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Eine Analyse Konzeptueller Metaphern in der Medizin nach Lakoff und Johnson anhand eines Interviewtranskripts

Hausarbeit 2015 29 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Ursprung der Metapherntheorie
2.1. Konzeptuelle Metaphern nach Lakoff & Johnson
2.2. Metaphern in der Medizin

3. Selbst- und Fremdpositionierung in Interviews nach Deppermann

4. Metaphernanalye des Stephanie_Transkripts

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der Terminus Metapher findet in der Wissenschaft große Beachtung. Vorwiegend bekannt ist er als Stilmittel sowohl in der Lyrik als auch in der Rhethorik. Viele Theorien werten die Metapher als ein rein sprachliches Phänomen, die Linguisten Lakoff und Johnson jedoch sind der Meinung, dass unsere Handlungen, Gedanken und Einstellungen metaphorisch geprägt und strukturiert sind. Der Fokus der Arbeit liegt auf dem Begriff der konzeptuellen Metaphern, den Lakoff und Johnson entworfen haben. Dieser wird zunächst im theoretischen Teil ausführlich defininiert und die damit verbundene Metaphernklassifizierung aufgedeckt, um darzustellen, inwieweit Metaphern unseren Alltag bestimmen. Infolgedessen wird die Relevanz der Metaphern in der Medizin beschrieben und in aller Kürze die Definition der Positionierungsaktivitäten nach Arnulf Deppermann umrissen.

Im Hauptteil wird im Anschluss daran die Theorie auf das Interview einer praktizierenden Gynäkologin bezogen, die über ihre Erfahrungen im Umgang mit Patientinnen mit Migrationshintergrund berichtet. Kulturelle und religiöse Besonderheiten können die Kommunikation zwischen Arzt und Patient maßgeblich beeinflussen und zu Problemen führen. Normalerweise sind viele kulturelle und religiöse Gewohnheiten im Alltag nicht von Belang, beziehen sich diese jedoch auf die ärztliche Diagnose oder Behandlung, kann es zu Konflikten oder Beeinträchtigung der Kommunikation kommen. Ein ebenso wichtiger Faktor sind die Sprachbarrieren, die durch das Nichtbeherrschen der deutschen Sprache entstehen.1 Es gilt zu untersuchen, inwieweit dies durch die Anwendung konzeptueller Metaphern bekräftigt wird. Die prägnantesten Metaphern werden zunächst chronologisch aufgelistet und anschließend auf damit verbundene metaphorische Konzepte, Klassifizierungen undPositionierungsaktivitäten analysiert. Ebenfalls wird untersucht, wie bestimmte Aspekte in den Fokus rücken oder verschleiert werden. Zuguterletzt erfolgt das Fazit, in dem alle genannten Themenpunkte noch einmal zusammenfasst und die relevantesten hervorgehoben werden.

2. Der Ursprung der Metapherntheorie

Der Begriff der Metapher findet seinen Ursprung in der westlichen Tradition zum ersten Mal bei Platon, der ihn der Rhetorik zuordnet. Eine spezifische Abhandlung darüber hat der griechische Philosoph jedoch nicht hinterlassen. Erst Platons Schüler Aristoteles verfasste die erste uns überlieferte Metapherntheorie, welche später Substitutionstheorie genannt wurde. Er beschreibt die Metapher im Blickfeld der Poetik als Instrument der Wissensvermittlung und zusätzlich, im Blickfeld der Rhetorik, als wichtige Komponente in der Formulierung aussagekräftiger Argumente.2

Aristoteles` Theorie zufolge ist die Metapher eine Substitution eines eigentlichen Wortes durch ein fremdes, also uneigentliches. Zwischen beiden Wörtern existiert eine Ähnlichkeit oder Analogie. Kurz (1997) nennt dies ein topologisches Modell der Sprache. Jedes Wort hat seinen Ort und seine eigene Bedeutung. Folglich ist eine Metapher eine Übertragung eines Nomens, an einen Ort, dem es nicht eigen ist. Diese Aktion wird als Entfremdung und Enteignung aufgefasst.3 Aristoteles` berühmtes Beispiel "Achill ist ein Löwe" zeigt dies sehr deutlich. Auf die Person, deren eigentlicher Name "Achill" ist, wird ein fremdes Nomen, nämlich der "Löwe", übertragen. Daraus resultiert eine Falschaussage und der eben erwähnte Verfremdungseffekt, denn Achill ist natürlich kein Löwe, sondern der schnellste Läufer der Antike.4

