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Interkulturelle Wirtschaftskommunikation. Analysen von Erscheinungsweisen und Problemfeldern

Examensarbeit 2002 119 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1. Gegenstand, Ziel und Gliederung der Arbeit

I. Teil: EINFÜHRUNG IN THEMENSPEZIFISCHE GRUNDLAGEN

2. Forschungsbereich Interkulturelle Wirtschaftskommunikation
2.1. Entwicklung und Stand der Forschung
2.2. Ansätze und methodologische Grundlage der Arbeit
2.2.1. Der Kontrastiv-pragmatische Ansatz
2.2.2. Interaktions-/prozeßorientierte Ansätze
2.3. Die Bedeutung interkultureller Kommunikation für
die Wirtschaft

3. Begriffsdefinitionen
3.1. Die wechselseitige Verknüpfung von Kultur und Sprache
3.1.1. Der zugrundliegende Kulturbegriff
3.1.2. Sprache und Kommunikation
3.1.4. Interkulturelle versus intrakulturelle Kommunikation
3.2. Kommunikation in wirtschaftlichen Zusammenhängen
3.2.1. Wirtschaft
3.2.2. Interkulturelle Wirtschaftskommunikation

II. TEIL: PROBLEMBEREICHE DER KOMMUNIKATION ZWISCHEN
INTERNATIONALEN GESCHÄFTSPARTNERN

4. Allgemeine Voraussetzungen und Probleme fremdkultureller Begegnungen
4.1. Mißverständnisse
4.2. Lernersprachliche Defizite
4.3. Wahl der Kontaktsprache
4.4. Pragmatischer Transfer

5. Mündliche versus schriftliche Wirtschaftskommunikation: Eine Abgrenzung
5.1. Kulturbedingte Kommunikationsunterschiede im Bereich Mündlichkeit versus Schriftlichkeit
5.2. Der Geschäftsbrief

6. Verbale Kommunikation
6.1. Face-to-face-Kommunikation in Abgrenzung zu Telefongesprächen
6.2. Sprachliches Lexikon
6.3. Sprechakte
6.4. Sprechhandlungssequenzen
6.4.1. Begrüßung
6.4.2. Höflichkeit
6.4.3. Anredeformen
6.5. Konventionen des Diskursablaufs
6.6. Grad der Indirektheit

7. Paraverbale Kommunikation
7.1. Rhythmus und Lautstärke
7.2. Prosodie und Tonhöhe

8. Nonverbale Kommunikation
8.1. Gestik
8.2. Mimik und Blickkontaktverhalten
8.3. Körperhaltung

9. Extraverbale Elemente
9.1. Die Sprache des Raumes
9.2. Die Zeitsprache
9.3. Die Vertragssprache
9.4. Denkmuster
9.5. Kontextabhängigkeit in der Kommunikation

10. Kommunikativer Stil
10.1. Die Bedeutung von Kontextualisierungshinweisen
10.2. Stilunterschiede und ihre Relevanz für Mißverständnisse

11. Unterschiede im Rezipientenverhalten
11.1. Hörersignale
11.2. Rezipientenechos

12. Der Übersetzer als Vermittler
12.1. Problemfelder der Übersetzung
12.1.1. Lexikalisch-semantische Konventionen
12.1.2. Para- und nonverbale Konventionen
12.1.3. Konventionen pragmatischer Sprechhandlungen

III. Teil: mißverständnisse zwischen Amerikanischen und chinesischen Managern: Ein exemplarisches beispiel

13. Interkulturelle Kommunikation mit sprachlichen
Hindernissen
13.1. Falsche Anrede als Auslöser für Mißverständnisse

14. Schlußbetrachtung

15. Verzeichnisse
15.1. Abbildungsverzeichnis
15.2. Literaturverzeichnis
15.3. Internetquellen

1. Einleitung

Interkulturelle Mißverständnisse werden häufig als zentrales Forschungs- und gleichzeitig als Legitimationsobjekt zur wissenschaftlichen Bearbeitung des Phänomens der interkulturellen Kommunikation herangezogen. Mittels empirischer Studien bestätigen Forscher, was die gesamte Gesellschaft schon vorher vage erahnte: Kommunikationsprozesse zwischen Angehörigen zweier oder mehrer Kulturen verlaufen meist weitaus störanfälliger als die Kommunikation zwischen Angehörigen einer einzigen Kultur (für eine Zitatensammlung einschlägiger Äußerungen vgl. ROST-ROST 1994: 9).

Mit der zunehmenden Internationalisierung der wirtschaftlichen Beziehungen innerhalb der letzen drei Jahrzehnte ist auch ein wachsendes Interesse an interkulturellen Kommunikationsproblemen zu verzeichnen, die bei Kontakten mit ausländischen Geschäftspartnern entstehen können. Die Erkenntnis, daß kommunikative Mißverständnisse der positiven Entwicklung von Geschäftsbeziehungen im Wege stehen oder das Zustandekommen solcher Beziehungen im Extremfall sogar verhindern können, hat eine wachsende Zahl an Publikationen, die solche kommunikativen Mißverständnisse analysieren und vorbeugen wollen, hervorgerufen. Dabei sind sich die Autoren einig, daß Kommunikationsstörungen zwischen Angehörigen verschiedener Kulturen unterschiedlichste Bereiche betreffen, hier sind u.a. zu nennen: fremdsprachliche Verständigungsprobleme, Störungen in der verbalen, paraverbalen, nonverbalen und extraverbalen Kommunikation, sowie Störungen infolge unterschiedlicher kommunikativer Stile.

Die Palette der Bereiche in der Wirtschaft, in denen es aufgrund von kulturellen Unterschieden zu Mißverständnissen kommen kann, ist sehr breit gefächert und umfaßt u.a. solch verschiedenartige Gebiete wie z.B. Verhandlungsstile, Formen der Begrüßung, Organisationsformen, Dauer und Ziele von Verhandlungsgesprächen, das Verständnis von Zeit.

1.1. Gegenstand, Ziel und Gliederung der Arbeit

Wenn interkulturelle Kommunikationsforschung zum Ziel hat, kulturbedingte Einstellungen, Sicht- und Handlungsweisen, Konventionen, Werte usw. und deren Einfluß auf die Kommunikation mit Angehörigen anderer Kulturen zu analysieren, dann kann der Beitrag der Linguistik nicht in erster Linie in der Beschreibung von Sprachsystemen liegen, sondern muß die Verwendung von sprachlichen Strukturen innerhalb der Kommunikation behandeln. Der Beitrag muß auf den Begriffe von sprach- und kommunikationswissenschaftlichen Untersuchungen aufbauen, die die Bedingungen für das Zustandekommen von Verständigung in der Kommunikation untersuchen und die Strukturen der Einzelsprachen als Mittel betrachten, diese Verständigung herbeizuführen. Nur in einem solchen Untersuchungsfeld kann die interkulturelle kommunikations-relevante Thematik von kulturspezifischen Werten linguistisch behandelt werden (vgl. GÜNTHNER 1993: 4-5).

