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Alkohol- und Drogenkonsum bei männlichen Jugendlichen

Hausarbeit (Hauptseminar) 2013 19 Seiten

Pädagogik - Pädagogische Soziologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2. Konstitution und Festigung von Männlichkeit
2.1 Doing gender und die Konstruktion von Männlichkeit
2.2 Das Konzept der Hegemonialen Männlichkeit
2.3 Männliche Geschlechtsidentifikation durch Abgrenzung und Negation

3. Adoleszenz - Chancen und Entwicklungsanforderungen des Jugendalters

4. Risikoverhalten bei männlichen Jugendlichen
4.1 Risikoverhalten in der Adoleszenz
4.2 Geschlechterdifferenz des Risikoverhaltens

5. Nutzen und Funktionen des Alkohol- und Drogenkonsums bei Männlichen Jugendlichen

6. Schlussbemerkungen

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die vorliegende Hausarbeit thematisiert den Alkohol- und Drogenkonsum bei männlichen Jugend- lichen. Dabei soll der Frage nachgegangen werden, welche Funktionen der Konsum psychotroper Substanzen im Leben männlicher Jugendlicher einnimmt und inwieweit der Konsum bei der Heraus- bildung und Festigung der Geschlechtsidentität eine Rolle spielt. Zu Beginn der Arbeit werden zu- nächst grundlegende Theorien expliziert, die sich mit der Konstitution und Festigung männlicher Geschlechtsidentität und der Konstruktion von Männlichkeit befassen auseinandersetzen. Anschließend soll ein Überblick über thematische Inhalte sowie Chancen und spezifischen Ent- wicklungsanforderungen des Jugendalters gegeben werden. An diesen Ausführungen aufbauend kommt es zu einer Darlegung der Bedeutung des Risikoverhaltens im Jugendalter, wobei auch geschlechtsspezifische Differenzen Berücksichtigung finden. Abschließend wird auf die Eingangsfrage zurückgekommen und aus den zuvor gewonnen Erkenntnissen Schlussfolgerungen für die Funktionalität von Alkohol- und Drogenkonsum bei männlichen Jugendlichen gezogen.

2. Konstitution und Festigung von Männlichkeit

Da die folgende Arbeit einen geschlechtsspezifischen Blick auf die Thematik des Alkohol- und Drogengebrauchs fokussiert, sollen zunächst wesentliche Theorien, die sich mit der Herstellung und Festigung männlicher Geschlechtsidentität befassen, dargelegt werden.

2.1 Doing gender und die soziale Konstruktion von Männlichkeit

Während im deutschsprachigen Raum der Begriff Geschlecht sowohl für das biologische als auch das soziale Geschlecht benutzt wird, bezeichnet sex im internationalen Gebrauch das biologische Geschlecht und gender das gesellschaftliche, sozial und kulturell geprägte Geschlecht. Der Begriff sex dient demgemäß der Zuordnung eines der beiden anatomisch definierten Geschlechter. Das soziale Geschlecht basiert im Gegensatz dazu auf Rollenerwartungen Stereotype und Attributen, die Mädchen oder Jungen aufgrund ihres biologischen Geschlechts zugeschrieben werden und als geschlechtsspezifisch typisiert werden. Gender drückt dabei aus, dass die Dichotomisierung und die Festlegung, was als weiblich oder männlich zu gelten hat, anhand gesellschaftlicher Mechanismen hergestellt und reproduziert wird.1 Die kulturelle Übereinkunft der Kategorisierung und Zuweisung des sozialen Geschlechts gender wirkt hierbei immer stärker als biologische Erklärungen zu Geschlechtsunterschieden.2

Der gesellschaftliche Prozess der Konstruktion der sozialen Kategorie Geschlecht wird als doing gender verstanden.3 „[…] Ein Geschlecht hat man nur in dem man es tut […]“ 4. Es geht in diesem Zu- sammenhang, um die interaktiven und prozessualen Dimensionen, in denen sich das soziale Geschlecht im Verlauf seiner Biografie entwickelt. Geschlechtsrollen und Stereotypen bilden sich zum Beispiel aufgrund der Erziehung im Elternhaus, Kindergarten oder Schule aus, da Haltungen und Normen bezüglich der Geschlechterrollen meist unreflektiert an Mädchen und Jungen weiter- gegeben werden. Hierdurch werden sowohl das Verhalten gegenüber anderen Frauen oder Männern als auch die Interaktionen zwischen den Geschlechtern geprägt.5

