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Kaiser Justinian und der Nika-Aufstand 532. Eine inszenierte Katastrophe?

Hausarbeit 2013 14 Seiten

Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Nika-Aufstand 532: Eine inszenierte Katastrophe? - Die Thesen von Mischa Meier
2.1 Der Verlauf des Nika-Aufstandes
2.2 Das Interpretationsmodell von Mischa Meier

3. Fazit

4. Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Während des Nika-Aufstandes im Januar 532 revoltierte die Bevölkerung Konstantinopels und zog plündernd und Brand stiftend durch die Straßen der Hauptstadt. Durch das blutige Massaker im Hippodrom intervenierte Kaiser Justinian gegen die herrschenden Unruhen und konnte die Volkserhebung letztlich gewaltsam niederschlagen.

Die besondere Rolle des Kaisers während der Revolte wurde in der Forschung kontrovers diskutiert. Die ältere Forschung[1] scheint sich einig zu sein, dass Justinian durch sein passives Handeln als schwaches und hilfloses Opfer in Augenschein trat und dadurch am Ende beinahe seine Regentschaft aufs Spiel setzte. Die Revolte gilt hier ausschließlich als senatorische Verschwörung gegen den Kaiser. Dieses Axiom der älteren Forschung sieht der deutsche Historiker Mischa Meier[2] für obsolet. Seines Erachtens handelt es sich beim Nika-Aufstand um eine von Justinian selbst inszenierte Katastrophe. Im oftmals ungewöhnlichen und durchaus zu hinterfragenden Verhalten des Kaisers sowie im spezifischen Verlauf der Geschehnisse sieht er eindeutige Indizien, welche für ein hohes Maß an Planung und politischem Kalkül sprechen. Demzufolge hat Justinian keinesfalls das Ruder aus der Hand gegeben.

Die Beschreibung der Ereignisse durch Prokop, Malalas, Theophanes und in der Osterchronik (Chronicon Paschale)[3] bilden die vier Hauptquellen zum Nika-Aufstand. Hier lassen sich zwei unterschiedliche Traditionen feststellen. Berichtet Prokop aus der Perspektive des Hofes, informieren Malalas, Theophanes und das Chronicon Paschale aus einem Blickwinkel außerhalb des kaiserlichen Palastes. Auszüge aus allen vier Texten werden in dieser Arbeit als Quellen verwendet.

Ziel dieser Arbeit ist es, das Interpretationsmodell von Mischa Meier darzustellen. Dabei steht besonders das Verhalten Justinians im Fokus. Aufgrund der bislang noch ungeklärten und heftig diskutierten Fragen wird auf eine Thematisierung der genauen Chronologie der Ereignisse verzichtet. Darüber hinaus soll in dieser Untersuchung aufgrund der kontroversen Beurteilung sowie der textkritischen und überlieferungsgeschichtlichen Probleme auf den Zirkusdialog (Akta dia Kalopodion), ein Streitgespräch zwischen den Grünen und dem kaiserlichen Mandator, nicht eingegangen werden.[4]

Um das spezifische Partizipationsverhalten der verschiedenen Kräfte zu verdeutlichen, wird zu Beginn der vorliegenden Arbeit der Verlauf des Nika-Aufstandes skizziert. Dabei soll auf die Geschehnisse nur insoweit eingegangen werden, als sie für die Überlegungen von Mischa Meier von Relevanz sind. Im Anschluss wird Meiers Rekonstruktion und Interpretation der Revolte analysiert. War der Nika-Aufstand letztlich eine vom Kaiser selbst initiierte und inszenierte Katastrophe? Diese Frage soll im abschließenden Fazit beantwortet werden.

2. Der Nika-Aufstand 532: Eine inszenierte Katastrophe? - Die Thesen von Mischa Meier

2.1 Der Verlauf des Nika-Aufstandes

Zur Zeit Justinians gab es zwei rivalisierende Zirkusparteien - einerseits die Grünen (Prasinoi) und andererseits die Blauen (Venetoi).[5] Aufgrund des rapiden Bevölkerungswachstums, der harten finanzpolitischen Linie der kaiserlichen Regierung sowie des starken Einwanderungsstroms der Landleute nach Konstantinopel war die Atmosphäre in der Hauptstadt angespannt.[6] Das aufgeladene Klima führte nicht selten zu gewaltsamen Unruhen zwischen den Grünen und Blauen.[7] Als es im Januar 532 erneut zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen den Demen kam, griff die Regierung hart durch. Der Stadtpräfekt Eudaimon verurteilte sieben Aufständische aus beiden Parteien zum Tode.[8] Bevor die Exekution ausgeführt werden sollte, wurden sie in einer Schandparade durch Konstantinopel geführt. Malalas schildert die Ereignisse folgendermaßen:

