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Nietzsche und die Postmoderne. Eine Analyse unterschiedlicher Standpunkte

Hausarbeit 2015 19 Seiten

Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Georges Bataille

Michel Foucault – das befreite Subjekt

Gilles Deleuze – Das Viele und das Werden

Gianni Vattimo – Jenseits vom Subjekt

Der Menschenpark

Eugenik und Humangenetik

Zukunftsmenschen

Das Gewachsene und das Gemachte

Der operable Mensch

Das Gen

Georges Bataille

Während sich in der deutschen Nietzsche-Rezeption der Nachkriegszeit das Bild Nietzsches vom Propheten der Nation zum genauen Gegenteil dessen, was in einem demokratischen, antifaschistischen Deutschland nötig war wandelte, entwickelte sich Nietzsches Werk in Frankreich allmählich zum Ausgangspunkt neuer philosophischer Konzepte. Diese betonen die Bedeutung von Heterogenität, Pluralismus, Begehren und Differenz; und begrüßen die Absage des Glaubens an eine unumstößliche Wahrheit als einen befreienden Akt.[1]

Dieser französische Nietzscheanismus, ausgehend von der Nietzsche – Rezeption Georges Batailles und weiterführend in den Arbeiten von Foucault, Derrida und Gilles Deleuze versteht sich nicht als akademische Nietzsche – Interpretation, sondern als ein über Nietzsche hinausgehendes philosophisch-gesellschaftliches Modell. Batailles Fortführung des dionysischen Projekts Nietzsches besteht in einer radikalen Suche nach grenzüberschreitenden Erfahrungen. Ihn interessieren die dionysischen Aspekte eines „orgiastischen Willens zur Macht“, der sich in Tanz, Überschwang und Taumel ebenso zeigt wie in den Erregungen, ausgelöst durch Schmerz, Lust, Grauen und Tod als Radikalisierung der ästhetischen Grunderfahrung Nietzsches.[2]

Einen derart radikalen dionysischen Ansatz legt Bataille seiner nietzscheanischen Gemeinschaft zugrunde. Denn nur dies sei eine freie Gesellschaft voll Kraft und Vitalität, welche den existenzimmanenten Gegensätzen ihre Ausbrüche gestatte; und deren wahres Wesen von schrankenlos dynamischer, nietzscheanisch inspirierter Natur“ sein soll. Diese radikale Bataill’sche Kritik und sein Wunsch, die bürgerliche Biederkeit zu überwinden, verleiht seiner Argumentation paradoxerweise wieder eine gewisse Nähe zu dem von ihm kritisierten faschistischen Geschehen. Denn Nietzsche stellt für Bataille das absolute Gegenstück zu Faschismus und Nationalsozialismus dar.[3] Faschismus bedeutet für Bataille fundamentale Kontrolle und Einschränkung menschlicher Freiheit, Nietzsches Philosophie hingegen „das kräftigste Lösungsmittel“, Nietzsche selbst sei der radikalste Befürworter von Autonomie und Schrankenlosigkeit.[4] Diese totale Befreiung menschlicher Möglichkeiten wurde von Bataille selbst praktiziert, sein Nietzsche Verständnis ist beherrscht von der Maxime, dass niemand Nietzsche authentisch lesen könne, ohne selbst Nietzsche zu sein.[5]

Batailles Konzept von der nietzscheanischen Botschaft des neuen Menschen sieht eine Position der Mitte vor, zwischen Mensch und Übermensch, die er als Position der Freiheit, des Heraustretens aus allen Nützlichkeiten und der Souveränität betrachtet. Nietzsches Übermensch bleibt für Bataille vage, er sieht das eigentliche Wesen des Menschen in der Mitte zwischen den Extremen von Durchschnittsmensch und Übermensch als Höchstzustand der Souveränität.[6]

