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Der Ansatz entdeckenden Lernens in historischer und gegenwärtiger Betrachtung

Hausarbeit 2004 25 Seiten

Pädagogik - Reformpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Entdeckendes Lernen aus historischer Betrachtung
2.1 Johann Friedrich Herbarts Theorie des Unterrichts
2.1.1 Planmäßigkeit und Organisation
2.1.2 Anknüpfung an Erfahrung und Umgang
2.1.3 Bildung eines vielseitigen Interesses
2.1.4 Bildung des Gedankenkreises
2.1.5 Vertiefung und Besinnung
2.1.6 Klarheit
2.1.7 Assoziation
2.1.8 System
2.1.9 Methode
2.1.10 Autonomie
2.2 Zusammenfassung

3. Die Prinzipien Entdeckenden Lernens aus gegenwärtiger Betrachtung
3.1 Entdeckendes Lernen nach Bruner et all
3.1.1 Planung und Organisation
3.1.2 Einbeziehung von Erfahrungen
3.1.3 Individualität und Kreativität
3.1.4 Der sokratische Dialog
3.1.5 Problemlösefähigkeit
3.1.6 Entwicklung eines kognitiven Repräsentationssystems
3.1.7 Fragestellung/Problem/Konflikt
3.1.8 Hypothesengenerierung
3.1.9 Falsifikation
3.1.10 Transfer
3.2 Zusammenfassung

4. Vergleich und Schlussbetrachtung

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die PISA - Studien haben zu einer „Evaluationsflut“ des deutschen Schulsystems geführt und zu einer daraus resultierenden Unmenge an Konzepten für eine Verbesserung des schulischen Unterrichts.

In einer Presseerklärung der GEW (Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft) vom 04.Dezember 2001 heißt es unter der Frage ‚PISA – was nun?’: „Lernen hat nichts mit Stoffhuberei und Leistungsdruck zu tun. Neugier und Spaß am Lernen lassen sich nicht verordnen. Sie entstehen durch Problemstellungen mit Bezug zur Lebenswirklichkeit der Lerner, durch eigeninitiatives, Entdeckendes Lernen“.[1]

Die neuen Unterrichtskonzepte sind eine Reaktion auf die unbefriedigende traditionelle Form der Unterrichtsführung. Der Lehrkanon muss sich vor der Individualität des Menschen und seiner Notwendigkeit zum autonomen Handeln erklären. Unreflektiertem Pauken und Reproduktion soll durch selbsttätiges Lernen entgegengewirkt werden, um auf diese Weise die Behaltensleistung und die Selbständigkeit des einzelnen zu fördern und nachhaltig zu sichern.

Die Produktion didaktischer Innovationen als Wege, um diese Ziele zu erreichen, lässt kaum Grenzen erkennen. Es wurden unzählige Unterrichtkonzepte entwickelt, die auf die geforderte Mündigkeit des Schülers reagieren und das eigenständige Lernen in den Mittelpunkt stellen sollen. Aus der Konzeptvielfalt wurde eines herausgegriffen, das unter verschiedenen Namen vorherrscht. Gemeint ist das Entdeckende Lernen, welches häufig auch als entdecken lassendes Lernen oder Nacherfindung unter Führung bezeichnet wird.

Die Frage, die sich in diesem Zusammenhang stellt ist, wie aktuell ist die Idee des Entdeckenden Lernens überhaupt?

Die Thematik „Der Ansatz Entdeckenden Lernens in historischer und gegenwärtiger Betrachtung“ ist mit der Intention verbunden, die Bedeutung des namhaften pädagogischen Klassikers Johann Friedrich Herbart für die Theorie des Entdeckenden Lernens hervor zu heben. Herbart wurde und wird immer noch oft vorgeworfen, er sei Begründer der strengen Buchschule und des ausschließlich lehrerzentrierten Frontalunterrichts. Deshalb wird er in der historischen Darstellung des Entdeckenden Lernens kaum berücksichtigt. Stattdessen werden

die Anfänge des Konzepts der Reformpädagogik als Reaktion auf den schülervernachlässigenden Unterricht zugeschrieben. Dass deren Kritik mehr Herbarts Schülern und deren starrem Formalstufensystem zugeschrieben werden konnte statt Herbarts Unterrichtstheorie wird selten erkannt. Aus diesem Grund wird im Folgenden Herbarts Unterrichtstheorie explizit dargestellt, um dann nach der Darstellung der Konzepte des Entdeckenden Lernens eine vergleichende Analyse vorzunehmen und zu prüfen, ob bereits in seiner Theorie des Unterrichts vor 200 Jahren Ansätze zum Entdeckenden Lernen zu finden sind und das dem Konzept zugesprochene Innovative und Neue vielleicht gar nicht so sehr von traditionellen Unterrichtsmethoden abweicht, wie es zum Beispiel Ute Zocher glaubt, wenn sie sagt: Das entdeckende Lernen „stellt eine Kernidee anderen Lernens und Lehrens dar und grenzt sich in vieler Hinsicht radikal gegen traditionelles ‚Schule machen’ ab“.[2]

