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Auswirkungen des internationalen Handels auf die Welternährung. Analyse europäischer Geflügelexporte nach Afrika

Hausarbeit 2014 26 Seiten

BWL - Handel und Distribution

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1 Einleitung

2 Begriffserklärungen
2.1 Armut, Hunger und das Ernährungsproblem
2.2. Entwicklungsländer

3 Hintergründe und Handelsbeziehungen
3.1 Gründe für den massiven Geflügel-Export nach Westafrika
3.2 Entwicklung des Ex- beziehungsweise Imports

4 Bedeutung für die nationale Landwirtschaft in Westafrika
4.1 Soziale Bedeutung der Geflügelwirtschaft
4.2 Mangelnde Wettbewerbsfähigkeit der nationalen Agrarwirtschaft
4.3 Verarmung durch Arbeitsplatzverlust
4.4 Abhängigkeit von Lebensmittelimporten

5 Verstärkende Faktoren
5.1 Tiermehlfütterungsverbot in der EU
5.2 Durch Geflügelfleisch übertragene Krankheiten

6 Auswirkungen der EU-Agrarpolitik in Europa
6.1 Die gemeinsame Agrarpolitik der Europäischen Union
6.2 Die indirekte Subvention der Geflügelwirtschaft in Europa

7 Interessenskonflikte und Forderungen

8 Fazit

Literaturverzeichnis

Anhang

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Das Ernährungsproblem und dessen Einflussfaktoren

Abb. 2: Aufteilung der Gesamtmasse eines Schlachttiers (Broiler)

Abb. 3: Zeitliche Entwicklung und exemplarisch Verkaufspreise auf dem Markt von Accra, Ghana je kg

Abb. 4: Vergleich der Geflügelfleisch-Nettoexporte von Westafrika und EU

Abb. 5: Nettohandel Afrika südlich der Sahara mit Agrarprodukten (in Mio. US-$)

Tabellenverzeichnis

Tab. 1: Faktorgebundene Subventionen der Europäischen Union

1 Einleitung

Der im Zuge der Globalisierung entstandene internationale Handel hat der Weltge- meinschaft mit seinen vielfältigen Verflechtungen und Abkommen großen Nutzen und Wohlstand gebracht. Doch genau diese Komplexität und das daraus resultierende in- stabile Machtgefüge stellen große Gefahren dar, vor allem wenn es um die Ernährungssicherheit kleiner, unterlegener Staaten geht. So scheint es in vielen Teilen der Welt, in den so genannten Industriestaaten, einen großen Überfluss an Nahrungsmitteln zu geben. In anderen Regionen sind parallel Menschen vom Hunger- tod bedroht.

Der Fokus dieser Arbeit soll auf Grund des Umfangs auf einem kleinen Bereich liegen, nämlich der Handelsbeziehung zwischen der Europäischen Union (EU) als Stel- lvertreter der Industriestaaten und der Region Westafrika, als Stellvertreter der im in- ternationalen Machtgefüge tendenziell unterlegenen Entwicklungsländer. Alle Waren- ströme zu betrachten würde an dieser Stelle den Rahmen überschreiten, daher sollen nur die Folgen des Exports von Geflügelfleisch aus der EU nach Afrika betrachtet wer- den. Da die meisten Daten spezifisch für Masthähnchen, so genannte Broiler, ex- istieren und diese den Hauptanteil der Exportmenge ausmachen, werden diese die größte Beachtung finden.

Der Weg in die Thematik führt über einige für das Verständnis essentielle Begriffserklärungen zu einem ersten Eindruck über die Entwicklung des Exports und die dem zu Grunde liegenden „Spielregeln“ des internationalen Handels.

Es soll in den folgenden Teilen deutlich werden, welche Dimensionen ein einzelner Warenstrom auf eine ganze Region haben kann und wie durch die Verflechtungen im Wirtschaftssystem Veränderungen auch andere Sektoren beeinflussen. Ferner soll sich herauskristallisieren, dass es nur kleiner Veränderungen in einer Produktionskette, zum Beispiel die der Geflügelmast in Europa bedarf, um am anderen Ende der Welt, in Afrika, große volkswirtschaftliche Veränderungen zu bewirken.

