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„Der schwedische Reiter“ von Leo Perutz als historischer Roman

Hausarbeit 2013 17 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Definition des historischen Romans

3. Historische Elemente in Leo Perutz Roman: „Der schwedische Reiter“
3.1 Der historische Hintergrund im „schwedischen Reiter“
3.2 Historische Merkmale auf sprachlicher Ebene
3.3 Die Rolle des Erzählers
3.4 Einbau eines (fiktiven) historischen Dokuments: Der 'Vorbericht'

4. Phantastische Elemente in Leo Perutz Roman: „Der schwedische Reiter“

5. Zusammenfassung

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Leo Perutz schreibt über den historischen Roman:

Der historische Roman hat immer wieder an der Papiersprache gekrankt, die man ihm aufgezwungen hat. Ein Drittel seiner Sprachkunst mag historisches Sprachgut sein: Sprache der Zeit, in der er spielt; ein anderes Drittel Sprachgeist der Personen, die handeln und sprechen; und der Rest ist Rhythmus, immer wieder Rhythmus und Musikalit ä t. Aber das ist ja alles wieder nur Theorie. Praktisch gesprochen, könnte ich es kaum anders sagen als: ich bemühe mich immer, so zu schreiben, wie meine Gro ß mutter mir Geschichten erz ä hlt hat. 1

In seiner Äußerung über den historischen Roman spricht Leo Perutz eine spezifische Art der Sprache an, die ein wesentliches Merkmal für diese Art von Roman zu sein scheint.

Doch was genau meint er mit „Sprache der Zeit“, „Sprachgeist der Personen“ und mit „Rhythmus und Musikalität“?

Diese Frage und nicht zuletzt die Tatsache, dass Leo Perutz' Werke oftmals ohne große Umschweife in das Genre der phantastischen Literatur eingeordnet werden, haben mich dazu angetrieben einmal näher zu analysieren, inwieweit sein Roman: „Der schwedische Reiter“ vielmehr genau diesen angesprochenen „Sprachgeist“ enthält und uns zahlreiche Merkmale historischen Erzählens begegnen.

Dafür wird im Rahmen dieser Hausarbeit der Begriff des historischen Romans zunächst genauer betrachtet und anhand verschiedenster Definitionsansätze versucht, wesentliche Merkmale eines historischen Romans herauszustellen.

Anschließend werden Merkmale historischen Erzählens in ihrer vielseitigen Form, im Hinblick auf den 'Schwedischen Reiter' untersucht.

Dabei wird sowohl ein Blick auf den historischen Hintergrund, der dem Leser innerhalb des Romans begegnet, geworfen, als auch auf sprachlicher Ebene analysiert. Sowohl die direkte Figurenrede, als auch die Rolle des Erzählers wird dabei in den Fokus der Analyse und Interpretation geraten.

Um diese nicht gänzlich außer Acht zu lassen, werden abschließend die wesentlichen Merkmale phantastischer Literatur aufgegriffen, um die Verschmelzung dieser beiden Gegensätze aufzugreifen.

Ziel ist es aufzuzeigen, wie viel „Historisches“ in Perutz Roman steckt und, dass es aus diesem Grund durchaus berechtigt ist, seinen Roman „Der schwedische Reiter“ als einen historischen Roman zu bezeichnen, der auf seine eigene Art historisches Flair schafft und den Leser mit in eine vergangene Zeit nimmt und dennoch Aspekte phantastischer Literatur enthalten kann.

2. Definition des historischen Romans

Zu Beginn der genaueren Analyse des Romans von Leo Perutz, ist es zunächst unumgänglich, den Begriff „historischer Roman“ einmal zu definieren.

Obwohl die Anfänge des historischen Romans bereits am Anfang des 19. Jahrhunderts liegen, gibt es bis heute keine eindeutige Definition. Diese Tatsache macht es einem um so schwerer, genau einordnen zu können, ob uns ein historischer Roman vorliegt oder nicht. Wolfgang Wiesmüller schreibt in seinem Aufsatz über den historischen Roman:

Der historische Roman galt von Anfang an als 'Zwittergattung', weil er sich einerseits auf historische Quellen und Fakten bezieht, andererseits zu den Mitteln der literarischen Phantasie greift, um diese poetisch zu gestalten. 2