Meine Hypothese diesbezüglich lautet: Die Prinzipien des Entdeckenden Lernens sind nicht neu, sondern lassen sich bereits in Herbarts Theorie des Unterrichts von 1806 finden.

2. Entdeckendes Lernen aus historischer Betrachtung

Wie bereits in der Einleitung erwähnt, fällt bezüglich der historischen Betrachtung des Entdeckenden Lernens das Hauptaugenmerk auf Johann Friedrich Herbart. Zwar findet sich in seiner Theorie die Bezeichnung „Entdeckendes Lernen“ nicht, was einem Prinzipienvergleich jedoch keineswegs im Wege steht.

2.1 Johann Friedrich Herbarts Theorie des Unterrichts

Herbarts Bemühung gilt der eigenen Vervollkommnung des Schülers, im Sinne der Bildung eines sittlichen Charakters. Der Erzieher oder Lehrer hat den Schüler so zu bilden und zu erziehen, dass er am Ende in der Lage ist, selbständig die Welt zu erschließen, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden und sich stets weiter zu entwickeln.

Diese waren Herbarts Ziele und dies sind gleichsam die Ziele, die in den Bildungsplänen gefordert sind.

Herbarts Unterrichtstheorie besteht aus drei Hauptteilen: der Regierung als Vorbereitung zur „eigentlichen Erziehung“, dem erziehenden Unterricht als dem wichtigsten Teil und der Zucht als Bildung der Charakterstärke der Sittlichkeit. Alle drei Teile bilden eine Einheit und leiten das „Hauptgeschäft der Erziehung“.

Schon vor etwa 200 Jahren erkannte Herbart die Wichtigkeit der Individualität des Edukanden und entfaltete seine Theorie von diesem Punkt aus. Eine treffende Antwort auf die Frage nach Herbarts Intention gibt Geißler indem er schreibt:

„Die Befreiung des erkennenden und urteilenden Individuums von allen Idolen, allen emotionalen Verfärbungen, allen unreflektierten Begehrungen, die Ausbildung einer Charakterstärke der Sittlichkeit, mit deren Hilfe jeder sein Handeln selber an seine Einsicht bindet, eines vielseitigen Interesses, das selbständig Erfahrungen zu analysieren in der Lage ist, so daß das Individuum nicht mehr auf vorinterpretierende Vermittlung angewiesen ist. Kurz: eine reale Verselbständigung des Individuums, die nicht nur postulatorische Ideen bleiben, sondern pädagogisch verwirklicht werden soll, ist Herbarts philosophisches, ethisches und zugleich pädagogisches Anliegen“.[3]

Aufgrund einer besseren Vergleichsmöglichkeit wird im Folgenden Herbarts Theorie des Unterrichts in Form einer Auflistung von Prinzipien dargestellt. Auf diese Weise ist der direkte Vergleich mit den Prinzipien moderner Konzepte möglich.

2.1.1 Planmäßigkeit und Organisation

Unterricht ist nach Herbart planmäßig und organisiert. Man kann den Menschen nicht der Natur überlassen oder ihr anpassen, da er der Lenkung durch den Erzieher bedarf. Herbart stellt dies metaphorisch dar: „ Das Schiff, dessen Bau mit höchster Kunst darauf eingerichtet ist, dass es durch alle Schwebungen den Wellen und Winden nachgeben könne, erwartet nun den Steuermann, der ihm sein Ziel anweisen und seine Fahrt nach den Umständen lenken wird“.[4]

Der Lehrer begleitet den Schüler auf seinem Weg zur Erkenntnis und sorgt dafür, dass dieser nicht von diesem Weg abkommt. Unterricht soll deshalb systematisch und strukturiert sein, sodass der Lernende erkennen kann.

Im erziehenden Unterricht soll die unmittelbare Gegenwart anschaulich dargestellt werden, insofern, dass diese als Ausschnitt des großen Ganzen vom Schüler später transferiert werden kann.