Innerhalb dieser Forschungsrichtung bezeichnet ‚Interkulturelle Wirtschaftskommunikation’ ein Forschungsfeld, das sich mit sprachlich und kulturell bedingten Kommunikationsproblemen in internationalen Wirtschaftsbeziehungen beschäftigt. Die Aufgabe besteht darin, systematisch und interdisziplinär zu analysieren, welche Faktoren die grenzüberschreitende Kommunikation in Handlungsfeldern der Wirtschaft positiv oder negativ beeinflussen. In der vorliegenden Arbeit sollen dabei die wesentlichen Faktoren unter linguistischen Gesichtspunkten analysiert und diskutiert werden.

Die Literatur zu diesem Thema ist nur schwer zu überschauen, zumal sie aus verschiedenen interdisziplinären Bereichen herangezogen werden muß, um die Komplexität der Thematik vollständig zu erfassen. Der Schwerpunkt der herangezogenen Werke liegt daher auf der Literatur zur interkulturellen Kommunikation; hier findet man mehrheitlich Sammelbände und Fallstudien unterschiedlicher Qualität, aber nur selten linguistisch-orientierte Monographien einführender Natur. Aufgrund der Komplexität und Vielschichtigkeit des Forschungsfeldes thematisieren Forscher innerhalb der linguistischen Analysen lediglich einzelne Aspekte der interkulturellen Kommunikation, beispielsweise „Diskursstrategien“ (GÜNTHNER 1993) oder „Intonatorische Verfahren“ (RABANUS 2001) und beschränken sich dabei in der Regel auf die Kontrastierung von zwei maximal drei Kulturen. Die Vielfalt der Kulturen und relevanten Forschungsrichtungen – mit ihrer jeweilige Perspektive, sowie die Vielschichtigkeit der Dimensionen interkultureller Wirtschaftskommunikation (mündliche vs. schriftliche / direkte vs. indirekte Kommunikation) zeichnen die Problematik aus, die dieser Arbeit gegenüber steht.

Aufgrund dessen wurde der zentrale Analyseschwerpunkt dieser Arbeit auf die direkte mündliche Kommunikation gelegt. Untersuchungsgegenstand sind demnach Face-to-face-Interaktionen zwischen international agierenden Managern. Eine vollständige Analyse aller Phänomene und Problembereiche ist im Rahmen dieser Arbeit nicht möglich. Deshalb werden weitere Problem-felder (z.B. internationaler Briefverkehr, Computerkommunikation und Telefongespräche) lediglich in Abgrenzung dargestellt, aber nicht im Detail diskutiert.

Es wurde bewußt eine ansätze-übergreifende Methode für die Analyse gewählt, um möglichst differenzierte Ergebnisse zu erzielen. Ausgehend von der interkulturellen linguistischen Forschungsrichtung, deren Ansätze in einer Wechselbeziehung zu verschiedenen anderen Disziplinen (z.B. Soziologie, Sozialpsychologie, Kulturanthropologie) stehen, soll sich die methodologische Vorgehensweise der Arbeit im wesentlichen an der kontrastiven Pragmatik und dem interaktionistischen Ansatz orientieren (nähere Ausführungen siehe Kapitel 2.2.).

Resultierend aus dem gewählten Analyseschwerpunkt ist es das Ziel dieser Arbeit, einen Überblick über die verschiedenen Problembereiche der interkulturellen Kommunikation in wirtschaftlichen Zusammenhängen zu schaffen und kritisch zu analysieren, zu welchen kommunikativen Problemen es kommen kann, wenn sich Manager in direkter Interaktion mit internationalen Geschäftspartnern befinden.

Die Arbeit ist in drei aufeinander aufbauende Teile gegliedert. Im ersten Teil wird der theoretische Rahmen für die Analyse gesteckt. Dabei wird zunächst der Forschungsbereich Interkulturelle Wirtschaftskommunikation vorgestellt, die verschiedenen relevanten Forschungsansätze diskutiert und die methodologische Grundlage für die Arbeit näher erläutert (Kapitel 2). Im Anschluß folgt eine definitorische Abgrenzung der zugrundeliegenden Begriffe Kultur, Kommunikation, interkulturelle Kommunikation, Wirtschaft und interkulturelle Wirtschaftskommunikation (Kapitel 3).

Der folgende Hauptteil beschäftigt sich mit der Frage: Welche sprachlichen und kommunikativen Problembereiche treten in der Kommunikation zwischen international agierenden Managern als Angehörige verschiedener Kulturen auf? Dabei soll die linguistische Analyse exemplarisch ausgewählter interkultureller Phänomene der direkten mündlichen Kommunikation in Abgrenzung zu weiteren Problemfeldern im Vordergrund stehen. Zunächst werden allgemeine Phänomene und Voraussetzungen interkultureller Kommunikation vorgestellt (Kapitel 4). Dem schließt sich ein kurzes Kapitel an, indem mündliche und schriftliche Wirtschaftskommunikation voneinander abgegrenzt werden (Kapitel 5). Anhand der vier Dimensionen verbal, paraverbal, nonverbal und extraverbal wird nun eine kontrastive Analyse mit exemplarischen Beispielen aus verschiedenen Kulturen vorgenommen (Kapitel 6-9), der sich eine interaktionistische Analyse des kommunikativen Stils anschließt (Kapitel 10). In einem letzten Abschnitt wird das Rezipientenverhalten als Quelle für Mißverständnisse (Kapitel 11) und die Problematik des Sprachmittlerdiskurses anhand eines gesonderten Kapitels über die Rolle des Übersetzers (Kapitel 12) thematisiert.

Im dritten Teil wird ein zuvor theoretisch diskutiertes Problem an einem konkreten Kommunikationsbeispiel illustriert. Aufgrund der großen kulturellen Distanz und der damit zu erwartenden Mißverständnisse wurde hierfür die Kommunikation zwischen westlichen und asiatischen Managern ausgewählt (Kapitel 13).

In der abschließenden Schlußbetrachtung werden nicht nur die Ergebnisse der Arbeit noch einmal zusammengefaßt, sondern es findet auch ein kurzer Transfer der erzielten Ergebnisse in die Fremdsprachendidaktik statt, um somit die Bedeutung der interdisziplinären Zusammenarbeit im Forschungsbereich Interkulturelle Wirtschaftskommunikation hervorzuheben und die Relevanz und die Bedeutung der linguistischen Analyse zu betonen (Kapitel 14).

