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Matriarchatsforschung in Vergangenheit und Gegenwart - zwei verbliebene Matriarchate in Lateinamerika

Hausarbeit (Hauptseminar) 2002 31 Seiten

Ethnologie / Volkskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Matriarchatsforschung: Ein zeitgemäßes Thema?

2 Einige „Klassiker“ der Matriarchatsdebatte
2.1 Joseph-François Lafitau
2.2 Johann Jakob Bachofen
2.3 Lewis Henry Morgan
2.4 John Ferguson McLennan
2.5 Edward Alexander Westermarck
2.6 Wilhelm Wundt
2.7 Friedrich Engels
2.8 Mathilde Vaerting
2.9 Bertha Eckstein-Diener

3 Neuere Ansätze: Matriarchate als herrschaftsfreie Räume
3.1 Definition von Matriarchat
3.2 Empirische Zugänge
3.3 Theoretische Zugänge

4 Wie das Patriarchat das Matriarchat besiegte

5 Beispiele matriarchaler Gesellschaften aus Mesoamerika
5.1 Das „goldene Volk“ der Cuna
5.2 Juchitán – ein städtisches Matriarchat
5.3 Zusammenfassung der Struktur matriarchaler Gesellschaften in Mesoamerika

6 Conclusio

Quellen

Literatur

Internet

1 Matriarchatsforschung: Ein zeitgemäßes Thema?

Die funktionalistische Ethnologie hatte das Thema „Matriarchat“ schon ad acta gelegt – dennoch wird heute erneut debattiert, ob nichtpatriarchale Gesellschaften eine archaische Wirklichkeit, einen „Mythos“ oder eine Utopie verkörpern.[1] In den vergangenen Jahrzehnten hat sich die Forschungssituation zum Thema sehr zum Positiven gewandelt: Untersuchungen von Ethnologinnen beschäftigten sich mit dem lange in der Wissenschaft vorherrschenden „male bias“, der Prägung durch männerzentrierte Sichtweisen und Aussagen. Empirische Fallstudien von Wildbeutern bis zu bäuerlichen Gesellschaften, darunter etwa die Studien Eleanor Leacocks über die historischen Geschlechterverhältnisse bei den Montaignais in Kanada oder Alice Schlegels Studien über die Frauen in den Hopi-Reservaten, wurden begleitet von neuen theoretischen Ansätzen jenseits der Matriarchatsdebatte, die der Erfassung sozialer und politischer Prozesse in „geschlechtsegalitären“ oder „geschlechtssymmetrischen“ Gesellschaften dienen sollten. Das neu erwachte Interesse an „Frauenmacht ohne Herrschaft“ ist unter anderem darin begründet, dass der androzentrisch geprägte, mit Herrschaft verbundene Machtbegriff zunehmend hinterfragt wird. Lange galt es als patriarchale Selbstverständlichkeit, dass jede Gesellschaft Befehlende und Gehorchende kennt; dabei wurde übersehen, dass sich bis heute trotz Kolonisierung und Missionierung matriarchale Gesellschaften mit Beratenden und freiwillig Akzeptierenden erhalten haben.[2]

Die jüngsten Publikationen über Frauen- und Geschlechterforschung beschäftigen sich mit der Konstruktion der Geschlechterverhältnisse.[3] An die Stelle der dualen Kategorien Mann-Frau traten multiple Geschlechteridentitäten, welche sowohl inter- als auch intrakulturell als variabel gelten. Die Trennung von „sex“ und „gender“ liegt dieser Flexibilität der Geschlechtszuschreibung zu Grunde. Das Interesse an Vorstellungen und Praktiken über den Körper, an Problemen seiner Konsumierbarkeit, Ästhetisierung und Sensualisierung ist im Steigen. Die Diskussion verlagerte sich von den Sozialwissenschaften auf die Kulturwissenschaften, ebenfalls von der Ebene des Verallgemeinerbaren auf die des Besonderen, was sich in einer Flut narrativer, biografischer und autobiografischer Darstellungen äußert.