Die nahe Wirklichkeit bildet sich durch Erfahrung und Umgang des Schülers und ist Ausgangspunkt jeden Unterrichts, der zugleich eine ergänzende Funktion besitzt.

Das Hauptprinzip ist also die planmäßige, systematisierte Veranschaulichung des zufälligen unsystematischen Bekannten.

2.1.2 Anknüpfung an Erfahrung und Umgang

Unterricht knüpft an Erfahrung und Umgang des Schülers an und ordnet und ergänzt diese.

„Die Erfahrung scheint darauf zu rechnen, der Unterricht werde ihr nachkommen, um die Massen, welche sie gehäuft hinwarf, zu zerlegen, und das Zerstreute ihrer formlosen Fragmente zusammenzufügen und zu ordnen“.[5]

Unterricht und Erziehung verschmelzen sich dementsprechend zu einer Einheit. Die Erfahrungen, die jeder einzelne mit sich bringt werden systematisiert und erweiterbar gemacht. Zu beachten ist hierbei, dass bei der Erweiterung des Umgangs, dessen Struktur maßgebend ist.

Als Unterrichtsmittel schlägt Herbart alle Arten von Abbildungen vor. „So gibt es Gemälde fremder Städte, Länder, Sitten, Meinungen mit den Farben des bekannten; es gibt historische Schilderungen, die durch eine Art von Gegenwart täuschen, weil sie die Züge der Gegenwart entlehnen“.[6]

Diese Form des Unterrichts setzt an Bekanntem an und erweitert es zugleich, indem das Fremde Unbekannte mit den Strukturelementen des Bekannten dargestellt wird.

Der bloß darstellende Unterricht[7] ist völlig an den Gesichtskreis des Schülers gebunden. Je weiter die dargestellten Inhalte von diesem Gesichtskreis entfernt sind, desto unverständlicher und undurchsichtiger wird es für den Schüler.

„[...] ihrer Natur nach hat diese Lehrart nur ein Gesetz: so zu beschreiben, dass der Zögling zu sehen glaube“.[8]

Herbart ordnet der Erfahrung das empirische und dem Umgang das sympathetische Interesse zu. Während sich im Laufe des Prozesses des Nachdenkens über die Erfahrungsgegenstände das spekulative Interesse entwickelt, bildet sich auf der Seite des Umgangs das gesellschaftliche Interesse.

Erfahrung und Umgang werden im Unterricht erweitert durch Erkenntnis und Teilnahme, denn „von Natur aus kommt der Mensch zur Erkenntnis durch Erfahrung und zur Teilnahme durch Umgang“.[9] Herbart konkretisiert diese die Vielseitigkeit des Interesses konstituierenden Elemente folgendermaßen:

Erkenntnis Teilnahme

des Mannigfaltigen, an Menschheit,

seiner Gesetzesmäßigkeit, Gesellschaft

seiner ästhetischen und dem Verhältnis beider

Verhältnisse. Zum höchsten Wesen.[10]

[...]


[1] vgl.: http//www.gew.de/standpunkt/schlagzeilen/schule/pisa/presseerklaerungen/d_pr_erklaerung4.ht

[2] vgl.: Zocher, Ute: Entdeckendes Lernen lernen, S.1

[3] vgl.: Geißler: Johann Friedrich Herbart, S. 457

[4] vgl. Herbart, Johann F.: Allgemeine Pädagogik, S. 57

[5] vgl. Herbart, Johann F.: Allgemeine Pädagogik, S. 60

[6] vgl.: Herbart: Allgemeine Pädagogik.

[7] Herbart unterscheidet drei Formen des Unterrichts: den bloß darstellenden, den synthetischen und den analytischen Unterricht, wobei „man [kann] im allgemeinen jeden Unterricht synthetisch nennen ( kann) , in welchem der Lehrer selbst unmittelbar die Zusammenstellung dessen bestimmt, was gelehrt wird, analytisch hingegen denjenigen, wobei der Schüler zuerst seine Gedanken äußert, und diese Gedanken, wie sie nun eben sind, unter Anleitung des Lehrers auseinanderlegt, berichtigt, vervollständigt werden“.

[8] vgl.: Herbart: Allgemeine Pädagogik, S. 58

[9] vgl.: ebd.

[10] vgl.: ebd., S. 55

Details

Seiten
25
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638318211
ISBN (Buch)
9783656246626
Dateigröße
594 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v30600
Institution / Hochschule
Universität Trier
Note
gut
Schlagworte
Ansatz Lernens Betrachtung

Autor

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