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Sprache - das menschliche Phänomen

Hausarbeit 1999 50 Seiten

Psychologie - Allgemeine Psychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung
I.1. Spracherwerb

II. Sprache im Bezug auf ihre Entstehung
II.1. Sprache und ihre Ursprünge
II.2. Die Weiterentwicklung der Zeichensprache
II.3. Die sprachähnliche Kommunikation beim Menschenaffen

III. Das Kategoriensystem

IV. Sprache als motorisches Verhalten

V. Die Lokalisation der Sprache
V.1. Reiz- und Ablationsexperimente
V.1.1. Elektrische Reizung
V.1.2. Subcortikale Sprachkomponenten
V.2. Identifikation von Sprachzonen durch Hirnblutungsmessungen

VI. Neurologische Modellvorstellungen

VIII. Sprachstörungen
VIII.1. Neurologische Schäden und Aphasien
VIII.2. Klassifikation von Aphasien

IX. Die Erfassung von Aphasien

X. Die Erfassung von Dyslexien

I. Einleitung

Reden, Zuhören und Lesen sind essentieller Bestandteil unseres Lebens. Die Auswirkungen des Verlustes der Sprache auf das alltägliche Leben sind unvorstellbar. Obwohl Sprache vom Menschen als etwas selbstverständliches hingenommen wird, ist hinreichend bekannt, daß sie zu einer der „komplexesten kognitiven und motorischen Fähigkeiten“ zu zählen ist.

Forschern stellt sich immer wieder die Frage, was Sprache eigentlich ist. Dennoch gibt es bis heute keine exakte Definition.

Die erste Überlegung besteht schon darin, wo die Grenze zwischen einfachen Kommunikationsformen (zum Beispiel Tierlauten) und der menschlichen Sprache zu ziehen ist. Mit dem Wunsch, die Einzigartigkeit unserer Sprache zu betonen, tendiert man dazu, die Unterschiede zur Tierkommunikation hervorzuheben. In einer Definition werden daher in der Regel Worte als „Referenzen für Dinge oder Vorstellungen und das Ordnen von Worten auf verschiedene Weisen, um die Bedeutung zu verändern“ erwähnt. Für gewöhnlich werden Worte als Basis der Sprache verstanden. Linguisten nehmen jedoch eine andere Gliederung vor.

Danach setzt sich Sprache aus Grundbausteinen zusammen. Die grundlegenden Einheiten unterscheiden sie für Gesprochenes und Geschriebenes. Für die verbale Sprache sind dies Phoneme; für das Geschriebene bilden Grapheme diese Grundlage. Werden die Phoneme in einer bestimmten Reihenfolge zusammengesetzt, so ergeben sich Morpheme (die kleinsten bedeutungstragenden Einheiten eines Wortes). Morpheme sind entweder selbst Worte oder werden zu Worten kombiniert (Morpheme als Stammform, Affix oder Flexionsform). Die Syntax wird auch als Grammatik bezeichnet und definiert, welche Kombinationen von Worten zu Phrasen und Sätzen zulässig sind. Eine Schlüsselrolle hierbei spielen Verben und der richtige Gebrauch des Tempus.

Die Gesamtheit aller Wörter einer bestimmten Sprache wird als Lexikon bezeichnet. Die Semantik stellt die Bedeutungen dar, die mit allen lexikalischen Einträgen und möglichen Sätzen korrespondiert. Die menschliche Sprache ist durch eine vokale Intonation gekennzeichnet, die die buchstäbliche Bedeutung variieren lassen kann. Der Diskurs ist eine Verbindung von Sätzen zu einer Erzählung.

Durch die Phrasen- oder Konstituentenstruktur gliedern Pausen den gesprochenen Satz. Geschriebene Sätze werden in Wortgruppen gegliedert.

Ein sehr umfassender Begriff ist das Sprachverständnis. Gehörte Worte und Phoneme werden im Kurzzeitgedächtnis gespeichert. Ihre Bedeutung wird mit Hilfe des Langzeitgedächtnisses geklärt. Die Repräsentationen von Phonemen und Konstituenten werden organisiert und die Bedeutung der Konstituenten geklärt. Die Konstituenten werden zum Schluß kombiniert und so die Bedeutung des Satzes erfaßt.