„Eudaimon war Stadtpräfekt und hatte Ruhestörer aus beiden Parteien in Gewahrsam, und bei einer gerichtlichen Untersuchung verschiedener Personen befand er von ihnen sieben Mann als des Mordes schuldig. Und er erließ sein Urteil; vier sollten geköpft, drei gehängt werden, und die Verbrecher wurden in der ganzen Stadt vorgezeigt und sie durchzogen sie. Und als man (die drei) gehängt hatte, da fielen zwei herab, weil die hölzernen Galgen zerbrachen, einer war ein Blauer, und der andere ein Grüner. Und als das umstehende Volk den Vorfall sah, da akklamierte es dem Kaiser.“[9]

Nachdem während der Hinrichtung bei zwei Delinquenten die Galgen brachen, retteten Mönche eines nahegelegenen Klosters die beiden Verurteilten und stellten sie unter Kirchenasyl. Um eine Flucht zu verhindern, veranlasste Eudaimon daraufhin die Umstellung der Kirche.[10] Drei Tage später forderten beide Parteien bei den abgehaltenen Wagenrennen im Hippodrom[11] die Begnadigung der beiden Verurteilten. Bis zum 22. Rennen verweigerte Justinian ihnen jedoch jegliche Kommunikation und würdigte sie keiner Antwort.[12] Durch das gemeinsame Anliegen und die ausbleibende Reaktion des Kaisers schlossen sich die vorher noch gegenseitig verhassten Grünen und Blauen plötzlich zusammen und deklarierten: „ Mögen die menschenfreundlichen Grünen und Blauen lange leben[13] . Mit dem Ausruf Nika (Sieg)[14], wodurch die Erhebung seinen Namen bekam, zog die revoltierende Masse nach Abschluss des Rennens wütend aus dem Hippodrom. „ The people went to the praetorium of the prefects [15] und versuchten bei Eudaimon eine Freilassung der zwei Verurteilten zu erwirken. Als auch dieser keine Auskunft gab, setzten die Aufständischen das Prätorium, der Sitz der Präfekten, in Brand.[16] Das Feuer breitete sich durch die ganze Stadt aus.[17]

Unbeirrt von der beunruhigenden Situation ließ der Kaiser am Folgetag die Rennen fortsetzen. Die Bevölkerung forderte nun die Entlassung Johannes des Kappadokers, Tribonians und Eudaimons. Diesmal reagierte Justinian sofort, kam der Forderung des Volkes nach und entließ die drei Beamten.[18] Anschließend schickte der Kaiser Belisar sowie dessen Soldaten in die Straßen Konstantinopels, wo es folglich zu Straßenkämpfen kam.[19] Durch diese harte Maßnahme wandte sich die Wut der Aufständischen nun direkt gegen Justinian. Das Volk beschloss den Kaiser zu stürzen. Als neuer Herrscher wurde Probos, ein Neffe des Anastasios, ausgewählt. Im Chronicon Paschale heißt es dazu: „ And from there the people went down […] to the house of Probus; and they sought to take arms from him and chanted „Probus, emperor for Romania[20]. Nachdem dieser jedoch nicht anzutreffen war, brannte die aufgebrachte Menschenmenge dessen Haus nieder. Derweil schloss sich Justinian mit seinen engsten Vertrauten, darunter die beiden anderen Neffen des Anastasios Hypatius und Pompeius, im kaiserlichen Palast ein und beriet das weitere Vorgehen.[21] Obgleich er noch einmal im Hippodrom erschien und der revoltierenden Bevölkerung eine allgemeine Amnestie in Aussicht stellte, ließ sich das Volk nicht beschwichtigen:

„[O]n […] the 18th of the same month, early in the morning the emperor went up into the Hippodrome to his own boy, carrying a Holy Gospel. And when this was known, all the people went up, and the entire Hippodrome was filled by the crowds. And the emperor swore an oath to them, saying „By this Power, I forgive you this error, and I order that none of you be arressted, but be peaceful [...]“. And he desisted, and the emperor himself went down from the Hippodrome, and he immediately granted dismissal to those in the Palace and said to the senators: „Depart, each is to guard his own house.“ [22]