I. Teil: EINFÜHRUNG IN THEMENSPEZIFISCHE GRUNDLAGEN

2. Forschungsbereich Interkulturelle Wirtschaftskommunikation

In Anlehnung an die These von Bernd-Dietrich Müller (1991) wird die Analyse von kommunikativen Handlungen im Rahmen von Wirtschaftsbeziehungen unter Beteiligung von Personen aus verschiedenen Ländern bzw. Kulturen in dieser Arbeit als Teil des Forschungsbereichs Interkulturelle Kommunikation und nicht als Sonderfall einer engeren Fachsprachen-Linguistik betrachtet (vgl. MÜLLER 1991: 27). Grund dafür ist die Tatsache, daß sich die Fachsprachenforschung bisher kaum mit interkultureller Kommunikation in der Wirtschaft beschäftigt hat. Bis vor wenigen Jahren standen in diesem Forschungsbereich hauptsächlich lexikalische, syntaktische und textuelle Aspekte im Vordergrund. Hier sind insbesondere kontrastiv angelegte Untersuchungen durchgeführt worden. Pragmatische bzw. diskursbezogene Aspekte der Wirtschaftskommunikation wurden dabei vernachlässigt. Erst seit Anfang der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts entstanden Arbeiten in diese Richtung (vgl. z.B. KEIM 1994).

2.1. Entwicklung und Stand der Forschung

Bereits in der Einleitung zu dieser Arbeit wurde die Grundannahme erwähnt, daß Kommunikation in interkulturellen Kontexten grundsätzlich störanfälliger verläuft als ‚normale’, intrakulturelle Kommunikation. Forschungsüberblicke zur interkulturellen Kommunikation blicken relativ einheitlich auf eine ca. zwanzig- bis dreißigjährige Entwicklung interkultureller Kommunikation als Gegenstand der akademischen Forschung zurück (vgl. u.a. REHBEIN 1985b: 8-9; HINNENKAMP 1994b: 47).

Ihre Wurzel hat diese Forschung in den USA. Im deutschsprachigen Raum ist der Forschungsbereich Interkulturelle Kommunikation noch relativ jung, gleichwohl aber ein Gebiet mit zunehmenden öffentlichen Interesse. Im Vorwort des Bandes Analyzing Intercultural Communication heißt es in diesem Zusammenhang:

Intercultural communication has since long become an everyday experience for more and more people in the world. But although the relation between language and culture has always been a topic in the history of linguistics and although descriptions of sociocultural differences in language use, too, have a continual tradition, it is only since the recent past that problems of intercultural communication have become an area of focal interest for a larger part of the linguistic profession (KNAPP/ENNINGER/KNAPP-POTTHOFF 1987: V)

Neben der Fremdsprachendidaktik und der Konzeptionierung und Durchführung von Trainingsangeboten entstand Ende des 20. Jahrhunderts das neue Arbeitsfeld Interkulturelle Wirtschaftskommunikation innerhalb der interkulturellen Kommunikationsforschung (vgl. LUCHTENBERG 1999: 9).

Aufgrund der Komplexität interkultureller Kommunikation bleibt innerhalb der Forschung ein rein linguistischer Zugriff von vorneherein unzureichend: „The complexity of this subject necessitates an interdisciplinary and multiperspectival approach“ (KNAPP/ENNINGER/KNAPP-POTTHOFF 1987: V). Wichtige Bezugsdisziplinen sind insbesondere die Kulturanthropologie, die Psychologie und die Soziologie und im Bereich der interkulturellen Wirtschaftskommunikation natürlich auch Disziplinen wie Wirtschafts-, Politik- und Sozialwissenschaften und Fremdsprachendidaktik (ROCHE 2001: 9).

In der modernen Linguistik haben Fragestellungen zur interkulturellen Kommunikation spätestens mit Beginn der 80ziger Jahre einen festen Platz erhalten; untersucht wurden und werden vor allem die Schlüsselprobleme interkultureller Kommunikation wie „fehlgeschlagene Kommunikation“ und „Mißverständnisse“ (REHBEIN 1985b: 9), deren zukünftige Vermeidung einen wissenschaftlichen Vorlauf, d.h. die Beschreibung und Erklärung ihrer wichtigsten Ursachen erfordert. In der Bundesrepublik Deutschland gehen die ersten Arbeiten zur interkulturellen Kommunikation aus linguistischer Sicht auf die Erforschung von Interaktionen zwischen Deutschen und Migranten in Schulen und anderen Institutionen zurück (vgl. REHBEIN 1985b: 8-9).[1]

2.2. Ansätze und methodologische Grundlage der Arbeit

Seit den 70ziger Jahren befassen sich unterschiedliche Forschungsrichtungen – von der Sozialpsychologie über die Anthropologie, Soziologie und Fremdsprachenforschung bis hin zur Linguistik – mit Schwierigkeiten, die in interkulturellen Interaktionen auftreten. Diese Forschungsrichtungen verbindet die Beobachtung, daß Kommunikationsprozesse zwischen Angehörigen verschiedener Kulturkreise leichter zum Scheitern verurteilt sind, als solche zwischen Angehörigen derselben Kulturgruppe (vgl. STREEK 1985: 103). Die Ursachen für dieses Scheitern versuchen verschiedene Ansätze anhand unterschiedlicher methodischer Vorgehensweise und Fragestellungen herauszufiltern.

Im Forschungsbereich interkulturelle Kommunikation, sowie in der vielfältigen Literatur, unterscheidet man grundsätzlich zwei Ansatzmöglichkeiten. Auf der einen Seite kontrastive Analysen, die aufgrund eines Vergleichs von unterschiedlichen kulturellen und sprachlichen Verhaltensweisen und Verhaltenserwartungen Probleme in der interkulturellen Kommunikation zu erklären versuchen, wobei hier prototypisch auf den Bereich der Kontrastiven Pragmatik verwiesen werden kann. Auf der anderen Seite werden Analysen von interkultureller Kommunikation als konkrete Begegnungen untersucht, die in die Interaktion hineinwirkende und/oder aus der Interaktion herauswirkende kulturspezifische Ursachen für Mißverständnisse interpretieren (vgl. HINNENKAMP 1994b: 51/ROST-ROTH 1994: 35).

2.2.1. Der Kontrastiv-pragmatische Ansatz

Volker Hinnenkamp zufolge lassen sich im Bereich der Sprachwissenschaft kontrastive gegenüber interaktionstheoretisch orientierte Ansätze unterscheiden. Insbesondere die Kontrastive Pragmatik und die Interaktionale Soziolinguistik haben sich als eigenständige Richtungen herauskristallisiert (vgl. HINNENKAMP 1994b: 53-58). Hinnenkamp subsumiert aus den Arbeiten innerhalb der kontrastiven Pragmatik die Annahme, Sprechakte und Interaktionsstile unterschiedlicher Kulturen könnten einander gegenübergestellt und verglichen werden. In interkulturellen Kontaktsituationen interpretieren Muttersprachler und Nichtmuttersprachler den Stil des anderen jeweils nach den Regeln, die sie auch ihrem eigenen kommunikativen Handeln zugrunde legen. Sprechakte und Interaktionsstile werden also von Hörern nach Dekodierungsregeln interpretiert, die sich von denen des Sprechers mehr oder weniger unterscheiden. Die dadurch entstandene Fehlkommunikation wird in der kontrastiven Pragmatik daher dem interkulturellen Umfeld zugeschrieben (vgl. HINNENKAMP 1994b: 53).