Noch heute orientieren sich viele Metapherntheorien am Modell Aristoteles`, wie unter anderem die Vergleichstheorie, die in der Metapher einen um die Partikel "wie" verkürzten Vergleich sieht. Die metaphorische Aussage "das hat mir das Herz gebrochen" beispielsweise verdeutlicht den Vergleich von "das Herz brechen" mit dem Zerbrechen eines einfachen Gegenstandes.5

Im 17. Jahrhundert wird durch den Italiener Giambattista Vico eine Wende in der erkenntnistheoretischen Fundierung der Metapher und dem darauffolgenden philosophischen Denken eingeleitet. Er fechtet die Meinung der Grammatiker an, die besagt, dass die nüchterne Sprache der Wissenschaft die "eigentliche" und die Sprache der Poesie die "uneigentliche" sei. Henri Bergson warnt davor, sich nicht von der angeblich unbildlichen Sprache der Wissenschaft blenden zu lassen, denn oft verstecke sich hinter abstrakter Sprache eine unbewusste, verräumlichende Metapher. Neben Vico tragen zahlreiche Philosophen und Dichter wie Johann Wolfgang von Goethe, Jean Paul, Gustav Gerber, Alfred Biese, Friedrich Nietzsche und Gertrude Buck dazu bei, eine Psychologie und Philosophie der Metapher zu entwerfen, in der diese nicht nur als schön, sondern auch für die Entwicklung und Struktur von Gedanken als elementar betrachtet wird.6

2.1. Konzeptuelle Metaphern nach Lakoff & Johnson

Die Linguisten George Lakoff und Mark Johnson haben 1980 das Buch "Metaphors wie live by" veröffentlicht, das heute als einer der Standardtexte in der kognitiven Linguistik gilt und eine Flut an Forschungen nach sich gezogen hat.7 Lakoff und Johnson haben zusammen eine gegensätzliche Theorie zur Metapher als rein sprachliches Phänomen entwickelt. Sie besagt, dass Metaphern in unserem Alltagsleben allgegenwärtig sind und nicht nur die Sprache, sondern auch unser Denken und Handeln durchdringen. Das alltägliche Konzeptsystem, nach dem wir denken und handeln, ist prinzipiell metaphorisch. Diese Konzepte beinhalten nicht nur intellektuelle Bereiche, vielmehr strukturieren sie all das, was wir im Alltag wahrnehmen, wie wir uns in der Welt bewegen und uns auf andere Personen beziehen. Ist unser Konzeptsystem metaphorisch gestaltet, ist folglich unser Denken, Fühlen, Erleben und Handeln von Metaphern geprägt. Dies geschieht jedoch nicht bewusst, sondern automatisch nach bestimmten Leitlinien.8

Um zu verdeutlichen, was es für ein Konzept bedeutet, metaphorisch zu sein und unsere Handlungen zu strukturieren, eignen sich das Konzept ARGUMENTIEREN und die konzeptuelle Metapher ARGUMENTIEREN IST KRIEG hervorragend. Zahlreiche Ausdrücke zeigen, dass sich diese Metapher in der Alltagssprache niederschlägt: Ihre Behauptungen sind unhaltbar, Ich schmetterte sein Argument ab, Sie sind anderer Meinung? Nun, schie ß en Sie los- Er machte alle meine Argumente nieder.