Die Geschlechtszugehörigkeit muss dabei fortwährend aktiv hergestellt und jederzeit unzweifelhaft erkennbar sein.6 „In der Beherrschung der entsprechenden Praktiken erweist sich die (geschlechts- bezogene) Handlungskompetenz der Gesellschaftsmitglieder. Gegenstand der Analyse sind nicht individuelle Handlungsvollzüge, sondern Interaktionsverhältnisse und institutionelle Arrangements. Geschlecht wird als emergierende Eigenschaft sozialer Situationen, ´doing gender` als unvermeidliche Aufgabe in jeder Situation verstanden […]“7.

Dementsprechend kann die natürlich erscheinende Zweigeschlechtlichkeit als eine gesellschaftliche Konstruktionsleistung aufgefasst werden. Wir werden bereits in ein kulturelles System der Zwei- geschlechtlichkeit hineingeboren.8 Dieses System der Zweigeschlechtlichkeit strukturiert grundlegend Gesellschaft, Interaktionen und Psychodynamik. Gemäß Hagemann - White leben Männer und Frauen aufgrund ihrer unterschiedlichen gesellschaftlichen Lage in differenten Symbolwelten.9 Demzufolge ergibt sich die Zugehörigkeit zum weiblichen oder männlichen Geschlecht nicht natur- haft, sondern aus der Perspektive eines jeweils anderen sozialen Sinnsystems. 10In der polarisierenden Struktur des dichotomen Symbolsystems der Zweigeschlechtlichkeit produzieren Frauen und Männer in interaktiven Prozessen und in Form von kulturellen Deutungsmustern Geschlechtsverhältnisse und Geschlechterordnungen und damit auch je unterschiedliche Wirklich- keiten.

Daher kann auch die eigene Geschlechtsidentität nicht als eine biologische Tatsache, sondern als Ergebnis gesellschaftlicher Interaktion und Konstruktion verstanden werden. Die Identitätsbildung stellt einen geschlechtsspezifischen, lebenslangen Prozess dar, der eine kontinuierliche Integrations- arbeit erfordert, in der alltäglich „[…] die eigene und fremde Identität als Mann oder Frau, als Junge oder Mädchen hergestellt […]“11 wird.

2.2 Das Konzept der Hegemonialen Männlichkeit

Connell betrachtet Geschlecht als soziale Konstruktion und Zweigeschlechtlichkeit als ein soziales System. Männlichkeit ist somit „[…] eine Position im Geschlechterverhältnis; die Praktiken durch die Männer und Frauen diese Position einnehmen, und die Auswirkungen dieser Praktiken auf die körperliche Erfahrung, auf Persönlichkeit und Kultur […]“12.Männlichkeit stellt folglich etwas dar, das permanent in sozialen Prozessen zwischen Menschen produziert wird. Hegemoniale Männlichkeit ist nach Connell die kollektive Praxis von Männern zur Herstellung und Sicherung ihrer gesellschaftlichen Dominanz. Connell unterscheidet drei fundamentale Strukturen, in denen sich die Geschlechterver- hältnisse reproduzieren und manifestieren: Machtbeziehungen, Arbeits- bzw. Produktions- beziehungen und die emotionale Bindungsstruktur (Kathexis).13

Connells Maskulinitätstheorie basiert im Grunde genommen auf der Kategorie der Macht. Aus diesem Grund bildet der Begriff der Hegemonie den Kern dieser Theorie. „Hegemoniale Männlichkeit kann man als jene Konfiguration geschlechtsbezogener Praxis definieren, welche die momentan akzeptierte Antwort auf das Legitimitätsproblem des Patriarchats verkörpert und die Dominanz der Männer sowie die Unterordnung der Frauen gewährleistet (oder gewährleisten soll).“14 Laut Connell sind diese Dominanzstrukturen auf zwei Ebenen zu finden: einmal als Machtverhältnis zwischen den Geschlechtern und zum anderen als ein Machtverhältnis innerhalb der dominierenden Geschlechts- kategorie. Diese doppelte Relation wird von Connell mit dem Begriff der hegemonialen Männlichkeit charakterisiert. Hegemoniale Männlichkeit wird jedoch nicht als feste Charaktereigenschaft be- griffen, sondern stellt ein Orientierungsmuster und kulturelles Ideal dar, das dem doing gender der meisten Männer zugrunde liegt. 15

Weil es sich bei der hegemonialen Männlichkeit lediglich um ein Orientierungsmuster handelt, dem kaum ein Mann gänzlich entsprechen kann, nehmen viele Männer an einer komplizenhaften Männ- lichkeit16 teil, indem sie sich an der hegemonialen Männlichkeit ausrichten, die Ideologie männlicher Überlegenheit unterstützen oder die Abwertung und Unterordnung von Frauen tolerieren.