Aufgabe der kontrastiven Pragmatik ist es, die Strukturen und deren Funktion in allen Sprachen und Kulturen, die an einer interkulturellen Kontaktsituation beteiligt sind, zu beschreiben. Ähnlichen Strukturen zweier Sprachen wird häufig in jeder einzelnen Sprache eine unterschiedliche Funktion zugeordnet. Denkbar ist umgekehrt auch der Ausdruck derselben Funktion in Form voneinander divergierender Strukturen. Schlimmstenfalls wird durch den Gebrauch einer bestimmten Struktur nicht nur die gewünschte Funktion in einer anderen Sprache nicht erzielt, sondern eine völlig andere Funktion ausgelöst. In diesem Fall wird die Existenz einer Fehlkommunikation den beteiligten Sprechern zunächst gar nicht bewußt. Beide Partner kommen nach ihren eigenen Regeln zu einer schlüssigen Interpretation. Ganz deutlich wird für sie eine bestimmte pragmatische Funktion ausgedrückt, die ihnen jedoch in der Situation meist als unangemessen erscheint.

Möglichkeiten der Fehlkommunikation lassen sich auf allen verbalen und nonverbalen Ebenen finden. Als Beispiel nennt Hinnenkamp Irritationen, die auftreten können, wenn ein Sprecher in Situationen Komplimente macht, in denen dies nach Auffassung der anderen Kultur unangemessen ist. Nichtmuttersprachler können im Deutschen oft nur schwer unterscheiden, in welchen Situationen sie ihr Gegenüber duzen oder siezen sollen (vgl. HINNENKAMP 1994b: 53).

Untersucht man in der kontrastiven Pragmatik zunächst völlig isolierte Sprechakte, so ist Hinnenkamp zufolge die Forschung heute dazu übergegangen, Datenmaterial nach ethnographischen Methoden in ihrem speziellen Kontext zu erfassen. Hat man einen Sprechakt innerhalb eines soziokulturellen Systems genau untersucht und seine Funktion in diesem System zugeschrieben, so kann in anderen soziokulturellen Systemen nach äquivalenten oder zumindest ähnlichen Sprechakten gesucht werden. Finden sich Entsprechungen, so können nun Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Verhältnis von Struktur und Funktion beschrieben werden. Hinnenkamp bemängelt, daß diese Forschungsrichtung bisher nicht darüber hinausgekommen ist, lediglich stereotype Sprechakttypen wie unterschiedliches Anredeverhalten oder Höflichkeitsfloskeln zu analysieren (vgl. HINNENKAMP 1994b: 54). Darüber hinaus kritisiert er, daß die kontrastive Pragmatik dabei meist keine interkulturellen Kontaktsituationen untersucht, sondern nur unterschiedliche Standards beschrieben hat. Lediglich die Autoren Gass und Varonis legen eine Studie vor, die Kontaktsituationen aus kontrastiv-pragmatischer Perspektive untersucht (vgl. GASS/VARONIS 1991).

Hinnenkamp verweist schließlich auf einige methodologische Schwächen der kontrastiven Pragmatik. Ihm zufolge ist bereits die Unterstellung, man könne in zwei verschiedenen Kulturen Sprechakte mit gleicher oder ähnlicher Funktion finden, eine Annahme, für die keine ersichtlichen Gründe existieren. Hinnenkamp zufolge unterstellt der Forscher allein mit der Suche nach ähnlichen Sprechakte deren Existenz. Auf dieser Basis läßt sich die Frage formulieren, ob es Funktionen von Sprechakten gibt, die universeller Natur sind, oder ob derartige Funktionen grundsätzlich kulturgebunden sind (vgl. HINNENKAMP 1994b: 54).

Dem Ansatz entsprechend liegt auch ein bestimmtes Kulturverständnis vor. Um einander ähnliche Sprechakte in zwei soziokulturellen Systemen zu identifizieren, müssen vorab Situationen denkbar sein, die in beiden Kulturen existieren, um eine gleiche Basis für möglichst ähnliche Sprechakte definieren zu können. Diese Forderung unterstellt logischerweise auch auf kultureller Ebene die Erwartbarkeit äquivalenter, wenn nicht sogar gleicher situativer Muster. Hinnenkamp zufolge ist auch diese Annahme nicht haltbar und reduziert die tatsächliche Unterschiedlichkeit von Kulturen (vgl. HINENKAMP 1994a: 54). Die aus kulturvergleichenden Studien gewonnenen, kontrastiven Thesen implizieren darüber hinaus grundsätzlich die eigene kulturelle Perspektive des Forschers, aus der die herausgearbeiteten Unterschiede beschrieben werden. Hartmut Schröder warnt daher vor dem permanenten Ethnozentrismus, den kulturkontrastive Untersuchungen beinhalten (vgl. SCHRÖDER 1998: 41).

2.2.2. Interaktions-/prozeßorientierte Ansätze

Ungleich der kontrastiven Pragmatik gehen Arbeiten aus der Richtung der interaktionalen Soziolinguistik nicht von der grundsätzlichen Existenz standardisierter Situationen und entsprechender Sprechakttypen aus. Statt dessen unterstellen Forscher dieser Richtung, daß Interaktionspartner die gemeinsame Interpretation ihrer Situation immer individuell und permanent aushandeln. Anstelle standardisierter Sprechaktsituationen orientieren sich Sprecher aus dieser Perspektive an sogenannten ‚Kontextualisierungshinweisen’. John J. Gumperz (vgl. z.B. GUMPERZ 1982: 130ff), den Hinnenkamp (und andere Autoren wie Knapp, Rost-Roth, Günthner etc.) als Begründer dieses Ansatzes nennt, versteht darunter Zeichen unterschiedlichster Form, die in den Bereichen der Kinetik, der Proxemik, der Prosodie, des Blickverhaltens, der zeitlichen Plazierung, der Sprachwahl, der lexikalischen Variation oder der sprachlichen Formulierung zu finden sind. Unterstellt die Kontrastive Pragmatik interkulturelle Unterschiede im Verhältnis von Struktur und Funktion eines Sprechaktes, so konstatieren Arbeiten der Interaktionalen Soziolinguistik, daß diese Kontextualisierungshinweise in jeder Kultur unterschiedlich ausfallen. Beide Ansätze erklären so auf unterschiedliche Weise das selbe Phänomen: aufgrund der kulturellen Differenzen kommt es in interkulturellen Kontaktsituationen zu Fehlkommunikation (vgl. HINNENKAMP 1994b: 56).

Im Gegensatz zu den von der Kontrastiven Pragmatik unterstellten Unterschieden, wirken die der Interaktionalen Soziolinguistik jedoch auf einer weitaus unbewußteren Ebene. Die Kontextualisierungshinweise jeder Kultur gelten in ihr als konventionalisiert und werden von ihren Mitgliedern nicht mehr wahrgenommen. Erkennen Sprecher also nach ihrem eigenen Muster einen Kontextualisierungshinweis, der von ihrem fremdkulturellen Interaktionspartner nicht als solcher beabsichtigt war, so führt dies automatisch zu einer Fehlinterpretation, die nicht einmal als solche erkannt wird. Hartmut Schröder zufolge führen derartige unaufgeklärte Mißverständnisse statt dessen zu einer verstärkten Stereotypenbildung (vgl. SCHRÖDER 1998: 46).