In der vorliegenden Arbeit möchte ich zunächst einen Überblick über die frühen Matriarchatsdebatten ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bieten: MatriarchatsforscherInnen der ersten Stunde wie Bachofen und Morgan werden erläutert werden. Danach werde ich neuere Ansätze über „herrschaftsfreie Gesellschaften“, etwa von Leacock, Schlegel oder Göttner-Abendroth, zur Sprache bringen. Es folgt die Suche nach Erklärungsmodellen für den historischen Übergang vom Matriarchat zum Patriarchat. Schließlich werde ich – dem Thema des Seminars „Gender-Studies in und über Lateinamerika“ entsprechend – zwei ethnografische Beispiele noch heute existierender matriarchaler Gesellschaften im mesoamerikanischen Raum (Cuna, Juchitán) besprechen. Eine Conclusio wird am Ende meiner Arbeit stehen.

2 Einige „Klassiker“ der Matriarchatsdebatte

Vor etwa 150 Jahren begannen sich Gelehrte und WissenschaftlerInnen mit der Erforschung der Urgeschichte zu befassen. Eine Frage tauchte dabei zwangsläufig auf: War die menschliche Gesellschaftsordnung schon immer patriarchal geprägt oder gab es am Beginn der Menschheitsentwicklung Gesellschaften mit Frauenmacht? Die Beantwortung dieser Frage wirft methodische Probleme auf, da die „Urgesellschaft“ in eine längst vergangene Zeit fällt, ohne Spuren hinterlassen zu haben.[4] Also zog man alte schriftliche Quellen nicht mehr existierender Völker, Mythen und Berichte früher Reisender wie Strabo und Herodot heran. Die koloniale Durchdringung der außereuropäischen Welt belebte die Theoriebildung außerordentlich, weil eine Unzahl von Berichten über das Leben dortiger Völker (welche man lange als Abbild steinzeitlicher Menschen betrachtete) verfasst wurde. Manche ForscherInnen zogen auch Daten aus der Biologie heran und kombinierten Evolutionstheorie, humane Verhaltensforschung und Primatenforschung.

Damals wie heute besteht die große Herausforderung, Fiktion und Realität, historischen Kern und Ideologie voneinander zu trennen. Da jedeR ForscherIn ihr/sein Material verschieden interpretiert, ist es nötig, deren/dessen ideologischen Hintergrund bei der Betrachtung der jeweiligen Schlussfolgerungen miteinzubeziehen.

2.1 Joseph-François Lafitau

Zu den Pionieren der Matriarchatsdebatte zählt der Jesuit Joseph-François Lafitau, der in einem fünfjährigen Aufenthalt im damaligen Neu-Frankreich (Kanada) die Huronen und Irokesen mit ihrer hohen Position der Frauen kennen lernte.[5] Er stellte schon 1724 eine Verbindung zwischen Frauenherrschaft (Gynaikokratie) in der europäischen Antike und bei nordamerikanischen Indianergruppen her. Zu Lafitaus Verdiensten zählen Aussagen zum matrilinearen Abstammungs- und Erbsystem sowie vor allem die differenzierte Betrachtung der verschiedenen weiblichen Lebensstadien und den damit verbundenen politischen Rechten: Matronen beispielsweise wählten die Häuptlinge und bestimmten die EhepartnerInnen ihrer Kinder. Denn im darauffolgenden Jahrhundert zeichnete man vereinheitlichend das Bild der frühen, naturnahen Mutter.

Die „klassischen“ Matriarchatsdiskurse begannen mit dem Evolutionismus des 19. Jahrhunderts und sind mit Namen wie Johann Jakob Bachofen, John Ferguson McLennan, Lewis Henry Morgan und Friedrich Engels verbunden, deren Kriterien teilweise bis heute angewandt werden.