Als die Senatoren schließlich auf Geheiß Justinians den Palast verließen, erblickten die Aufständischen Hypatius und akklamierten ihn zum Kaiser und eskortierten ihn zum Hippodrom.[23] Um den Nika-Aufstand zu beenden, verwickelte Justinian Hypatius im Vorfeld in einen Plan. Der Neffe des Anastasios sollte die Unruhestifter ins Konstantinsforum locken. Der Kaiser kam zu dem Entschluss, dass die Revolte nur dann niedergeschlagen werden konnte, wenn das Volk auf engstem Raum eingeschlossen sein würde. Bestens geeignet war hier der Hippodrom.[24] Als dieser Augenblick endlich gekommen war, entsandte Hypatius den Boten Ephraem zu Justinian. Er sollte den Kaiser darüber in Kenntnis setzen, dass sich nun alle seine Feinde versammelt hatten und einem Angriff nichts mehr im Wege stand. Ephraem wurde jedoch von Thomas, dem kaiserlichen Leibarzt, abgefangen und mit dem Gerücht, Justinian sei geflohen zurück in den Hippodrom geschickt. Dort angekommen informierte Ephraem seinen Herren und bekundete: „ Master, God prefers that you be emperor.[…] Justinian has fled and there is no-one in the Palace.“[25] Der Kaiser befand sich jedoch keineswegs auf der Flucht und beorderte stattdessen Belisar, Mundos sowie weitere Feldherren ins Konstantinsforum, um der Revolte endgültig ein Ende zu bereiten. Vorab sorgte jedoch der Kammerherr Narses durch Bestechungsversuche für Tumult unter den Aufständischen.[26] Über die Niederwerfung des Nika-Aufstandes berichtet uns Johannes Malalas:

„Während auf der rückwärtigen Seite über die Kaiserloge Mundos, Konstantiolos, Basolodes, Belisar und weitere Senatoren mit einer bewaffneten Truppe hochgestiegen waren, [brachte] der cubicularius und spatharius Narses [...] einige aus der Blauen Partei verstohlen auf die Seite des Kaisers, indem er ihnen Geld ausbezahlte. Und eine aufrührerische Clique rief: „Kaiser Justinian der Stadt“. Die Massen aber waren zerstritten, und man ging aufeinander los. Die magistri militium nun hielten mit einer großen Garde Einzug im Hippodrom und begannen von beiden Eingängen her die Ansammlung hinzumetzeln.“[27]

2.2 Das Interpretationsmodell von Mischa Meier

Aufgrund der aufgeladenen Atmosphäre im Januar 532 wäre Justinian gut beraten gewesen, mit äußerst sensibler Hand vorzugehen. Betrachtet man sich das spezifische Verhalten des Kaisers sowie den genauen Verlauf des Nika-Aufstandes so lassen sich jedoch einige Anzeichen finden, die gerade für eine gezielte Eskalationsstrategie seitens der Regierung sprechen.

[...]


[1] Vgl. Bury, John B.: The Nika Riot. In: The Journal of Hellenic Studies 17 (1897), S. 92-119.; Schubart, Wilhelm: Justinian und Theodora. München 1943.; Barker, John W.: Justinian and the later Roman Empire. Madison [u.a.] 1966.; Cameron, Alan: Circus factions. Blues and Greens at Rome and Byzantium. Oxford [u.a.] 1976.; Tinnefeld, Franz: Die frühbyzantinische Gesellschaft. Struktur – Gegensätze – Spannungen. München 1977.; Greatrex, Geoffrey: The Nika Riot. A Reappraisal. In: The Journal of Hellenic Studies 117 (1997), S. 60-86.; Beck, Hans-Georg: Kaiserin Theodora und Prokop. Der Historiker und sein Opfer. München 1986 (= Serie Piper Porträt, 5221).; Tinnefeld, Franz: Nika-Aufstand. In: Cancik, Hubert/Schneider, Helmuth [Hrsg.]: Der Neue Pauly. Enzyklopädie der Antike. Bd. 8. Stuttgart [u.a.] 2000, Sp. 892-893.

[2] Vgl. Meier, Mischa: Die Inszenierung einer Katastrophe. Justinian und der Nika-Aufstand. In: Zeitschrift für Papyrologie und Epigraphik 142 (2003), S. 273-300.; Meier, Mischa: Der Nika-Aufstand von 532. Inszenierung einer Katastrophe. URL: http://www.dctp.tv/#/filme/inszenierung-katastrophe-nika-aufstand (Zugriff am 26.07.2013).; Meier, Mischa: Justinian. Herrschaft, Reich und Religion. München 2004.

[3] Vgl. Chron. Pasch. I 620-629; Prok.BP I 24; Malal. XVIII 71; Theoph. I 181,24-186,2.

[4] Tendiert die jüngere Forschung dazu, das Streitgespräch vom Nika-Aufstand inhaltlich und chronologisch zu trennen, ordnet Mischa Meier den Zirkusdialog zur Vorgeschichte der Revolte im Januar 532 zu. In: Vgl. Meier, Katastrophe, S. 278-283.

