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Die Antithesen in Fernando de Rojas "La Celestina". Inwiefern führen die Gegensätze zum Verständnis der Intentionalität?

Eine Analyse

Hausarbeit 2015 13 Seiten

Romanistik - Spanische Sprache, Literatur, Landeskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zusammenfassung der Intentionalität

3. Gegensatz und Einheit nach Heraklit

4. Antithesen in La Celestina und deren Auswirkung auf die Intentionalität
4.1 Physische Gegensätze
4.2 Psychische Gegensätze

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Fernando de Rojas La Celestina 1 erscheint 1502 mit dem Titel "Tragicomedia de Calisto y Melibea" und zählt bis heute zu den Klassikern der Werke aus der spanischen Literatur. Man hat immer noch keine hundertprozentige Eindeutigkeit über dieses Werk, denn nicht nur die unterschiedlichen Auffassungen, sondern auch die Unklarheit über den Verfasser, lassen dieses eines der rätselhaftesten Ereignisse der Weltliteratur werden. Die erste Edition erscheint offenbar 1499 in Burgos und beinhaltet 16 Akte mit den dazugehörigen argumentos.2 Grundlegend wird das Werk dem begabten Juristen und konvertierten Juden Fernando de Rojas zugeschrieben, da er sich in der Edition von 1500 in einem Brief an einen Freund (Akrostichon) bekannt gibt. Das Buch wurde allerdings erst 1502 erstmalig von der Komödie zur Tragikomödie umgeändert, bei dem auch der Prólogo, der eine wichtige Stellung in der folgenden Arbeit einnimmt, die Vermutung stützt, dass Rojas Celestina 1502 publiziert worden ist.3

Im Fokus der tragischen Geschichte steht der Protagonist Calisto, der sich in die hübsche Melibea verliebt und infolgedessen mithilfe seiner Diener Sempronio und Parmeno eine Kupplerin arrangiert, die das junge Paar zusammen bringen soll. Die alte Kupplerin, die den Namen des Werkes trägt wird vom jungen adeligen Calisto dafür bezahlt, um ihn mit seiner geliebten Melibea zu verkuppeln. Dabei verliert er den totalen Überblick und merkt nicht, dass bald seine Taten nicht nur Schuld für den Tod der wichtigsten Charaktere sind, sondern auch für seinen eigenen Tod selbst. Eifersucht, List und Lügen beherrschen den Verlauf der Geschichte, denn sie betonen klar, dass die handelnden Personen hauptsächlich auf eigene Vorteile hinaus sind und aus diesem Grunde für ihre schlechten Entscheidungen bestraft werden.

Bei dem Thema der vorliegenden Arbeit handelt es sich um die verschiedenen Antithesen in dem Werk und inwiefern diese Gegensätze so relevant für das Verständnis der Intentionalität sind. Die Antithesen nehmen eine wichtige Stellung in der Intentionalität ein, da Rojas nicht nur durch die Verwendung von Gegensätzen, sondern auch durch die Änderung der Gattung im Allgemeinen, also die Vermischung von Komödie und Tragödie, eine bestimmte Nachricht vermitteln möchte. Dieses Motiv wird in der folgenden Arbeit mit Grundlage der wichtigsten Antithesen dieses Werkes und insbesondere mit der Kriegsmetapher von Heraklit, die im Prólogo vorkommt, analysiert.

2. Zusammenfassung der Intentionalität

„Assimismo hecho en aviso de los engaños de las alcahuetas y malos y lisonjeros sirvientes"4