Gemäß Connell gibt es nicht eine einzige Männlichkeit, sondern eine Vielzahl von Männlichkeiten17, zumal das soziale Geschlecht auch immer im Hinblick auf andere gesellschaftliche Identitätskate- gorien wie Generation, Milieuzugehörigkeit oder ethnisch-kulturelle Zugehörigkeit zu betrachten ist. Neben der hegemonialen Männlichkeit und der komplizenhaften Männlichkeit führt Connell weiter- hin untergeordnete Männlichkeiten18, also diejenigen Männlichkeiten, die ausgegrenzt und ab- gewertet werden, wobei homosexuelle Männer an unterster Stelle der Hierarchie stehen sowie marginalisierte Männlichkeiten19, bei denen zum Beispiel Unterschiede der Ethnie, Kultur, Klasse oder Generation zum Tragen kommen, an. Aus diesem Grund besteht gerade bei jungen Männern ein ganz besonderer Druck um ihr Mannsein und ihre Männlichkeit entwickeln und letztendlich be- weisen zu müssen.

In Zeiten der Postmoderne ist der Herrschaftsanspruch des weißen heterosexuellen Mannes auf- grund der Frauenemanzipation und Individualisierungs- und Pluralisierungsprozessen20 sowohl in der Institution Ehe als auch auf dem Arbeitsmarkt und in der Öffentlichkeit nicht mehr eindeutig ersicht- lich. Aus diesem Grund sind Männer und Jungen in besonderer Weise dazu aufgefordert, diesen An- spruch zu legitimieren und die Hegemonie der Männlichkeit zu demonstrieren.

2.3 Männliche Geschlechtsidentifikation durch Abgrenzung und Negation

Da in unserer Gesellschaft die Sorge für die Kleinkinder immer noch fast ausschließlich in den Händen der Mutter und damit einer weiblichen Bezugsperson liegt, stellt die persönliche Beziehung zur Mutter eine wichtige Grundlage für die Entwicklung und die ersten Erfahrungen des Säuglings dar. Weibliche und männliche Kinder identifizieren sich demzufolge in ihrer präödipalen Phase in de Regel in erster Linie mit einer Frau.

Gemäß Chodorow hat der Charakter der frühen Mutterbeziehung großen Einfluss auf das Selbst- gefühl, die späten Objektbeziehungen sowie die Gefühle des Kindes für die Mutter und über Frauen schlechthin. Das Kind erlebt sich mit symbiotischer Einheit mit der Mutter und „[…] entwickelt ein Selbst doch nur dadurch, daß es sich davon überzeugt, etwas von ihr Verschiedenes zu sein. […] Durch die Beziehung zu ihr lernt das Kind sich selbst als Person zu definieren, indem es die wichtigsten Aspekte ihrer (gemeinsamen) Beziehung verinnerlicht. Aus dieser frühesten Beziehung entwickeln sich in erster Linie seine Einstellung gegenüber sich selbst und gegenüber der Welt – seine Gefühle die Qualität seiner Selbstliebe (Narzißmus) oder seines Selbsthasses (Depression) […]“21

Der Vater wird hingegen von Anfang an als separates Wesen erlebt.22 Aufgrund der sozialen Organisation der Elternschaft verkörpern Frauen dementsprechend das nicht-soziale oder die Ver- mischung von Biologischem und Sozialen, während der Vater das die Außenwelt und somit Gesell- schaft und Kultur repräsentiert.23

Die Unterrepräsentanz des Vaters und die gleichzeitige symbiotische Verbundenheit zur Mutter er- schweren dem kleinen Jungen die Geschlechteridentifikation. Während der Junge sich zunächst genau wie das Mädchen der Mutter ähnlich fühlt, muss es jedoch bald angesichts der körperlichen Entdeckung seiner geschlechtlichen Andersartigkeit erkennen, dass er sich von der Mutter unter- scheidet. Um Mann zu werden, muss ich der Junge daher sehr früh aus der primären Beziehung zur Mutter lösen und die symbiotische Verbundenheit zu ihr abbrechen.