Wir sprechen beim Argumentieren nicht nur in Kriegsbegriffen, sondern handeln auch danach. Der Gesprächspartner wird als Gegner angesehen, gegen den man gewinnen oder verlieren kann. Wir greifen die gegnerische Position an und verteidigen die eigene. Es handelt sich dabei zwar nicht um einen physischen Kampf, aber doch immerhin um einen verbalen, der durch die Argumentationsstruktur - Angriff, Verteidigung, Gegenangriff - wiederespiegelt wird. Das Kriegsvokabular kommt nicht nur auf sprachlicher Ebene zum Einsatz, sondern auch unser Denken und Agieren verläuft in Kriegsmustern. Die konzeptuelle Metapher ARGUMENTIEREN IST KRIEG strukturiert die Handlungen beim Argumentieren und bestimmt unsere Kultur. Sie zeigt, dass unsere menschlichen Denkprozesse maßgeblich metaphorisch konzeptualisiert sind.9

Ein weiteres anschauliches Beispiel ist das beliebte metaphorische Konzept ZEIT IST GELD, welches unsere Alltagsaktivitäten strukturiert: Sie vergeuden meine Zeit, Ich habe keine Zeit zu verschenken, Ich habe viel Zeit in diese Frau investiert, Ich habe keine Zeit zu verlieren, Lohnt sich das zeitlich für dich? Seine Tage sind gez ä hlt. Diese Aussagen verdeutlichen, dass Zeit in unserer Kultur ein wertvolles Gut, eine begrenzte Ressource ist. Die Metapher wird auf unterschiedliche Weise angewendet: Es gibt Telefongebühren pro Minute, Stundenlöhne, Preise pro Übernachtung, jährliche Zinssätze und Jahre, die man im Gefängnis fristen muss. Dieses Verhältnis zur Zeit ist in der Geschichte der Menschheit noch nicht alt und existiert noch längst nicht in allen Gesellschaften und Regionen der Erde. Solche Methoden haben ihren Anfang in den Industrienationen gefunden und strukturieren dort das Leben der Menschen fundamental. Die Tatsache, dass wir handeln, als ob Zeit eine so wertvolle und begrenzte Ressource wie Geld sei, hat ihre Entsprechung in der Art, wie wir mit Zeit kognitiv umgehen. Dementsprechend begreifen und erleben wir die Zeit als etwas, das verschwendet, ausgegeben, kalkuliert, investiert, erspart oder vergeudet werden kann.10

Die metaphorischen Konzepte ZEIT IST GELD, ZEIT IST EINE BEGRENZTE RESSOURCE und ZEIT IST EIN KOSTBARES GUT sind metaphorisch, weil wir unsere Alltagserfahrungen im Umgang mit Geld, begrenzten Ressourcen und kostbaren Gütern nutzen, um die Zeit zu konzeptualisieren. Doch nicht für alle Menschen ist es notwendig, da dies mit unserer Kultur zusammenhängt. Es gibt durchaus Kulturen, in denen die Zeit keinem dieser metaphorischen Konzepte gleicht.

Die eben erwähnten metaphorischen Konzepte konstituieren ein eigenes System, das auf der Subkategorisierung gegründet ist, nämlich dass in unserer Gesellschaft Geld eine begrenzte Ressource ist und dass begrenzte Ressourcen kostbare Güter sind. Diese subkategorialen Verknüpfungen beschreiben Ableitungen zwischen den Metaphern. Aus der Metapher ZEIT IST GELD lässt sich ableiten, dass ZEIT EINE BEGRENZTE RESSOURCE IST, woraus sich wiederum ableiten lässt, dass ZEIT EIN KOSTBARES GUT IST.11

Die Konzentration auf einen bestimmten Aspekt eines metaphorischen Konzepts (z.B. die kriegerischen Faktoren einer Argumentation) wirkt sich jedoch nachteilig auf andere aus, indem sie verborgen werden. Wenn der Fokus auf einem bestimmten Aspekt liegt, können wir uns nicht auf weitere Aspekte dieses Konzepts konzentrieren, die mit dieser Metapher nicht konsistent sind. Michael Reddy hat dazu den Begriff "Röhrenmetapher" entwickelt. Er hat nämlich beobachtet, dass unsere Sprache, in der wir über Sprache sprechen, durch die folgende komplexe Metapher strukturiert wird: IDEEN (ODER BEDEUTUNGEN) SIND OBJEKTE, SPRACHLICHE AUSDRÜCKE SIND GEFÄßE, KOMMUNIZIEREN HEIßT SENDEN. Der Sprecher verfasst seine Ideen (Objekte) in Worte (Gefäße) und sendet sie (in einer Röhre) dem Hörer, der die Ideen /Objekte den Worten/dem Gefäß entnimmt. Anhand von über hundert Arten von Ausdrücken der englischen Sprache, kann er dies belegen. Dazu gehören beispielsweise: Die Idee hast du von mir bekommen, Ihre Gründe sind bis zu uns durchgedrungen, Seine Worte enthalten wenig Sinn, Deine Worte wirken hohl, Der Satz hat keinen Sinn.12