Vorab soll darauf verwiesen werden, dass zum größten Teil auf Sekundärliteratur Bezug genommen wird, da die Primärliteratur vielfach unzugänglich ist, sowohl da Dat- en nicht publiziert wurden, als auch Literatur nicht verfügbar beziehungsweise uner- schwinglich oder in französischer Sprache geschrieben ist. Ferner hat sich gezeigt, dass sich einige wenige Personen und Organisationen mit dem Thema auseinander gesetzt haben, was sich auch im Umfang der verfügbaren Literatur widerspiegelt. Um diese Hausarbeit von Publikationen der Entwicklungshilfe-Organisationen abzugren- zen, sollen in einem abschließenden Diskussionsteil auch die Meinungen derer zum Tragen kommen, die vom Export profitieren.

Ziel soll es nicht sein einen Schuldigen oder Verantwortlichen zu definieren, vielmehr soll dies eine Zusammenstellung von Informationen sein um über die Thematik zu informieren und deutlich zu machen, welche Kreise kleinste Veränderungen in einem so komplexen System wie dem Welthandel ziehen können.

2 Begriffserklärungen

Einführend sollen im ersten Teil einige Definitionen dargelegt werden, die für die weiteren Ausführungen essentiell sind. Ferner soll eine Einführung in das allgemeine Ernährungs- und Armutsproblem gegeben werden.

2.1 Armut, Hunger und das Ernährungsproblem

Man unterscheidet zwei verschiedene Arten von Armut. Zum einen die relative Armut. Sie wird am allgemeinen Lebensstandard der in einer Volkswirtschaft lebenden Menschen gemessen und ist damit spezifisch für jedes Land beziehungsweise für einzelne Regionen. Absolute Armut beschreibt dagegen einen länderunabhängigen Zustand, in dem Menschen nicht über die zur Existenzsicherung notwendigen Güter verfügen, dazu zählen Nahrung, Kleidung und Wohnung. Im Umkehrschuss ist es diesen Menschen nicht möglich in Menschenwürde zu überleben.

Es können unterschiedliche Messmethoden herangezogen werden um Armut zu bestimmen, am häufigsten wird die von der Weltbank entwickelte und publizierte „purchaising power parity“ (Deutsch: Kaufkraftparität) kurz PPP verwendet. Dem zu Folge sind aktuell alle Menschen absolut arm, die weniger als einen US-Dollar und 25 Cent zum täglichen Leben zur Verfügung haben.1

Hunger wird definiert als Notlage, ausgelöst durch einen Mangel an Nahrung. Es wird unterschieden in Mangel- und Unterernährung. Mangelernährung beschreibt eine unnormale physiologische Konstitution. Diese kann aus einer falschen Menge oder Art der aufgenommenen Nahrung resultieren. Damit wird sowohl die Unter- als auch die Überversorgung erfasst. Die Unterernährung beschreibt Defizite im Bereich der Energieaufnahme, des Proteinbedarfs und/oder der Mikronährstoffzufuhr.2

Von absoluter Armut und Unterernährung sind insbesondere Menschen in Regionen betroffen, in denen es ein Ernährungsproblem gibt. Dieses kann aus verschiedenen, zueinander in Abhängigkeit stehenden Faktoren resultieren:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Das Ernährungsproblem und dessen Einflussfaktoren

(Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an Anderegg[1999], S. 544; o.A.[2007], o.S.)

Auswirkungen des internationalen Handels auf die Weltern ä hrung

In den folgenden Teilen sollen alle in Abbildung 1 beschriebenen Einflüsse auf das Ernährungsproblem eines Landes beziehungsweise einer Region erläutert werden. Dabei liegt der besondere Fokus auf dem als Verteilungsproblem definierten Faktor, der auf die ungleiche Verteilung von Nahrungsmitteln und dem damit verbundenen Handel abzielt.

Die aus dem Ernährungsproblem resultierende Armut kann als Synonym für Unterentwicklung verwendet werden, wenn sie Gesellschaften und Individuen daran hindert ihre Fähigkeiten zu entwickeln. Ein entscheidender Faktor ist neben den oben genannten der mangelnde Zugang zu Bildung.3

2.2. Entwicklungsländer

Entwicklungsländer sind definiert als Staaten, die im Vergleich zu Industrieländern einen Entwicklungsrückstand aufweisen. Dieser äußert sich zum einen in einem ver- hältnismäßig niedrigeren Wohlfahrtsniveau und zum anderen in der, im Vergleich zu Industriestaaten, mangelhaften Funktionsfähigkeit des Wirtschaftssystems. Indikatoren zur Verdeutlichung des niedrigen Entwicklungsstandes sind ein niedriges Pro-Kopf- Einkommen und das Leben breiter Bevölkerungsschichten in der Nähe des Exis- tenzminimums. Dies resultiert wiederum aus einer geringen Arbeitsproduktivität, einer hohen Arbeitslosigkeit, mangelnder Infrastruktur, einem geringen Bildungsstand und der Dominanz des primären Sektors in gesamtwirtschaftlicher Produktion und im Ex- port.4

