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Evaluation von Prävention und Gesundheitsförderung

Welche Ansätze verfolgt der Kooperationsverbund ‚Gesundheitliche Chancengleichheit’?

Hausarbeit 2015 20 Seiten

Medizin - Gesundheitswesen, Public Health

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Prävention und Gesundheitsförderung
2.1. Evaluation
2.2. Der ‚Good Practice-Ansatz’

3. Kooperationsverbund „Gesundheitliche Chancengleichheit“
3.1. Gesundheitsförderung bei Kindern und Jugendlichen
3.2. Gesundheitsförderung bei Arbeitslosen

4. Diskussion und Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Gesundheitsförderung als Element der gesundheitlichen Versorgung hat in den letzten Jahren wesentlich an Bedeutung gewonnen. Dies verdeutlichen die erneuten Anstrengungen der Bundesregierung, ein eigenes Präventionsgesetz zu verabschieden. Sozial Benachteiligte stellen in unserer Gesellschaft eine besonders vulnerable Gruppe dar, die intensiver Unterstützung bedarf. Dazu gehören nicht nur chronisch Kranke und ältere Menschen, sondern beispielsweise Arbeitslose sowie Kinder und Jugendliche. Diesen Teilen unserer Gesellschaft fällt es häufig besonders schwer, ihre Gesundheit beizubehalten oder zu fördern, da notwendige Ressourcen fehlen. Aus diesem Grund gibt es viele Projekte, um die Gesundheit sozial Benachteiligter zu fördern und Krankheit zu vermeiden. Zur weiteren Optimierung dieser Interventionen ist eine umfassende Evaluation notwendig. Mit deren Hilfe können Defizite erfasst und in zukünftigen Projekten vermieden werden.

Public Health gilt als die Wissenschaft und Praxis zur Gesunderhaltung der Bevölkerung. Jeder Einzelne soll befähigt werden, seine Gesundheit zu fördern und zu stärken. Als wissenschaftliche Forschungsrichtung beschäftigt sich Public Health mit dem Gesundheitszustand von Bevölkerungsgruppen und Einzelpersonen. Ein Public-Health-Ansatz ist vorwiegend interdisziplinär ausgerichtet und erfordert die Einbeziehung verschiedener Fachdisziplinen (Schwartz et al. 2003).

Ein wesentliches Ziel von Public Health ist die Stärkung von ethischen und moralischen Grundsätzen im medizinischen Alltag sowie die Implementierung von Prävention und Gesundheitsförderung. Das aus Public-Health-Gesichtspunkten interessante Thema Evaluation von Prävention und Gesundheitsförderung wird in dieser Arbeit mit folgender Fragestellung betrachtet: Welche Evaluationsansätze verfolgt der Kooperationsverbund ‚Gesundheitliche Chancengleichheit’? Die Fragestellung wird auf Grundlage einer systematischen Literaturrecherche bearbeitet. Eingeschlossen wird deutsche und englische Fachliteratur.

In der nachfolgenden Arbeit sollen die Evaluationsansätze des Kooperationsverbundes ‚Gesundheitliche Chancengleichheit’ dargestellt werden. Inhaltlich ist die Arbeit in zwei Kapitel geteilt, beginnend mit der Erläuterung von Prävention und Gesundheitsförderung, da diese Unterscheidung wesentlich für das Verständnis der Arbeit ist, gefolgt von den Abschnitten Evaluation und Good Practice. Der zweite Teil der Arbeit beinhaltet den Kooperationsverbund ‚Gesundheitliche Chancengleichheit’ mit dem Beispiel Gesundheitsförderung bei Kindern und Jugendlichen sowie bei Arbeitslosen. Der letzte Teil der Arbeit befasst sich mit der Diskussion und dem Fazit.

