwicklung des sozialen Problems

In meiner Einleitung erwähnte ich bereits, dass sich schon bei dem Prozess des „Claimmakings“ Unterschiede ergeben können. Claimmaking bedeutet, dass eine bestimmte Gruppe einer Gesellschaft einen Zustand als „problematisch“ wahrnimmt und dazu aufruft etwas dagegen zu unternehmen.18

Die erste Thematisierung der primären Akteure verschafft diesen eine besondere Definitionsmacht. Das heißt, mit der Deutung eines sozialen Problems legt diese fest, welche Ursachen für das Problem angenommen werden, welche Präventionsmöglichkeiten bestehen und welcher Personenkreis für die Bekämpfung am ehesten geeignet ist.19 Nach der ersten Thematisierung durch den primären Akteur kann das Problem Karriere machen, jedoch auch in der einen oder anderen späteren Phase scheitern. Es geht hier vor allem um Dinge wie Aufmerksamkeit, Anerkennung in der Gesellschaft und eben auch Problemdeutung.20 Bei der Problemdeutung könnte es nämlich sein, dass nicht der Besitz von Waffen als Grundlage eines Problemmusters gesehen wird, sondern bloß der Umgang damit.

[...]


1 Vgl. Robin Murphy Williams, Die Amerikanische Gesellschaft, 1953, 409

2 Vgl. Verfassung der vereinigten Staaten von Amerika (deutsche Übersetzung), in http://verfassungen.net/us/verf87-i.htm, 1787 (letzter Aufruf: 14.03.2015)

3 Vgl. FBI, Crime Report 2013 Section V, 2013

4 Michael Schetsche, Empirische Analyse sozialer Probleme, 2008, 9

5 Ich verwende das Beispiel der Astronomie, weil dieses in der zuvor zitierten Lektüre von Michael Schetsche eben falls angewendet worden war und es zur Veranschaulichung am besten dient.

6 Vgl.: Schetsche (Fn. 4)., 9-10

7 Vgl. Nikolaus Sidler, Problemsoziologie, 1999, 19-21

8 Schetsche (Fn. 4), 74

9 Vgl.: Hierzu und im folgenden: Gun politics in the United States, 2008, URL: http://www.atf.gov/publications/download/p/atf-p-5300-5.pdf (letzter Aufruf: 03.03.2015)

10 Jeff Dege, Luieburger URL: http://en.wikipedia.org/wiki/Concealed_carry_in_the_United_States#/media/File:Rtc2.gif, (letzter Aufruf: 14.03.2015)

11 The Florida Statutes, 2014, URL: http://www.leg.state.fl.us/statutes/index.cfm?App_mode=Display_Statute&URL=0700- 0799/0776/Sections/0776.013.html (letzter Aufruf: 14.03.2015)

12 Vgl.: Small arms survey 2007, 2007, Abb. 4

13 Vgl.: Tom Diaz, Making a killing, 1999, 69

14 Vgl.: hierfür und folgende: Small Arms Survey, 2004, deutsche Übersetzung, 2, Tabelle 2.4

15 Ariva Shen, A Timeline Of Mass Shootings In The US Since Columbine. http://thinkprogress.org/justice/2012/12/14/1337221/a-timeline-of-mass-shootings-in-the-us-since-columbine/, 14.03.2015, (letzter Aufruf: 14.03.2015)

16 Vgl.: hierfür und folgende: Franklin E. Zimring / Gordon Hawkins, Crime is not the problem, 1997, 5-7

17 Vgl.: John R. Lott, More guns, less crime, 1998, Tabelle 3.1, 42

18 Vgl.: Joel Best, Social problems, 2008, 18

19 Vgl.: Schetsche (Fn. 4), 61

20 Vgl.: aaO., 69

Details

Seiten
18
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668035423
ISBN (Buch)
9783668035430
Dateigröße
711 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v305424
Institution / Hochschule
Universität Siegen
Note
1,0
Schlagworte
Soziales Problem Social Problems Claimmaking Framing Amerikanisches Waffenrecht Akteure Aktivisten Freiheit

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