Bereits im Siguese warnt Rojas vor hinterlistigen Dienern und Kupplern und illustriert in seinem Werk, dass man immer in Acht vor ihnen sein soll. Calisto, der durch sein naives Handeln Celestina beauftragt und bezahlt, denkt wirklich er könne sich die Liebe seines Lebens erkaufen. Dies entgeht nicht der Intelligenz Celestinas, denn sie nutzt diese Situation aus und verspricht ihm die Erlangung seiner Bedürfnisse. Hier wird deutlich, dass das Thema der Liebe ein wichtiger Anhaltspunkt in der Intentionalität ist. Rojas beschreibt nämlich in seinem Werk, dass die unwürdige und unehrliche Liebe negative Folgen auf das Leben haben kann. Demensprechend steht das Werk symbolisch gesehen als Waffe gegen die Liebe.5 Es warnt nicht nur vor schlechten Einflüssen zwischen Liebespaaren, sondern auch vor der Gefahr durch die Liebe den Verstand verlieren zu können. Die Diener Calistos bemerken, dass Celestina bestimmte Absichten hat und wollen gleich auch ihr Profit daraus erschlagen. Hier beginnt der „Todeskreislauf“, den Rojas bereits im Prólogo mit dem Ökosystem der Natur vergleicht.6 Die Liebesbeziehung zwischen Calisto und Melibea ruht auf falschem Boden. Sie versteckt sich hinter List, Lügen und falschem Geld, welches zuerst zum Tode Celestinas führt, da sie sich gegenüber Calistos Diener sehr habgierig verhält und ihren Gewinn nicht teilen möchte. Das Werk, welches von unzähligen Gegensätzen geprägt ist nimmt ein tragisches Ende an sich und soll den Leser in gewissen Bereichen des Lebens abschrecken und lehren.

Der vom griechischen Philosophen Heraklit erbrachte Aphorismus "Omnia secundum litem fiunt"7 wird im Prólogo der Celestina zitiert und dient als Grundlage der Intentionalität des Werkes. Die Absicht dieses Zitats besteht darin, zu zeigen, dass alle Dinge im Leben durch kriegerische oder kämpferische Art gezüchtet werden. Beginnend vom Universum, wo die Sterne gegeneinander konkurrieren, bis hin zur Erde wo Menschen und Tiere um das Überleben kämpfen, schafft Rojas mit Sprüchen von Heraklit und Petrarca einen Übergang zu seinem Werk, denn sogar die Celestina ist von zahlreichen Gegensätzen geprägt.8

Das pessimistische Werk wurde aus der Perspektive eines konvertierten Juden zu Ende verfasst und ist wie ein Spiegel der Gesellschaft, denn Juden und „Mauren“ genossen seit der Reconquista im Jahre 1492 nicht mehr die convivencia, die in Spanien unter Herrschaft der Araber lange galt.9 Sie wurden stattdessen vertrieben oder man zwang sie zum Christentum zu konvertieren. „Su motivación ha de buscarse en la catástrofe que los judíos aún rememoran y equiparan a la destrucción de su Templo por los romanos: la expulsión de 1492.” Man geht stark davon aus, dass Rojas bewusst einen ersten Autor vorfand, das Werk selbst zu Ende schrieb und seinen Namen im Akrostichon versteckte, um nämlich der strikten Zensur der Katholischen Könige zu entgehen.10

Des Weiteren wird diese pessimistische Ansicht im 21. Akt des Werkes durch die Klage Pleberios, also dem Vater von Melibea, unterstützt, indem er sich gegen die Weltordnung richtet, sei es die Schicksalsgöttin Fortuna oder auch die Liebesgöttin Amor, denn hier werden alle positive Dinge degradiert und in den Schatten gestellt. „Del mundo me quexo porque en sí me crió (…)“.11

3. Gegensatz und Einheit nach Heraklit

Für die Analyse der Antithesen in der Celestina ist zunächst das Verständnis der Gegensätze nach Heraklit erforderlich. Der griechische Philosoph Heraklit (ca.550 bis ca.480 v.Chr.)12 beschreibt in seinen Fragmenten die Wichtigkeit von Gegensätzen in verschiedenen Bereichen des Lebens. Er ist der Meinung, dass erst durch Gegensätzliches die Bildung einer Einheit möglich ist.

„Sie verstehen nicht, wie das Auseinandergehende mit sich selbst zusammengeht; gegenspännige Zusammenfügung wie von Bogen und Leier“ (B 51/166)13

In diesem Zitat soll demonstriert werden, dass der Bogen als Waffe nur funktionsfähig ist, wenn er unter Spannung steht. Erst dann ist man in der Lage mit dem Bogen zu zielen und zu treffen. Demgemäß führen die unter Spannung stehenden Gegensätze zu einer Einheit.

