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Die Lancaster-Nachfrage als Kritik der neoklassischen Wirtschaftstheorie

Seminararbeit 2015 15 Seiten

VWL - Innovationsökonomik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Nachfragetheorie
2.1 Nachfrage und Betrachtung von Gütern ohne Lancaster
2.2 Kelvin Lancaster: Kurzporträt und Motivation
2.3 Nachfragetheorie und Güterverständnis von Lancaster

3. Analyse der Bedeutung der Lancaster Nachfrage

4. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das Kaufverhalten und die Wahrnehmung von Produkten von potenziellen Konsumenten war schon immer ein wichtiger Bestandteil in den Wirtschaftswissenschaften. Die Frage danach, warum ein Produkt im Endeffekt gekauft wird und wie Nachfrage entsteht ist so grundlegend, dass sie die Ökonomen schon von Beginn an beschäftigt. Wie bei fast allen ökonomischen Fragestellungen gibt es auch hier verschiedene Herangehensweisen, Argumente und Theorien. Auf der einen Seite gibt es Theorien, die die wesentlichen Annahmen auf ein Minimum herunterfahren; auf der anderen Seite gibt es Theorien, die ihre vielen Annahmen mit einem höheren Realitätsanspruch begründen. Die am weitesten verbreitete Wirtschaftstheorie der Neoklassik wurde unter anderem von Kelvin Lancaster stark kritisiert und mit seiner eigenen Theorie versucht zu ersetzen.

Das Ziel dieser Hausarbeit ist, die Nachfragetheorie und das Verständnis von Gütern von Kelvin Lancaster (1924 – 1999) von den Ansichten der herkömmlichen Neoklassik zu unterscheiden.

Im Unterschied zu Slutzky, Hicks, Allen und anderen bedeutenden Ökonomen, bei denen es nahezu keine Heterogenität unter Gütern gibt, bindet Lancaster diese in seine „neue Theorie“ mit ein und macht Güter zu etwas viel komplexerem. Seiner Ansicht nach ist dies notwendig, weil es dazu beiträgt, das Konsumentenverhalten realistischer und somit genauer abbilden zu können (vgl. Lancaster 1966, S. 135). Es stellt sich nun die Frage, ob Konsumenten die Güter wirklich als etwas Hochkomplexes mit unwahrscheinlich vielen intrinsischen Eigenschaften sehen, die sich bei der Kombination mit anderen Gütern sogar noch verändern können. Vielleicht nimmt der Konsument aber auch nur sehr wenige Gütereigenschaften wahr und entscheidet sich zum Teil unbewusst für oder gegen ein Produkt.

Der folgende Text soll zunächst das Verständnis von Gütern und der Nachfrage darlegen, das sich ohne die Ideen von Kelvin Lancaster in der weit verbreiteten und allgemein anerkannten Neoklassik ergibt. Im Anschluss daran sollen die neuen Ideen von Lancaster erläutert und der Neoklassik gegenübergestellt werden. Es soll klargemacht werden, warum Lancaster die Neoklassik als nicht ausreichend empfand und wie er danach versucht hat, das Nachfrageverhalten der Individuen realistisch zu modellieren. Nach der Erläuterung der beiden Ansätze soll in einer Analyse die Notwendigkeit von Lancasters Annahmen überprüft werden und ob seine Ansätze wirklich näher an der Realität sind. Gleichzeitig soll die Frage geklärt werden, wie groß die Bedeutung der Lancaster Nachfrage heutzutage ist.

2. Nachfragetheorie

2.1 Nachfrage und Betrachtung von Gütern ohne Lancaster

Die Theorie des Konsumentenverhaltens vor Kelvin Lancaster ist sehr restriktiv gehalten. So lässt sie die von Lancaster untersuchten intrinsischen Eigenschaften von Gütern außen vor. Intrinsische Eigenschaften sind die zentralen „inneren Eigenschaften“ der Güter, die man nicht auf den ersten Blick erkennt. Zum Beispiel ist ein Schuh nicht nur ein Schuh als Gut, sondern er hat unter anderem die intrinsischen Eigenschaften, dass er das Laufen angenehmer macht und bei Kälte die Füße wärmt. Ein Gut hat im Normalfall mehrere dieser intrinsischen Eigenschaften. Diese Eigenschaften werden in der allgemeinen Konsumententheorie vor Lancaster schlicht als irrelevant und überflüssig außer Acht gelassen. Über intrinsische Eigenschaften lassen sich zwei völlig unterschiedliche Produkte jedoch erst qualitativ voneinander unterscheiden und miteinander vergleichen; ohne Lancaster werden Güter nur über Preis und Nutzen differenziert. Laut Lancaster ist die einzige Eigenschaft in der Neoklassik, die von wirklich allen Gütern geteilt wird, dass es sich bei ihnen um Güter handelt (vgl. Lancaster 1966, S. 132).