Im Hinblick auf vorgefallene Mißverständnisse führt Hinnenkamp weiter aus, daß selbst anschließende Reparaturversuche meist zum Scheitern verurteilt sind, da auch bei ihnen von konventionalisierten Kontextualisierungshinweisen Gebrauch gemacht wird (vgl. HINNENKAMP 1994b: 56). Gass und Varonis dagegen sehen in Mißverständnissen sowohl eine Gefahr als auch eine Chance: Während unaufgeklärte Mißverständnissen zur einer Stereotypenbildung führen können, so ist es möglich, daß die erfolgreiche Aufklärungen eines Mißverständnisses zur positiven interpersonalen Verständigung beitragen kann (vgl. GASS/VARONIS 1991: 142). Gass und Varonis, die den Umgang mit Mißverständnissen in interkulturellen Kontaktsituationen aus interaktionstheoretischer Perspektive betrachten, arbeiten außerdem die Bedingungen zu einer erfolgreichen Verständigung heraus, die sich aus diesem Ansatz ergeben. Können sich Interaktionspartner in interkulturellen Kontaktsituationen nicht mehr auf vorhandene Kontextualisierungshinweise stützen, so sind sie in um so größeren Maße auf die erfolgreiche interaktionale Aushandlung der Situation angewiesen. Gass und Varonis zufolge hängen sowohl Möglichkeit als auch Bereitschaft der beteiligten Personen zu einer interaktiven Konversation insbesondere von den kontextuellen Bedingungen ab und sind somit großen Schwankungen unterworfen (vgl. GASS/VARONIS 1991: 138).

Dem Ansatz entsprechend liegt der Interaktionalen Soziolinguistik auch ein anderes Kulturverständnis zugrunde als der Kontrastiven Pragmatik. Stellt die Kultur für letztere eine standardisierte Struktur dar, in die sich Sprechakttypen an jeweils interkulturell äquivalenten Stellen einbetten ließen, so wird Kultur für die interaktionale Soziolinguistik zum Inbegriff spezieller kognitiver Wissensstrukturen. Kultur beinhaltet für die betroffenen Individuen ein Arsenal erworbener Wissensstrukturen, die es ihnen ermöglicht, ihre Umwelt sinnstiftend zu interpretieren. Zu dieser Ebene gehören auch die Gumperzschen Kontextualisierungshinweise (nähere Ausführungen folgen in Kapitel 10). Kultur wird aus dieser Perspektive zum determinierenden Aspekt für die Lebenswelt der Individuen, aus denen sich diese nur schwerlich herauslösen können (vgl. HINNENKAMP 1994b: 57).

Abschließend sei erwähnt, daß weitere Methoden (wie. z.B. die Diskursanalyse) in den letzten Jahren Eingang in die linguistische Erforschung interkultureller Kommunikation gefunden haben (siehe u.a. GÜNTHNER 1993: 24ff). Ihre Darstellung und Diskussion würde aber den Rahmen dieser Arbeit überschreiten.

2.3. Die Bedeutung interkultureller Kommunikation für die Wirtschaft

Weltweit und europaweit sind Unternehmen längst miteinander vernetzt. Daher ist in Deutschland politische und wirtschaftliche Unternehmenskommunikation seit langem keine monokulturelle Angelegenheit mehr. Für die Bundesrepublik beinhaltet Unternehmenskommunikation schon immer interkulturelle Aspekte. Gründe dafür sind ihre vorwiegend exportorientierte Wirtschaft, sowie eine hohe Zahl an Migrationsarbeitern (vgl. u.a. BRÜNNER 2000: 39ff, MÜLLER 1991b: 27ff).

Die Kommunikation von Mitarbeitern innerhalb eines Unternehmens ist bereits eine große Herausforderung. Noch anspruchsvoller ist es, wirtschaftliche Beziehungen zwischen verschiedenen Firmen und Unternehmenskulturen zu gestalten. In einer Zeit dynamischer Kooperation über alle Grenzen hinweg geht es in Theorie und Praxis der Wirtschaftskommunikation verstärkt um den Umgang mit Kulturunterschieden. Interkulturelle Kommunikation ist zu einem wesentlichen Teil eines interkulturell ausgerichteten Managementansatzes geworden (vgl. z.B. ROTHLAUF 1999; FISCHER 1996).

Sprach-, Kommunikation-, und Kulturkenntnisse, so genannte ‚soft skills’, werden z.B. für den Umgang mit ausländischen Kunden gebraucht. Wer im Ausland ein Produkt verkaufen will, muß es dem Geschäftspartner möglichst leicht machen, das angepriesene Waren- und Dienstleistungsangebot zu verstehen und zu bewerten. In der Fachliteratur wird allgemein von der interkulturellen Handlungs- und Kommunikationskompetenz als Qualifikationsmerkmal bzw. Schlüsselqualifikation des modernen Managements gesprochen. Als Beispiel sind hier spezielle Anforderungsprofile für ‚Euro-Manager’ zu nennen (vgl. BARMEYER 2000: 267ff, HINKE 1991: 219ff, ROTHLAUF: 1999: 66ff). Dementsprechend ist das primäre Ziel der Seminare und Trainingseinheiten zur interkulturellen (Wirtschafts-)Kommunikation die Erweiterung der interkulturellen Handlungskompetenz. Aufgrund dessen ist die Nachfrage nach interkultureller (Weiter-)Bildung in den letzten Jahren explosionsartig gestiegen.

Die zunehmende Internationalisierung einer Vielzahl von Arbeitsfeldern drückt sich zum einen in der quantitativen Zunahme der traditionellen Außenbeziehungen aus, zum anderen bewirkt sie eine neue Qualität der Begegnung von kulturdifferenten Werten, Wahrnehmungs- und Interpretationsschemata. Solche kulturellen Erfahrungen gehören also im wachsenden Maße zum Alltag des Zusammenlebens und -arbeitens. Sie manifestieren sich im Alltag in spezifischen Handlungs- und Kommunikationsformen und erfordern im Beruf die Bereitschaft zu längeren Auslandsentsendungen und die Fähigkeit zur Kooperation in multikulturellen Arbeitsteams. Wenn man den Anteil und die Bedeutsamkeit kommunikativer Tätigkeiten im Anforderungsprofil von Führungskräften zugrunde legt, stellt Kommunikation einen zentralen Aufgabenbereich im Management dar. Aufgaben wie z.B. Personalführung, Entscheidungsfindung, Öffentlichkeitsarbeit oder Verhandlungsführung sind umfangreich mit Kommunikation verbunden (vgl. HINKE 1991: 219ff).