Es gibt verschiedene Faktoren, die die Entwicklung erschweren, dazu zählen Kriege, Staatsversagen, Korruption, fallende Rohstoffpreise, ein hohes Bevölkerungswachstum, Krankheiten wie AIDS und Dürrekatastrophen.5

Die Tierhaltung ist für viele Kleinbäuerinnen und Kleinbauern in Entwicklungsländern nicht nur eine wichtige Nahrungsquelle, sondern stellt vielfach auch eine ökonomische Sicherheit dar. Sie sichert den Zugang zu Bargeld in Form von Verkaufserlösen für Notzeiten oder zur Finanzierung von Schulbildung und anderen Investitionen.6 Viele Tiere sind in der Lage Ressourcen zu nutzen, die nicht direkt für den menschlichen Verzehr geeignet sind. Dazu zählen Ernte- und Verarbeitungsrückstände und im Fall von Wiederkäuern auch Gras. Die anfallenden Nebenprodukte, wie tierische Exkremente dienen im Ackerbau als wichtiger Dünger.7

So trägt die Viehhaltung in den meisten Entwicklungsländern maßgeblich zu Einkom- men und Beschäftigung im ländlichen Raum bei. In vielen Regionen macht sie bis zu 80% der landwirtschaftlichen Wertschöpfung aus und stellt so die wichtigste Einkommensquelle für rund 600 Millionen Menschen dar.8

Die afrikanische Landwirtschaft weist die geringste Pro Kopf-Produktivität aller Weltre- gionen auf. Zwischen 1961 und 2007 wuchs die Agrarproduktion im subsaharischen Afrika insgesamt mit 2,55% jährlich langsamer als die Bevölkerung, die im gleichen Zeitraum im Schnitt jährlich um 2,8% zunahm.9 Dieses Missverhältnis zwischen der Zunahme der Bevölkerung und der verfügbaren Nahrung ist typisch für Entwick- lungsländer und wurde von Thomas Malthus als „Bevölkerungsgesetz“ definiert. Eine Entwicklung in Richtung Wohlstand kann nach Malthus nur durch eine gedrosselte Geburtenrate erreicht werden.10

3 Hintergründe und Handelsbeziehungen

Bevor die Folgen des massiven Imports von Geflügelfleisch erläutert werden können, soll im folgenden Abschnitt ein Blick auf die Hintergründe geworfen werden.

3.1 Gründe für den massiven Geflügel-Export nach Westafrika

Möglich wurden die extremen Importe von Geflügelfleisch aus der EU erst nach 1955, als viele Zentralafrikanische Staaten der Wirtschafts- und Währungsunion (CEMAC) Mitglieder in der WTO wurden. 11

Seit dem ist es ihnen nicht mehr gestattet Einfuhrzölle beliebig hoch anzusetzen, um den Binnenmarkt vor einer übermäßigen Importflut zu schützen. Es haben nur die Staaten eine Möglichkeit ihre Inlandsproduktion zu schützen, die eine Machtstellung, zum Beispiel als Ölexporteure, gegenüber den Industrieländern bekleiden.12 Neben der oft unterlegenen Stellung in internationalen Verhandlungen, die viele Staat- en in Afrika dazu bringt sich den Regeln der Industrieländer zu beugen, führt auch ein instabiles politisches System zu einem Aufweichen der Kontrollen und so zu Importen in, für das betreffende Land, schädlicher Höhe. Es gibt zum Teil Gesetze und Zölle, doch diese werden häufig nicht umgesetzt oder eingehalten, da Kontrollen an vielen Stellen fehlen. Das ist mit einem hoher Grad der Korruption in vielen Afrikanischen Staaten zu erklären.13