Auch die Rationalität ist in der allgemeinen Konsumententheorie sehr strikt formuliert. Wenn zum Beispiel die Güter X und Y gegeben sind, dann ist ein Konsument, der immer nur X konsumiert, genauso rational wie einer, der immer nur Y konsumiert, beziehungsweise ein festes Verhältnis der beiden Güter. Konsumiert er jedoch einmal X und beim nächsten Mal Y, einfach weil ihm danach ist, so ist er laut der allgemeinen Theorie irrational (vgl. Lancaster 1966, S. 132). Es wird davon ausgegangen, dass sich Konsumenten im Allgemeinen rational verhalten. Die Frage, was letztendlich konsumiert wird, wird durch die Präferenzen der einzelnen Individuen beantwortet. Man geht davon aus, dass sich die Individuen zwangsläufig das Maximum leisten, was ihr Budget zulässt. Erhöht sich das Budget, verschiebt sich die Budgetgerade, über die die konsumierte Menge grafisch in einem Koordinatensystem dargestellt wird, nach außen und das zusätzliche Budget wird in Güter investiert. In diesem Koordinatensystem wird bei der herkömmlichen Theorie meist von einem sogenannten „Zwei-Güter-Fall“ ausgegangen.

Die in der Theorie getroffenen Annahmen zur Beschreibung des Konsumentenverhaltens schreiben den einzelnen Konsumenten eine sehr einfache Art und Weise der Entscheidung für oder gegen ein Produkt zu. Laut Theorie verhalten sie sich systematisch und außerdem können sie präzise angeben, welche Güterkombination sie bevorzugen, wenn sie verschiedene Kombinationen zur Wahl haben. Diese Wahl der Güterkombination ist dann fest. Sie wird nicht nachträglich geändert, denn Konsumenten sind bei der Bewertung widerspruchsfrei (vgl. Hampicke 1992, S. 31). Auch die Annahmen für die Präferenzordnungen, also welches Gut oder Güterbündel der Konsument gegenüber einem anderen bevorzugt, sind sehr strikt formuliert. So gibt es zum Beispiel keine Ähnlichkeit, die ein Konsument zwischen zwei Produkten empfinden kann. Um wieder den „Zwei-Güter-Fall“ mit den beiden Gütern X und Y aufzugreifen: Der Konsument kann drei verschiedene Aussagen treffen:

1. Gut X ist besser als Gut Y.
2. Gut Y ist besser als Gut X.
3. Gut X und Gut Y sind gleich gut.

Was er also nicht sagen kann ist, dass er Gut X und Y sehr ähnlich findet und dass sie sich nur in wenigen Eigenschaften unterscheiden. Die Präferenzen der Konsumenten sind also vollständig, transitiv und monoton (vgl. Hampicke 1992, S. 32). Durch die Vollständigkeit werden eventuelle Entscheidungsunsicherheiten ausgeschlossen. Transitivität und Monotonie schließen Widersprüche aus und implizieren, dass der Konsument nach dem Motto „mehr ist für mich besser“ handelt. Differenzierung zwischen den Produkten findet über den Preis und Nutzen statt.

Um die Nachfrage genau darstellen zu können, wird diese über alle potenziellen Nachfrager aggregiert. Die aggregierte Nachfragefunktion wird dann in der volkswirtschaftlichen Theorie in einem Preis-Mengen-Diagramm mit fallender Steigung abgetragen. Die fallende Steigung impliziert, dass die Konsumenten bei einem fallenden Preis generell bereit sind, mehr zu zahlen. In Kombination mit dem aggregierten Angebot ergibt sich in diesem Diagramm im Schnittpunkt der beiden Funktionen das Marktgleichgewicht.

