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Tierethik. Haben Tiere eine Würde, die uns moralisch verpflichtet?

Seminararbeit 2014 13 Seiten

Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Lässt sich die Menschenwürde auch auf Tiere anwenden?

Die Würde der Kreatur bei Balzer, Rippe und Schaber

Probleme der Würdekonzeption von Balzer et al.

Norbert Hoersters Kritik an der Würde des Tieres

Abschließende Bewertung: Kann die Würde des Tieres uns moralisch verpflichten?

Bibliographie

Einleitung

Theorien der Menschenrechte basieren oft auf dem Konzept einer Menschenwürde, die es zu befördern gilt. Ganz ähnlich dient im Art. 24noviens Abs. 3BV mit dem TitelDie Würde der Kreatur[1]des Schweizer Bundesamtes für Umwelt, Wald und Landschaft die Würde des Tieres dazu, dass ihr vom Gesetzgeber „Rechnung getragen wird“[2]. Der Würde der Kreatur kommt dadurch ein relativer Schutz zu, der zwar schwächer wiegt, als der absolute Schutz der Würde des Menschen, dennoch ist die Verfassung der Schweiz mit dieser bloßen Berücksichtigung der Würde der Kreatur die erste, die Tieren, Pflanzen und Mikroorganismen eine Würde zugesteht[3].

Ist die Würde des Tieres nun ein geeigneter Ansatz, um zu begründen, warum Tieren unsere moralische Berücksichtigung zukommen sollte? Balzer, Rippe und Schaber sind dieser Meinung und versuchen in ihrem WerkMenschenwürde vs. Würde der Kreatur. Begriffsbestimmung, Gentechnik, Ethikkommissionen[4]der im Art. 24noviens Abs. 3BV dargestellte Position, nach der Kreaturen eine Würde haben, die es zu berücksichtigen gilt, ein philosophisch durchdachtes Fundament zu geben. Es ist zu bemerken, dass Balzer et al. sich mit der Würde der Kreatur auseinandersetzen, was neben der von Tieren, die von Pflanzen und Mikroorganismen noch mit einschließt. Daher wird es auch hier häufig um die Würde der Kreatur gehen, was aber im Sinne des Aufsatzes immer auch als Würde des Tieres verstanden werden sollte. Norbert Hoerster vertritt dagegen in seinem BuchHaben Tiere eine Würde? Grundfragen der Tierethik[5]eine Position, in der er die Würde des Tieres bestreitet. Anhaltspunkte für Hoersters Kritik sind zum einen eine Schriftensammlung von Gotthart Teutsch, die sich wie das Buch von Balzer et al. an den Artikel der Schweizer Bundesverfassung anlehnt und die Position Tom Regans, der den Eigenwert eines jedenSubjektes eines Lebensals moralisch verpflichtend postuliert.

Zunächst scheint es so, als sei das Anwenden des Würdebegriffs auf Tiere eine Anthropomorphisierung des Begriffs, welche sich als problematisch für auf ihr basierende Theorien erweisen könnte. Daher soll zunächst die die Würde des Tieres befürwortende Position von Balzer et al. kurz vorgestellt und dann problematisiert werden. Danach wird Norbert Hoersters würdekritische Position dazu dienen, die Problematik, die sich bei Balzer et al. zeigen wird, zu verallgemeinern.

Lässt sich die Menschenwürde auch auf Tiere anwenden?

Balzer, Rippe und Schaber bejahen die Frage, ob Tiere, und überhaupt alle Kreaturen, einschließlich Pflanzen und Mikroorganismen, eine Würde haben. Allerdings ist diese Würde der Kreatur nicht mit der Menschenwürde zu vergleichen. Die Autoren unterscheiden zwei Typen der Menschenwürde. Zum einen diekontingente Würde, der ein Respekt der Hochschätzung zugeordnet wird, die angeeignet, verloren und wieder angeeignet werden kann und die ungleich verteilt ist, zum anderen dieinhärente Würde, der sie einen Respekt der moralischen Rücksicht zuordnet und die allen Menschen gleich und unverlierbar zukommt.[6]Eine Minimalkonzeption dieser inhärenten Menschenwürde besagt, dass die Würde einer Person dann verletzt wird, wenn diese Person erniedrigt wird. Erniedrigt sein bedeutet, sich in einer Situation zu befinden, in der man sich selbst nicht achten kann.[7]Bedingung für eine Selbstachtung ist der Besitz eines praktischen Selbstverständnisses, was wiederum ein Selbstbewusstsein und Fähigkeiten zur Bewertung der eigenen Situation voraussetzt.[8]Nicht weiter erläuterte sozialpsychologische Erwägungen veranlassen dazu, auch menschlichen Grenzfällen, die diese erforderlichen Fähigkeiten zur Menschenwürde nicht besitzen, diese Minimalkonzeption der Menschenwürde zukommen zu lassen. Als ein möglicher Grund wird zum Beispiel die besondere Verbindung,[9]die zwischen menschlichen Nicht-Grenzfällen und Kleinkindern oder geistig Behinderten besteht, genannt.[10]Inwiefern nichtmenschlichen Tieren die erforderlichen Fähigkeiten zukommen, ist heute umstritten. Und obwohl Balzer et al. es für angemessen halten zumindest großen Menschenaffen ein Selbstbewusstsein zuzugestehen, halten sie es für fraglich, ob es möglich ist etwa einen Gorilla zu erniedrigen, was die Voraussetzung für die Verletzung der Menschenwürde eines Tieres wäre.[11]Der Begriff der Menschenwürde lässt sich somit tatsächlich nur auf Menschen anwenden.

