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Die Judenverfolgungen zur Zeit des Schwarzen Todes 1348/49. Zwei Konstanzer Chroniken im Vergleich

Hausarbeit 2014 17 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1 Vorstellung der Quellen
2.2 Quelleninterpretation und -vergleich
2.2.1 Darstellung und Begründung der Judenverfolgung
2.2.2 Bewertung der Ereignisse in den Quellen ..
2.2.3 Abbildungen der Judenverbrennung
2.2.4 Erkenntniswert

3. Fazit

4. Quellen- und Literaturverzeichnis

5. Anhang

1. Einleitung

Die Judenverfolgungen im Zuge der Pest im 14. Jahrhundert stellen ein vielfach behan- deltes und weitläufiges Thema innerhalb der Geschichte dar. In den Juden wurde zu dieser Zeit der Verantwortliche für die scheinbar unaufhaltsame Pandemie gefunden und zur Rechenschaft gezogen.1 Vor allem wichtige historische Ereignisse sind aber von detail- liert erforschten kleineren Zusammenhängen und Abläufen als fundierte Basis abhängig. Aufgrund der deutschen Geschichte mag die gewählte Thematik mittlerweile für viele ermüdend scheinen, jedoch ist sie es trotzdem weiterhin wert auch im regionalen Kontext weiter untersucht und lückenlos aufgeklärt zu werden. Zu diesem Zweck wurden die Quellen zu den Judenverfolgungen in Konstanz als Bearbeitungsgegenstand gewählt. Aufgrund der im Gegensatz zu anderen Städten für Konstanz eher komplizierteren Quel- lenlage und –überlieferung der Chroniken erscheint eine nähere Beleuchtung jener vor- handenen oder rekonstruierten Quellen als ein durchaus sinnvolles Unterfangen.

In der vorliegenden Arbeit soll der Fokus auf der Art und Weise liegen, wie und mit welchem Hintergrund jene Judenverbrennungen zur Zeit des Schwarzen Todes von den Verfassern dargestellt und bewertet werden. Hierfür soll die anonyme „Konstanzer Welt- chronik“2 mit der verloren gegangenen, sogenannten Chronik des Johannes Stetter, die Philipp Ruppert in seiner Edition3 zu rekonstruieren versucht, verglichen werden. Schon die Tatsache, dass jene letztgenannte Chronik nur nachgebildet wurde, offenbart Schwie- rigkeiten die Bearbeitung und Bewertung. Daher ist eine partielle Hinzunahme der für die Rekonstruktion verwendeten Quellen für die Betrachtung unvermeidbar.

Für das Erreichen eines fundierten Ergebnisses wird im Folgenden zuerst kurz auf die verwendeten Quellen im Allgemeinen eingegangen, welches als Basis für die genauere Behandlung ihrer Abschnitte zur Judenverfolgung 1349 dienen soll. Darauf folgend sol- len die Darstellung der Pogrome an sich und die im Text verbundene Begründung jener dargestellt werden. Da die Begründungen der Judenverbrennungen aus heutiger Sicht ge- radezu grotesk erscheinen, wird daher außerdem erläutert, ob nachträgliche Bewertungen in der Quelle zu finden sind und wie sie getätigt werden. Die Quellen enthalten neben dem Text des Weiteren Illustrationen, die den Text ergänzend verglichen werden sollen, um danach den gewonnenen Erkenntniswert zusammenfassend darzulegen.

2. Hauptteil

2.1 Vorstellung der Quellen

Die Konstanzer Weltchronik ist eine anonyme universalhistorische Kompilation, die den Ursprung und die Schöpfung der Welt, die weltgeschichtlichen Geschehnisse mit dem Schwerpunkt auf Konstanz bis 1384 und schließlich die Ankunft des Antichristen und das Jüngste Gericht umfasst. Durch Illustrationen zentraler Ereignisse und allgemein ge- haltene und kurze Formulierungen innerhalb der Sätze wird deutlich, dass vor allem Men- schen ohne herausragenden Bildungsstandard angesprochen werden sollen. Schon in der Einleitung der Chronik erklärt der Verfasser seine Beschränkung auf wesentliche Inhalte, damit auch die „ainfeltigen leut“4 das Geschriebene im Gedächtnis behalten.