Es ist schwierig zu erkennen, dass durch die Metapher etwas verborgen wird, oder ob es sich überhaupt um eine Metapher handelt. Untersuchen wir jedoch die Ableitungen der RÖHREN- Metapher, ist dies durchaus möglich. An erster Stelle lässt sich aus dem Aspekt SPRACHLICHE AUSDRÜCKE SIND GEFÄßE FÜR BEDEUTUNGEN ableiten, dass Wörter und Sätze inhärente Bedeutungen haben, die vom Kontext oder Sprecher unabhängig sind. Aus dem Aspekt BEDEUTUNGEN SIND OBJEKTE wiederum lässt sich unter anderem ableiten, dass Bedeutungen unabhängig von Mensch und Kontext existieren. Aus dem letzten Aspekt SPRACHLICHE AUSDRÜCKE SIND GEFÄßE FÜR BEDEUTUNGEN lässt sich ableiten, dass Wörter bzw. Sätze Bedeutungen haben, die ebenso vom Kontext und Sprecher unabhängig sind. Diese Metaphern sind dann angebracht, wenn kontextuelle Unterschiede keine Rolle spielen und alle Gesprächsteilnehmer die Aussagen gleichermaßen verstehen. Ein gutes Beispiel dafür ist der Satz "Die Bedeutung liegt nun einmal im Wort". In vielen Fällen ist der Kontext jedoch relevant, so auch bei Pamela Downings populären Satz "Bitte setzen Sie sich auf den Apfelsaftplatz". Für sich genommen, hat er überhaupt keine Bedeutung, weil der Ausdruck "Apfelsaftplatz" keine konventionelle Methode darstellt, in der man sich auf ein Objekt bezieht. Erst innerhalb des Kontextes offenbart sich der Sinn des Satzes: Ein Gast kommt ins Zimmer. Der Esstisch ist für vier Personen gedeckt, drei Gedecke mit Orangensaft und ein Gedeck mit Apfelsaft. Nun wird klar, was mit dem Wort Apfelsaftplatz gemeint ist. Diese Beispiele bringen zum Ausdruck, dass die bis jetzt vorgestellten metaphorischen Konzepte partiell sichtbar machen, wie wir Kommunikation, Argumentation und Zeit begreifen, und dass durch diese punktuelle Beleuchtung andere Aspekte der Konzepte verborgen werden.13

