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Der Jahrestag des Mauerfalls. Ein historischer Vergleich öffentlich-rechtlicher und privater Programmangebote

Projektarbeit 2015 40 Seiten

Medien / Kommunikation - Film und Fernsehen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Problemhintergrund

3 Inhaltsanalyse als empirische Methode

4 Theoretische Grundlagen
4.1 Jubiläumsjahr und DDR-Bezug
4.2 Duales Rundfunksystem
4.3 Vergleichskriterien im Programmangebot

5 Hypothesenbildung

6 Definition der Auswahl- und Analyseeinheit

7 Entwicklung des Erhebungsinstruments
7.1 Festlegung der Kategorien
7.2 Aufbau des Codebuchs

8 Pretest und Reliabilitätstest

9 Fazit

Quellenverzeichnis

Anhang

I Codebuch

II Codiermaterial Reliabilitätstest

III Ausgefüllte Codebögen

1 Einleitung

Der vorliegende Bericht dokumentiert die Durchführung einer Inhaltsanalyse im Rahmen eines Seminarprojektes der Universität Leipzig zum Thema „Medialer Umgang mit Vergangenheit am Beispiel der DDR“. Anlässlich des 25. Jubiläums des Mauerfalls am 09. November 2014 sollen die Programmangebote öffentlich-rechtli- cher und privater Fernsehanbieter am Jahrestag des Ereignisses verglichen werden. Die Analyse erstreckt sich dabei auf die Jubiläumsjahre des Mauerfalls in Fünf-Jah- res-Abschnitten, beginnend mit dem Jahr 1994.

Ziel der Forschungsarbeit besteht darin, herauszufinden, wie die verschie- denen Sendeanstalten angesichts des besonderen Thematisierungsanlasses die DDR-Thematik in ihr Programm integrieren. Vergleichskriterien bei der Analyse des Programms sind Dauer und Positionierung themenspezifischer Sendungen sowie verwendete Sendungsformate. Daraus ergeben sich folgende Forschungsfragen:

Inwiefern unterscheidet sich das TV-Programm der öffentlich-rechtlichen Sender (ARD, ZDF) von dem der privaten (RTL, Sat.1) am 09. November eines Jubiläumsjahres im Hinblick auf Sendungen zum Thema DDR?

- In welchem zeitlichen Umfang werden die themenspezifischen Sendungen im Programm integriert?
- Wo werden die Beiträge innerhalb der Pre-Primetime und Primetime posi- tioniert?
- Welche Sendungsformate werden vordergründig verwendet?

Der Projektbericht expliziert die methodischen Arbeitsschritte einer Inhaltsanalyse sowie deren Funktion vor dem Hintergrund des gewählten Forschungsthemas. Der Aufbau der Arbeit orientiert sich folglich an dem Ablauf des Forschungsprozesses. Nach einer eingehenden Erläuterung des Problemhintergrundes erfolgt eine diffe- renzierte Betrachtung der Inhaltsanalyse als sozialwissenschaftliche Methode. Daran schließt sich die Darlegung theoretischer Grundlagen, auf deren Basis die Aufstellung der Hypothesen sowie die begründete Auswahl der Untersuchungsein- heiten stattfinden kann. In Folge wird die Entwicklung des Codebuchs als Erhe- bungsinstrument verdeutlicht, um letztlich die Durchführung und Auswertung eines Pre- und Reliabilitätstests dokumentieren zu können. Abschließend soll ein Ausblick auf Optimierungsmöglichkeiten und Folgeschritte gegeben werden.

2 Problemhintergrund

Die Erläuterung des Forschungsproblems ist integraler Bestandteil einer jeden Forschungsarbeit. Das allgemeine Erkenntnisinteresse, das sowohl die Auswahl des zu erforschenden Themas begründet als auch dessen Relevanz diskutiert, wird hierbei expliziert. Zudem gilt es den bisherigen Forschungsstand darzulegen. Somit entsteht ein „inhaltlicher Rahmen für alle weiteren Entscheidungen, die innerhalb der Inhaltsanalyse getroffen werden“1.

Die Auswahl des Forschungsproblems dieser Arbeit erfolgte im Rahmen eines Seminars der Universität Leipzig, das sich mit der Inhaltsanalyse als sozial- wissenschaftliche Methode auseinandersetzt. Unter der Themenvorgabe „Medialer Umgang mit Vergangenheit am Beispiel der DDR“ beschäftigt sich dieses Projekt explizit mit dem 09. November als Tag des Mauerfalls und untersucht die Medienin- halte verschiedener Rundfunkanbieter an diesem Datum. Primäres Ziel dieser Analyse ist dabei der Vergleich des Programmangebots öffentlich-rechtlicher und privater Fernsehsender.