Der Vater, der dabei zwar die Realität repräsentiert, bleibt „[…] dennoch eine Phantasiefigur, deren Konturen imaginiert werden müssen, weil sie in geringerem Maße aus echten Objektbeziehungs- Erfahrungen des Kindes stammen […]“24. Während sich die Mutter dem Kind also sowohl mit ihren Stärken und Schwächen zeigt, werden die Schwächen des Vaters für den Jungen selten sichtbar. Er erhält so nur ein einseitiges Bild, das durch die im zunehmenden Alter wahrgenommen Medien noch verstärkt wird.25

Demgegenüber ist die Mutter-Tochter-Beziehung in erster Linie durch Ähnlichkeit bestimmt. Die Mutter erfährt ihre Tochter im Grunde als Erweiterung ihres Selbst. Aus diesem Grund wird der Sohn mehr in seiner Andersartigkeit bestätigt als die Tochter.26

Die Geschlechtsidentität des Jungen wird deshalb vornehmlich durch Abgrenzung von der Mutter konstituiert. Hagemann - White spricht in diesem Zusammenhang von einer doppelten Negation:

„[…] Frau ist, wer kein Mann sein kann. Eine Frau ist Nicht-Mann. Dem Jungen aber wird seine Männ- lichkeit zunächst durch Abgrenzung von der Mutter vermittelt; und diese ihm am nächsten stehende Erwachsene ist das, was er nicht sein darf, um ein Mann zu werden. So wird sein Geschlecht als Nicht-Nicht-Mann bestimmt.“27

Demgemäß vollzieht sich die männliche Geschlechtsidentifikation nicht über die Identifikation mit dem Vater als männlichem Identifikationsobjekt, und auch nicht direkt über die Mutter als nicht Mann, sondern über die Negation, Abwertung und Distanzierung von allen sichtbaren weiblichen und folglich nicht männlichen Geschlechtsanteilen.

Diese erste Identifikation als Nicht – Nicht- Mann kann als grundlegend für den Drang zur Idolisierung des Männlichen und gleichzeitiger Abwertung alles Weiblichem, und was weiblich konnotiert wird, betrachtet werden.

3. Adoleszenz - Chancen und Entwicklungsanforderungen des Jugendalters

Die Jugend oder Adoleszenz stellt eine eigenständige Phase im Lebenslauf des Individuums dar, der durch das Zusammenspiel biologischer, intellektueller und sozialer Veränderungen zur Quelle viel- fältiger Erfahrungen wird.28

Obwohl es die Jugend unter dem Aspekt der biologischen und psychologischen Entwicklung immer schon gegeben hat, so ist die Jugend als eigenständige Lebensphase erst seit ca. 100 Jahren bekannt.29 Während der Beginn des Jugendalters durch den Beginn der Pubertät und der Ausbildung der Geschlechtsreife und den hiermit kohärenten biophysiologischen Veränderungen bestimmt wird, ist das Ende der Jugendzeit nicht so leicht festzulegen. Dennoch obliegt die Einordnung unterschied- lichen Kriterien, wie zum Beispiel formale und rechtliche Bestimmungen, die das Erwachsenenleben mit dem Beginn der Volljährigkeit einstufen. Objektive und verhaltensnahe Merkmale, wie der Aus- zug aus dem Elternhaus oder finanzielle Unabhängigkeit sowie psychologische Attribute, wie Ab- lösung, emotionale Autonomie oder psychologische Reife stellen weitere Kriterien dar, die neben den subjektiven Merkmalen eine entscheidende Rolle dabei einnehmen, wann die Jugendzeit endet und das Erwachsenenleben beginnt. 30

In der Adoleszenz sehen sich die Jugendlichen mit verschiedenen Entwicklungsaufgaben konfrontiert. Hurrelmann hat in Anlehnung an Havighurst die Entwicklung einer sozialen Kompetenz, die Ent- wicklung der eigenen Geschlechtsrolle und des sozialen Bindungsverhaltens zu Gleichaltrigen des eigenen und des anderen Geschlechts, Aufbau einer heterosexuellen Partnerbeziehung, die Ent- wicklung eigener Handlungsmuster für die Nutzung des Konsumwarenmarktes und des Freitzeitmarktes einschließlich der Medien, sowie die Entwicklung eines Werte – und Normsytsems und eines ethischen und politischen Bewusstseins, als zentralen Entwicklungsaufgaben in der Adoleszenz herausgestellt.31