Der zweite Grund für den gesteigerten Export aus der EU nach Afrika ist die Überpro- duktion innerhalb der EU, die sich auf rund 25 Prozent über dem Selbstversorgungs- grad beläuft.14 Diese ist bedingt durch das geänderte Konsumverhalten der westlichen Welt, hier speziell der Europäer. So wird hauptsächlich Brustfleisch nachgefragt. Es ist einfach zu verarbeiten, hat dabei kaum Fett und Eigengeschmack. Es enthält dafür aber viel hochwertiges Eiweiß und entspricht somit dem Gesundheits- und Fitnesstrend der westlichen Welt.15 Der Absatz der restlichen Geflügelteile auf dem Binnenmarkt gestaltet sich als schwierig, weshalb der Ausschuss steigt. Der vor Ort nicht vermarkt- bare Anteil wird unter der Zollnummer 020707 ff, gemäß den Verbraucherpräferenzen 16 der Importländer, exportiert (Siehe dazu Abbildung 2).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Aufteilung der Gesamtmasse eines Schlachttiers (Broiler)

(Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an Anhang A und B; Marí/Buntzel2007, S. )

Übrig bleiben hauptsächlich das Rückenstück, aus dem die Brust entfernt wurde, Schenkel und Flügel. Dazu kommen essbare Innereien und teilweise auch Ständer (Hühnerfüße) und Hälse. So bleiben von einem Broiler bei der Produktion ca. 32 Prozent des Schlachtgewichts als essbarer Abfall übrig.17 Diese Schlachtnebenproduk- te werden als „Kuppelprodukte“ bezeichnet: Sie fallen allgemein bei der Produktion eines Produkts, in diesem Fall der Geflügelbrust, unausweichlich in einer bestimmten, kaum reduzierbaren Menge an und müssen entsorgt oder vermarktet werden. Ihre Produktionskosten wurden bereits zum Großteil mit dem Erlös aus dem eigentlichen Produkt gedeckt.18 Bei einem Broiler hat das Hähnchenbrustfilet einen Anteil von 15 Prozent am Schlachtkörpergewicht, deckt im Verkauf aber fast 60 Prozent der gesamten Produktionskosten.19 Da für „Kuppelprodukte“ im Inland keine Nachfrage besteht ist es europäischen Produzenten möglich weit unter dem Weltmarktpreisniveau zu exportieren, denn die Alternative wäre die mit Kosten verbundene Entsorgung in Europa.20

3.2 Entwicklung des Ex- beziehungsweise Imports

Ausgelöst wurde die große Flut an Geflügelexporten durch die seit Mitte der 1990er Jahre stattfindende „Zerlegung des Huhns“ in Eu- ropa. Dadurch stieg zum einen der Konsum insgesamt rapide an. Zum anderen wurde die Präferenz zum leichter portionierbaren und einfach zu verarbeitenden Brustfleisch deutlich. Der Geflügelsektor suchte nach neuen Absatzmärkten und fand diese, entsprechend der differenzierten Nachfrage, im Ausland. Der Export von Teilstücken begann zunächst mit Subventionen der EU.21 So wurde die EU ab 1993 mit, die Exportkosten deckenden Verkaufspreisen von wenigen Cent, zum großen Exporteur für Geflügelfleisch.22 Obwohl der eu- ropäische Geflügelsektor global nicht wettbewerbsfähig ist, wächst er weiter: Allein in Deutschland stieg die Geflügelproduktion zwischen 1995 und 2007 auf 1,3 Millionen Tonnen an und hat sich damit mehr als verdoppelt. 23

Nach der europäischen BSE-Krise 2001 nahm der weltweite Trend zum Geflügelfleisch noch einmal zu, gebremst wurde der Auf- schwung durch diverse „Hühnerfleischskandale“.24 Die weltweite Geflügelfleischproduktion belief sich im Jahr 2006 auf etwa 84 Millio- nen Tonnen.25

Von dem produzierten Geflügelfleisch exportierten die europäischen Staaten 2003 ca. 1,5 Millionen Tonnen, davon gingen 26 Prozent nach Afrika, 27 Prozent in den Nahen Osten und 23 Prozent nach Russland.26

Bis 2012 stiegen die EU-Exporte mit gesteigerten Verkaufspreisen von nun umgerechnet circa 2,50 Euro je Kilogramm nach Afrika auf weit über 400.000 Tonnen an, das entspricht über einem Drittel der gesamten Geflügelexporte aus der EU.27

Allein in Deutschland ist von 2011 bis 2012 eine Verdopplung der Exportmenge von Geflügel zu verzeichnen: Von 20 Millionen Kilogramm Hähnchenfleisch auf 42 Millionen Kilogramm, das entspricht 10 Prozent aller Geflügelexporte die nach Afrika gelangen.28

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3: Zeitliche Entwicklung und exemplarisch Verkaufspreise auf dem Markt von Accra, Ghana je kg Geflügelfleisch

(Quelle: eigene Darstellung in Anlehnung an Wasserrab[2011], o.S..)