Die bisher untersuchten Metaphern, werden Strukturmetaphern gennant; ein Konzept wird von einem anderen Konzept metaphorisch strukturiert. Doch es gibt auch Fälle, in denen ein ganzes System von Konzepten in ihrem wechselseitigen Bezug organisiert wird. Diese metaphorischen Konzepte werden Orientierungsmetaphern genannt, weil die meisten von ihnen mit der Orientierung im Raum zu tun haben: oben-unten, innen-außen, vorne-hinten, dran-weg, tief-flach, zentral-peripher. Orientierungsmetaphern verleihen einem Konzept eine räumliche Beziehung14, wie folgende Beispiele veranschaulichen: GLÜCKLICH SEIN = OBEN (Du bist in Hoch stimmung), TRAURIG SEIN = UNTEN (Meine Stimmung sank), WACH SEIN = OBEN (Steh auf), SCHLAFEN = UNTEN (Er fiel ins Koma), GESUND SEIN UND LEBEN = OBEN (Er ist in H ö chst form), KRANKHEIT UND TOD = UNTEN (Eine Krankheit warf ihn nieder), KONTROLLE ODER MACHT AUSÜBEN = OBEN (Ich habe die Kontrolle ü ber sie), KONTROLLE ODER MACHT AUSGESETZT SEIN = UNTEN (Ich habe ihn unter Kontrolle), MEHR = OBEN (Mein Einkommen ist letztes Jahr gestiegen), WENIGER = UNTEN (Er ist unter 18), HOHER STATUS = OBEN (Sie wird zur Spitze aufsteigen), NIEDRIGER STATUS = UNTEN (Ihr Ansehen sank), GUT = OBEN (Die Entwicklung zeigt nach oben), SCHLECHT = UNTEN (Die Lage hat einen Rekord tief punkt erreicht), TUGEND = OBEN (Sie setzt hohe Standards), LASTER = UNTEN (Das wäre unter meiner Würde).15 Lakoff und Johnson verweisen zusätzlich auf physische, soziale und kulturelle Grundlagen der Orientierungsmetaphern, dies würde jedoch den Rahmen dieser Arbeit sprengen. Stattdessen wird der Fokus auf weitere metaphorische Konzepte gelegt, die Lakoff und Johnson klassifizieren. Daszu gehören unter anderem ontologische Metaphern. Die Erfahrung mit physischen Objekten (auch mit dem eigenen Körper), bildet die Grundlage für zahlreiche ontologische Metaphern, um Ereignisse, Aktivitäten, Emotionen und Ideen auszudrücken. Der Mensch verlangt nach natürlich oder künstlich gesetzten Grenzen, die physische Phänomene zu Einzelgebilden machen, so wie wir das auch sind: Entitäten, die durch eine Oberfläche begrenzt sind. Ebenso lassen sich ontologische Metaphern für verschiedene Arten der Zielsetzung verwenden, man kann auf etwas BEZUG NEHMEN (Wir arbeiten auf den Frieden hin), etwas QUANTIFIZIEREN (Es gibt soviel Hass in der Welt), ASPEKTE IDENTIFIZIEREN (Sein psychischer Zustand hat sich verschlechtert), URSACHEN IDENTIFIZIEREN (Er hat das aus Zorn gemacht) und sich ZIELE SETZEN und HANDLUNGEN MOTIVIEREN (Sie sah die Heirat als die L ö sung ihrer Probleme).16 Zusätzlich lässt sich die ontologische Metapher GEIST UND SEELE SIND EINE ENTITÄT in DER GEIST IST EINE MASCHINE (Mein Gedankengang ist heute etwas eingerostet) und DIE SEELE IST EIN ZERBRECHLICHES OBJEKT (Er ist an der Erfahrung zerbrochen) differenzieren. Sie stellen unterschiedliche metaphorische Modelle dar, in denen Geist und Seele erfasst werden und unterschiedliche Faktoren der geistigen und seelischen Erfahrung ins Blickfeld rücken.17

Zu den ontologischen Metaphern gehören zusätzlich noch die Gef äß metaphern. Diese werden genutzt, um Landflächen zu bestimmen ( Ich gehe aus einem Zimmer heraus gehen und in ein anderes Zimmer hinein gehen), unser Blickfeld definieren (Er ist jetzt au ß er Sichtweite) und Ereignisse, Handlungen, Tätigkeiten und Zustände zu beschreiben. Ein Autorennen ist beispielsweise ein Ereignis, das als seperate Entität und folglich als ein Gefäßobjekt betrachtet wird (Bist du am Sonntag im Rennen?).18

Schließlich gibt es noch die Personifikation und die Metonymie, welche schnell verwechselt werden können. Ersteres bezeichnet etwas Nichtpersonifiziertes, das mit menschlichen Tätigkeiten versehen wird (Das Leben hat mich betrogen. Die Krebskrankheit hat ihn schließlich eingeholt). Die Metonymie lässt sich mit dem Beispielsatz "Das Schnitzel wartet auf seine Rechnung" erklären. Der Ausdruck "das Schnitzel bezieht sich hier auf eine konkrete Person, also auf den Gast, der das Schnitzel bestellt hat. Wir benutzen eine Entität, um uns auf eine andere, damit zusammenhängende Entität zu beziehen.19