Das Forschungsinteresse liegt dabei grundlegend im Dualismus des deutschen Rundfunksystems begründet, welcher sich Mitte der 1980er Jahre etablierte.2 Mit der Zulassung privater Sendeanstalten fand eine Veränderung der deutschen Medienlandschaft statt. Seither werden mögliche Konsequenzen der Einführung des dualen Systems diskutiert, wobei häufig die Frage nach den Unterschieden im Programmangebot der Sendergruppen im Mittelpunkt steht.3 Hypothesen über die Divergenz leiten sich unter anderem „aus dem unterschiedlichen Finanzierungsmodus, der allgemeinen wirtschaftlichen Situation der Sendeanstalten, der fachlichen Qualifikation der Journalisten oder ganz schlicht aus allgemeinen kulturoptimistischen bzw. kulturpessimistischen Überlegungen“4 ab.5

Die Diskussion dieser Unterschiede ist auch Gegenstand sozialwissenschaft- licher Forschung, wie verschiedene Studien belegen.6 Die vergleichende Analyse der beiden Sendergruppen in dieser Forschungsarbeit vollzieht sich vor dem Hinter- grund der besonderen Relevanz von Jahrestagen für das Fernsehprogramm.7 Im Kontext des speziellen Thematisierungsanlasses „09. November - Jubiläum des Mauerfalls“ soll herausgestellt werden, welchen Programmumfang, welche Sende- zeiten und welche Sendungsformate die Sendergruppen den Jahrestagen jeweils widmen.

Ein ähnliches Forschungsinteresse vertritt die programmanalytische Studie „Mediale Vereinigungsbilanzen“8 (2011) von Früh, Stiehler, Früh und Böttcher. Die Autoren konzentrieren sich in einer Teilstudie auf das Programmangebot zu beson- deren, historisch markierten Ereignistagen. Untersucht wurde, welche Themen, Formate und Geschichten verschiedene Sendeanstalten einem Jahrestag zuspre- chen.9 Die Analyse bezog sich auf die öffentlich-rechtlichen Programme ARD, ZDF und MDR und die privaten Programme RTL und Sat.1.10 Ziel der Untersuchung war es, „die Inszenierung der Feiertage und die medial vermittelten Deutungsmuster […] im Programmangebot öffentlich-rechtlicher und privater Fernsehanbieter […] zu analysieren.“11 Auch wenn der Vergleich der Sender dabei nicht im Vordergrund stand, finden sich in der Ergebnisauswertung konkrete Anmerkungen zu Unter- schieden zwischen den Sendergruppen. Beispielhaft dafür steht die Feststellung, dass die öffentlich-rechtlichen Programme wesentlich häufiger einen thematischen Bezug zu den Jahrestagen aufweisen als die privaten12 sowie die Konstatierung, dass die öffentlich-rechtlichen Programme bezüglich der Sendungsformate eine größere Vielfalt an Genres vertreten. Bei ihnen dominiert das Informationsgenre, wohingegen die privaten Sender vordergründig das Unterhaltungsgenre bedienen.13

Da der aktuelle Forschungsstand der vorliegenden Studie nicht über die Durchführung eines Pre- und Reliabilitätstests hinausgeht, bleiben vergleichende Aussagen zu den Ergebnissen Frühs u. a. in der Ergebnisauswertung zunächst offen. Ihre Studie soll jedoch als Orientierung für die Theoriebildung und die Definition wichtiger Begriffe dienen. Um die Vorgehensweise innerhalb dieser Projektarbeit offenzulegen, gilt es zunächst die Inhaltsanalyse in ihrer Funktion als Untersu- chungsmethode sowie den Ablauf des Forschungsprozesses näher zu beleuchten.