Somit wäre der historische Roman schlichtweg eine Mischung aus Fakten und Fiktion, wobei die fiktiven Ereignisse als eine Art 'Schmuck' dienen, der dem Leser eine Erzählung innerhalb einer historischen Kulisse greifbarer und emotionaler erscheinen lässt. Dies wird auch in seiner weiteren Aussage deutlich, indem er schreibt:

„ Der historische Roman hat sich [...] bei Lesepublikum gro ß er Beliebtheit erfreut, insbesondere weil er vergangene Zeiten und versunkene Welten wieder lebendig l ä sst [...] und durch das Mitleben mit fiktiven und historischen Persönlichkeiten Identifikationsmöglichkeiten eröffnet. 3

Auch Hans Vilmar Geppert verweist auf genau solch eine Verschmelzung von Fiktion und Fakten: „Die historischen Romane setzen die Zeitlichkeitserfahrungen in subjektivierende Geschichten und vor allem in narrativ-ästhetische Experimente um.“4

Hugo Aust wiederum stellt zunächst heraus, dass es bei diesem Romantypus vor allem um „historisches Erzählen“ geht. Dabei bedeutet „historisches Erzählen“, „Geschichte zu erzählen, die wiedererkennbare Geschichte voraussetzen“5.

Wesentlich für den historischen Roman gilt, so Franz Stanzel, dass er die Grenzen zwischen Fiktion und Wirklichkeit überschreitet und sie sogar verschmelzen lässt6. Zudem sei er bestrebt, Leerstellen in der historischen Überlieferung „aus seiner eigenen Vorstellung aufzufüllen und so die Erzählung aktiv-kreativ zu komplettieren“7.

An den verschiedenen Ansätzen von Deutungen lässt sich zusammenfassen, dass, auch wenn uns keine allgemeingültige Definition gegeben wird, eines doch gemeinsam bleibt:

Der historische Roman baut geschichtliche Ereignisse und damit Fakten in seine Erzählung ein und konstruiert um diese Fakten bewusst fiktive Begebenheiten, Personen, Geschehnisse oder Umstände. Dabei sind die Grenzen zwischen historischen Tatsachen und Erfundenem nicht immer klar zu definieren und können ineinander übergehen.

Im weiteren Verlauf dieser Hausarbeit wird der Begriff „historischer Roman“ unter diesen Aspekten und den oben genannten Deutungsansätzen verwendet.

3.Historische Elemente in Leo Peutz Roman: „Der schwedische Reiter“

3.1 Der Historische Hintergrund im „schwedischen Reiter“

Grundlegend, um über einen historischen Roman reden zu können, ist, wie bereits anhand der Definitionsversuche erkennbar, ein historischer Hintergrund, der den Leser in eine vergangene Epoche führt und als Kulisse der Geschehnisse innerhalb der Erzählung dient. Dabei liegt der „parabolische Zweck des historischen Erzählens“8 darin, „großräumig gezogene Vergleiche zwischen Damals und Jetzt, Früher und Später“9 zu ziehen. Auf welche Weise dies geschieht, kann ganz unterschiedlich sein.

Beispielsweise kann einerseits der historische Hintergrund selbst im Mittelpunkt der Erzählung stehen und andererseits kann er, wie in Perutz' Fall, lediglich als Schauplatz dienen.

So geht es in dem „schwedischen Reiter“ nicht etwa um den schwedischen Krieg zwischen August dem Starken und Karl XII. von Schweden selbst, sondern lediglich um „die Geschichte zweier Männer“10 innerhalb dieses Schauplatzes.

Oder wie es Hans-Harald Müller formuliert: „Im 'Schwedischen Reiter' wechselt Perutz von der welthistorischen Makrogeschichte zur fast intimen Mikrogeschichte“11, zieht man einen Vergleich zu Perutz' früherem Roman 'Turlupin'. Da Perutz auf historische Ereignisse keinen konkreten Bezug nimmt, weist Michael Niehaus darauf hin: „Das im Roman Erzählte konkurriert mit keiner historischen Überlieferung. Ein Roman, der von einer erschlichenen Geschichte erzählt, kann nur beziehungslos neben der Geschichtsschreibung stehen.“12 Dies kann als Vorteil gesehen werden, da auf diese Weise nicht gänzlich ausgeschlossen werden kann, dass Perutz' Roman auf möglichen Fakten beruht. Zudem weist Niehaus daraufhin, dass im historischen Roman, „die Fiktion stets die Leerstellen der historischen Überlieferung aufzufüllen hat“13 und dies liegt uns in diesem Roman offensichtlich vor.

