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Die Funktion von Märchen und Mythen in Walter Benjamins „Berliner Kindheit um 1900“

Hausarbeit (Hauptseminar) 2015 17 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Zu Autor und Werk
2.1 Über Walter Benjamin
2.2 Zur Entstehungsgeschichte

3. Mythologische Elemente
3.1 Mythen in „Berliner Kindheit um 1900“
3.2 Das Labyrinth und das Motiv des sich Verirrens

1. Einleitung

Märchen und Mythen scheinen eng mit den Kindheitserinnerungen verbunden zu sein und auch für das Erinnern eine wichtige Rolle zu spielen. Kaum ein Kind wächst ohne „Grimms Märchen“ oder mythologische Geschichten auf. Die Phantasie eines Kindes ist nahezu unbegrenzt, sodass es nicht verwunderlich ist, dass gerade diese Art von Erzählungen bei Kindern so beliebt ist.

Gegenstand der Untersuchung dieser Ausarbeitung soll Walter Benjamins Erzählung „Berliner Kindheit um 1900“ sein, die aus mehreren Erinnerungstexten aus der Kindheit besteht.[1] Obwohl zwischen Autor und Erzählerfigur differenziert werden muss, sind autobiografische Bezüge in den Erzähltexten nicht von der Hand zu weisen. Bei näherer Betrachtung der einzelnen Textminiaturen, fallen ebenfalls intertextuelle Verweise auf Märchen und Mythen ins Auge. Besonders die mythologischen Bezüge sind sehr auffällig und bieten Anlass zur Interpretation. Die märchenhaften Elemente sind ebenfalls nicht zu übersehen und sollen näher in Augenschein genommen und auf ihre Funktion hin untersucht werden.

Somit liegt der Fokus dieser Ausarbeitung auf den märchenhaften und mythologischen Elementen in Benjamins „Berliner Kindheit um 1900“ und deren Funktion in der Erzählung. Was haben Zeus, Ariadne und die Mutter Schneewittchens für eine Funktion für die Erzählung? Welche Alltagsmythen greift Benjamin auf?

Dies soll im Rahmen der Hausarbeit untersucht und herausgearbeitet werden. Hierzu sollen nach einer kurzen Einführung des Autors und des Werkes mehrere Textbeispiele aus Benjamins „Berliner Kindheit um 1900“ näher betrachtet und analysiert werden. Es wird sich herausstellen, dass die mythologischen und märchenhaften Intertexte verschiedene Funktionen in den Erzählungen erfüllen.

Abschließend werden die Untersuchungsergebnisse in einem Fazit zusammengefasst und ein Ausblick auf weitere Untersuchungsaspekte gegeben.

2. Zu Autor und Werk

2.1 Über Walter Benjamin

Walter Benjamin wurde 1892 als Sohn einer wohlhabenden deutsch-jüdischen Familie in Berlin-Charlottenburg geboren.[2] Die großbürgerliche Kindheit spiegelt sich auch in „Berliner Kindheit um 1900“ wider, wo das Leben in Berlin und das Aufwachsen in einer Villenwohnung beschrieben wird. Ab 1930 werden die Arbeitsbedingungen als Autor immer schwieriger. Er verlässt 1933 Deutschland und geht ins Pariser Exil.[3]

Im Exil bleiben seine Bemühungen vergebens Anschluss an die dortige Intellektuellenszene zu bekommen und er bleibt ein Außenseiter.[4] Im Gegensatz zu seiner reichen und behüteten Kindheit lebte er im Exil am Existenzminimum und ist aufgrund finanzieller Not mehrfach dazu gezwungen umzuziehen. Im Verlaufe des zweiten Weltkrieges flieht er aufgrund vorrückender deutscher Truppen in Richtung Spanien, wird aber wegen eines fehlenden Ausreisevisums an der Durchreise – und somit an der Flucht in die U.S.A – gehindert. In einem Hotel an der Grenze nimmt sich der mittlerweile schwer kranke Benjamin am 26. September 1940 mit einer Überdosis Morphium das Leben.