2.2 Johann Jakob Bachofen

Die eigentliche Mutterrechtsdebatte geht auf Johann Jakob Bachofen zurück, der damit spätere AutorInnen wesentlich beeinflusste.[6] Der Einfluss seiner Mutter Valerie Bachofen ist der zentrale, sein Leben und Werk bestimmende. Als begüterter Privatgelehrter, der einer Universitätslaufbahn schon in jungen Jahren den Rücken gekehrt hatte, untersuchte er erstmals nichtpatriarchale Familien- und Kulturformen, die er in seinem 1861 veröffentlichten Werk Das Mutterrecht an den Anfang der sozialen und kulturellen Entwicklung der Menschheit stellte.

Seinem allgemein-historischen Entwicklungsmodell zufolge verläuft die Geschichte vom naturhaft-stofflichen, egalitären Mutterrecht zum geistigen Vaterrecht. In seinem auf die späte Aufklärung zurückgehenden romantischen Bild der moralisch überlegenen Weib-Mutter verschmolzen Mutterschaft, Naturhaftigkeit und frühe Religiosität miteinander. Laut Bachofen ist die Geschichte nach dem kulturleitenden Geschlecht zweigeteilt – vereinfacht herrschten zuerst die Frauen, dann die Männer. Somit findet der Dualismus der Geschlechter eine Entsprechung im dualen Aufbau der bisherigen Geschichte. Folgende Elemente kennzeichnen Bachofens Mutterrecht:

- die matrilineare Abstammung und Erbfolge;
- die aus Gruppenehen resultierende Unmöglichkeit, die Vaterschaft genau zu bestimmen;
- Freiheit und Gleichheit, das Fehlen von sozialen Gliederungen und Unterscheidungen, ergänzt durch Ansätze von Gütergemeinschaft.

Ein bedeutender Kritiker der Bachofenschen Theorien ist Uwe Wesel. Ihm missfällt vor allem, dass Bachofen in erster Linie griechische Mythen als „Beweis“ für seine Ausführungen heranzog, da er in ihnen Erinnerungen aus der frühesten Geschichte der Menschheit sah. So schreibt Bachofen:[7] „Vielgestaltig und wechselseitig in seiner äußern Erscheinung, folgt der Mythos dennoch bestimmten Gesetzen und ist an sichern und festen Resultaten nicht weniger reich als irgend eine andere Quelle geschichtlicher Erkenntnis.“ Denn Matriarchatsmythen sind nicht so sehr Erinnerung an die historische Vergangenheit, sondern erklären sich oft aus dem Legitimationsbedürfnis für die Herrschaft der Männer, wie sich z.B. an Mythen südamerikanischer Indianer zeigen lässt. Wesel hält die spätere Vorgangsweise, Mythen nur als religiöse oder psychologische Phänomene zu behandeln, für genauso falsch; stattdessen müsse man versuchen, die einzelnen Mythen zu analysieren.[8]

Wesel zufolge ist Bachofen nicht der Entdecker des Matriarchats, da es dieses nicht gegeben habe[9], sondern von Matriarchatsmythen. Mit der Identifizierung von Legende und Geschichte habe er einen neuen Mythos geschaffen, nämlich den der sittlichen und geistigen Überlegenheit der Männer, die sich nach langen Kämpfen endlich gegen die kultische Überlegenheit der Frauen zur Wehr setzen konnten. Somit diente Bachofens neuer Mythos der Legitimation von Männerherrschaft seiner Zeit, was angesichts einer sich ankündigenden Frauenbewegung dringend vonnöten war. Trotz Übertreibungen und Fehlinterpretationen gesteht Wesel Bachofen zu, den Blick auf Gesellschaften ohne Patriarchat, wie z.B. in Ägypten, Kreta und Lykien, freigegeben zu haben, wodurch er als erster den Glauben an die Universalität der patriarchalen Familie erschüttert habe.[10]

2.3 Lewis Henry Morgan

Mit seinem Hauptwerk Ancient Society von 1877 ebenso in der evolutionistischen Tradition stand Lewis Henry Morgan, der sich methodisch auf einen Vergleich zwischen Gesellschaften der europäischen Frühgeschichte/Antike und des zeitgenössischen Asien, Afrika und Lateinamerika stützte, was seiner Ansicht nach wegen der an sich gleichen Entwicklung der Menschheit legitim war.[11]