Die Prognose

Die deutschen Geflügelmäster wollen, nach Angaben des BUND, ihre Kapazitäten um weitere 38 Millionen Stallplätze erhöhen. Das gehe aus Genehmigungsanträgen her- vor, die von 2009 bis 2012 in den Bundesländern eingereicht wurden. Damit könnte sich der Bestand von 60 Millionen Broilern im Jahr 2013 um bis zu 60% erhöhen.29

4 Bedeutung für die nationale Landwirtschaft in Westafrika

Das vierte Kapitel widmet sich den Auswirkungen des „Exportdumpings“ auf Afrika, diese sind vielschichtig und betreffen viele Bereiche.

4.1 Soziale Bedeutung der Geflügelwirtschaft

Frauen tragen weltweit am stärksten zur Welternährung bei, sie produzieren in den En- twicklungsländern bis heute zwischen 60 und 80 Prozent der Nahrung. In Uganda leis- ten Frauen beispielsweise 85 Prozent der Feldarbeit und 98 Prozent der Verarbeitung von Nahrung. Trotz dieser bedeutenden Rolle in der Nahrungsbereitstellung sind Frauen weltweit am stärksten von Hunger betroffen. Es gelten derzeit 925 Millionen Menschen weltweit als unterernährt, davon sind etwa 60 Prozent Frauen und Mäd- chen.30 Gründe sind vor allem der mangelnde Zugang zu Krediten, technischen Hilfs- mitteln und Bildung. Daraus und aus der meist massiven Abhängigkeit von männlichen Bevölkerungsmitgliedern resultiert ein mangelnder Zugang zu landwirtschaftlich nutzbarer Fläche.

Häufig verlieren Frauen ihr Land oder ihre Landnutzungsrechte in Folge von „Land Grabbing“, ein Phänomen bei dem durch die gesteigerte Nachfrage nach Rohstoffen neue Großinvestoren Druck auf den Landmarkt ausüben. Durch ihre Machtstellung sind sie meist in der Lage bestehende Nutzungsansprüche zu übergehen. 31 Die Geflügelhaltung trägt mit einem hohen Anteil zur so genannten „Genderg- erechtigkeit“ in Afrika bei: „Gender“ ist die Bezeichnung des sozialen Geschlecht, in Abgrenzung zum biologischen Geschlecht. Der Begriff zielt damit auf die kulturell er- lernten Geschlechterrollen und den ungleichen Beziehungen zwischen Männern und Frauen ab.32 Es gibt wenige religiöse Tabus die Frauen die Geflügelhaltung verbieten würden. Deshalb ist sie ein für die meisten Frauen ein erreichbarer Weg in die Selbst- ständigkeit. Es wird ein neuer Pfad eröffnet, der es Frauen ermöglicht, unabhängig von ihren Männern zum Überleben der Familie beizutragen.

Hühnerhaltung ist mit einem geringen Kapital realisierbar, dieses kann häufig über Hilf- sorganisationen oder durch Frauenverbände beschafft werden. Ein Beispiel dafür ist ein Projekt der FAO in Bangladesch. Der kurze Produktionszyklus in der Broilermast senkt das Risiko von hohem Kapitalverlust, zusätzlich können auch Nebenprodukte verkauft werden, wie Suppenhühner und anfallende Fäkalien als Düngemittel. Bei der traditionellen Hinterhofhaltung ist der Platzbedarf gering, sodass meist der fehlende Landzugang eine untergeordnete Rolle spielt. Bis zur Überschwemmung des Geflügelmarktes mit Importware aus der EU, warf der Verkauf der schlachtreifen Broiler aus der traditionellen Haltung eine relativ hohe Rendite ab. Die Gewinne wurden von Frauen häufig genutzt um auch andere Wirtschaftsbereiche zu erschließen und in an- deren Sektoren Fuß zu fassen. Frauen investierten ihr Einkommen zu einem größeren Teil in die Versorgung ihrer Familien als Männer. So konnte vielen Kindern durch die Verkaufserlöse der Schulbesuch ermöglicht werden. Frauen mit eigenem Einkommen erlangen ein höheres soziales Ansehen und erweiterte Rechte in der Dorfgemein- schaft. So trägt die Geflügelhaltung teilweise sogar zur Prävention von häuslicher Gewalt bei.33