2. Prävention und Gesundheitsförderung

Die unterschiedlichen Ansätze von Prävention und Gesundheitsförderung sind für das Verständnis der vorliegenden Arbeit von besonderer Bedeutung. Aus der Debatte um die Volksgesundheit und die soziale Hygiene im 19. Jahrhundert entstand in der Sozialmedizin der Begriff „Prävention“ (Hurrelmann et al. 2007). „Das wesentliche Ziel der Krankheitsprävention ist die Vermeidung des Auftretens von Krankheiten und damit die Verringerung ihrer Verbreitung und die Verminderung ihrer Auswirkung auf Morbidität und Mortalität der Bevölkerung“ (Hurrelmann et al. 2007, 11). Dazu ist es notwendig, die Auslösefaktoren von Krankheiten zu identifizieren, zurückzudrängen und wenn möglich, auszuschalten. Zur Umsetzung dieser Strategie ist davon auszugehen, dass die Entwicklung des Krankheitsgeschehens in der Zukunft individuell und kollektiv prognostiziert werden kann. Prävention beruht auf einer Zukunftswahrscheinlichkeit, die den voraussichtlichen Eintritt der Krankheit angibt. Dazu sind Informationen zum Krankheitsverlauf notwendig. Aus den Bedingungen für das Eintreten von Krankheit können gezielte Interventionen zur Verhinderung der Erkrankung und dessen Folgen umgesetzt werden (Froom et al. 2000). „Der Erfolg der präventiven Intervention wird daran gemessen, in welchem Ausmaß der erwartbare Krankheitsausbruch oder sich verschlimmernde Krankheitsverlauf gemindert oder sogar verhindert werden kann. Durch die gezielte präventive Intervention wird zu einem Zeitpunkt, zu dem die Risikofaktoren deutlich identifiziert werden können, in die Dynamik der Pathogenese eingegriffen, die daraufhin einen anderen Verlauf als ursprünglich zu erwarten nimmt“ (von Troschke 2002, 193).

„Gesundheitsförderung“ entsprang den gesundheitspolitischen Debatten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) nach der Konferenz im Jahre 1986. Dabei spielten nicht nur bevölkerungsmedizinische, sondern auch ökonomische, politische, kulturelle und soziale Impulse eine entscheidende Rolle. Im Gegensatz zur Prävention mit der Vermeidungsstrategie sollen Menschen durch die Verbesserung ihrer Lebensbedingungen aktiv ihre gesundheitlichen Möglichkeiten stärken (Hurrelmann et al. 2007). Gesundheitsförderung baut im Unterschied zur Krankheitsprävention auf einem Wirkungsprinzip auf, dem eine bestimmte dynamische Abfolge von Gesundheitsstadien zu Grund liegt (McKenzie et al. 1997).

Grundlage sowohl für Krankheitsprävention als auch für Gesundheitsförderung ist demnach die Wahrscheinlichkeitslogik. Dennoch folgt die Krankheitsprävention dem pathogenetischen und die Gesundheitsförderung dem salutogenetischen Wirkungsprinzip. Die Prävention strebt eine Zurückdrängung und/oder Ausschaltung der Risikofaktoren an, die für die Krankheit verantwortlich sind. Die Gesundheitsförderung beabsichtigt eine Stärkung der Ressourcen und Schutzfaktoren, die für eine Verbesserung der Gesundheit bekannt sind (Franke 2006). Sowohl Prävention als auch Gesundheitsförderung verfolgen das Ziel einen Gesundheitsgewinn zu erreichen, zum einen für die Individuen, zum anderen aber auch für das Kollektiv. Das geschieht bei der Prävention durch das Zurückdrängen von Risiken einer Erkrankung und bei der Gesundheitsförderung durch die Stärkung von gesundheitlichen Ressourcen. Zugrunde liegen bei der Krankheitsprävention die Entstehung von Krankheit und bei der Gesundheitsförderung die Entstehung von Gesundheit (Hurrelmann 2006).

2.1. Evaluation

„Die Evaluation impliziert eine Beurteilung, die auf der Basis einer sorgfältigen und kritischen Bewertung einer gegebenen Sachlage zu vernünftigen Schlussfolgerungen und brauchbaren Vorschlägen für zukünftige Aktivitäten führen sollte“ (WHO 1981, 9).