Weibliche Macht war für ihn marginal – im Gegensatz zu Lafitau erwähnte er z.B. in seinen Studien zu den Irokesen die Rolle der Matronen nicht einmal. Mit zwei später immer wieder aufgegriffenen Argumenten begründete er die angeblich universale Unterordnung der Frau: ihrer vermeintlichen Beschränkung auf den Haushalt und ihren hohen Arbeitsleistungen. Wenn Morgan auch die Abstammung und Vererbung in der Mutterfolge zur Kenntnis nahm, so interessierten ihn diese nur unter dem Aspekt der Struktur und Veränderung von Institutionen. Aus der Mutterfolge schließlich leitete er Mutterrecht und Gynaikokratie her. Beiläufig stellte Morgan einen Kriterienkatalog für Matriarchate auf, der dem Bachofens ähnelt.

Morgan zufolge war die Entstehung des Eigentums maßgeblich für den Wechsel zur Vaterfolge und zur monogamen Familie mit männlicher Autorität noch vor dem Übergang zur Zivilisation: Ein männlicher Wille habe sich durchgesetzt, die Vererbung an die eigenen Kinder zu sichern und deswegen die eigene Vaterschaft durch Monogamie und sexuelle Kontrolle der Frauen zu garantieren.

2.4 John Ferguson McLennan

Auch John Ferguson McLennan stellte Promiskuität in den Beziehungen zwischen den Geschlechtern an den Beginn der menschlichen Entwicklung.[12] Er hielt Frauen sowohl militärisch für nutzlos als auch im Bereich der Nahrungsmittelbeschaffung für gänzlich unwichtig, weshalb Mädchentötungen an der Tagesordnung gestanden seien; die Bedeutung von Frauen habe sich reduziert auf die als Geschlechtswesen und Produzentin von Söhnen. Die selbst verursachte Frauenknappheit sei durch Frauenraub und Polyandrie kompensiert worden, wobei zuerst die Gatten einer Frau nicht verwandt sein mussten, später aber meist Brüder waren. Wie Morgan stellte McLennan eine Verbindung her zwischen der Entwicklung des Eigentums und der Entwicklung zum Patriarchat.

2.5 Edward Alexander Westermarck

Zu den erbittertsten Gegnern der Matriarchatstheoretiker Ende des 19. Jahrhunderts gehört Edward Alexander Westermarck.[13] Sein Anliegen bestand in der Erbringung eines Nachweises für die Ursprünglichkeit und Unvergänglichkeit des Patriarchats. Seine Theorien untermauerte er teils mit ethnografischen Berichten, teils mit naturwissenschaftlichen zeitgenössischen Erkenntnissen, besonders aus Zoologie und Botanik. Nicht wenige seiner Beweisführungsversuche entlocken heute ein Schmunzeln: „Wir haben gesehen, dass sich erste Spuren der Ehe bei den Schildkröten finden.“ Westermarck zufolge stellt die männliche Eifersucht die wichtigste Bremse gegen allenfalls vorhandene promiske Tendenzen dar. Er will festgestellt haben, dass das Familienoberhaupt so gut wie immer (auch bei matrilinearen Verwandtschaftsstrukturen) der Vater ist – das entspreche auch dem Wesen des Mannes als kämpferisch und hochaktiv. Umgekehrt seien schon bei den Pflanzenzellen die weiblichen passiv, was sich im Tierreich fortsetze und folglich auch beim Menschen zutreffe.