Die Würde der Kreatur bei Balzer, Rippe und Schaber

Da der Art. 24noviens Abs. 3BV, den Balzer, Rippe und Schaber stützen wollen, sich aber auf die Würde der Kreatur bezieht, bedürfen sie eines Begriffes dieser Würde der Kreatur.

Ihr Vorschlag ist also der, dass Kreaturen ein inhärenter Wert zukommt, also dass sie um ihretwillen Objekte moralischen Handelns sind, und nicht, weil sie irgendeinen Nutzen für den Menschen haben. Als Grund, warum diese Würde nur Kreaturen und nicht etwa auch Mineralien, Maschinen oder Ähnlichem zukommt, stellen Balzer et al. drei Kriterien auf, die erfüllt sein müssen, damit etwas diese Würde der Kreatur zukommt.

Die erste Bedingung ist, dass Tieren, Pflanzen und Mikroorganismen ein individuelles, eigenes Gut zukommt. Obwohl nicht von einem subjektiven Gut oder Übel für Kreaturen gesprochen werden kann, kann doch gesagt werden, dass etwas die Kreatur dabei unterstützt im Sinne ihrer Art zu funktionieren (Gut) oder nicht (Übel).[12]Dieses objektive Gut wirdinhärenter Wertdes Lebens genannt. Das zweite Kriterium ist, dass man von Kreaturen sagen kann, dass sie, während Maschinen vom Menschen zu dessen Zwecken erschaffen wurden, eigene Zwecke verfolgen. Diese können das Überleben, die Reproduktion oder die Anpassung an veränderte Umwelteinflüsse sein. Außerdem müssen Dinge, denen die Würde der Kreatur zukommen soll, organische Einheiten, also ein Individuum sein. So haben zwar auch Organe ein objektives Gut und jeweils einen eigenen Zweck, doch sind sie nur Teil einer organischen Einheit, womit ihnen keine Würde zukommt.[13]

Obwohl dieser inhärente Wert allen Kreaturen zukommt, ist er doch kein absoluter Wert, eine Güterabwägung ist also möglich.[14]Ein absoluter Wert, der keine Abwägung mehr zuließe, hätte Konsequenzen, die niemand zu akzeptieren bereit wäre und auch die Position von Praetorius und Saladin, nach der ein Abwerten der Würde der Kreatur nur dann erlaubt wäre, wenn dies unerlässlich für den Erhalt der Existenz des Menschen wäre[15], geht für Balzer et al. zu weit. Es folgt daher nicht zwangsläufig aus der Würde der Kreatur, dass Praktiken wie Massentierhaltung und der Verzehr von Fleisch moralisch verwerflich sind. Dennoch sind die Autoren der Meinung, dass bestimmte Arten dieser Praktiken die Würde von Kreaturen verletzen. Ankläger solcher Würdeverletzungen sind allerdings in der Bringschuld und müssen die Verletzungen anhand eindeutiger, inhaltlicher Kriterien beweisen.[16]Des Weiteren folgt nicht, dass alle Kreaturen den gleichen inhärenten Wert besitzen. Diese hierarchische Konzeption des inhärenten Wertes steht durchaus mit dem Konzept der Würde der Kreatur im Einklang und stimmt eher mit der wohlüberlegten Intuition überein, als etwa die egalitäre Position des inhärenten Wertes, die zum Beispiel Albert Schweitzer vertritt. Kriterien, nach denen sich die Hierarchie der inhärenten Werte ergeben, lassen Balzer et al. allerdings offen. Als möglich wird der Vergleich wertschöpfender Eigenschaften oder kognitiver Fähigkeiten vorgeschlagen.[17]

Probleme der Würdekonzeption von Balzer et al.