Die Chronik stützt sich in komprimierter Form im Wesentlichen auf die Chronik Martins von Troppau, dem „Pantheon“ Gottfrieds von Viterbo und die „Flores temporum“ für die vorchristliche Zeit. Aufgrund der Tatsache, dass Passagen aus der „Historia ecclesiastica nova“ des Tholomeus von Lucca, die durch Heinrich von Diessenhofen, Konstanzer Domherr von 1333–1361, fortgeführt wurden, kontinuierlich verwendet werden, ist Kon- stanz als Standort der Entstehung der Chronik anzunehmen. Auch eigene Ergänzungen zur Konstanzer Geschichte im 14. Jahrhundert werden getätigt, sodass davon auszugehen ist, dass es sich bei dem Verfasser um eine Person aus Konstanz handelt. Der seit dem 15. Jahrhundert rezipierte Text hat in seiner prägnanten Darstellungsform daher vor allem den Zweck der Verbindung von regionalen Zusammenhängen der Bodenseeregion.5

Die in dieser Arbeit verwendete Edition ist im Jahr 1869 von Theodor von Kern veröf- fentlicht worden.

Die Konstanzer Weltchronik soll mit der Edition der sogenannten Chronik des Johannes Stetter, ältester nachweisbarer Chronist von Konstanz, Mitglied des Stadtrates und städ- tischer Seckelmeister, verglichen werden. Jenes birgt insofern Schwierigkeiten, dass diese Chronik verloren gegangen ist und hauptsächlich aus zwei Handschriften des 16.

Jahrhunderts, zum einen die „Collectanea“ (1222–1378, 1428/30, 1441, 1499) des Jakob Reutlinger und zum anderen die „Chronica der Statt Constantz des Christoff von Schwarzach Anno Domini 1585“ (1222–1397), rekonstruiert worden ist.6

Die in dieser Arbeit verwendete Edition ist im Jahr 1891 von Philipp Ruppert veröffent- licht worden. Weil Ruppert die ihm vorliegenden Chroniken zerlegte, zu einem chrono- logischem Ergebnis zusammenordnete und die Schwarzachsche Chronik als Stetters wichtigsten Textzeugen deklarierte, kann diese Edition nur mit der Kritik und den Ergän- zungen der späteren Forschung verwendet werden.7 Da Ruppert dem in dieser Arbeit be- handelten Abschnitt die Ergänzung des Chronisten Gebhard Dachers8 beifügt, diese je- doch nicht eindeutig erkennbar macht, sondern den behandelten Quellenabschnitt nur mit „Stetter. Dacher“9 zu verdeutlichen versucht, ist es zwingend notwendig jene Chronik10, die vermutlich auch aus Abschriften der Stetterschen Chronik entstanden sein könnte11, miteinzubeziehen. Festzuhalten ist jedoch, dass eine neue originalgetreue Bestandsauf- nahme aufgrund der lückenhaften Quellenlage nicht (mehr) möglich ist.12

2.2 Quelleninterpretation und –vergleich

2.2.1 Darstellung und Begründung der Judenverfolgung

Die Darstellung Judenverbrennung in der Konstanzer Weltchronik und der Stetterschen Chronik beginnt mit der zeitlichen Einordnung des Geschehens seitens der Verfasser. Während in der Weltchronik das „MCCC nnd XLIIII jar“13 angegeben ist, datiert die Stettersche Chronik die gleichen Pogrome auf das Jahr 1348 „an dem dritten tag im Mertzen.“14 Hier liegt folglich ein Datierungsfehler vor, da jene Pogrome vom dritten März nachgewiesenermaßen eindeutig auf das Jahr 1349 zutreffen.15 Der Verzicht des Chro- nisten der Weltchronik auf eine Tagesdatierung könnte daran liegen, dass er mit seiner Darstellung eben jenen Tag nicht zwangsläufig als einzigen beschreiben wollte. Da diese Stelle jedoch die einzige ist, die über die Judenverbrennungen zu dieser Zeit berichtet, hängt der Verzicht wohl eher mit seinem Ziel zusammen, möglicherweise überflüssige und redundante Einzelheiten zu vermeiden, damit seiner Leserschaft vor allem die Kern- aussagen zur Verfügung stehen.