3 Inhaltsanalyse als empirische Methode

Neben der Befragung und Beobachtung ist die Inhaltsanalyse eine weitere Erhebungsmethode in der sozialwissenschaftlichen Forschung. Früh definiert die Inhaltsanalyse als „eine empirische Methode zur systematischen, intersubjektiv nachvollziehbaren Beschreibung inhaltlicher und formaler Merkmale von Mitteilungen, meist mit dem Ziel einer darauf gestützten interpretativen Inferenz auf mitteilungsexterne Sachverhalte.“14

Ziel der Inhaltsanalyse ist demzufolge die systematische Erfassung und Beschrei- bung einer Vielzahl von Medieninhalten15 und damit die Reduktion deren Komple- xität. So können gegebenenfalls verallgemeinerbare Aussagen über mediale Botschaften sowie Rückschlüsse auf Bereiche der sozialen Realität getroffen werden.16

Der inhaltsanalytische Forschungsprozess gliedert sich in drei Phasen. In der ersten Phase, dem Entdeckungszusammenhang, wird das Erkenntnisinteresses der Forschungsarbeit formuliert. Daran schließt sich der Begründungszusammenhang, der umfangreichste Teil des Forschungsprozesses. Diese Phase umfasst multiple Schritte: die Darlegung des bisherigen Forschungsstands, die Theoriebildung, die Definition zentraler Begriffe, die Bildung der Hypothesen, die Wahl der Methode und des Untersuchungsmaterials, die Entwicklung des Erhebungsinstrumentes (Kategorienbildung und Codebucherstellung), die Codiererschulung, die Probeco- dierung, die eigentliche Datenerhebung sowie die anschließende Erfassung, Auswertung und Darstellung der erhobenen Daten. In der dritten Phase des Forschungsprozesses, dem Verwertungszusammenhang, erfolgt die Publikation der Studie.17 Ähnlich der Erläuterung des Problemhintergrundes im vorangegangenem Kapitel, werden die einzelnen Schritte in den folgenden Kapiteln bis zum bisherigen Forschungsstand näher beleuchtet.

Ein Vergleich unterschiedlicher medialer Quellen, wie er in dieser Forschungsarbeit vorgenommen wird, ist eine gängige Form der Inhaltsanalyse um Medieninhalte deskriptiv zu erfassen. Für eine interpretative Inferenz auf Kommunikatoren oder Rezipienten werden zusätzliche Kontextmerkmale, wie im Fall dieses Projektes der besondere Thematisierungsanlass durch das Jubiläumsjahr und die Differenzen der beiden Rundfunksystem, verwertet.18 Inhaltlich dargelegt wird dieser Kontext innerhalb der nachfolgenden Theoriebildung.

4 Theoretische Grundlagen

Die Aufstellung einer theoretischen Basis dient der Fundierung der Forschungsfragen. Aus der Theorie leiten sich wichtige Begriffe ab, die für die Analyse zu definieren sind. Außerdem bilden die theoretischen Vorüberlegungen die Grundlage zur späteren Aufstellung von Hypothesen.19

4.1 Jubiläumsjahr und DDR-Bezug

Der Fall der Berliner Mauer jährte sich 2014 zum 25. Mal. Der inhaltsanalytische Programmvergleich dieser Studie soll sich vor dem Hintergrund der besonderen Relevanz von Jubiläumsjahren für das Fernsehen vollziehen. Jubiläumsjahr meint den sich in einer bestimmten Einheit von Jahren wiederholenden Jahrestag eines bedeutsamen historischen Ereignisses. Diese Feier- und Gedenktage werden von Organisationen wie Rundfunkanstalten genutzt, um das zu erinnernde Ereignis zu aktualisieren und zu inszenieren.20

Sendeanstalten realisieren einen thematischen Bezug zu Jubiläumsjahren dabei auf zwei Weisen: zum einen integrieren sie das gegenwärtige Geschehen, wie aktuelle (inszenierte) Veranstaltungen oder Staatsauftritte, in die Berichterstattung ihres Programms, zum anderen werden breite Programmflächen mit Angeboten belegt, die sich thematisch mit dem historischen Ereignis selbst sowie dessen Vorgeschichte auseinandersetzen.21

Diese Studie betrachtet wie eingangs erwähnt die Jubiläumsjahre des Mauer- falls am 09. November. Um herauszufinden, welche Aufmerksamkeit die unter- schiedlichen Sendergruppen den Ereignistagen widmen, gilt es daher festzulegen, wann eine Sendung einen thematischen Bezug zum Jubiläumsjahr aufweist. Da die inhaltsanalytische Untersuchung im Rahmen dieses Projektes lediglich den Titel (und gegebenenfalls die Beschreibung) einer Sendung erfasst, kann nur anhand spezifischer Wörter oder Wortgruppen auf den Inhalt geschlossen werden. Die Begriffe selbst müssen dabei in Zusammenhang mit dem Ereignis Mauerfall oder dessen historischen Kontext stehen.