Die neoklassische Theorie beansprucht für sich, dass jeder Konsument bei seiner Kaufentscheidung sehr ähnliche Überlegungen tätigt und dadurch wirkt sie auf eine Art und Weise abstrakt und sehr perfektioniert. Heterogenität, die später in Lancasters neuer Theorie zu einem sehr wichtigen Instrument wird, existiert zwischen den Gütern und den Konsumenten kaum. Wie oben schon erwähnt, wird auf eine genauere Erklärung, was ein Gut genau ausmacht, in der Theorie ohne Lancaster kein größerer Wert gelegt. Man geht davon aus, dass in der Gesamtheit, wenn man den ganzen Gütermarkt aggregiert betrachtet, Ähnlichkeiten zwischen Gütern - wenn überhaupt - eine sehr untergeordnete Rolle spielen. Das Hauptaugenmerk soll auf ein - durch strikte Annahmen zwar stark vereinfachtes - Modell gelegt werden, das die Realität jedoch ausreichend widerspiegelt. Zu viele Annahmen würden das Modell unnötig verkomplizieren ohne einen entsprechenden Mehrwert zu liefern. Außerdem steht nicht der einzelne Konsument mit seinen individuellen Wünschen im Vordergrund, sondern die aggregierte Masse.

2.2 Kelvin Lancaster: Kurzporträt und Motivation

Der 1924 in Sydney geborene Kelvin Lancaster absolvierte an der „Sydney University“ die Studiengänge Geologie, englische Literatur und Mathematik. Seine Abschlussarbeiten waren so beeindruckend, dass ihm die Fakultät für englische Literatur direkt eine Lehrstelle anbot. Diese lehnte er jedoch ab und trat der Forschungsinstitution „Research Service of Australia“ bei. Als Angestellter im Bereich Ökonomie und Statistik entwickelte er für ein Regierungsprojekt so bahnbrechende Indices, dass diese zum Teil noch heute in Benutzung sind. Diese praxisbezogene Arbeit ermöglichte Lancaster tiefe Einblicke in die Ökonomie, was ihn später dazu veranlasste, diese selbst zu studieren. Geprägt von seiner praxisbezogenen Arbeit beim Research Service of Australia wurde Lancaster zu einem Kritiker der Neoklassik und fing deshalb nach seinem Studium damit an, eigene Theorien zu entwickeln (vgl. Columbia University 2015).

2.3 Nachfragetheorie und Güterverständnis von Lancaster

Was Kelvin Lancaster unter einem Gut versteht, soll mit einem anschaulichen Beispiel eingeleitet werden:

Wenn zum Beispiel ein Automobil und ein Flugzeug gegeben sind, dann scheinen diese beiden Güter auf den ersten Blick recht ungeeignet, um sie miteinander zu vergleichen. In der allgemeinen volkswirtschaftlichen Theorie sind hier einfach nur die beiden unterschiedlichen Güter „Auto“ und „Flugzeug“ gegeben, die nichts miteinander zu tun haben - der klassische „Zwei-Güter-Fall“. Lancaster zufolge dürfen aber nicht die Güter an sich verglichen werden, sondern deren Eigenschaften. Güter an sich werden nur indirekt miteinander in eine Rangordnung gebracht über die Eigenschaften, die sie auszeichnen (vgl. Lancaster 1966, S. 133). Die Güter im Beispiel dienen für den „Normalverbraucher“ beide der Fortbewegung; somit weisen beide Güter die Eigenschaft der Mobilität auf, über die sie auch miteinander verglichen werden können. Eigenschaften können sich jedoch auch verändern. Früher hatten beide Güter als weitere Eigenschaft noch die eines Statussymbols, diese Eigenschaft ist dem Fliegen heutzutage jedoch weitgehend abhandengekommen. Es ist heute nichts außergewöhnliches, beispielsweise eine Flugreise in den Urlaub zu unternehmen. Das Auto ist jedoch immer noch ein Statussymbol; ein teures und luxuriöses Auto ist auch heutzutage noch keinesfalls Standard. Demzufolge können die beiden Güter jetzt also über die Eigenschaft „Statussymbol“ nicht mehr miteinander verglichen werden, da nur noch eines der Güter diese Eigenschaft besitzt. Dies zeigt schon einmal den Grundgedanken der Ähnlichkeit zweier Güter auf, den Lancaster weiterentwickelte. Zusammenfassend können also einzelne Güter gemeinsame Merkmale aufweisen, gleichzeitig können sie trotzdem als unterschiedliche Güter aufgefasst werden. Diese Betrachtungsweise von Gütern wird als „Merkmals-Ansatz“ bezeichnet.

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Details

Seiten
15
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668040427
ISBN (Buch)
9783668040434
Dateigröße
431 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v306127
Note
Schlagworte
neoklassik wirtschaftstheorie lancaster kelvin lancaster konsumverhalten

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