Auch wenn in „Berliner Kindheit um 1900“ grundsätzlich zwischen Autor und Erzählerfigur unterschieden werden sollte, sind dort durchaus autobiographische Bezüge zu finden. Ein Blick auf Walter Benjamins Leben ist somit hilfreich, um sich in den Kindheitserinnerungen der Erzählung zurecht zu finden.

2.2 Zur Entstehungsgeschichte

Da die Entstehungsgeschichte des Werkes wesentlich zu dessen Verständnis beiträgt, soll an dieser Stelle kurz auf die Umstände der Entstehung und die verschiedenen Fassungen eingegangen werden. Walter Benjamins „Berliner Kindheit um 1900“ basiert auf der Auftragsarbeit „Berliner Chronik“, die er im Jahre 1931 zu verfassen begann und später im Exil bearbeitete.[5] Durch den Auftrag der Literarischen Welt „eine Reihe von subjektiv eingefärbten Geschichten über seine Heimatstadt Berlin zu verfassen“[6], wurde Benjamin veranlasst, sich mit den eigenen Kindheitserinnerungen zu befassen und sie in eine literarische Form zu bringen.[7] Zu Benjamins Lebzeiten sind nur einzelne Texte, zum Teil unter einem Pseudonym, veröffentlicht worden.[8] Erst im Jahre 1950 gab Theodor W. Adorno die einzelnen Erinnerungstexte als Buch heraus; mit der Gesamtausgabe von 1972 erschien eine erweiterte Fassung und im Nachtragsband wurden später die in der Pariser Nationalbibliothek gefundene Fassung „Handexemplar komplett“ und die „Gießener Fassung“ aus dem Jahre 1932 veröffentlicht.[9]

Wie verdeutlicht wurde, liegen die einzelnen Textfragmente in verschiedenen Anordnungen und Umfängen vor. Als Grundlage der Ausarbeitung diente hier die Anordnung von Walter Benjamin.[10]

Die Erzählung „Berliner Kindheit um 1900“ besteht somit aus mehreren Textminiaturen, die, wie bereits erwähnt, von Walter Benjamin im Exil zu einem Werk zusammengefügt wurden.[11] Die einzelnen Fragmente lassen sich innerhalb des Werkes in ihrer Anordnung variieren und bilden keine feste Abfolge. Die vielen Versuche, die einzelnen Texte nach bestimmten Motiven zu ordnen und Textkohärenz zu schaffen[12], zeigen, dass sich diese Aufgaben als sehr komplex erweisen. Anja Lemke beschrieb dieses Phänomen treffend als „Kaleidoskop der Erinnerungen“[13] durch das mit jeder Neuordnung der einzelnen Erinnerungsdarstellungen ein neues Gesamtbild entsteht und somit mit einer neuen Deutungsoption verbunden ist.[14] Besonders die fragmentarische Struktur des Werkes, verdeutlicht die Kindheitserinnerungen, die ebenfalls Lücken, Zeitsprünge und bruchstückhafte Züge aufweisen. Somit nimmt die fragmentarische Struktur der Erzählung einen hohen Stellenwert ein, die ebenfalls wesentliches Merkmal der Erinnerung an sich darstellt. Die einzelnen Erzählelemente erlauben somit auch eine separate Betrachtung und müssen aufgrund ihrer Losgelöstheit nicht zwingend kontextualisiert werden.

3. Mythologische Elemente

3.1 Mythen in „Berliner Kindheit um 1900“

Zunächst sollen die mythologischen Elemente in Benjamins „Berliner Kindheit um 1900“ näher in Augenschein genommen werden. Da im Rahmen der Ausarbeitung nicht alle mythologischen Aspekte in diesem Werk bearbeitet werden können, wurden drei Textfragmente ausgewählt, die besonders auffällige Verweise auf die Mythologie bieten.