Strukturmetaphern, Ordnungsmetaphern und ontologische Metaphern bilden den Hauptbestandteil der metaphorischen Konzepte. Es gibt jedoch noch viele weitere metaphorische Beispiele, die sich in unserem Alltagsvokabular wiederfinden lassen. Lakoff und Johnson listen folgende auf: THEORIEN (UND ARGUMENTE) SIND GEBÄUDE (Ist das das Fundament Ihrer Theorie?), IDEEN SIND NAHRUNG (Diesen Gedanken legen wir vorerst auf Eis), IDEEN SIND MENSCHEN (Diese Vorstellungen sind schon im Mittelalter gestorben), IDEEN SIND PFLANZEN (Seine Ideen haben schließlich Fr ü chte getragen), IDEEN SIND PRODUKTE (Diese Woche haben wir viele gute Ideen erzeugt), IDEEN SIND GÜTER (Das wird er dir nicht abkaufen), IDEEN SIND RESSOURCEN (Unsere Ideen sind alle aufgebraucht), IDEEN SIND GELD (Er ist so ideen reich), IDEEN SIND SCHNEIDEINSTRUMENTE (Das war eine schneidende Bemerkung), IDEEN SIND MODEERSCHEINUNGEN (Das ist eine veraltete Idee), VERSTEHEN IST SEHEN (Ich sehe, was du sagen willst), IDEEN SIND LICHTQUELLEN (Die Idee leuchtet mir ein),

LIEBE IST PHYSIK (Sie zog mich an wie ein Magnet), LIEBE IST EIN PATIENT (Sie führen eine starke und gesunde Ehe), LIEBE IST VERRÜCKTHEIT (Er ist völlig verr ü ckt nach ihr), LIEBE IST MAGIE (Der Zauber unserer Beziehung ist verflogen), LIEBE IST KRIEG (Sie wird b elagert von Verehrern), REICHTUM IST EIN VERBORGENES OBJEKT (Er sucht sein Glück), WICHTIG IST GROß (Er ist ein gro ß er Mann in der Bekleidungsindustrie), SEHEN IST BERÜHREN (Ihre Augen trafen sich), AUGEN SIND GEFÄßE FÜR EMOTIONEN (In ihren Augen lag Leidenschaft), EMOTIONALE REGUNG IST PHYSISCHER KONTAKT (Sie ist einfach umwerfend), PHYSISCHE UND EMOTIONALE ZUSTÄNDE SIND ENTITÄTEN IM MENSCHEN (Behalte deine Erkältung bei dir), VITALITÄT IST EINE SUBSTANZ (Ich fühle mich ausgelaugt), DAS LEBEN IST EIN GEFÄß (Ich habe ein erf ü lltes Leben gehabt) und DAS LEBEN IST EIN GLÜCKSSPIEL (Ich habe schlechte Karten).20

Anhand der zahlreichen Beispiele liegt klar auf der Hand, wie sehr metaphorische Konzepte unser Denken und Handeln strukturieren und metaphorische Redewendungen in unserem Alltag integriert sind. Lakoff und Johnson vertiefen die Thematik natürlich in ihrem Werk, dies wird jedoch aufgrund des Schwerpunktes der Arbeit auf die Interviewanalyse nicht weiter aufgeführt.

2.2. Metaphern in der Medizin

Ärzte und Patienten verwenden Metaphern, um ihre Erfahrungen und ihr Verständnis von Krankheit und Kranksein verbal mitzuteilen. Belege dafür gibt es unter anderem für Erkrankungen bzw. Themen wie Aids, Alzheimer, Krebs, Lungenerkrankungen, Depression sowie Leben und Tod.21

Metaphern als sprachliches Mittel können uns helfen Themen zu berühren, die ein einer konkreten Sprache schwierig zu vermitteln sind oder gar als taktlos gelten: Tod, Trauer und Schmerzen. In der westlichen Kultur gilt der Tod noch heute als ein Tabuthema, über das ungern gesprochen wird.22