In einem weiteren Fragment vertieft Heraklit seine Vorstellungen über das Gesetz der Einheit der Gegensätze. Er beschreibt den Krieg als „[...]Vater aller Dinge.“14 Diese Metapher finden wir auch im Prólogo der Celestina vor. Hiermit ist nicht der Krieg gemeint, den wir uns im modernen Zusammenhang vorstellen, sondern der Krieg als Sinnbild für die kämpferische Beziehung zwischen den Gegensätzen und „[...]dass Wirklichkeit Konflikt und Spannung ist.“15 Ein gutes Beispiel hierfür sind die Gegensätze Hunger und Sättigung. Wenn wir keinen Hunger hätten, dann hätten wir auch kein Sättigungsgefühl oder besser gesagt: Wir wüssten erst gar nicht wie es ist sich satt zu fühlen. Ohne den Hunger würden wir also unsere Mahlzeit nicht wertschätzen und die Sättigung nicht fühlen. Somit stehen Hunger und Sättigung in ständiger Spannung zueinander. Sie sind homogen und relevant füreinander.

4. Antithesen in La Celestina und deren Auswirkung auf die Intentionalität

Um eine genauere Bestimmung der Antithese zu erlangen betrachtet man zunächst das Antitheton, welches im Folgenden definiert wird: „Das antitheton ist die Gegenüberstellung zweier inhaltlich gegensätzlicher res. Die Gegensätzlichen res können sprachlich ausgedrückt sein durch Einzelwörter, Wortgruppen oder Sätze."16 In der Analyse werden grundsätzlich einfache Substantive bzw. Adjektive verwendet und gegenübergestellt. Wichtig zu benennen ist, dass dieses rhetorische Mittel immer einen Effekt hat, somit ein bestimmtes Motiv dem Leser vermitteln möchte. Welchen Effekt hat ein Gegensatzpaar auf den Leser eigentlich? Heraklit geht davon aus, dass erst durch den negativen Gegensatz das Positive zum Vorschein kommt. Demgemäß hat Rojas die Intention durch die Verwendung von Gegensätzen bestimmte Punkte hervorzuheben.

Im Folgenden werden die wichtigsten Antithesen in der Celestina erwähnt und zugleich bezüglich der Intentionalität erläutert. Zunächst lassen sich die Gegensätze zweiteilen. Zum einen physische, also materielle, und zum anderen psychische, also moralische Gegensätze. An erster Stelle lässt sich feststellen, dass das gesamte Werk, also die Tragicomedia, im "engaño-desengaño" Prinzip aufgebaut ist. Bis zum ersten Tod, also dem Tod von Celestina am Ende des zwölften Akts, herrscht ein relativ guter Verlauf der Geschichte, in der alle Parteien zufrieden sind. Dieser Schein wird durch den Tod Celestinas aufgelöst. Der schöne Verlauf der Komödie verfällt und endet. Hier beginnt die desengaño Phase, also die ersten Anzeichen einer Tragödie und das Ende der Täuschung. Also allgemein gesagt: Der erste Gegensatz beginnt bereits in der Gattung des Werkes. Die Gründe für die Änderung der Gattung kann man vergeblich suchen. Wirft man einen genaueren Blick auf die zeitgenössische Gesellschaftssituation, so kann man dieses Werk als Spiegel dafür sehen. Wieso sind in der Celestina so viele Gegensätze vorzufinden und weshalb ist das Werk zu einer Tragikomödie geändert worden? Das Werk hätte doch auch ein positives Ende an sich nehmen können. Um dieser Frage nachzugehen betrachtet man zunächst die Perspektive des Autors, aus welcher Sicht nämlich das Werk zu Ende verfasst worden ist und welche Absichten aus dieser Sicht hervorgehen. Bereits im Schlussteil der Celestina („Concluye el autor…)17 macht Rojas eine Anspielung auf das rassistische Gesetz Limpieza de Sangre, bei dem Altchristen von Neuchristen voneinander abgegrenzt worden sind. Obwohl man im Siglo de Oro von einer Blütezeit der spanischen Literatur sprechen kann, war das wirkliche Leben auf den Straßen nicht so ansehnlich, da Neuchristen keine Rechte mehr hatten und nicht mehr ihre Freiheit genießen konnten. „La Celestina nos presenta el drama de la crisis y transmutación de los valores sociales y morales (…) en la sociedad del siglo XV.”18