Die Evaluierung eines Projektes ist ein komplexer Prozess und bedarf Ressourcen, die möglicherweise für andere Vorbereitungen und Umsetzungen genutzt werden könnten. Weiterhin ist zu bedenken, dass es keine Sicherheit für den Erfolg von bestimmten Interventionen in der Gesundheitsförderung gibt. Daher stellt sich die Frage, warum die Evaluation bestimmter Maßnahmen der Gesundheitsförderung so wichtig ist? Wichtig ist es festzustellen, ob die zuvor gesteckten Ziele auch erreicht werden konnten und ob die umgesetzten Methoden passend und wirksam waren. Die Auswertung dieser Parameter kann dann wieder in den Planungsprozess eingefügt werden, um eine mögliche Verbesserung zu erzielen (Naidoo et al. 2003). „Aufgrund der Komplexität des Prozesses der Gesundheitsförderung, bei dem es unterschiedliche Meinungen zu Werten und Prioritäten geben kann, geht es bei der Evaluierung auch um die Werte oder Kriterien, die zu Erfolgsmessung herangezogen werden“ (Naidoo et al. 2003, 366).

Die Evaluierung besteht aus zwei wesentlichen Elementen: die Identifizierung und Festlegung der Kriterien (Werte und Ziele) und die Überprüfung von Daten, anhand derer gezeigt werden kann, inwieweit die Kriterien auch eingehalten werden (Peberdy 1997). Für die Beurteilung einer gesundheitsfördernden Maßnahme gibt es verschiedene Kriterien: Effektivität (Inwieweit wurden die generellen und spezifischen Ziele erreicht?), Geeignetheit (War die Maßnahme zur Befriedigung der Bedürfnisse relevant?), Akzeptanz (Wurde die Maßnahme von den Betroffenen angenommen?), Effizienz (Waren die Zeit, das Geld und die Ressourcen im Verhältnis zu dem erreichten Nutzen gut angelegt?) und Gerechtigkeit bzw. Chancengleichheit (Gleiche Versorgung für gleichen Bedarf?). Die Evaluierung erfüllt die Rechenschaftspflichtigkeit der Gesundheitsförderung, unterstützt die Entwicklung einer evidenzbasierten Praxis und ist daher ein wichtiger Teil bei der Umsetzung von Interventionen (Naidoo et al. 2003).

2.2. Der ‚Good Practice-Ansatz’

Good Practice ist ein pragmatischer Ansatz zur Qualitätsentwicklung. Durch das Herausstellen von Beispielen fachlich guter Praxis sollen Träger und Anbieter von Projekten die Möglichkeit erhalten auf einfache Weise von den Erfahrungen Anderer zu Lernen. „‚Good Practice’ ist ein Prozess, der von der Kriterienentwicklung über die Auswahl von Beispielen und den Transfer in andere Angebote und Handlungsfelder bis hin zur Qualitätsoptimierung von Angeboten reicht. Die Kriterien guter Praxis in der Gesundheitsförderung bei sozial Benachteiligten wurden 2003/2004 vom beratenden Arbeitskreis der BZgA ‚Gesundheitsförderung bei sozial Benachteiligten’ und seine Unterarbeitsgruppe Good Practice entwickelt und werden seitdem erprobt und kontinuierlich weiterentwickelt“ (Lehmann et al. 2011, 10).