Welche Arten von „Geschichtssignalen“14 in einem historischen Roman verwendet werden, kann auf verschiedenste Weise geschehen. Darauf verweist auch Hugo Aust indem er schreibt:

Für gewöhnlich senden historische Romane Geschichtssignale aus; das sind Daten, Namen (von Personen, St ä tten, Ereignissen, Epochen), kultur- und sittengeschichtliche Einzelheiten, amtliche Dokumente. Sie alle drücken zeitliche Differenz und Distanz aus, selbst wenn sie nicht in die Vergangenheit, sondern in die Fiktion 'versetzten'. 15

Dabei kommt es demnach nicht darauf an, ob die uns gegebenen historischen Signale nun auf Fakten beruhen, oder zum Zwecke der Erzählung, als fiktive Elemente eingebaut werden.

Wie bereits erwähnt, tritt die eigentliche Historie im „schwedischen Reiter“ in den Hintergrund der Geschehnisse. Dies bedeutet jedoch nicht, dass diese nicht immer wieder als eine Art 'Splitter' aufgegriffen werden. Denn „solche Zeit-Zeichen sind im Text an beliebiger Stelle verstreut“16. Bereits im „Vorbericht“17 wird der Ort des Geschehens genannt: „Als sie sechs Jahre oder etwas darüber alt war, verließ ihr Vater seinen Hof, um sich nach Rußland 'unter die düsteren Fahnen Karls des Zwölften', des Schwedenkönigs, zu begeben, dessen Ruhm zu jener Zeit die Welt erfüllte.“18

Neben dem Ort des Geschehens wird dem Leser eine weitere wichtige Information zugespielt. Er erfährt etwas über die Herrschaft Schwedens und die damit vorherrschende Machtsituation. Diese Machtsituation spielt insoweit innerhalb der späteren Erzählung eine wichtige Rolle, als dass sie es ist, die es dem 'namenlosen Dieb' erst ermöglicht die Identität 'Christians von Tornefelds' einzunehmen, da dieser aus Angst vor den „Kaiserlichen Musketiere(n)“19 in die Erzhütte des Bischofs flieht.

Die erste genaue Jahreszahl taucht ebenfalls in diesem 'Vorbericht' auf: „Sie trafen einander an einem bitterkalten Wintertag zu Beginn des Jahres 1701 in eines Bauern Scheune und schlossen Freundschaft miteinander.“20

„Daten zeigen nicht nur die Zeit an, sondern sie zeugen auch von ihrem Ort im 'symbolischen Feld' der Erzählung“21 und „bezeichnen nicht nur die Zeitdifferenz, sondern führen sie vor Augen“22.

[...]


1 Zitat nach dem 'Nachwort' von Hans-Harald Müller, von Leo Perutz, S. 249.

2 Wiesmüller: Der historische Roman. In: Estudios Filológicos Alemanes. S. 297 f.

3 Ebd., S. 280.

4 Geppert: Der historische Roman, S. 9

5 Vgl. Aust: Der historische Roman. S. 17

6 Vgl. Stanzel: Historie, S. 113-117.

7 Ebd., S. 118 f.

8 Aust: Der historische Roman, S. 18.

9 Ebd.

10 Vgl. Leo Perutz: Der schwedische Reiter, S. 15. Künftig zitiert mit Segle DSR.

11 Müller: Konzeption bei Perutz, S. 108.

12 Niehaus: Der historische Roman als Konstrukt, S. 11.

13 Vgl. ebd., S. 11f.

14 Vgl. Aust, Hugo: Der historische Roman. S. 22

15 Ebd.

16 Ebd. S. 23

17 Vgl. Leo Perutz: Der schwedische Reiter, S. 7

18 Ebd, S. 11.

19 Vgl.,Dsr, S. 84.

20 Ebd., S. 15.

21 Vgl. Aust, Hugo: Der historische Roman. S. 23

22 Vgl. ebd.

Details

Seiten
17
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783668041141
ISBN (Buch)
9783668041158
Dateigröße
515 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v306041
Institution / Hochschule
Universität zu Köln – Deutsche Sprache und Literatur
Note
2,3
Schlagworte
Leo Perutz Historischer Roman Romananylse

Autor

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Titel: „Der schwedische Reiter“ von Leo Perutz als historischer Roman