Empirische Untersuchungen belegen, daß Führungskräfte zwischen 60% und 80% ihrer täglichen Arbeitszeit für Kommunikation verwenden. Einen ebenso hohen Stellenwert nehmen Tätigkeiten im internationalen Management ein; Auslandsmanager verbringen die Hälfte ihrer Zeit in Verhandlungen (vgl. HERBRAND 2000: 58).

Nahezu alle Ziele, die internationale Unternehmen mit der Entsendung von Führungskräften verfolgen, erfordern ein hohes Maß an Kommunikation mit Vertretern des Gastlandes. Hierzu gehören beispielsweise der Transfer von Know-how, die Ausbildung lokaler Mitarbeiter, die Verbesserung der Kommunikation mit dem Stammhaus, sowie die Durchsetzung einer einheitlichen Unternehmenspolitik (vgl. HINKE 1991: 219ff, STATTLER 1994: 386-388).

Die asiatischen Länder stehen dabei in den letzten Jahren verstärkt im Blickfeld westlicher Firmen. Sie stellen aufgrund ihrer kostengünstigen Produktionsweise für Europa einen wichtigen Wirtschaftsfaktor dar. In beziehungsorientierten Systemen, wie sie in Asien zu finden sind, ist es für einen deutschen Auslandsmitarbeiter besonders wichtig, persönliche Kontakte über die reine Arbeits- und Geschäftsbeziehung hinaus zu pflegen. Diese erfordern fast zwangsläufig eine weitergehende Verständigungsmöglichkeit als nur eine Drittsprache (wie z.B. die Verkehrsprache Englisch) (vgl. Knapp 1995: 8-24).

Aber auch die wirtschaftliche Verständigung innerhalb Europas ist aufgrund der geringen Kulturdistanz und der unterstellten Ähnlichkeit der Sprachen bzw. Kulturen ein häufig unterschätztes Problem. Europa hat im Verhältnis zu seinem geographischen Gebiet die größte Konzentration von verschiedenen Kulturen. In Europa zu leben und zu arbeiten heißt, „sich der Notwendigkeit des Umgangs mit Unterschiedlichkeit bewußt zu sein“ (STATTLER 1994: 385). Aufgrund dessen beschäftigen sich viele Autoren mit der Kommunikation zwischen Angehörigen zweier europäischer Staaten (vgl. hierzu z.B. FISCHER 1996, KEIM 1994).

3. Begriffsdefinitionen

In der vorliegenden Arbeit soll der potentielle Einfluß von Interkulturalität in interpersonalen wirtschaftlichen Kommunikationssituationen analysiert werden. Kultur und Kommunikation sind sehr eng miteinander verbunden; wie Edward Hall schon sagte: „Culture is communication“ (HALL 1976). Gleichwohl ist es angesichts der unüberschaubaren Vielfalt der Definitionen von ‚Kultur’ und ‚Kommunikation’ notwendig, die der folgenden Analyse zugrundeliegende Verwendung dieser Begriffe offenzulegen.[2]

3.1. Die wechselseitige Verknüpfung von Kultur und Sprache

Alle Sprachwissenschaftler teilen die Überzeugung, daß zwischen Sprache und Kultur ein enger Zusammenhang besteht (vgl. u.a. ROCHE 2001: 16, GÜNTHNER 1993: 23). „Daß Sprache und Kultur zusammenhängen, ist trivial“, schreiben Knapp/Knapp-Potthoff (1990: 63). Doch es besteht eine gewisse Schwierigkeit, die zentralen Begriffe des Forschungsbereichs Interkulturelle (Wirtschafts-)Kommunikation eindeutig zu definieren.

In most of the work done under the label of ‘intercultural communication’, the notations of culture and communication are very broad and vague, indeed. (KNAPP/ENNINGER/KNAPP-POTTHOFF 1987: 3).

3.1.1. Der zugrundliegende Kulturbegriff

Spricht man von interkultureller Kommunikation als Kommunikation zwischen Angehörigen unterschiedlicher Kulturen, so spielt der zugrundeliegende Kulturbegriff eine maßgebliche Rolle bei der Eingrenzung des Untersuchungsgegenstands.

Die prägnanteste Kulturdefinition stammt von dem niederländischen Kulturanthropologen Geert Hofstede. In seinem Werk Kulturen und Organisationen nennt Hofstede Kultur „die Software des Geistes“ (HOFSTEDE 1994: 5). Entsprechend dieser Ansicht ist Kultur die mentale Programmierung, die jedes Mitglied einer gegebenen Gemeinschaft, Nation, Organisation oder Gruppe erlebt und entsprechend derer er voraussichtlich folgerichtig handeln wird. Kultur so verstanden, enthält eine Menge „alltäglicher und gewöhnlicher Dinge des Lebens, wie z. B. begrüßen, essen, zeigen oder verbergen von Emotionen, Körperabstand zu anderen, lieben oder Körperhygiene“ (HOFSTEDE 1994: 5). Im Sinne der kognitiven Kulturanthropologie wird daher Kultur als ein zwischen Gesellschaftsmitgliedern geteiltes Wissen an Standards des Wahrnehmens, Glaubens, Bewertens und Handelns verstanden. Es bezieht sich auf Weltbilder, Werte, soziale Normen und Handlungsmuster, die in der sozialen Interaktion der Gesellschaftsmitglieder manifestiert werden (vgl. GÜNTHNER 1993: 17-19).

Es erscheint sinnvoll, sich dem Beispiel einiger anderer Autoren. (z.B. Barmeyer und Litters) anzuschließen und mit zwei „komplementären Kulturbegriffen“ zu arbeiten (BARMEYER 2000: 20). Der Begriff von Hofstede wird in dieser Arbeit durch den von Clifford Geertz, einem US-amerikanischen Kulturanthropologen, ergänzt. Dieser verwendet einen semiotischen Kulturbegriff, d.h. Kultur ist nach seiner Auffassung ein System von Bedeutungen und damit ein ‚semantisches Inventar’. Kultur stellt somit einen geteilten Kontext dar, der den Individuen die richtige Interpretation von Symbolen und Zeichen ermöglicht. Das kulturell bedingte Handeln, in dem sich Symbole manifestieren, und auch die Bedeutung von Sinnhaftigkeiten, die im kollektiven System gespeichert und kommuniziert werden, stehen im Vordergrund (vgl. GEERTZ 1987: 9).

Aus linguistischer Sicht betonen Knapp, Enninger und Knapp-Potthoff in diesem Zusammenhang:

In short, what is interesting as ‚cultural’ in linguistics analyses of intercultural communication are those properties of the shared knowledge of a social group which, because of their distinctiveness, cause or may cause trouble in interaction with members of another group (KNAPP/ENNINGER/KNAPP-POTTHOFF 1987: 5).

Das heißt, daß Kultur nicht als eine statische, sondern als eine dynamische und innerhalb einer bestimmten Gesellschaft nicht homogene, sondern heterogene Form sprachlichen Handelns verstanden wird, so daß fehlgeschlagene Kommunikation und Mißverständnisse nicht nur interkulturell sondern auch intrakulturell bedingt sein können (vgl. REHBEIN 1985b: 30).