Der Fall der Berliner Mauer am 09. November 1989 markiert durch die Öffnung der Grenzen der Deutschen Demokratischen Republik zur Bundesrepublik Deutschland - neben anderen Ereignissen der Jahre 1989 und 1990 - den Unter- gang der DDR. Daher ist anzunehmen, dass die Erinnerung an die DDR zentraler Bestandteil der Medieninhalte zu den untersuchten Jahrestagen ist.22 Es gilt daher festzuhalten, dass eine Sendung immer dann als relevant für die Beantwortung der Forschungsfrage eingestuft wird, wenn einzelne Bestandteile ihres Titels - oder ihrer Beschreibung - in ihrer Bedeutung im Zusammenhang mit dem Thema DDR stehen oder eine Verbindung zu diesem Themenkomplex vermuten lassen. Der Umfang dieser Festlegung wird für den Codierer im Erhebungsinstrument expli- ziert23, daher soll an dieser Stelle auf nähere Ausführungen verzichtet werden.

4.2 Duales Rundfunksystem

Im Kontext dieser Untersuchung stehen neben der besonderen Relevanz des Jubiläumsjahres für das Programmangebot von Fernsehsendern auch die differenten Merkmale öffentlich-rechtlich und privat organisierter Rundfunkanstalten24, welche im Folgenden benannt werden sollen.

Die öffentlich-rechtlichen Sender werden durch die Landesrundfunkan- stalten betrieben. Der Programmauftrag verpflichtet die Sender gesetzlich, die mediale Grundversorgung der Bevölkerung sicherzustellen, also über alle wesentli- chen Lebensbereiche umfassend zu informieren und damit „zur freien individuellen und öffentlichen Meinungsbildung“25 beizutragen. Das Programm gestaltet sich bildend, beratend und unterhaltend. Finanzierungsquelle ist die Rundfunkgebühr.26 Die Organisation der privaten Sender ist durch Rundfunkgesetze und Staats-verträge geregelt. Überwacht werden sie zudem von den Landesmedienanstalten. Die Programmgestaltung unterliegt geringeren gesetzlichen Ansprüchen als die der öffentlich-rechtlichen, dennoch soll auch dieses Programm einen „angemessenen Anteil an Information, Kultur und Bildung“27 aufweisen. Da die Finanzierung jedoch größtenteils durch Werbeeinnahmen erfolgt, sind die privaten Sender in ihren Programmen auf „massenattraktive Programme ausgerichtet, die für die Werbetrei-benden und deren Werbebotschaften große Publika generieren.“28

Die verschiedenen Finanzierungsmodelle sowie die abweichenden gesetzli- chen Ansprüche lassen elementare Unterschiede im Programmangebot der Sender- gruppen vermuten, welche in Kapitel 4 konkret als Hypothesen formuliert werden sollen.

4.3 Vergleichskriterien im Programmangebot

Bisher wurde theoretisch erfasst und begründet welche Sendungen (durch ihren Kontextbezug zum Jubiläumsjahr) als relevant für die Analyse gelten und welche charakteristischen Besonderheiten der Rundfunksysteme einem Vergleich derselben zu Grunde liegen. In einem abschließenden Schritt der Theoriebildung gilt es Kriterien zu definieren, anhand derer gemessen werden kann, inwiefern sich das Programmangebot der Sendergruppen im Hinblick auf die ausgewählten Sendungen unterscheidet. Die Auswahl der Vergleichskriterien orientiert sich dabei an der Studie von Früh u. a.29 Die Sendungen werden anhand der drei Faktoren Dauer, Positionierung und verwendete Sendungsformate inhaltsanalytisch unter- sucht.