Die größte Schwäche der Würdekonzeption Balzer, Rippe und Schabers ist der Begriff des objektiven Gutes, den sie den inhärenten Wert des Lebens nennen, und auf dem sie ihre Theorie aufbauen. Der Begriff des objektiven Gutes, wenn man dieses Gut als ein Gut versteht, dem ein objektives Übel gegenüber steht, ist in sich widersprüchlich. Ein Übel oder ein Gut bedarf immer eines Subjektes, welches das Gut beziehungsweise das Übel empfindet. Balzer et al. behaupten, dass dies nicht notwendig ist und, dass man objektiv beurteilen kann, was gut für eine Kreatur ist und was nicht.

Ein Aspekt dieses Problems ist, dass die Autoren behaupten, dass während für etwas Lebendiges gesagt werden kann, was gut für es ist und was nicht, dies bei unbelebten Gegenständen nicht möglich ist. Beispielhaft hierfür wird gesagt, dass die Meinung von Mineralogen, was gut oder schlecht für ein Gestein wäre, immer von dem ästhetischen oder sonst wie gearteten Empfinden der Mineralogen abhängt und das Gestein an sich kein eigenes Gut oder Übel hat.[18]Dieser Punkt kann bestritten werden, da man behaupten kann, dass auch das „objektive Empfinden“, welches das Gut und das Übel für Kreaturen erkennt, gar nicht objektiv ist. Wenn Balzer et al. das subjektive Gut ablehnen[19]und nur das vom Menschen objektiv Empfundene anerkennen, dann bedeutet dies, dass das was der einzelnen Kreatur zustößt für diese, die sie selbst kein Selbstbewusstsein besitzt, nicht wichtig ist. Ob sie lebt oder stirbt wird nur von außen als gut oder schlecht bewertet, weil es die Funktion im Sinne der Art der Kreatur unterstützt oder nicht. Aber ist dieser Wunsch des Menschen, dass die Dinge seiner Umwelt so funktionieren wie sie sollten nicht ein subjektives Empfinden? Stimmt man dieser Überlegung zu, macht es keinen Sinn mehr nur Kreaturen einen inhärenten Wert zukommen zu lassen. Entweder, man verwirft das Konzept des auf dem objektiven Gut aufbauenden inhärenten Wertes als Solches oder man gesteht auch unbelebten Dingen, ja überhaupt allem, einen inhärenten Wert zu. Und selbst dann, wenn man an der These des objektiven Gutes festhält, ist es immer noch vorstellbar, dass die Meinungen darüber, was gut für eine Kreatur ist auseinandergehen können.

[...]


[1]Praetorius/Saladin:Die Würde der Kreatur (Art. 24noviens Abs. 3BV). In: Schriftenreihe Umwelt Nr. 260. Bern 1996.

[2]Ebd., S. 88.

[3]Ebd., S. 83.

[4]Balzer/Rippe/Schaber:Menschenwürde vs. Würde der Kreatur. Begriffsbestimmung, Gentechnik, Ethikkommissionen.Freiburg (Breisgau) u. a. 1998.

[5]Hoerster:Haben Tiere eine Würde? Grundfragen der Tierethik.München 2004.

[6]Balzer/Rippe/Schaber (1998), S. 20.

[7]Ebd., S. 28.

[8]Ebd., S. 29.

[9]Worin diese „besondere Verbindung“ zu menschlichen Grenzfällen besteht wird nicht erläutert. Möchte man aber eine Alternative zu Balzers et al. Theorie der Tierwürde finden, um Tieren moralische Berücksichtigung oder gar eine Würde zuzusprechen, könnte eine mögliche Lösung hierfür darin liegen, eine besondere Verbindung auch zu (bestimmten) Tieren zu beweisen und diese so in den Kreis derer, denen die Minimalkonzeption der Würde zukommt, ebenso wie menschliche Grenzfälle, aufzunehmen. Viele der später auftretenden Probleme könnten so umgangen werden.

[10]Ebd., S. 30.

[11]Ebd., S. 41 f.

[12]Ebd., S. 43.

[13]Ebd., S. 44.

[14]Ebd., S. 48.

[15]Preatorius/Saladin (1996), S. 44 f.

[16]Balzer/Rippe/Schaber (1998), S. 49.

[17]Ebd., S. 50.

[18]Ebd., S. 43.

[19]Ebd., S. 47.

Details

Seiten
13
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668035669
ISBN (Buch)
9783668035676
Dateigröße
446 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v305463
Institution / Hochschule
Universität Hamburg
Note
1,3
Schlagworte
Tierethik Würde des Tieres Tierwürde Rechte des Tieres Tierrechte Menschenwürde

Autor

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