Sprache spiegelt die Kultur als System wieder, in dem sich das Individuum mehr oder minder frei entwickeln kann (vgl. HOFSTEDE 1993: 19). Das Grundgerüst für die Sprache bilden Syntax, Grammatik und Vokabular. Doch auch wenn Individuen dieselbe Sprache sprechen, bedeutet das noch nicht, daß sie dasselbe denken oder sogar dieselbe Meinung vertreten. Denn jedes Individuum verfügt über seinen eigenen Wortschatz, seine eigene Lebenswirklichkeit und kann innerhalb der Gesellschaft individuelle und einzigartige Haltungen und Absichten zum Ausdruck bringen.

In der interkulturellen Forschungsliteratur nehmen die meisten Autoren ungeachtet der Vielschichtigkeit des Kulturbegriffs eine enorme Vereinfachung in Kauf. So hält Jürgen Bolten im Falle interkultureller Wirtschaftskommunikation eine Gleichsetzung kultureller Differenzierung mit nationalen Grenzziehungen für erforderlich (vgl. BOLTEN 1995: 28). Das heißt, eine Kultur wird üblicherweise gleichgesetzt mit einer Gesellschaft, die durch nationalstaatliche Grenzen oder eine Menge von konstanten ethnischen Merkmalen wie Rasse, Sprache, Religion usw. von anderen Gesellschaften unterscheidbar ist. Eine nationale (z.B. die deutsche) oder ethnische (z.B. die arabische) Kultur ist allerdings kein homogenes Gebilde. Kulturelle Standards und ihre Manifestationen variieren zwischen unterschiedlichen Teilgruppen s.g. Subkulturen der Gesellschaft (vgl. MALETZKE 1996: 16-17). Sigrid Luchtenberg räumt ein, daß in den weitaus Fällen im Bereich der interkulturellen Forschung auf die Unterschiede nationaler Kulturen mit dazugehörigen unterschiedlichen Sprachen zurückgegriffen wird (vgl. LUCHTENBERG 1999: 17).

Auch in der vorliegenden Arbeit soll eine derartige Auffassung Verwendung finden. Wenngleich eine derartige Abgrenzung nicht unproblematisch ist, so ist doch eines festzuhalten: Bei allen Unterschieden, die für sie jeweils spezifisch sind, umfassen Subkulturen stets einen gemeinsamen Kern an Weltbildern, Werten, Normen und Handlungsmustern, die sie als zu einer bestimmten Kultur gehörig ausweisen. Auch die Organisationskulturen von Unternehmen reflektieren deshalb die Kultur, in die sie eingebettet sind (vgl. PEILL-SCHOELLER 1994: 111ff).

Abschließend ist noch die Kulturdistanz als ein wichtiger Aspekt in diesem Zusammenhang zu nennen. Niederländer, Dänen und Schweizer sind den Deutschen vertrauter als Inder oder Japaner. Die einen stehen der eigenen Kultur näher, die anderen erscheinen weit entfernt. Mit den Worten nah und fern ist eine Dimension angesprochen, der bei der interkulturellen Begegnung große Bedeutung zukommt. Je mehr Gemeinsamkeiten zwischen den Völkern existieren, um so geringer ist die Kulturdistanz und je weniger Gemeinsamkeiten, desto größer ist die Kulturdistanz. Das heißt für die interkulturelle Kommunikation: Je geringer diese Distanz ist, desto einfacher und wahrscheinlicher ergibt sich ein adäquates Verstehen der anderen Seite. Bei größerer Kulturdistanz dagegen kommt es leichter zu einem Mißverstehen oder Nicht-Verstehen (vgl. REHBEIN 1985b: 27ff).

3.1.2. Sprache und Kommunikation

Miteinander kommunizieren ist ein Grundphänomen menschlichen Zusammenlebens. Allgemein beschreibt Kommunikation den Austausch, die Verständigung und den Prozeß der Übermittlung von Informationen durch Ausdruck und Wahrnehmung von Zeichen jeder Art. Bei der einfachsten Art der Kommunikation zwischen zwei Personen hat der Sender ein bestimmtes Bild im Kopf, codiert dieses mit Hilfe der Sprache und übermittelt diesen Code. Der Empfänger hört nun das gesprochene Wort, decodiert es und (er-) kennt, im Idealfall, das Bild des Senders (vgl. LUCHTENBERG 1999: 9-10). Von einer reibungslosen Kommunikation kann allerdings erst dann gesprochen werden, wenn der Rezipient die Botschaft in der gleichen Weise interpretiert wie der Sender. Dies ist grundsätzlich nur möglich, wenn die Botschaft vollständig übertragen und empfangen wurde.

Genau an diesem Punkt setzt die Problematik der interkulturellen Kommunikation an; in der Regel scheitert die Verständigung, wenn die Mitglieder der einen Kultur weder die impliziten Schemata der anderen noch deren sprachlichen und nonverbalen Mittel kennen.

Das alltägliche sprachliche Handeln macht das Gemeinte normalerweise nicht explizit – zumindest nicht vollständig – sondern weist über das Geäußerte hinaus auf das zwischen den Kommunikationspartnern als gemeinsam unterstellte (kulturelle) Wissen. Einzelne Äußerungen wie Hiermit ist die Sitzung eröffnet! können gleich mehrere kognitive Schemata auslösen. So z.B. ein Ablaufschema für den Fortgang der Sitzung, das an die Tagesordnung gebunden ist oder ein Handlungsschema, das die Form und die Abfolge der Redebeiträge der Sitzungsteilnehmer regelt (vgl. KNAPP 1995: 11).

Die Unzufriedenheit mit diesem traditionellen Kommunikationsmodell führte zu verschiedenen Erweiterungsversuchen; angefangen mit der Betonung sozialer Aspekte nach Watzlawick (vgl. WATZLAWICK 1969) bis hin zu dem Vierohrenmodell nach Schulz von Thun (vgl. SCHULZ v. THUN 1989). Diese veralteten Kommunikationsmodelle werden allerdings der Komplexität und dem modernen Verständnis von Kommunikation nicht mehr gerecht.

In Anlehnung an die moderne Kommunikationsforschung wird deshalb Kommunikation im Sinnzusammenhang der vorliegenden Arbeit als interpersonale und mediale Begegnung von Menschen verstanden. Dabei wird die Kommunikation – in Anlehnung an Ulrike Litters – als ganzheitlicher Interaktionsprozeß betrachtet, „innerhalb dessen Bedeutung in Abhängigkeit von aktuellen Gesprächssituationen stets neu ausgehandelt wird“ (LITTERS 1995: 16).