Nach dem Modell von Erikson wird diese Entwicklungsphase durch die psychosoziale Krise Identität vs. Identitätsdiffusion32 geprägt. Dieser Phase räumt Erikson die bedeutendste Rolle in seinem Modell ein. Der Jugendliche sieht sich mit Beginn der Adoleszenz mit neuen Aufgaben konfrontiert. Das rasche Körperwachstum und damit einhergehende Veränderungen führen dazu, dass bisher erfolgte Identifizierungen infrage gestellt werden. Indem verschiedene Rollen erprobt und ge- gebenenfalls assimiliert werden, wird die soziale Rolle des Jugendlichen gefestigt. Die Integration von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft vermittelt die Erfahrung einer Kontinuität des eigenen Selbst. Die in der Kindheit gesammelten Ich- Werte stellen dabei eine Art Basis für die Ich- Identität dar. Die Antwort auf die Identitätsfrage wird angesichts einer realistischen Einschätzung der eigenen Person erreicht. Wenn der Prozess er Integration nicht erfolgreich verläuft oder die eigenen Bedürf- nisse nicht erfolgreich befriedigt werden, kommt es nach Erikson zur Rollendiffusion.33 Darunter ver- steht man das Auseinanderfallen von Rollen, das in diesem Sinn als eine Widersprüchlichkeit di- vergenter Rollen verstanden werden kann.

In Anlehnung an Kurt Eissler wird die Phase der Adoleszenz in der Psychologie als eine zweite Chance dafür verstanden, Belastendes, das man unter pathologischen Bedingungen in der Kindheit erlebt hat, neu zu verarbeiten und zu überwinden. Erdheim zufolge kommt es während der Adoleszenz zu einem „[…] Wandel der bedeutungsgebenden Struktur, auf Grund derer das Individuum seine (Um-) Welt Bedeutungen wahrnimmt.“34 Dieser Strukturwandel wird anhand der Schaffung innerer Räume, der Befähigung zu neuen Erfahrungen sowie dem Prinzip der Nachträglichkeit35 bewirkt.

Lothar Böhnisch spricht demgegenüber von der Jugend als Bewältigungslage.36 Dies bedeutet, dass Jugend, als sich historisch wandelnde gesellschaftliche Konstruktion biografisch different von den Jugendlichen bewältigt werden muss. Diese Bewältigungslage ist in modernen Gesellschaften durch die „[…] Spannungen zwischen früher soziokultureller Selbstständigkeit und länger andauernder öko- nomischer Abhängigkeit, zwischen der Offenheit und Verwehrung eigensinniger sozialräumlicher Aneignungen und […] zwischen der Anerkennung als gesellschaftlicher Aktivposten und der Etikettierung als Risikogruppe […]“37 gekennzeichnet.

[...]


1 vgl. Meuser, Michael: Geschlecht und Männlichkeit. Soziologische Theorie und kulturelle Deutungsmuster, Opladen 1998, S. 69ff

2 vgl. Hagemann- White, Carol: Sozialisation: Weiblich – männlich? Opladen 1984, S. 29ff

3 vgl. West, Candace / Zimmerman Don H.: Doing gender, in: Gender and Society, 1, S. 125ff

4 Meuser, Michael: Geschlecht und Männlichkeit. Soziologische Theorie und kulturelle Deutungsmuster, Opladen 1998, S. 64

5 vgl. Haase, Andreas: Genderkompetenz als Bestandteil von männerspezifischer Suchtarbeit, in: Jacob, Jutta / Stöver, Heino (Hrsg.): Männer im Rausch. Konstruktionen und Krisen von Männlichkeiten im Kontext von Rausch und Sucht, Bielefeld 2009, S. 143f

6 vgl. Hagemann- White, Carol: Sozialisation: Weiblich – männlich? Opladen 1984, S. 85

7 Meuser, Michael: Geschlecht und Männlichkeit. Soziologische Theorie und kulturelle Deutungsmuster, Opladen 1998, S. 64

8 vgl. Hagemann- White, Carol: Sozialisation: Weiblich – männlich? Opladen 1984, S. 50