Da Ruppert in seiner Edition die Ergänzungen bzw. Übernahme von Dacher angibt, ist ein Blick auf die Dachersche Chronik durchaus interessant und notwendig. Hier fällt auf, dass ein Satz fast wortwörtlich mit dem ersten Satz zur Judenverbrennung in der Kon- stanzer Weltchronik übereinstimmt16, was die, zumindest aufgrund der Datierung, These, Dacher habe die Weltchronik als Vorlage gehabt untermauert.17 Ruppert verwendet in seiner Edition aber eine andere Darstellung. Während in der Weltchronik von Pogromen in „vil landen und in steten“18 und Dacher von „vil lannden“19 schreibt, ist in Rupperts Edition hingegen in einem kürzeren Satz von „an mengen stetten in Schwaben“20 die Rede. Dieses könnte daran liegen, dass Stetter als hoher Amtsträger von Konstanz vor allem den regionalen Aspekt in den Vordergrund stellen wollte. Die allgemeine Formu- lierung könnte auch daran liegen, dass zur Zeit der Verfassung der Chroniken keine Zah- len vorlagen oder sie verloren gingen.21 Gemeinsam ist ihnen allen jedoch hierbei das Ziel zu verdeutlichen, dass die Verfolgungen keine Einzelphänomene waren, sondern ein großes Ausmaß annahmen, welches den Lesern bewusst werden soll.

Die Wiedergabe der Art und Weise der Verfolgung im Jahr 1349 ist in der Konstanzer Weltchronik und der vermeintlichen Chronik des Johannes Stetter quasi identisch. Sie ist nüchtern, aber durchaus realistisch und vor allem ohne Wertung. Es wird keine detaillierte Beschreibung der Folterung oder der Ermordung vorgenommen und es wird sich bei Aus- sagen über Anzahl und Ausbreitung auf viele bzw. alle Juden in zahlreichen Städten und Regionen beschränkt. Diese neutrale Beschreibung ist von dem jeweiligen Verfasser gewählt, weil beide eine allgemeine aber vor allem korrekte Wiedergabe wichtig war. Da ihnen vermutlich keine genauen Zahlen und Fakten vorlagen, beschränken sie sich auf diese kurze aber prägnante und fehlerfreie Variante.

Als Begründung für die Verfolgungen führt der anonyme Chronist der Konstanzer Welt- chronik an, dass die Juden bezichtigt wurden, „sy hetten basser und prunnen vergift.“22

Durch diese Beschreibung macht der Verfasser deutlich, dass er nicht an einer Verun- glimpfung der Juden oder an einer Rechtfertigung der Taten interessiert ist, was sich auch in seiner späteren Bewertung zeigt. Vielmehr ist sein Ziel seine nüchterne aber korrekte und neutrale Darstellungsweise fortzuführen, damit die von ihm vorgesehene gering ge- bildete Leserschaft die Abläufe und Zusammenhänge verstehen kann.

Die Erklärung der Judenverfolgungen in der rekonstruierten Stetterschen Chronik ähnelt der eben vorgestellten. Die Pogrome geschahen aus dem Grund, „daß der erst groß tod angefangen hatt und zich man die Juden, sy trügent gift umb und darumb stürbent die lüt.“23 Auch hier wird eine Wertung dadurch vermieden, dass nur erklärt wird, was das Motiv für die Menschen war, die Juden zu verfolgen und verbrennen. Es war nicht im Interesse des Chronisten etwas zu verharmlosen oder zu dramatisieren, sondern eine rea- listische Darstellung zu erzeugen, auf die eine Darstellung der nachträglichen Bewertung der Ereignisse folgt.

2.2.2 Bewertung der Ereignisse in den Quellen

„Die Unsinnigkeit des Gerüchtes war schon manchem Zeitgenossen offensichtlich; aber das Massensterben erforderte eine Erklärung.“24 Es stellt sich somit die Frage, ob jene Unsinnigkeit auch innerhalb der Quellen thematisiert wird oder die Ereignisse unkom- mentiert ohne Einbezug der späteren Bewertung des Erfolges der Maßnahmen niederge- schrieben wurden.

Da die Konstanzer Weltchronik für den behandelten Zeitraum hauptsächlich auf den Chronisten Heinrich von Diessenhofen zurückgeht, ist ein kurzer Blick auf seine Darstel- lung und Bewertung durchaus lohnenswert. Denn in einer viel genaueren Darstellung schreibt er, dass einige Juden auf ein Rad geflochten, also unter Folter, die Brunnenvergiftungen zugaben und damit niemand mehr an ihrer Schuld zweifeln könne.25

[...]


1 Für einen allgemeinen Überblick zur Pest in Europa vgl. Bergdolt, Klaus, Der Schwarze Tod in Europa. Die Große Pest und das Ende des Mittelalters, München 31995 (für die Judenverfolgungen v.a., S. 119 145).