In der Fachliteratur liegt der Schwerpunkt der Bearbeitung der Metapher auf der Beschreibung bestimmter Metaphernkonzepte. Die bekanntesten der westlichen Medizin sind hierbei MEDIZIN ALS KRIEG, MEDIZIN ALS GESCHÄFT UND DER MENSCH ALS MASCHINE. Der metaphorischen Sprache als solches wird leider weniger Beachtung geschenkt, wichtig zu nennen sind dazu jedoch die Autoren Schachter ("Ärztliche Praxis: Die gestaltende Kraft der Metapher"), Fleischmann ("Language and medicine"), van Rijin-van Tongeren ("Metaphors in medical texts") und Warner ("The relationship between language and disease concepts").

Schachtner zeigt in ihrer Studie anhand thematisch strukturierter Interviews, dass sich ärztliche Praxis auf der Basis von Metaphern konstituiert. Dazu gehören die Diagnostik, therapeutische Entscheidungen und die Gestaltung der Arzt-Patient-Beziehung. Metaphern bieten den Ärzten Leitlinien und eine gewisse Orientierung. Beispiele hierfür sind Gleichgewichts-, Geschäfts-, Rätsel- und Schienenmetaphorik. Sie bilden die Vermittlung zwischen dem theoretischen Fachwissen und den praktischen Problemen.

Van Rijin-van Tongeren weist wiederum darauf hin, dass Metaphern, die medizinische Theorien konstituieren, Handlungsspielraum bzw. therapeutische Maßnahmen nicht nur lenken, sondern sie auch begrenzen. Metaphern unterstreichen bestimmte Aspekte der Therapie, dadurch können jedoch andere relevante Therapiemöglichkeiten verborgen werden. Als hervorragendes Beispiel dient hierfür der Versuch der "Ausrottung" von Krankheiten, wie etwa Masern. Die Metapher hebt die Bekämpfung der Krankheit hervor, verbirgt aber evtl. Bemühungen, die "Empfänglichkeit" des Patienten für diese Krankheiten zu vermindern, beispielsweise durch Stärkung der Immunität.23 Ebenso anschaulich ist beispielsweise die "Oben-unten-Metapher", dass "oben" als das beste und "unten" als das schlechteste angesehen wird. Übersetzt in das Bild vom Gesundheitswesen als eine Pyramide führt dies zu einer Überbewertung der Facharztkompetenz (oben) und einer Unterbewertung der lokalen Kompetenz (unten).24

Fleischmann beschäftigt sich mit dem Einfluss der umfangreichen Forschung zur Sprache und Medizin für den Bereich der Diagnostik, die medizinische Sprache als solches, die Kommunikation zwischen Arzt und Patient und der tägliche Diskurs über Krankheit und Kranksein.25