Laut Lehmann et al. (2011) steht ‚Good Practice’ für nachfolgende fünf Prinzipien: Praxisorientierung, Nutzung von Transferpotenzialen, Qualitätsorientierung, Praxisbasierung der Forschung und Nachvollziehbarkeit der Bewertung (Lehmann et al. 2011). Bei der Praxisorientierung sollen konkrete Beispiele guter Praxis als praktische Hilfestellung für das bessere Verständnis der Entwicklung von Angeboten und Methoden dienen. Dadurch ergibt sich die Möglichkeit, theoretische Fragen an Menschen aus der Praxis zu wenden und sich auszutauschen. Die verfügbaren Erfahrungen und Ressourcen können zur Entwicklung und Verbesserung der Intervention genutzt werden. Für eine systematische Einschätzung neuer und alter Konzepte sind klare Kriterien notwendig. Durch positive Erfahrungen anderer können Defizite der eigenen Arbeit erkannt und vermieden werden. Dies führt sowohl zu Ressourcen- als auch zu Arbeitsersparnis (Lehmann et al. 2011). „ Nutzung von Transferpotenzialen: Eine Good-Practice-Strategie analysiert die Übertragbarkeit innovativer und bewährter Ansätze auf andere Angebote sowie in andere Handlungsfelder und bietet dadurch eine praxisnahe Anleitung zur Umsetzung von Ideen in die eigene Arbeit. Darüber hinaus motiviert sie zur Konzipierung neuer Angebote“ (Lehmann et al. 2011, 10). Die Qualitätsorientierung beinhaltet, dass Beispiele guter Praxis in anschaulicher Weise Wege zur Qualität aufzeigen. Das Lernen in der Praxis ist motivierender und wird durch die Literatur fachlich fundiert und durch Checklisten unterstützt. Die Interventionen der Gesundheitsförderungen finden häufig in komplexen Settings statt, daher sind Prüfungen der Wirksamkeit meist nicht so umsetzbar und aussagekräftig wie in medizinischen Studien. Es ist demnach ein pragmatisches Vorgehen bei der Auswahl von guten Beispielen notwendig, bei denen die vorhandenen Erfahrungen erfolgreicher Interventionen systematisch miteinander verglichen werden. Mit diesem Verfahren erhöht sich die Wahrscheinlichkeit der guten Nutzung aller vorhandenen Ressourcen und der Verbesserung der Qualität. Praxisbasierung der Forschung bedeutet, dass der Ansatz ‚Good Practice’ die Chance eröffnet, die Wissenschafts-Praxis-Lücke zu schließen (Lehmann et al. 2014). „Evidenzbasierte Gesundheitsförderung birgt die Gefahr, mit realitätsfernen Konzepten und Anforderungen die Akteurinnen und Akteure an der Basis zu überfordern, wenn davon ausgegangen wird, dass wissenschaftlich fundierte ‚gute Praxis’ sofort und flächendeckend umgesetzt werden soll. Die ambitionierten Beispiele zeigen vielmehr, wo zur Umsetzung vorbildlicher Praxis noch Zwischenschritte notwendig sind oder wo dieses Ziel unter den jeweiligen Bedingungen nicht zu erreichen ist. Der Informationsfluss zwischen Wissenschaft und Praxis wirkt beidseitig: evidenzbasierte Praxis trifft Praxis basierte Wissenschaft“ (Lehmann et al. 2011, 11). Im Rahmen des Kooperationsverbundes „Gesundheitsförderung bei sozial Benachteiligten“ wird großer Wert auf die Nachvollziehbarkeit der Bewertung gelegt. In diesem Zusammenhang ist es wichtig zu verdeutlichen, warum bestimmte Beispiele ausgesucht wurden und welche positiven Aspekte auch für andere Projekte entscheidend sind. ‚Good Practice’ sind die Kriterien für gute Praxis, die Auswahl guter Beispiele sowie deren Umsetzung. Die systematische Planung eines ‚Good Practice-Ansatzes’ befindet noch immer in einer fortlaufenden Entwicklung (Lehmann et al. 2011).

Für die ‚Gesundheitsförderung bei sozial Benachteiligten’ wurden mit Hilfe der BZgA zwölf Kriterien guter Praxis entwickelt, an denen sich auch der Kooperationsverbrund ‚Gesundheitliche Chancengleichheit’ orientiert: Konzeption und Selbstverständnis, Zielgruppe, Innovation und Nachhaltigkeit, Multiplikatorenkonzept, Niedrigschwellige Arbeitsweise, Partizipation, Empowerment, Settingansatz, Integriertes Handlungskonzept/Vernetzung, Qualitätsmanagement/Qualitätsentwicklung, Dokumentation und Evaluation, Kosten-Nutzen-Relation (Lehmann et al. 2011).

„Konzeption, Selbstverständnis: Es liegt eine Konzeption vor, aus der ein klarer Zusammenhang zu Gesundheitsförderung und/oder Prävention hervorgeht sowie eine hierauf basierende Zielformulierung. Weiterhin gibt es eine Konzeption, in der die Verminderung der gesundheitlichen Ungleichheit explizit und systematisch angestrebt wird. [...]