Charakteristisch für Kommunikationssituationen ist, daß Sprache nicht das einzige Mittel der Verständigung darstellt. Die Analyse gesprochener Sprache berücksichtigt dementsprechend auch nonverbale, extraverbale und parasprachliche Signale (vgl. LUCHTENBERG 1999: 11). Dabei ist herauszustellen, daß kommunikative Akte nicht isoliert existieren, sondern jeweils in eine Situation eingebettet sind, für die jeweils von einer kulturellen Gruppe festgelegte Verhaltensmuster gelten (vgl. LUCHTENBERG 1999: 13). Solche soziokulturellen Verhaltensweisen können nach Els Oksaar (1991: 13) mit Hilfe des ‚Kulturemmodells’ dargestellt werden, das zugleich für die Verständlichkeit in interpersonaler Kommunikation eine große Rolle spielt. Der folgende kurze Exkurs stellt das Kommunikationsmodell nach Oksaar vor.

Kultureme und Behavioreme

Els Oksaars Beschreibung kommunikativer Akte erweist sich für die Analyse interkultureller Kommunikation als sinnvoll, da hier die verschiedenen Ebenen der Kommunikation miteinander verbunden und die unterschiedlichen Ausdrucksformen, aber auch die Beziehung der Gesprächspartner zueinander und ihre Interaktion, sowie das Thema mitberücksichtigt werden (vgl. OKSAAR 1986, 1991: 13-17). Viele Autoren der gegenwärtigen interkulturellen Forschungsliteratur greifen auf dieses Modell zurück (vgl. u.a. LITTERS 1995: 29ff, MÜLLER 1991b: 31ff).

Els Oksaar definiert den kommunikativen Akt als „den gesamten Aktionsrahmen, in dem die Sprechhandlung stattfindet“ (OKSAAR 1986: 24). Zu den wichtigsten Elementen zählen dabei Partner/Auditorium, Thema/Themen, verbale, parasprachliche, kinesische Elemente und affektive Verhaltensmerkmal. Hieraus leitet sie die Bandbreite interaktionaler Kompetenz ab, wobei für interkulturelle Kommunikation insbesondere auch die Bedeutung der Verständlichkeit relevant ist (vgl. OKSAAR 1986: 24-25).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Das Kulturemmodell nach Els Oksaar

Quelle: OKSAAR 1991: 17

Kultureme enthalten soziokulturelle Regeln für bestimmte Kommunikations- und Verhaltenssituationen, deren Erkennen bzw. Nichterkennen oder Akzeptieren bzw. Nichtakzeptieren den Verlauf interkultureller Kommunikation beeinflussen kann, da Kultureme in verschiedenen kommunikativen Akten unterschiedlich realisiert werden. Damit verweisen Kultureme auf universale Konzepte und auf kultur-spezifische Realisierungen.

Kultureme selbst sind „abstrakte Einheiten“ (OKSAAR 1991: 17), deren Realisierung in Behavioremen geschieht. Sie werden in der sprachlichen und kulturellen Sozialisation erworben, so daß ihre Realisierung zunächst diesen Verhaltensmustern folgt. In vielen Fällen wird aber bereits im Rahmen der Sozialisation gelernt, daß es je nach Situation und beteiligten Personen unterschiedliche Behavioreme gibt. Dies gilt bereits für das Kulturem grüßen (nähere Erläuterungen folgen Kapitel 6.4.1.)[3].

Oksaar weist darauf hin, daß sprachliche (grammatikalische, lexikalische) und kulturelle Kenntnisse eines fremdsprachlichen Sprechers nicht gleichwertig zu gebrauchen sind. Sie postuliert, daß je besser jemand eine Sprache beherrscht, desto größer die Erwartung anderer sei, daß er auch die fremdkulturellen Hintergründe kennt und in der Lage ist, seine

(Kommunikations-)Handlungen entsprechend auszurichten. In Wirklichkeit, so konstatiert sie, trifft jedoch dieser Zusammenhang keineswegs zu: Trotz guter Kenntnisse einer fremden Kultur beherrscht jemand die Fremdsprache nur wenig und – häufiger noch – trotz guter Sprachkenntnisse hat jemand nur sehr vage Kenntnisse von Land, Leuten und Kultur (vgl. OKSAAR 1991: 13-16). Hinzu kommt: Kulturbedingtes Mißverstehen kann für zwischenmenschliche Kontakte und Beziehungen negativere Auswirkungen haben als rein sprachliches, denn – so Oksaar – „Kulturell-Mentalitätsbezogenes berührt die Persönlichkeit des Handelnden direkt, im Gegensatz zu Sprachlichem“ (OKSAAR 1991: 15).

Die angenommene, relativ statische Verbindung zwischen Kultur und Kommunikation bei Oksaar deutet daraufhin, daß sie einem kontrastiven Ansatz in der interkulturellen Kommunikation verhaftet ist. Die Existenz eines Zusammenhangs zwischen Kultur und Kommunikation soll auch in dieser Arbeit in keiner Weise in Frage gestellt werden. Dennoch muß davon ausgegangen werden, daß Individuen auch fähig sind, in interkulturellen Situationen neue kommunikative Ausdrucksformen zu erlernen und situativ anzuwenden.

In der allgemeinen Forschungsliteratur wird grundsätzlich zwischen mündlicher und schriftlicher Kommunikation unterschieden. Einigen Autoren sprechen auch von interpersonaler und medialer Kommunikation (vgl. LUCHTENBERG 1999: 12).

Das Kapitel zusammenfassend läßt sich also herausstellen, daß Kommunikation – insbesondere in wirtschaftlichen Zusammenhängen – als ein Teil der zielgerichteten, interaktiven Handlungskomplexe zu verstehen ist, in die die sprachliche Äußerung meistens eingebettet ist. Der Erfolg oder der Mißerfolg eines Kommunikationsaktes hängt also vom gesamten Handlungsgeschehen ab, in das die Kommunikation eingebunden ist.

[...]


[1] Für weiterführende Informationen zur Forschungsgeschichte der interkulturellen Kommunikation und Wirtschaftskommunikation wird u.a. die Lektüre von REHBEIN (1985b: 7-9), REUTER/SCHRÖDER/TIITTULA (1991: 96-109) empfohlen.

[2] Aus Raumgründen kann die Auseinandersetzung mit den Begriffen nur in einer extrem reduzierten Weise erfolgen. Insbesondere ist es im Rahmen dieser Arbeit nicht möglich, auf die Bibliotheken füllende Problematik des Kulturbegriffs oder auf begriffliche Differenzierungen zwischen ‚interkulturell’, ‚interethnisch’ oder ‚cross-cultural’ einzugehen; zu letzterem sei auf Knapp/Knapp-Potthoff (1987)verwiesen.

[3] Detailliertere Ausführungen zum Thema „Kulturemmodell“ in OKSAAR 1986; 1991:

Details

Seiten
119
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638319775
Dateigröße
860 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v30790
Institution / Hochschule
Bergische Universität Wuppertal
Note
2,0
Schlagworte
Interkulturelle Wirtschaftskommunikation Analysen Erscheinungsweisen Problemfeldern

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Titel: Interkulturelle Wirtschaftskommunikation. Analysen von Erscheinungsweisen und Problemfeldern