Michel Foucault – das befreite Subjekt

Schon in den dreißiger Jahren hatte Bataille das dionysische Denken Nietzsches in die französische Philosophie eingeführt. Michel Foucault greift in der Nachfolge von Georges Bataille zwei große Themen in der Philosophie Nietzsches auf: das Dionysische als das Andere der Vernunft und die Macht. Foucault bezeichnet sein Werk „Wahnsinn und Gesellschaft“ als eine der ersten „großen nietzscheanischen Forschungen“[7], „Ich versuche, die impliziten Systeme zu erfassen, die ohne unser Wissen unser alltägliches Verhalten bestimmen. Ich möchte ihren Ursprung finden, ihre Formierung aufzeigen sowie den Zwang, den sie auf uns ausüben. Und darum versuche ich, mich von ihnen abzusetzen und zu zeigen, wie man ihnen entrinnen kann.“[8] Diese impliziten Systeme, so Foucault, sind immer gestützt bzw. werden hervorgebracht von einer metaphysischen Idee. Die Metaphysik will, dass an die große eine Wahrheit geglaubt wird, unter deren Herrschaft sich dann die Abhängigkeiten entwickeln sollen. Deshalb beruft sich Foucault auf Nietzsche, der „alle metaphysische Trösterei zum Teufel“ schicken will „und die Metaphysik voran!“[9] Naturgemäß sind solche Diagnosen beunruhigend und stellen gewohnte Sicherheiten in Frage, wenn die Analyse einer Entstehung einen Kampf von Kräften; von „gegeneinander gewendeten, gleichsam explodierenden Egoismen“[10] zutage fördert. Viel tröstlicher ist die Vorstellung einer Idee, die, im Anfang schon vorhanden, den Lauf der Geschichte in ihrem Sinne lenkt und in der Gegenwart oder in der Zukunft ihre Erfüllung findet. Der metaphysische Trick dabei ist, „die Gegenwart in den Ursprung zu versetzen, um den Glauben an die geheime Arbeit einer Bestimmung zu erzeugen, die allmählich zutage tritt.“[11] Das Anbieten einer höheren metaphysischen Instanz bedeutet Erleichterung, Entlastung und Vereinfachung, so wie alle Ideologien vereinfachen – „gleichschalten“ – aber gleichzeitig totalitäre Systeme schaffen.

Hatte Foucault bislang die Beziehung zwischen dem Subjekt und den „Spielen der Wahrheit“ wie Wissenschaft oder den Kontrollpraktiken der Institutionen untersucht, so widmet sich sein späteres Denken dem, was er „Praxis des Selbst“ nennt, als eine „Praxis der Selbstbildung des Subjekts, seine Autoformation“.[12] Foucault geht hier aus von der Selbstsorge der Polisbewohner in der griechischen Antike. Er beschreibt diese Selbstsorge als eine Art des Handelns, des Benehmens, die Art des Gehens und der gelassenen Art auf Ereignisse zu reagieren; als eine Seinsweise des Subjekts, die ein bestimmtes Ethos begründet. In einem Ethos, so Foucault, spiegelt sich ein spezieller Umgang mit Freiheit wieder, in einer Person mit „schönem Ethos“ , die bewundert und als beispielhaft angesehen wird, hat diese Freiheitspraxis Gestalt angenommen. Dieses Ethos, hervorgebracht durch Arbeit an sich selbst – durch „Selbstbemeisterung“ – zeigt, dass man nicht Sklave seiner selbst ist und bekommt damit für Foucault auch eine gesellschaftliche und politische Dimension in der Sorge und Beispielgebung für andere.[13] Ähnlich kritisch wie Nietzsche sieht auch Foucault in diesem Kontext die Rolle des Christentums, welches anstatt ein gelingendes Leben zu befürworten, das Heil erst im Leben nach dem Tode sucht und damit das Thema Selbstsorge ad absurdum führt.[14] Lebenskunst bei Foucault bedeutet, sich mit sich selbst zu beschäftigen und seine eigene Freiheit durch Selbstbemeisterung zu begründen. Mit Nietzsche gesprochen: „Du solltest Herr über dich werden, Herr auch über die eigenen Tugenden. Früher waren sie deine Herren; aber sie dürfen nur deine Werkzeuge neben anderen Werkzeugen sein. Du solltest Gewalt über dein Für und Wider bekommen und es verstehn lernen, sie aus- und wieder einzuhängen, je nach deinem höheren Zwecke.“[15]