Propositionen sind die Bedeutungseinheiten, in denen Sprache repräsentiert ist. Sie bestehen aus ein bis zwei Wörtern und einem Prädikat (Verb, Adjektiv, Adverb). Zur Sprachproduktion gehören ebenfalls mehrere Prozesse die hintereinander (seriell) und zeitlich nebeneinander (parallel) ablaufen. Der soziale Kontext beeinflußt hierbei die Wortwahl des Sprechenden. Erscheinen diese Begriffe zunächst auch sehr abstrakt, so werden sie im Laufe dieser Arbeit öfter verwendet und im Kontext auch leichter verstanden.

Der Artikulation von Lauten geht die Planung der Sprache voraus, die an einen Problemlöseprozeß erinnert. Hierbei wird der Larynx mit seinen Stimmbändern zum Schwingen gebracht, indem Luft ausgestoßen wird. Durch Lippen- und Zungenstellung wird der Laut geformt.

Trotz ähnlicher neuronaler Strukturen lassen sich Sprechen, Verständnis und Planung von Sprache voneinander abgrenzen.

Obwohl Sprache vorwiegend akustisch verstanden wird, existieren auch visuelle Formen (z.B. American Sign Language- ASL).

Linguisten unterscheiden Sprache meist durch Worte und deren Komponenten. Mac Neilage wies darauf hin, daß es einmalig ist, daß der Mensch Silben gebraucht, die sich aus Vokalen und Konsonanten zusammensetzen. Tiere können keine Konsonanten erzeugen und somit auch keine Silben.

Mac Neilage verbindet die Einzigartigkeit mit der Fähigkeit, den Mund so zu formen, daß Konsonanten entstehen, die mit Vokalen Silben erzeugen können.

Es muß trotz der typischen Aspekte der menschlichen Sprache erwähnt werden, daß diese auch beim homo sapiens nicht auf einmal da war. Es stellt sich also die Frage nach evolutionären Spuren des Sprachentwicklungsprozesses. Es werden also Verhaltensmerkmale gesucht, die durch Selektion beeinflußt werden konnten und somit zum Spracherwerb beitrugen. So soll herausgefunden werden, welche Fähigkeiten sich wie herauskristallisierten und so ein Schluß darauf zugelassen werden, wie Sprache im Gehirn repräsentiert wird.

I.1. Spracherwerb

Eines der ersten Dinge, die ein Mensch tut, ist Sprechen zu lernen. Das Lernen von Sprache bei kleinen Kindern ist erstaunlich. Ausgezeichnete Sprachkenntnisse werden in wenigen Jahren erworben, obwohl wenig systematische Anleitung geboten wird. Häufig bekommen sie falsche Informationen (z. B. Babysprache) durch die Eltern.

Es gibt eine Unterteilung des Spracherwerbs in vier Abschnitte, die im Folgenden näher betrachtet werden sollen.

Das Lallstadium

Noch bevor der Stimmapparat fertig ausgebildet ist, bringen Babys Laute hervor. Ab dem zweiten Monat beginnen sie mit Gurren (z.B. gugu, grgr, ngä, ngr o.ä. nach Szagun 1980). Ab dem vierten oder fünften Monat beginnen sie zu lallen. Der Beginn scheint biologisch determiniert zu sein. Auch taub geborene Kinder lallen bis ca. zum sechsten Monat. Dann hören sie auf und nur ein spezielles Training ermöglicht es, daß sie sprechen lernen. Da es sich aus silbenähnlichen Lautfolgen zusammensetzt, klingt das Lachen sprachähnlich. Neben dem Lallen geben Kleinkinder auch Sprachäußerungen von sich, die als Reaktion auf Laute der Eltern gedeutet werden können. Manchmal tun sie es gleichzeitig, manchmal führen Eltern und Babys ein „Gespräch ohne Worte“, indem sie abwechselnd Laute von sich geben. So können Tonfall und Lautmuster gelernt werden. Im Gespräch mit Kleinkindern wird von Erwachsenen eine andere Sprechweise verwendet als sonst. Diese ist durch eine übertriebene hohe Intonation gekennzeichnet und wird als Ammensprache oder als Babysprache bezeichnet (Szagun 1980). Ihr werden verschiedene Funktionen zugeschrieben (Markierung eines „Sprecherwechsels“ in Mutter- Kind- Dialogen, Unterstützung für das Kleinkind beim Verfolgen und Analysieren von sprachlichen Komponenten, Erlangen und Aufrechterhaltung von Aufmerksamkeit, Kommunikation affektiver Gehalte).