[5] Vgl. Prok. BP I 24, 2.; Für eine genauere Beschreibung der Zirkusparteien und deren Funktion: Vgl. Beck, Prokop, S. 35-36.

[6] Gizewski, Christian: Zur Normativität und Struktur der Verfassungsverhältnisse in der späteren römischen Kaiserzeit. München 1988 (= Münchener Beiträge zur Papyrusforschung und antiken Rechtsgeschichte, 81), S. 152.; Evans, James A.S.: The age of Justinian. The circumstances of imperial power. London/New York 1996, S. 125.; Greatrex, Nika, S. 60-61.; Meier, Herrschaft, S. 47.

[7] Zur Typologie von Aufständen: Vgl. Cameron, Factions, S. 271-278.; Greatrex, Nika, S. 64-65.

[8] Vgl. Barker, Justinian, S. 85.; Evans, Justinian, S. 120.; Tinnefeld, Gesellschaft, S. 197.; Greatrex, Nika, S. 67.

[9] Malal. XVIII 71, 395. Übers. nach Thurn, Johannes Malalas Weltchronik, S. 489.

[10] Vgl. Beck, Prokop, S. 36.; Barker, Justinian, S. 85.; Evans, Justinian, S. 121.; Tinnefeld, Gesellschaft, S. 198.; Greatrex, Nika, S. 67-68.

[11] In der griechischen Architektur bezeichnet Hippodrom die Pferderennbahn, die seit dem frühen 7. Jahrhundert (Einführung der Wagenrennen in Olympia 680 v. Chr.) als Errichtung in den Poleis und Heiligtümern üblich wurde. Das Hippodrom war in archaischer Zeit erstrangiger Ort aristokratischer Repräsentation. Es fungierte jedoch nicht nur als Vergnügungsstätte, sondern gewährleistete darüber hinaus eine Kommunikation zwischen dem Kaiser und seinem Volk. In: Höcker, Christoph: Hippodromos. In: Cancik, Hubert/Schneider, Helmuth [Hrsg.]: Der Neue Pauly. Enzyklopädie der Antike. Bd. 5. Stuttgart [u.a.] 1998, Sp. 583-584.

[12] Vgl. Tinnefeld, Gesellschaft, S. 197-198.; Evans, Justinian, S. 121.; Barker, Justinian, S. 85.; Greatrex, Nika, S. 69.; Meier, Katastrophe, S. 290.

[13] Malal. XVIII 71, 395. Übers. nach Thurn, Johannes Malalas Weltchronik, S. 490.

[14] Prok. BP I 24, 10. Übers. nach Veh, Prokop Perserkriege, S. 177.; Malal. XVIII 71, 395. Übers. nach Thurn, Johannes Malalas Weltchronik, S. 490.

[15] Chron. Pasch. I 622. Übers. nach Whitby, Chronicon Paschale, S. 118.

[16] Vgl. Cameron, Factions, S. 278- 279.; Bury, Nika, S. 106.; Barker, Justinian, S. 85.; Greatrex, Nika, S. 70.

[17] Vgl. Theoph. I 181,26.; Chron. Pasch. I 622.

[18] „[D]ie Menge brachte Schmährufe gegen den Johannes mit Beinamen der Kappadoker, den quaestor Tribonianos und den Stadtpräfekten Eudaimon vor. […] Und auf der Stelle wurden Johannes, Tribonianos und Eudaimon ihres Amtes entbunden.“ In: Malal. XVIII 71, 396. Übers. nach Thurn, Johannes Malalas Weltchronik, S. 491.

[19] Vgl. Greatrex, Nika, S. 74-75.

[20] Chron. Pasch. I 622. Übers. nach Whitby, Chronicon Paschale, S. 117-118.

[21] Vgl. Schubart, Justinian, S. 87.

[22] Chron. Pasch. I 623-624. Übers. nach Whitby, Chronicon Paschale, S. 121.; Malal. XVIII 71, 397.

[23] Vgl. Chron. Pasch. I 624.; Malal. XVIII 71, 397.; Prok. BP I 24, 22-24.

[24] Vgl. Meier, Katastrophe, S. 294.

[25] Chron. Pasch. I 625. Übers. nach Whitby, Chronicon Paschale, S. 122.

[26] Vgl. Schubart, Justinian, S. 88.

[27] Malal. XVIII 71, 398-399. Übers. nach Thurn, Johannes Malalas Weltchronik, S. 494-495.

Details

Seiten
14
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783668060548
ISBN (Buch)
9783668060555
Dateigröße
418 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v307881
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Note
1,7
Schlagworte
kaiser justinian nika-aufstand eine katastrophe

Autor

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