Zielgruppe: Die Zielgruppe der sozial Benachteiligten ist präzise eingegrenzt und gehört zu einer oder mehreren von sozialen Gruppen oder Lebenslagen, die im Erhebungsinstrument für die Datenbank aufgelistet sind bzw. richtet sich an Multiplikatorinnen und Multiplikatoren für diese Zielgruppen. Es ist zu prüfen, inwieweit diese Zielgruppe auch tatsächlich erreicht wird; zum Beispiel durch ein Interview mit der Verantwortlichen bzw. dem Verantwortlichen des Angebots.

Innovation und Nachhaltigkeit: Das Angebot hat innovativen Charakter bzw. innovative Aspekte und strebt die kontinuierliche, d. h. nachhaltige Fortführung erfolgreicher Angebotskomponenten an. Sowohl der innovative Charakter (neue Problemlösungen) als auch die Kontinuität (langfristige Gesundheitsförderung bei sozial Benachteiligten) können Hinweise auf ‚Good Practice’ sein. Sie stehen manchmal jedoch in einem Spannungsverhältnis zueinander, da Innovatives eher in kurzfristigen Angeboten entwickelt wird und Kontinuität sich eher in Regelangeboten beweist. Ein wichtiger Aspekt ist dabei die Nachhaltigkeit sowohl hinsichtlich der Angebotsstrukturen als auch der Wirkungen bei den Zielgruppen.

Multiplikatorenkonzept: Es liegt ein Multiplikatorenkonzept vor, dass Multiplikatorinnen und Multiplikatoren systematisch einbindet und ggf. qualifiziert.

Niedrigschwellige Arbeitsweise: Das Angebot ist niedrigschwellig, aufsuchend, begleitend und/oder nachgehend angelegt.

Partizipation: Es besteht ein hoher Grad an Beteiligungsmöglichkeiten für die Zielgruppe sozial Benachteiligter.

Empowerment: Es erfolgt eine Befähigung und Qualifizierung der Zielgruppe sozial Benachteiligter, die auf den Stärken und Ressourcen der Zielgruppe aufbaut.

Settingansatz: Die Aktivitäten des Angebots integrieren Initiativen, die sowohl auf Gesundheitshandeln von Personen als auch auf strukturelle Änderungen abzielen und sich am Settingansatz der WHO orientieren.

Integriertes Handlungskonzept/Vernetzung: Es findet eine Ressourcenbündelung und fachübergreifende Zusammenarbeit statt, die einem integrierten Handlungskonzept entsprechen. Die Umsetzung des Konzepts erfolgt gemeinsam mit den anderen Akteurinnen und Akteuren im lokalen Umfeld, das heißt, es erfolgt eine Abstimmung und Vernetzung im Sozialraum. Im Sinne eines Capacity-Building werden Strukturen gebildet, die es ermöglichen, mit geeigneten Programmen und Angeboten auf identifizierte Gesundheitsprobleme zu reagieren. Durch die Einbindung in Netzwerkstrukturen können Programme und Maßnahmen dauerhaft vorgehalten und Schwerpunkte ausgeweitet werden. Idealerweise werden durch den Erwerb von Fertigkeiten und Erfahrungen, die in einem Programm vermittelt werden, auch über die ursprüngliche Intervention hinaus Effekte in anderen gesundheitsrelevanten Bereichen erzielt.

Qualitätsmanagement/Qualitätsentwicklung: Das Angebot beinhaltet ein Qualitätsmanagement bzw. eine Qualitätsentwicklung im Sinne eines kontinuierlichen Verbesserungsprozesses, das heißt, Qualität wird nicht als einmal geschaffener Wert betrachtet, sondern sie wird in allen Bereichen (Struktur-, Prozess- und Ergebnisqualität) immer wieder überprüft, verbessert und entwickelt.

Dokumentation und Evaluation: Dokumentation und Evaluation werden im Angebot zur Qualitätsentwicklung eingesetzt.

Kosten-Nutzen-Relation: Die Kosten stehen in einem angemessenen Verhältnis zum Nutzen. In Bezug auf Kosten und Nutzen (bzw. Aufwand und Ertrag) ist zu prüfen, ob hierfür Kennzahlen eingesetzt werden können“ (Lehmann et al. 2011, 16 ff.).