Auch in diesem Beispiel bestätigt sich die These, dass Frauen verwundbarer gegenüber Krisen aller Art sind als Männer.34

Durch den Zusammenbruch des Geflügelsektors in weiten Teilen Afrikas, fehlte vielen Frauen der Absatz und somit auch die Verkaufserlöse. Kredite konnten nicht zurück gezahlt werden und die Frauen mussten ihre Geschäfte wieder aufgeben. Im sozialen Gefüge vieler Dorfgemeinschaften führte und führt die Krise zum Streit zwischen den Frauen, die sich in Verbänden gegenseitige Unterstützung zugesichert hatten.35 Die meisten Geflügelhalterinnen und Halter verkaufen nur noch Eier. Doch bei der geringen Gewinnspanne fehlt ihnen das Kapital für Neuinvestitionen, zum Beispiel für junge Legehennen. Hühnerhaltung lohnt sich für die einzelnen Kleinbäuerinnen und -bauern nur, wenn sie auch Masthühner halten und einen Absatz für alte Legehennen haben.36 Für die einzelnen Frauen bedeutet die Krise, dass sie ihr neu errungenes, gesteigertes soziales Ansehen verlieren und so dem Hohn ihrer Männern und anderen männlichen Gesellschaftsmitgliedern ausgesetzt sind, da sie sich eingestehen müssen, gescheitert zu sein. 37

[...]


1 Vgl. Stockmann/Menzel/Nuscheler[2010], S. 236f..

2 Vgl. International Food Policy Research Institute/Concern Worldwide/Welthungerhilfe[2014], S.21.

3 Vgl. Stockmann/Menzel/Nuscheler[2010], S. 238.

4 Vgl. Klein [o.D.], o.S..

5 Vgl. Stockmann/Menzel/Nuscheler[2010], S. 180.

6 Vgl. Marí F. [2014a], S.98.

7 Vgl. Reichert T.[2014], S. 87.

8 Vgl. Reichert T.[2014]S. 87, zitiert nach CGIAR[2005].

9 Vgl.Reichert[2011], S. 9.

10 Vgl. Anderegg[1999], S. 550.

11 Vgl. Marí/Buntzel[2007], S.21.

12 Vgl. Marí/Buntzel[2007], S. 222.

13 Vgl. Marí/Buntzel[2007], S. 23.

14 Vgl. Liebrich[2013], S.2.

15 Vgl. Vollenschier [2010].

16 Vgl. Marí/Buntzel[2007], S. 154.

17 Vgl. Marí/Buntzel[2007],S. 150.

18 Vgl. Kuhlmann[2007], S.167f..

19 Vgl. Marí[2008], S. 75.

20 Vgl. Mari/Buntzel[2007], S. 96f..

21 Vgl. Marí[2008], S. 74.

22 Vgl. Marí/Buntzel[2007], S. 57.

23 Vgl. Kürschner-Pelkmann [o.D.], S. 2, zitiert nach ZMP[2007].

24 Vgl. Marí/Buntzel[2007], S. 74.

25 Vgl. FAO[2007], S. 26.

26 Vgl. Marí/Buntzel[2007], S. 57. Vgl. Marí [2014b], o.S..

27 Vgl. Marí[2013], o.S..

29 Vgl. Liebrich[2013], S.2.

30 Vgl. Herre /Plate /Rams[2012], S.1.

31 Vgl. Herre/Plate/Rams[2012], S.3.

32 Vgl. Stockmann/Menzel /Nuscheler[2010], S. 243.

33 Vgl. Mari/Buntzel[2007], S. 196ff., FAO[2010], S. 23.

34 Vgl. Stockmann/Menzel /Nuscheler[2010], S. 243.

35 Vgl. Mari/Buntzel[2007], S. 196ff..

36 Vgl. EPIZ e.V[2014], S.8. Vgl. Mari/Buntzel[2007], S. 196ff..

37 Vgl. Stockmann/Menzel /Nuscheler[2010], S. 245.

Details

Seiten
26
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668057920
ISBN (Buch)
9783668057937
Dateigröße
1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v307408
Institution / Hochschule
Hochschule Fresenius; Köln
Note
1,3
Schlagworte
Welthandel Welternährung Afrika Hunger

Autor

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Titel: Auswirkungen des internationalen Handels auf die Welternährung. Analyse europäischer Geflügelexporte nach Afrika