Jammernde Kinder werden durch ein Senken der Stimme von den Müttern zu beruhigen versucht, während die Aufmerksamkeit lebhafter Kinder durch ein Heben der Stimme zu erlangen versucht wird. Fernald nahm 1985 eine Stichprobe von 48 Säuglingen im Alter von vier Monaten. Diese hörten Tonbandaufnahmen anderer Mütter, wenn diese erstens mit ihren Babys und zweitens mit anderen Erwachsenen sprachen. Die Vorlieben der Babys wurden gemessen, indem man zählte, wie oft die den Kopf in Richtung eines dieser Sprechreize drehten. Fernald stellte eine allgemeine Vorliebe für die Ammensprache fest. Gegen Ende des ersten Lebensjahres beginnen Babys, die Prosodie ihrer Eltern nachzuahmen.

Das Einwortstadium

Das eigentliche Sprechen hat seinen Beginn am Ende des ersten Lebensjahres, wenn die ersten Worte ausgesprochen werden. Meist sind die ersten Wörter Substantive. Damit werden zunächst sich bewegende, Geräusche machende Dinge bezeichnet (z.B. Mama, Ball). Tritt das Wort „Mond“ das erste Mal im Wortschatz des Kindes auf, so ist häufig nur ein runder Gegenstand gemeint. Im weiteren Verlauf wird das Wort auch mit den anderen Eigenschaften des Mondes assoziiert bis es letztlich nur als Bezeichnung für den Mond verwendet wird (Clark 1973). Die ersten Wörter von Kindern werden als Behauptungen und Forderungen verstanden. Behauptungen äußern sich, indem auf einen Gegenstand gezeigt und ihm ein Name zugeordnet wird. Diese Behauptungen sollen die Erwachsenen darauf aufmerksam machen, was im Moment gerade interessiert. Forderungen erscheinen, wenn nach dem Gegenstand gegriffen und mit weinerlicher Stimme darum gebeten wird. Nicht nur die Bedeutung einzelner Wörter wird erlernt, sie werden auch zur Kommunikation umfassenderer Bedeutungen genutzt. In diesem Stadium macht das Kind erste Erfahrungen, wie Wörter zu Sätzen zusammengestellt werden. Nicht verwendet werden in diesem Stadium Wörter, die innere Zustände, Beziehungen oder passive Gegenstände (ohne für das Kind und seine Wahrnehmung hervorgehoben zu sein) bezeichnen.

Das Zweiwortstadium

Im Alter von etwa achtzehn Monaten wird begonnen, Wörter zu Zweiwortäußerungen zusammenzufügen. Um diese Zweiwortäußerungen zu verstehen, müssen Erwachsene den Kontext kennen. Braine fand 1976 heraus, daß zehn Kinder, die mit unterschiedlichen Sprachen aufwuchsen, meist über drei semantische Relationen sprachen: „Beweger, Bewegliches und Lokalisierung“ (Beispiel nach Zimbardo: Beweger und Bewegliches: „Tanja Ball!“, wenn Tanja den Ball tritt; Lokalisation: „sitz Zimmer“, wenn jemand im Zimmer sitzt)

Alle Kinder sprechen erst in Einwortsätzen, ehe sie ins Zweiwortstadium kommen. Ein Dreiwortstadium existiert nicht.

Das Stadium des Telegrammstils

Der nächste Schritt nach dem Zweiwortstadium ist der Telegrammstil. Die Kinder bilden einfache kurze Sätze, in denen Tempusendungen und Pluralbildungen völlig fehlen. Diese Sätze enthalten ungewöhnlich viele Inhaltswörter (meist Substantive und Verben). Auch Funktionswörter (z.B. der, und, von) werden nicht verwendet. Ab dem Alter von zweieinhalb Jahren werden Wörter gebraucht, die innere Zustände beschreiben (z.B. träumen, glauben, hoffen). Kinder sprechen nun also nicht mehr nur über die physische, sondern auch über die psychologische Welt. Im weiteren Verlauf wird die Sprache immer komplexer.

Das Kind verfügt über mehr Wörter, grammatische Regeln, verfeinerte Erinnerungsstrategien und abstrakte Gedankengänge werden verstanden.

Kinder bilden Hypothesen darüber, wie Wörter und Laute kombiniert werden, um einen bestimmten Inhalt zu vermitteln. Auch über Regeln der Phonologie, der Syntax und der Semantik stellen sie Hypothesen auf. Ein häufiger Fehler bei der Sprachentwicklung bei Kindern ist die Übergeneralisierung von Regeln (Regel wird zu oft angewendet).