Die Dauer einer Sendung ist festgelegt als die Zeitspanne zwischen ihrer Start- und Endzeit. Summiert man die Angaben über die Dauer einer jeden rele - vanten Sendungen auf, erhält man so den zeitlichen Gesamtumfang, in dem themen- spezifische Sendungen in dem Programmangebot eines Senders integriert sind. Das Ergebnis kann Aufschluss darüber geben, wie ausführlich einzelne Sender, oder die Sendergruppen im Vergleich, das Jubiläumsjahr behandeln und dem Thema damit entsprechend geringe oder große Bedeutung zukommen lassen. Des Weiteren widmet sich die Analyse der Positionierung der zu erhebenden Sendungen. Unter Positionierung ist hierbei die Platzierung der Sendung auf Programmplätzen innerhalb der Pre-Primetime (17-20 Uhr) und Primetime (20-23 Uhr)30 zu verstehen. Die Analyse der Position themenspezifischer Sendungen im TV-Programm kann später Hinweis darauf geben, welche Bedeutung ein Sender oder eine Sendergruppe der Thematik beimisst. Startet eine Sendung zu Beginn der Primetime, also der Hauptsendezeit, ist davon auszugehen, dass ihr eine höhere Relevanz seitens der Sender zugesprochen wird, als Sendungen, die außerhalb dieser Hauptsendezeit liegen. Anzumerken ist hierbei, dass nicht nur die Relevanz einer Sendung ausschlaggebend für deren Platzierung ist. Die Positionierung einer Sendung kann auch durch andere Faktoren, wie z. B. das gezielte Nacheinander ähnlicher Formate, bewusste Kontrastierung im Programm oder durch Konkurrenz-verhalten anderen Sendern gegenüber motiviert sein.31

Als drittes Vergleichskriterium sollen die Sendungsformate analysiert werden. Diese Studie orientiert sich hierfür an den theoretischen Überlegungen des Medienwissenschaftlers Werner Faulstich.32 Nach Faulstich bezeichnet ein Fernseh- genre, was in dieser Forschungsarbeit dem Begriff Sendungsformat gleichkommen soll, "ein spezifisches Darstellungsmuster mit inhaltlichen, stofflich-motivlichen, dramaturgischen, stilistischen, formal-strategischen [und] ideologischen Konven- tionen"33. Man unterscheidet dabei drei große Gruppen: unterhaltende, informie- rende und fiktionale Sendungen. Diese lassen sich wiederum in verschiedene Formate ausdifferenzieren. Zu den Unterhaltungssendungen zählen Quizsendungen und Gameshows sowie Talkshows, Bekenntnisshows, Late Night Shows und Come- dyshows. Musik- und Sportsendungen fallen ebenfalls in diese Rubrik. Das Informa- tionsinteresse bedienen hingegen Nachrichtensendungen, Magazinsendungen, Dokumentarsendungen, Wissenschaftssendungen und das Bildungs- und Schulfern- sehen. Die Fiktionalen Sendungen umfassen Serien, Fernsehspiele, Literaturadap- tionen, Theatersendungen und Kinospielfilme. Da die Sendungen in der Produkti- onspraxis nicht immer einer solch eindeutigen Einteilung entsprechen, ergänzt Faulstich eine vierte Gruppe, die sonstige Formate (wie Hybridsendungen, Werbesendungen und Kindersendungen) erfasst.34 Die Bestimmung der Formate kann im Ergebnis Aufschluss darüber geben, wie unterschiedlich die Sendergruppen mit einer bestimmten Themenvorlage umgehen.

5 Hypothesenbildung

Hypothesen werden anhand von theoretischen Vorüberlegungen und Vermutungen aufgestellt und bilden vorläufige Antworten auf die Forschungsfrage. Die inhaltsanalytisch gewonnenen Ergebnisse verifizieren oder falsifizieren die Hypothesen letztlich.35 Das Hypothesengerüst ist dabei so aufzustellen, dass in der Datenauswertung die beabsichtigten Inferenzschlüsse diskutiert werden können.36 Hypothesen bilden folglich den Bezugsrahmen der Forschung, sie strukturieren und fokussieren damit den Ablauf der Inhaltsanalyse.37

Diese Studie soll am Ende des Forschungsprozesses vergleichende Aussagen über das duale Rundfunksystem zulassen und sich dabei auf die eingangs formu- lierten Forschungsfragen fokussieren. Es wurden folglich drei Hypothesen aufge- stellt, die jeweils die vermutete Antwort auf eine der drei Forschungsfragen liefern soll. Die Vorüberlegungen, die zu den folgenden Hypothesen geführt haben, sind kurz zu erläutern.

H1: Die öffentlich-rechtlichen Sender integrieren Sendungen mit DDR-Bezug anl ä sslich eines Mauerfalljubil ä ums umfangreicher in ihr Programm- angebot als die privaten Sender.

Wie in Kapitel 4.2 bereits dargelegt wurde, stellen sich unterschiedliche gesetzliche Anforderung an die Programmgestaltung der Sendergruppen. Da die öffent- lich-rechtlichen Sender laut Gesetz in ihrem Programm unter anderem dem Infor- mations- und Bildungsinteresse Rechnung tragen sollen, ist anzunehmen, dass die Aktualisierung eines kulturpolitisch und historisch bedeutsamen Ereignisses - wie es der Mauerfall für die deutsche Bevölkerung ist - zentraler Bestandteil ihres

[...]