2.6 Wilhelm Wundt

Der „Völkerpsychologe“ Wilhelm Wundt entwickelte ein vierstufiges Modell der menschlichen Entwicklung:[14] Dem primitiven Zustand folgt das totemistische Zeitalter, dann kommt das Zeitalter der Helden und Götter, und zuletzt steht die Phase der Entwicklung zur Humanität. Ähnlich wie Westermarck sieht Wundt die Monogamie als Charakteristikum des „primitiven Zustandes“, da sie die „natürliche“ Form des Geschlechterverhältnisses sei. Als Sonderform existierten Polyandrie (Folge von durch Mädchentötung bedingtem Frauenmangel) und Polygynie (Ausdruck der familialen Herrschaft des Mannes). Die Abstammung erfolgte zunächst in matrilinearer Richtung und habe sich im Rahmen der Ausbildung stabiler Herrschafts- und Eigentumsformen in Patrilinearität umgewandelt. Kennzeichen des wahren Fortschritts der Menschheit ist angeblich die endgültige Rückkehr zur Monogamie.

2.7 Friedrich Engels

Aus Morgans Elementen eines materiell begründeten Mutterrechts schuf Friedrich Engels eine materialistische Befreiungstheorie für die Frau und das Proletariat in seiner in nur zwei Monaten verfassten, 1884 erschienenen Schrift Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates, die auch Einflüsse von Marx, Bachofen und Bebel aufweist.[15] Sein Ziel war aufzuzeigen, dass die Unterdrückung nach Geschlecht und Klasse bloß eine vorübergehende, durch eine kommunistische Gesellschaft aufhebbare historische Erscheinung ist. Sein im Gegensatz zu Bachofen und Morgan (die die Überwindung des Mutterrechts und die Entstehung des Staates bejahten) herrschaftskritisches Konzept ist bis heute von großer theoretischer und praktischer Tragweite. Engels´ Kriterien für mutterrechtliche Gesellschaften stellen eine Synthese von Bachofens Mutterrecht mit seinen kulturellen und geschlechterpsychologischen Aspekten und Morgans institutionellem und ökonomischem Ansatz dar:

- matrilineare Abstammung;
- Gruppenehe mit Nicht-Wissen um Vaterschaft;
- „kommunistische Haushaltung“.

Ein Kritikpunkt Engels´ ist die eurozentrische Vorstellung, dass hohe weibliche Arbeitsleistung bei vielen nichteuropäischen Kulturen einer Unterdrückung der Frauen gleichkomme; vielmehr werde Frauen dort große Achtung entgegengebracht. Allerdings behält er die Annahme einer höheren weiblichen Sexualmoral bei. Auch bei Engels findet sich eine Zweiteilung der Geschichte – nach der „weltgeschichtlichen Niederlage des weiblichen Geschlechts“ traten die Männer die Herrschaft an.

Da Frauen der Zugang zu Bildungseinrichtungen erschwert und weibliche Berufstätigkeit gesellschaftlich negativ sanktioniert war, erstaunt es kaum, dass sich nur wenige Frauen wissenschaftlich mit der menschlichen Evolution beschäftigten. Zu den wenigen zählen Marianne Weber und Lily Braun, beide eher dem traditionellen (männlichen) Lager zugehörig. Ganz aus dem Rahmen fallen jedoch zu Beginn des 20. Jahrhunderts Mathilde Vaerting und Berta Eckstein-Diener.

2.8 Mathilde Vaerting

Mathilde Vaerting kritisierte in „Frauenstaat – Männerstaat“ die gesamte Frauen- und Geschlechterforschung:[16] Man dürfe nicht stets das herrschende männliche Geschlecht mit dem nachgeordneten weiblichen Geschlecht vergleichen und auftauchende Unterschiede als Geschlechtsunterschiede bezeichnen, da sie sowohl soziologisch bedingt als auch angeboren sein können. An der historischen wie gegenwärtigen Existenz von „Frauenherrschaften“ – sie sieht Matriarchat nämlich als Spiegelbild von Patriarchat – zweifelt sie nicht im Geringsten. Bei der Beweisführung hält sie sich jedoch an suspekte, veraltete Berichte.