2 Kern, Theodor von (Hg.), Eine Konstanzer Weltchronik aus dem Ende des 14. Jahrhunderts, in: Zeitschrift der Beförderung der Geschichts-, Alterthums- und Volkskunde von Freiburg, dem Breisgau und den an- grenzenden Landschaften, Freiburg im Breisgau 1869,

3 Ruppert, Philipp (Hg.), Das alte Konstanz in Schrift und Stift. Die Chroniken der Stadt Konstanz, Kon- stanz 1891.

4 Kern (Hg.), Weltchronik, S. 192.

5 Für die Quellenvorstellung der Konstanzer Weltchronik vgl. Studt, Birgit, Art. Konstanzer Weltchronik, in: Ruh, Kurt u.a. (Hgg.), Die deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon, Bd. 11, Berlin/New York 22010, Sp. 886–888.

6 Vgl. Hillenbrand, Eugen, Art. Stetter, Johannes, in: Ruh, Kurt u.a. (Hgg.), Die deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon, Bd. 9, Berlin/New York 22010, Sp. 328f.

7 Für die nach kürzester Zeit auftretende kritische Auseinandersetzung mit der Edition Rupperts vgl. v.a. Ludwig, Theodor, Die Konstanzer Geschichtsschreibung bis zum 18. Jahrhundert, Straßburg 1894, S. 3f., 116 und 242–267.

8 Für Dacher und seine Chronik vgl. Hillenbrand, Eugen, Art. Dacher, Gebhard, in: Ruh, Kurt u.a. (Hgg.), Die deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon, Bd. 2, Berlin/New York 22010, Sp. [32f.].

9 Ruppert (Hg.), Das alte Konstanz, S. 55. Dies suggeriert fälschlicherweise, dass Dacher habe nur bei Stetter bzw. Schwarzach abgeschrieben bzw. übernommen, vgl. dazu Wolff (Hg.), S. 30.

10 Wolff, Sandra (Hg.), Die „Konstanzer Chronik“ Gebhart Dachers. „By des Byschoffs zyten volgiengen disz nachgeschriben ding vnd sachen …“ Codex Sangallensis 646: Edition und Kommentar (Konstanzer Geschichts- und Rechtsquellen, 40), Ostfildern 2008.

11 Wolff (Hg.), „Konstanzer Chronik“, v.a. S. 27.

12 Vgl. Hillenbrand, Art. Stetter, Johannes, Sp. 329.

13 Kern (Hg.), Weltchronik, S. 229.

14 Vgl. Ruppert (Hg.), Das alte Konstanz, S. 55.

15 Vgl. Maurer, Helmut, Geschichte der Stadt Konstanz. Von den Anfängen bis zum Konzil (Geschichte der Stadt Konstanz: Konstanz im Mittelalter, 1), Konstanz 21996, S. 207.

16 Vgl. Wolff (Hg.), „Konstanzer Chronik“, S. 364 und Kern (Hg.), Weltchronik, S. 229.

17 Zur These, dass Dacher die Konstanzer Weltchronik als Vorlage diente vgl. u.a. Wolff (Hg.), „Konstanzer Chronik“, S. 22f. und Ludwig, Geschichtsschreibung, S. 117–120.

18 Kern (Hg.), Weltchronik, S. 229.

19 Wolff (Hg.), „Konstanzer Chronik“, S. 364.

20 Ruppert (Hg.), Das alte Konstanz, S. 55.

21 Zur Topographie der Juden im Bodenseeraum vgl. Burmeister, Karl Heinz, medinat bodase. Zur Ge- schichte der Juden am Bodensee 1200–1349 (UVK, 1), Konstanz 1994, S. 67–79.

22 Kern (Hg.), Weltchronik, S. 229.

23 Ruppert (Hg.), Das alte Konstanz, S. 55.

24 Graus, František, Pest – Geissler – Judenmorde, Das 14. Jahrhundert als Krisenzeit (Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte. 86), Göttingen 1987, S. 229.

25 „Et […] tamen positi super rotas fatebantur se venenum sparsisse et aquas intoxiciasse. Et sic nullum dubium remansit eorum fraude detecta.“ Huber, Alfons (Hg.), Henricus Dapifer de Diessenhoven. Chronik, in: Fontes Rerum Germanicarum. Geschichtsquellen Deutschlands, Bd. 4, Stuttgart 1868, S. 69. Zu Dies- senhofen vgl. Feller, Richard/Bonjour, Edgar, Geschichtsschreibung der Schweiz. Vom Spätmittelalter zur Neuzeit, Basel/Stuttgart 21979, S. 89f.

Details

Seiten
17
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668063327
ISBN (Buch)
9783668063334
Dateigröße
1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v307826
Institution / Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel
Note
1,3
Schlagworte
judenverfolgungen zeit schwarzen todes zwei konstanzer chroniken vergleich

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