Lernen Kinder Sprache, indem sie nachahmen, was sie hören? Lernen sie, weil Lob richtige Konstruktionen belohnt und Tadel falsche bestraft? Skinner sieht den Spracherwerb als Vertreter der Umwelthypothese, als reine erlernte Fähigkeit. Diese Hypothese scheint aber nicht zuzutreffen. Grammatik zum Beispiel wird nicht durch Nachahmung erlernt. Viele Kinder im Vorschulalter beschäftigen sich nicht nur damit, nachzusprechen, was ihnen vorgesagt wird. Dennoch werden hier zahlreiche grammatikalische Regeln erlernt. Auch Zustimmung und Ablehnung der Grammatik durch die Eltern sind keine hinreichende Erklärung, da sie meist ausbleiben. Eltern korrigieren Kinder eher auf den Wahrheitsgehalt. Bei Erwerb der sprachlichen Fähigkeiten üben Umwelteinflüsse aber doch einen beträchtlichen Einfluß aus. Es gibt hinreichend Forschungsergebnisse, die biologischen Faktoren eine wesentliche Rolle zuschreiben.

Die Forschungsergebnisse zeigen, daß biologisch vorgeformte geistige Strukturen für den Spracherwerb vorhanden sind. Diese schränken die Hypothesen soweit ein, daß Verstehen und Produktion von Sprache vereinfacht werden.

Lenneberg stellte fest, daß unter der Voraussetzung, daß Interaktion mit menschlichen Sprechern möglich ist, Sprache in Stadien entwickelt wird, die in engerem Zusammenhang mit körperlichen und kognitiven Reifungsprozessen stehen. Sprechen wird von Kindern systematisch erlernt.

Sprache wird zerlegt und dann werden Regeln entwickelt aufgrund derer sie wieder zusammengesetzt wird. Durch diese Regeln können Sätze entstehen, die die Kinder nie zuvor gehört haben. Die biologische Grundlage für den Spracherwerb entbehrt jedoch nicht gewisser Anstrengungen. Kinder formulieren ständig neue Hypothesen und testen diese, wenn sie neue Wortbedeutungen und neue grammatikalische Regeln lernen. Sie lernen Sprache einzusetzen, so daß sie ihren Zwecken genügt.

Sie wollen informieren, überreden, schmeicheln und verschleiern. Dazu werden Alliterationen und Metaphern verwendet, neue Wörter erfunden und Mittel entdeckt, Ängsten und Phantasien Ausdruck verliehen.

II. Sprache im Bezug auf ihre Entstehung

II.1. Sprache und ihre Ursprünge

Schon seit Jahrhunderten rätselt der Mensch, woher Sprache kommt, und wie sie entstand. Eine bekannte Theorie und wohl auch nahest liegende, besteht darin, daß sich langsam aus den verschiedenen Typen von Lautäußerungen entwickelt hat. Es existieren viele Variationen dieser Theorie. So z.B. die „Buh- Buh- Theorie“, die besagt, daß Sprache sich aus Geräuschen entwickelte, die eng mit Emotionen verbunden waren oder zumindest mit solchen assoziiert werden. Die „Wau- Wau- Theorie“ impliziert, das Geräusche aus der Natur nachgemacht wurden, aus denen Sprache entstand. Auch ist es möglich, daß Sprache sich aus Lauten entwickelte, die mit natürlichen Lauten in Verbindung stehen sollten. Dies wird als „Joheho- Theorie“ bezeichnet. Als letztes Beispiel soll die „Sing- Song- Theorie“ erwähnt werden, die besagt, daß Geräusche, die beim Spielen oder Tanzen entstehen, Grundlage für die menschliche Kommunikationsform sind. Diese Aufzählung erhebt keinesfalls Anspruch auf Vollständigkeit und soll den Umfang nur kurz anreißen. Obwohl es sehr schwer ist, Beweise für diese Art Theorie zu finden. Dennoch sind Stekles und Raleigh Verfechter der evolutionären Theorie der Vokalisation. Sie führen an, daß die Theorie auf wenigen Grundaussagen aufbaut und einen „direkten Erklärungsversuch darstellt“.

Viele Primaten verwenden nichtemotionale Laute. Für das Sprechen ist eine Verfeinerung der Bewegungen im Stimmapparat nötig. Die Evolution neuer, umfangreicher Bewegungsmöglichkeiten bildet die neuronale Grundlage hierfür.