Vaerting stellte eine (heute zwar unwissenschaftliche, für damalige Zeiten aber revolutionäre) Pendeltheorie auf, der zufolge immer ein Geschlecht seine Macht bis zum Absolutismus steigert, um dann wieder Richtung Gleichberechtigung abzusinken, woraufhin aber das andere Geschlecht immer mehr Macht gewinnt und alles von vorn beginnt: Der Mann ist nicht mehr von Natur aus das zum Herrschen bestimmte Geschlecht. Die mit sozialen Aspekten verbundenen Kriterien „männlich“ und „weiblich“ sind nicht an das biologische Geschlecht, sondern an die jeweiligen Herrschaftsverhältnisse gebunden. Vaertings Wert als Pionierin wurde erst von der Frauenbewegung der 70er Jahre politisch gewürdigt.

2.9 Bertha Eckstein-Diener

Ebenfalls erst von der neuen Frauenbewegung entdeckt wurde Bertha Eckstein-Diener, die unter dem männlichen Pseudonym „Sir Galahad“ publizierte.[17] Sie lobte Vaertings Werk, wenngleich sie fragte, woher denn der erste Pendelschwung gekommen sei und zudem feststellte, dass es keinen Beleg eines zum Mutterrecht zurückgekehrten Volkes mit Vaterrecht gebe. Eckstein-Diener übernahm Bachofen kritiklos und klammerte seine misogynen Äußerungen schlichtweg aus. Sie vertritt die radikalste Position aller insofern, als sie Geschichte nicht nur aus weiblicher Sicht, sondern als ausschließliche Geschichte der Frauen darstellt.

Trotz ihrer unterschiedlichen politischen Prämissen und Forschungsziele sind sich also die wichtigsten Autoren des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts in den wesentlichen Merkmalen eines Matriarchats einig:[18] Matrilinearität, recht frei geregelte Sexualität mit Ungewissheit über die Vaterschaft und politische (Bachofen) oder ökonomische (Morgan, Engels) Gemeinschaftlichkeit. Zu dieser Theoriebildung trug wesentlich der gesamtgesellschaftliche Hintergrund, geprägt von Konflikten in der bürgerlichen Gesellschaft, bei. Die freizügige Gruppenehe lässt sich als Gegenbild zur viktorianischen Sexualmoral, der „Urkommunismus“ als Alternative zum Privateigentum betrachten; die patriarchale Gesellschaftsordnung wurde zunehmend hinterfragt.

[...]


[1] Vgl. Lenz 1995, 27f.

[2] Vgl. Derungs 1997, 7f.

[3] Vgl. Lenz/Luig 1995, 7f.

[4] Vgl. Schröter 1990, 117-120.

[5] Vgl. Lenz 1995, 31f.

[6] Vgl. Lenz 1995, 32-35.

[7] Bachofen 1993, 9.

[8] Vgl. Wesel 1990, 54f.

[9] Bei Wesels Leugnen der historischen Existenz von Matriarchaten gilt es zu bedenken, dass er (im Gegensatz zu neueren, weiter unten besprochenen Ansätzen) Matriarchat als „Herrschaft der Frauen in Gesellschaft und Familie“ im Sinn einer Umkehrung der Patriarchatsbedeutung definiert (vgl. Wesel 1990, 151).

[10] Vgl. Wesel 1990, 64-66.

[11] Vgl. Lenz 1995, 35-38.

[12] Vgl. Schröter 1990, 34.

[13] Vgl. Schröter 1990, 40-43.

[14] Vgl. Schröter 1990, 60-62.

[15] Vgl. Lenz 1995, 38-41.

[16] Vgl. Schröter 1990, 92-94 und 114f.

[17] Vgl. Schröter 1990, 98 und 115.

[18] Vgl. Lenz 1995, 41f.

Details

Seiten
31
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638318365
ISBN (Buch)
9783638682930
Dateigröße
813 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v30619
Institution / Hochschule
Universität Wien – Ethnologie, Sozial- und Kulturanthropologie
Note
Sehr gut
Schlagworte
Matriarchatsforschung Vergangenheit Gegenwart Matriarchate Lateinamerika

Autor

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