Mabeck und Olesen (1997) stellen die Behauptung auf, dass Patienten ihre eigenen Metaphernsysteme haben, um Erläuterungen der Ärzte zur Genese ihrer Erkrankung zu verstehen und zu strukturieren. Mithilfe von Patientenbefragungen über das Verständnis der medizinischen Problematik kommen sie zu dem Ergebnis, dass Patienten sich auf einen wissenschaftlichen Krankheitsmodus von Verständnis beziehen, obwohl sie nicht dazu qualifiziert sind, die wissenschaftliche Thematik über ihre Gesundheit zu verstehen. Dabei beachten sie allerdings nicht Details der Erklärung, sondern transferieren durch imaginative Prozesse die medizinischen Erläuterungen auf bereits vorhandenes Verständnis. So kann es passieren, dass Arzt und Patient unter demselben Begriff etwas völlig unterschiedliches verstehen. Zum Beispiel verwendeten beide Parteien die Metapher DAS HERZ ALS PUMPE, doch haben die Patienten ein anderes Verständnis vom Herzen bzw. dem Herzkreislauf. Der Arzt stütz sein medizinisches Verständnis auf Konzeptionen des menschlichen Körpers innerhalb des wissenschaftlichen Rahmens, der Patient dagegen bezieht sein Verständnis aus gelebter Erfahrung. Ziel der Arzt-Patient-Beziehung ist das Erreichen eines gemeinsamen Verständnisses des Sachverhaltes bzw. Problems. Das ist jedoch abhängig davon, ob sich der Inhalt der Erklärungen in den Erfahrungen des Patienten wiederfinden lässt. Auch Schachtner macht die erfolgreiche Krankheitsbewältigung davon abhängig, ob die ärztliche Metaphorik und die des Patienten aufeinander abgestimmt sind. Ebenso wichtig sind die verschiedenen Arzt- und Patientenbilder, abhängig davon, wie die Krankheit konzeptualisiert wird. Der Arzt kann als Kämpfer, Techniker, Elternteil, Begleiter, Lehrer, als Priester, Kollege und Vertragspartner erscheinen, der Patient wiederum als Kind, gerettetes Opfer, Konsument, Schüler und Freund. An verschiedenen Konzeptualisierungen sind verschiedene Ansprüche und Erwartungen gebunden, sodass Missverständnisse, Enttäuschungen und Konflikte in inkompatiblen metaphorischen Konzeptualisierungsweisen gründen können. Das bedeutet jede dieser Konzeptualisierungen beleuchtet bestimmte Aspekte, während sie andere verbirgt. Das Familienmodell beispielsweise betont zwar Faktoren wie Fürsorge und Kontrolle, verdeckt jedoch Faktoren wie die Finanzierung der Kosten.26

[...]


1 Sascha Bechmann: Medizinische Kommunikation. Grundlagen der ärztlichen Gesprächsführung. Tübingen 2014. S. 222.

2 Mattthias Schiefer: Die metaphorische Sprache in der Medizin. Metaphorische Konzeptualisierungen in der Medizin und ihre ethischen Implikationen untersucht anhand von Arztbriefanalysen. Wien 2006. S. 10.

3 Ebd. S. 10.

4 Hans Rudi Fischer: Eine Rose ist eine Rose. Zur Rolle und Funktion von Metaphern in Wissenschaft und Therapie. Weilerswist 2005. S. 11.

5 Matthias Schiefer: Die metaphorische Sprache in der Medizin. S. 11. 4

6 Matthias Schiefer: Die metaphorische Sprache in der Medizin. S. 11.

7 Ebd. S. 13.

8 George Lakoff, Mark Johnson: Leben in Metaphern. Konstruktion und Gebrauch von Sprachbildern. Heidelberg 2011. S. 11.

9 George Lakoff, Mark Johnson: Leben in Metaphern. S. 12f.

10 Ebd. S. 15f.

11 George Lakoff, Mark Johnson: Leben in Metaphern. S. 17. 6

12 Ebd. S. 18f.

13 George Lakoff, Mark Johnson: Leben in Metaphern. S. 19ff. 7

14 Ebd. S. 22.

15 Ebd. S. 23ff.

16 George Lakoff, Mark Johnson: Leben in Metaphern. S. 35ff. 8

17 Ebd. S. 38.

18 Ebd. S. 39ff. 19 Ebd. S. 44ff.

20 George Lakoff, Mark Johnson: Leben in Metaphern. S. 59ff.

21 Matthias Schiefer: Die metaphorische Sprache in der Medizin. S. 8.

22 http://www.praxis-kamps.business.t-online.de/Dokumente/ZfA%20Patient%20als%20Text..pdf, zuletzt abgerufen am 07.09.2015

23 Matthias Schiefer: Die metaphorische Sprache in der Medizin. S. 5f.

24 http://www.praxis-kamps.business.t-online.de/Dokumente/ZfA%20Patient%20als%20Text..pdf, zuletzt abgerufen am 07.09.2015

25 Matthias Schiefer: Die metaphorische Sprache in der Medizin. S. 6. 11

26 Matthias Schiefer: Die metaphorische Sprache in der Medizin. S. 7f.

Details

Seiten
29
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668056541
ISBN (Buch)
9783668056558
Dateigröße
482 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v307172
Institution / Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Note
Schlagworte
Metaphern Konzeptuelle Metaphern Arnulf Deppermann Metaphernklassifizierung Lakoff und Johnson

Autor

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