9 vgl. ebenda, S. 77ff

10 vgl. ebenda, s. 79

11 Friedrichs, Jürgen: Konstruktion von Männlichkeiten – Nutzen und Risiken des Konsums von Drogen, in: Zander, Margherita / Hartwig, Luise / Jansen, Irma (Hrsg.): Geschlecht Nebensache? Zur Aktualität einer Genderperspektive in der Sozialen Arbeit, Wiesbaden 2006, S. 182

12 Connell, Robert, W.: Der gemachte Mann. Konstruktion und Krise von Männlichkeiten, Opladen 1999, S. 91

13 vgl. ebenda, S. 94f

14 ebenda, S. 98

15 vgl. Meuser, Michael: Geschlecht und Männlichkeit. Soziologische Theorie und kulturelle Deutungsmuster, Opladen 1998, S. 98

16 vgl. Connell, Robert, W.: Der gemachte Mann. Konstruktion und Krise von Männlichkeiten, Opladen 1999, S. 100

17 vgl. ebenda, S. 87

18 vgl. ebenda, S. 99f

19 vgl. ebenda 101f

20 vgl. Beck, Ulrich: Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne, Frankfurt am Main 1986, S. 121ff

21 Chodorow, Nancy: Das Erbe der Mütter. Psychoanalyse und Soziologie der Geschlechter, München 1986, S. 106

22 Außer er verhält sich dem Kind gegenüber genauso wie die Mutter, hat die primäre Beziehung zu ihm und pflegt es in derselben Weise wie die Mutter

23 vgl. ebenda, S. 109

24 ebenda, S. 108

25 vgl. Böhnisch, Lothar: Männliche Sozialisation. Eine Einführung, Weinheim und München 2004, S. 94f

26 vgl. Chodorow, Nancy: Das Erbe der Mütter. Psychoanalyse und Soziologie der Geschlechter, München 1986, S. 143

27 Hagemann- White, Carol: Sozialisation: Weiblich – männlich? Opladen 1984, S. 92

28 vgl. Oerter, Rolf / Dreher, Eva: Jugendalter, in: Oerter Rolf / Montada, Leo (Hrsg.): Entwicklungspsychologie, Weinheim, Basel 2008, S. 258

29 vgl. Hurrelmann, Klaus / Quenzel, Gudrun: Lebensphase Jugend. Eine Einführung in die sozialwissenschaftliche Jugendforschung, Wein-

heim und Basel 2012, S. 19f

30 vgl. vgl. Krampen, Günter, Reichle Barbara: Frühes Erwachsenenalter. In : Oerter, Rolf, Leo Montada (Hrsg.) Entwicklungspsychologie, Weinheim 2008, S. 319ff

31 vgl. Hurrelmann, Klaus / Quenzel, Gudrun: Lebensphase Jugend. Eine Einführung in die sozialwissenschaftliche Jugendforschung, Wein- heim und Basel 2012, S. 28

32 vgl. Erikson, Erik H.: Wachstum und Krisen der gesunden Persönlichkeit (1950), in: Ders.: Identität und Lebenszyklus, Frankfurt am Main 1971, S. 106ff

33 vgl. ebenda, S. 109ff

34 Erdheim, Mario: Die Veränderung der bedeutungsgebenden Strukturen durch Adoleszenz und Therapie, in: Psychotherapie, 7. Jahrg. 2002 Band 7, Heft 1, S. 88

35 Das Konzept der Nachträglichkeit geht davon aus, dass Erfahrungen, Eindrücke und Erinnerungsspuren später aufgrund neuer Er- fahrungen und mit dem Erreichen einer anderen Entwicklungsstufe umgearbeitet werden, vgl. dazu: Laplanche, Jean, Jean-Betrand Pontalis: Das Vokabular der Psychoanalyse, Frankfurt am Main 1986, S. 31

36 vgl. Böhnisch, Lothar: Sozialpädagogik der Lebensalter, Weinheim und Basel 2012, S. 138f

37 ebenda, S. 138

Details

Seiten
19
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783668045385
ISBN (Buch)
9783668045392
Dateigröße
534 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v306640
Institution / Hochschule
Universität Osnabrück – Erziehungs- und Kulturwissenschaften
Note
1,0
Schlagworte
Drogenkonsum Alkoholkonsum Devianz männliche Jugendliche Risikoverhalten doing gender Männlichkeit Geschlechtsidentifikation

Autor

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Titel: Alkohol- und Drogenkonsum bei männlichen Jugendlichen