3.2 Das Labyrinth und das Motiv des sich Verirrens

Bereits am Anfang der Episode „Tiergarten“ wird das Motiv des sich Verirrens aufgegriffen, indem die Stadt mit einem Wald verglichen wird, in dem man sich leicht verirrt.[15] Nicht nur die Labyrinthe auf den Löschblättern der Schulhefte, sondern besonders auch das Labyrinth im Park „dem seine Ariadne nicht gefehlt hat“[16] scheinen eine prägende Kindheitserinnerung zu sein. Ziel des Kindes ist die prunkvolle Statue der Königin Luise, die umgeben von einem Wasserlauf im Berliner Tierpark auf einem Sockel steht.[17] Mit der Vorstellung, dass Ariadne dort in der Nähe des Labyrinths ihr Lager gehabt haben müsse, wird der griechische Theseus-Mythos aufgegriffen und mit den Empfindungen des Kindes verbunden.[18] Durch die Ariadne erfährt das Kind, für das das Wort Liebe erst später ein Begriff werden soll, erstmals was Liebe ist.[19]

Nach dieser griechischen Sage ist König Minos verpflichtet, dem Minotaurus – ein grausames Wesen halb Mensch, halb Stier – das in dem von Daidalos erbauten Labyrinth auf Kreta lebt, regelmäßig Menschopfer darzureichen.[20] Theseus erhält die Aufgabe, den Minotaurus zu erlegen und wählt, wie das Orakel zuvor geraten hat, Aphrodite als Führerin für die Fahrt über das Meer.[21] Diese entfacht in der Königstochter Ariadne die Liebe zu Theseus, was sie dazu veranlasst, ihm ein Knäuel zu geben, damit er mithilfe des Fadens nach der Erlegung des Minotaurus aus dem Labyrinth herausfindet.[22]

[...]


[1] Benjamin, Walter: Berliner Kindheit um 1900. Frankfurt: Suhrkamp 2013 (im Folgenden zitiert als: Benjamin: Berliner Kindheit).

[2] Vgl. Werner, Nadine: Zeit und Person. In: Benjamin-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung, hg. von Burkhardt Lindner. Stuttgart und Weimar: Metzler 2006, hier S. 5.

[3] Vgl. ebd., S. 6.

[4] Vgl. ebd.

[5] Vgl. Lemke, Anja: Berliner Kindheit um neunzehnhundert. In: Benjamin-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung, hg. von Burkhardt Lindner. Stuttgart und Weimar: Metzler 2006, hier S. 654 (im Folgenden zitiert als: Lemke: Berliner Kindheit).

[6] Ebd.

[7] Vgl. ebd.

[8] Vgl. ebd.

[9] Vgl. ebd.

[10] Benjamin: Berliner Kindheit.

[11] Vgl. Lemke: Berliner Kindheit, S. 654.

[12] Vgl. ebd., S. 656.

[13] Ebd.

[14] Vgl. ebd.

[15] Vgl. Benjamin: Berliner Kindheit, S. 23.

[16] Ebd..

[17] Vgl. ebd.

[18] Vgl. ebd.

[19] Vgl. ebd.

[20] Vgl. Göll, Hermann: Illustrierte Geschichte der Mythologie. Darmstadt: Bechtermünz 1991, S. 200 (im Folgenden zitiert als: Göll: Geschichte der Mythologie).

[21] Vgl. ebd., S. 201.

[22] Vgl. ebd.

Details

Seiten
17
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668041592
ISBN (Buch)
9783668041608
Dateigröße
470 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v306076
Institution / Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen – Institut für Germanistische und Allgemeine Literaturwissenschaft der RWTH Aachen
Note
1,0
Schlagworte
Walter Benjamin Märchen Mythen Mythos Jüdische Literatur Zeus Berlin Kindheitserinnerungen Kaiserzeit Literarische Kindheit

Autor

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