4.1 Physische Gegensätze

Somit ist die Gesellschaftssituation des 15./16. Jh. notwendig für das Verständnis der Intentionalität, da hiermit ein weiterer Gegensatz in der Celestina zum Vorschein kommt, nämlich die verschiedenen Gesellschaftsschichten. Calisto und Melibea, die den höheren Status genießen können, betrachten das Leben ihrer Diener nur aus einer Vogelperspektive. Obwohl allerdings Calistos Diener Sempronio und Parmno nicht viel besitzen, sind sie trotzdem in der Lage berühmte Philosophen wie z.B. Petrarca zu zitieren und auf gleicher Ebene mit ihren Herren zu diskutieren. Durch die Gegensätze arm und reich wird klar, dass der Mensch seinen Besitz wertschätzen soll. Betrachtet man hierbei die Kriegsmetapher von Heraklit, so wird ersichtlich, dass erst durch den „negativen“ Gegensatz der Besitz des Menschen an Wert gewinnt und somit das Positive zum Vorschein kommt. „¡O mi triste nombre y fama, cómo andas al tablero de boca en boca!“19 Calisto zum Beispiel tat dies nicht. Nach dem Tod seiner Diener sind ihm die Trauer und die Schande seiner Taten nicht wichtig. Stattdessen macht er sich Gedanken über seinen Namen und Ruf. Die Intention, die Rojas hier vertritt ist es zu verdeutlichen, dass Geld nicht das Mittel für ein glückliches Leben ist. Parmeno ist in diesem Fall ein gutes Gegenbeispiel. Er möchte nicht auf Anhieb und unehrliche Art und Weise reich werden. Er ist nämlich der Meinung, dass man mit wenig Besitz weniger Sorgen hat. Hier zitiert er wie Calisto später auch den berühmten Auf-und Abstieg Spruch. „Riqueza desseo, pero quien torpemente sube a lo alto, más aína cae que subío.”20

[...]


1 Zur Analyse wird folgendes Werk verwendet: Fernando de Rojas, La Celestina, Edición de Dorothy S. Severin, Madrid, 2014.

2 Vgl.: Eberhard Leube, Die „Celestina“, Wilhelm Fink Verlag, München, 1971.S.6.

3 Ebd., S.10.

4 Fernando de Rojas (2014), S.84.

5 Vgl.: Fernando de Rojas (2014), S.71.

6 Vgl.: Fernando de Rojas (2014), S.80.

7 Ebd., S.79.

8 Ebd., S.82.

9 Egon Hartmann, Celestina, Sammlung Dieterich Band 214, Dieterich’sche Verlagsbuchhandlung, Leipzig, 1959.S.307.

10 Vgl.:José Joaquín Montes Giraldo, Marcel Bataillon/ Celestina, In: Thesaurus, Band XXIII Nr. 1.,1968. S.111-112.

11 Fernando de Rojas (2014),S.344.

12 Margot Fleischer, Anfänge europäischen Philosophierens, Königshausen & Neumann.Würzburg.2001.S.8.

13 Ebd., S.16.

14 Martina Stemich Huber, Heraklit- Der Werdegang des Weisen, B.R. Grüner Publishing Co.Amsterdam,1996.S.202.

15 Martina Stemich Huber (1996): S.203.

16 Heinrich Lausberg, Handbuch der literarischen Rhetorik. Vierte Auflage. Franz Steiner Verlag. Stuttgart.2008.S.389.

17 Fernando de Rojas (2014), S.345.

18 José Antonio Maravall, El mundo social de „La Celestina“, Tercera Edición Revisada, Editorial Gredos,S.A., Madrid,1972, S.22.

19 Fernando de Rojas (2014),S.283.

20 Ebd.: S.123.

Details

Seiten
13
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668057364
ISBN (Buch)
9783668057371
Dateigröße
626 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v307547
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster – Romanisches Seminar
Note
2,3
Schlagworte
fernando de rojas la celestina antithesen literaturanalyse gegensätze intention gattung kriegsmetapher heraklit prolog intentionalität

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