Diese Kriterien der ‚guten Praxis’ dienen als Anhaltspunkte für die Planung, Durchführung und Bewertung von Angeboten. Für eine Intervention ist es nicht notwendig alle zwölf Kriterien perfekt umzusetzen. Verbindlich ist die Umsetzung der beiden Einschlusskriterien des klaren Gesundheits- und Zielgruppenbezugs. Zusätzlich sollte mindestens ein weiteres Kriterium vorbildlich erfüllt sein. Dabei wird die Erfüllung von drei weiteren Kriterien zusätzlich zu den beiden vorgeschriebenen Einschlusskriterien empfohlen (Lehmann et al. 2011).

Die Praxis der Gesundheitsförderung wird immer professioneller und wird bestimmt von immer strengeren Qualitätsansprüchen. Jedoch ist die Messung und Analysierung der Qualität und Wirksamkeit eines Projekts viel komplexer als beispielsweise bei einem Medizinprodukt. Wichtig ist zu bedenken, dass gesundheitsfördernde Maßnahmen in die komplizierten Lebenswelten der Menschen eingreifen und dass es einen größeren Zeitraum benötigt, um mögliche Wirkungen erkennen zu können. Demnach bedarf die Gesundheitsförderung praxisorientierter Konzepte der Qualitätsmessung und -entwicklung. Es gibt viele Qualitätsansätze, die teilweise auf ähnlichen methodischen Grundsätzen beruhen, aber auch ganz verschiedene Herangehensweisen verfolgen. Viele werden derzeit parallel entwickelt und getestet (Lehmann et al. 2011).

„Der Good Practice-Ansatz regt zu einem Vergleich der eigenen Arbeit mit der Praxis anderer und zur Nachahmung gut gelungener Beispiele an. So bietet er die Möglichkeit, praktische Lösungsvorschläge für konkrete, fachliche Fragen und Probleme zu entwickeln und andere Ansätze der Qualitätsentwicklung, die in erster Linie auf die Optimierung von Arbeitsabläufen und Strukturen ausgerichtet sind, um diesen fachlichen Bezug zu ergänzen. Damit kommt der Good Practice-Ansatz dem in der Praxis häufig formulierten Bedarf an praxisgerechten, flexiblen und kostengünstigen Konzepten der Qualitätsentwicklung in der Gesundheitsförderung nach“ (Pospiech et al. 2014, 1).

Mit Hilfe des ‚Good Practice-Ansatzes’ werden hauptsächlich zwei Zielgruppen angesprochen. Zum einen die Praxisanbieter und zum anderen die Finanzgeber und Entscheidungsträger. Die Praxisanbieter erhalten sowohl theoretisch als auch praktisch ein fachliches Orientierungs- und Bewertungskonstrukt. Die Finanzgeber und Entscheidungsträger erhalten einen klaren Kriterienrahmen, der zum Beispiel für Ausschreibungen gesundheitsfördernder Aktivitäten, für die Beurteilung von Förderanträgen oder die abschließende Projektbewertung dienen kann (Pospiech et al. 2014). „Diesen Ansatz hat die gesetzliche Krankenversicherung in ihrem ‚Leitfaden Prävention’ zur Umsetzung des § 20 SGB V vom 2. Juni 2008 aufgegriffen und die Inhalte und Strukturen des Kooperationsverbundes zu zentralen Anknüpfungspunkten für ihre weitere Arbeit erklärt. Auch der Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen empfiehlt in seinem Gutachten 2007, den Good Practice-Ansatz ‚als Grundlage für eine partizipative Qualitätsentwicklung der soziallagenbezogenen Gesundheitsförderung zu nutzen’“ (Pospiech et al. 2014, 1).

[...]

Details

Seiten
20
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668041837
ISBN (Buch)
9783668041844
Dateigröße
460 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v306216
Institution / Hochschule
Universität Bremen
Note
1,7
Schlagworte
Public Health Gesundheitswissenschaften Epidemiologie Prävention Gesundheitsförderung Gesundheitliche Chancengleichheit Good Practice-Ansatz Evaluation

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Titel: Evaluation von Prävention und Gesundheitsförderung