1 Rössler, Patrick (2010): Inhaltsanalyse. Konstanz, S. 39.

2 Vgl. Brosius, Hans-Bernd/Pöhls, Joachim (2013): Kommerzieller Rundfunk. Wiesbaden, S. 154.

3 Vgl. Früh, Werner (2007): Inhaltsanalyse: Theorie und Praxis. Konstanz, S. 224.

4 Früh 2007: 225.

5 Nähere Erläuterungen zu den Unterschieden der Rundfunkanstalten in Kapitel 4.2.

6 Beispielhaft sei hier die Langzeitstudie von M. Maier, G. Ruhrmann und K. Klietsch genannt. In "Der

Wert von Nachrichten im deutschen Fernsehen. Ergebnisse einer Inhaltsanalyse 1992 - 2004" von 2006 vergleichen die Autoren das Programmangebot öffentlich-rechtlicher und privater Fernsehanbieter mithilfe der Analyse von Nachrichtenfaktoren.

7 Weiterführende Erklärungen zu der Relevanz von Jahrestagen in Kapitel 4.1.

8 Vgl. Früh, Werner/Stiehler, Hans-Jörg/Früh, Hannah/Böttcher, Claudia (2011): Mediale

Vereinigungsbilanzen. Ost- und Westdeutschland im Fernsehen: Event- und Alltagsberichterstattung. Berlin.

9 Vgl. ebd 2011: 10.

10 Sowie ergänzend für einen Teil der Studie die Programme WDR, Phoenix, 3sat und arte (Vgl. Früh et al. 2011: 35).

11 Ebd. 2011: 181.

12 Vgl. ebd. 2011: 36.

13 Vgl. ebd. 2011: 40.

14 Früh 2007: 27.

15 Da sich diese Arbeit mit Medieninhalten in Form von TV-Programmen beschäftigt, ließe sich ähnlich wie bei Früh et al. auch von einer "Programmanalyse" sprechen, worauf in dieser Arbeit zu Gunsten einer einheitlichen Begriffsverwendung verzichtet werden soll.

16 Vgl. Rössler 2010: 18f.

17 Vgl. ebd. 2010: 38.

18 Vgl. Rössler 2010: 28.

19 Vgl. ebd. 2010: 38f.

20 Vgl. Müller, Winfried (2005): Das historische Jubiläum. Genese, Ordnungsleistung und Inszenierungsgeschichte eines institutionellen Mechanismus. München, S. 89ff.

21 Vgl. Früh et al. (2011): 16.

22 Vgl. Früh et al. (2011): 22f.

23 Das Kapitel Zum Verst ä ndnis des Begriffs DDR im Codebuch befasst sich ausschließlich mit der Thematik (vgl. Anhang: I Codebuch, S. If.).

24 Der Rundfunk umfasst den Hörfunk und das Fernsehen, im Folgenden ist damit stets letzteres gemeint.

25 Branahl, Udo (2013): Rundfunkordnung. Wiesbaden, S. 306.

26 Vgl. ebd 2013: 306.

27 Ebd. 2013: 307.

28 Brosius/Pöhls 2013: 154.

29 Vgl. Früh et al. 2011: 27f.

30 Vgl. Amann, Caroline (2012): Sendezeiten: Übersicht. http://filmlexikon.uni-kiel.de/index.php? action=lexikon&tag=det&id=4952 [01.03.2015].

31 Vgl. Faulstich, Werner (2008): Grundkurs Fernsehanalyse. Paderborn, S. 165.

32 Vgl. ebd. 2008.

33 Ebd. 2008: 34.

34 Vgl. Faulstich 2008: 34f.

35 Vgl. Früh 2007: 148f.

36 Vgl. Rössler 2010: 46.

37 Vgl. Bundeszentrale für politische Bildung (2010): M 03.02 "Was ist eine Hypothese?". http://www.bpb.de/lernen/unterrichten/grafstat/46353/m-03-02-was-ist-eine-hypothese- [03.03.2015].

Details

Seiten
40
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668045101
ISBN (Buch)
9783668045118
Dateigröße
2.3 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v306591
Institution / Hochschule
Universität Leipzig – Kommunikations- und Medienwissenschaft
Note
1,3
Schlagworte
Mauerfall Jubiläum Mauerfall mediale Berichterstattung Inhaltsanalyse

Autor

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