Gilles Deleuze – Das Viele und das Werden

Das Denken von Michel Foucault und Gilles Deleuze hat bezüglich der Philosophie Nietzsches vieles gemeinsam. Wie Foucault betont Deleuze das Differentielle, den Prozess; und geht davon aus, dass die Wirklichkeit als Kräfteverhältnis zu erfassen sei. .[16] Wie Foucault kritisiert Deleuze mit Nietzsche eine Philosophie, welche die Dinge im Namen herrschender Werte betrachtet und die Werte selbst jeglicher Kritik entzieht bzw. ihre Werte aus einfachen, nützlichen und angeblich „objektiven“ Tatsachen hervorgehen lässt, als Philosophie der Indifferenz. Werte aber sind abhängig von Zeit und Herkunft, Nietzsche als Genealoge ersetzt das Prinzip der Ähnlichkeit durch das Gefühl der Differenz oder Distanz

Nietzsches ganze Philosophie, so Deleuze, widersetzt sich den Zumutungen und Zwängen des Seins, des Wahren und des Wirklichen, die als Repräsentanten des Göttlichen bewirken, dass sich das Leben gegen das Leben stellt – und zwar das reaktive Leben gegen das Leben im Ganzen.[17] Echtes Bejahen hingegen geht von einem Willen aus, der seine Differenz, sein Pathos der Distanz genießt: „Bejahen heißt nicht, sich aufladen, auf sich nehmen, was ist, sondern das was lebt entbinden, befreien. Bejahen heißt: leichter machen. Nicht das Leben mit dem Gewicht höherer Werte belasten, sondern neue Werte schaffen, die solche des Lebens sind, die das Leben zum Leichten, zum Aktiven erheben.“[18] Nach der Zurücknahme und Zurückforderung der transzendenten, metaphysischen Werte und Mächte geht es nun darum, eine neue Lebensform zu erfinden

Dies zu vollbringen bedarf es mehr als des gewöhnlichen Menschen. Die Bejahung selbst in ihrer Macht zu bejahen, die Bejahung nicht als Auf-sich-nehmen, sondern als Schaffen zu verstehen, dies vermag allein der Übermensch als neue Lebensform.

Mit Nietzsches Umwertung der Werte werden das Werden und das Viele wieder zum Gegenstand der Bejahung und damit zum Vergnügen am Verschiedenen, das Vergnügen wird Anlass zur Philosophie.[19] Das Viele ist nicht mehr dem Urteil des Einen unterworfen und das Werden nicht mehr dem des Seins. Werden und Sein, Vieles und Eines sind nicht mehr auf nihilistische Weise Gegensätze, sondern das Eine des Vielen wird bejaht und das Sein im Werden.

[...]


[1] Vgl. Aschheim, St.E. Nietzsche und die Deutschen. S.197

[2] Vgl. Habermas, J. Der philosophische Diskurs der Moderne. S.125

[3] „Between the ideas of Fascist reactionaries and Nietzsches notions there is more than simple difference – there’s radical incompatibility“ Bataille, G. „On Nietzsche“ S.170

[4] Vgl. Aschheim, St.E. a.a.O. S.314

[5] Vgl. Taureck, B.H.F. Nietzsche und der Faschismus. S.198

[6] Vgl. Taureck, B.H.F. a.a.O. S.199

[7] Foucault, M. Wahnsinn und Gesellschaft. S.11

[8] Foucault, M. Von der Subversion des Wissens. Klappentext

[9] KSA 1 S.22

[10] Foucault, M. a.a.O. S.93

[11] Ebd. S.92

[12] Foucault, M. Freiheit und Selbstsorge. S.10

[13] Vgl. ebd. S.14

[14] Vgl. ebd. S.17

[15] KSA 2 (MA) S.20

[16] Vgl. Deleuze, G. Nietzsche und die Philosophie. S.5

[17] Vgl. Deleuze, G. Nietzsche und die Philosophie. S.199

[18] Deleuze, G. a.a.O. S.200

[19] Vgl. Deleuze, G. Nietzsche. S.35

Details

Seiten
19
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668059184
ISBN (Buch)
9783668059191
Dateigröße
461 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v307416
Note
Schlagworte
Nietzsche Postmoderne Georges Bataille Michel Foucault Gilles Deleuze Gianni Vattimo

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Titel: Nietzsche und die Postmoderne. Eine Analyse unterschiedlicher Standpunkte