Es gibt noch zwei weitere Theorien, die durch zahlreiche Forschungsergebnisse teilweise bestätigt wurden und daher einer Erwähnung bedürfen. So wird einerseits behauptet, daß die heutige Sprache noch ziemlich jung ist. Die zweite Theorie geht von einer sehr alten Sprache aus, die sich von der gestischen Form zu der heutigen entwickelt hat.

Beide Theorien sind insofern vereinbar, daß sie sich eventuell aus Gesten zu der gegenwärtigen vokalen Form wandelte. Zunächst soll davon ausgegangen werden, daß Sprache eine sehr junge Entwicklung ist. So wurde von Swadish eine Liste mit einhundert grundlegenden lexikalischen Ausdrücken zusammengestellt, von denen angenommen wird, daß sie in jeder Sprache zu finden sind (z.B. „ich“, „zwei“, „Frau“, „Sonne“, „grün“). Im weiteren schaute er, inwiefern diese Wörter bei der Entstehung neuer Dialekte verändert werden (Schätzungen: alle 1000 Jahre 14% Veränderung). Nach einem Vergleich der Listen der aufgeführten Wörter, die in unterschiedlichen Teilen der Welt gesprochen werden, schätzte Swadish, daß vor etwa zehntausend bis einhunderttausend Jahren alle Menschen die gleiche Sprache verwendeten. Er geht auch davon aus, daß in dieser Zeit die Ursprünge der Sprache liegen.

Warum aber sollte man nun davon ausgehen, daß Hominiden, die schon seit einhunderttausend Jahren existieren, vor dieser Zeit nicht sprachen?

Liebermann untersuchte die Eigenschaften des Stimmapparats, die das Sprechen ermöglichen. So hat der Mensch heute einen tiefgelegten Larynx (Kehlkopf) und einen großen Rachen, was sonst im Reich der Lebewesen wohl nicht mehr gefunden werden kann. Diese Ausprägungen sind beim Menschenaffen nicht zu finden. Auch Neugeborene sind so nicht ausgestattet. Dadurch ist es ihnen nicht möglich, alle Laute zu bilden, die in der menschlichen Sprache auftreten. Schädelrekonstruktionen veranlaßten Liebermann anzunehmen, daß auch die Neandertaler nicht fähig waren, die heute benötigten Laute zu bilden (insbesondere konnten die Vokale a, i und u nicht erzeugt werden).

Daß die Lage des Kehlkopfes sich änderte, beeinflußt nicht nur die Sprachfähigkeit, sondern übt auch Einfluß auf die Atmung und die Nahrungsaufnahme aus. Betrachtet man die Kehlkopflage bei einem Säugling, einem erwachsenen Schimpansen und einem erwachsenen Menschen, so ist beim Säugling deutlich zu erkennen, daß der hochliegende Kehlkopf es ermöglicht, gleichzeitig zu atmen und zu trinken. Die Trinkflüssigkeit kann um den Larynx herum in die Speiseröhre fließen.

Auch der Schimpanse verfügt über die Fähigkeit, während des Atmens zu schlucken. Der bereits erwähnte tiefliegende Larynx des Menschen erfordert jedoch, daß während der Nahrungsaufnahme die Atmung eingestellt wird.

Kritik an dieser Hypothese Liebermanns kam auf, da kein Tier wirklich zum selben Zeitpunkt vermag zu atmen und zu schlucken. Ebenfalls steht nicht fest, ob die Qualität der Neandertalerschädel es zuläßt, die Lage des Kehlkopfes festzulegen. Sollte Liebermanns Hypothese jedoch stimmen, und eben diese „Beziehung zwischen Sprechfähigkeit und der Anatomie des Vokaltraktes“ bestehen, so kann man schlußfolgern, daß „moderne Sprache vor über einhunderttausend Jahren noch nicht existiert hat.“ So ergibt sich ebenfalls, daß es vor dem Cro- Magnon- Menschen keine Sprache gab.

Auch andere Forschungen folgen dieser Richtung. So scheint es eine Verbindung zwischen Sprechfähigkeit und Schriftentwicklung zu geben. Voraussetzungen für beide sind feinmotorische Bewegungsabläufe. Also ist es möglich, daß Sprache und Schrift etwa gleichzeitig auftraten? So können erste vom Menschen erzeugte Symbole ca. 30000 Jahre zurückdatiert werden (Alexander Marshack)- ein Hinweis darauf, daß auch etwa da die Sprechfähigkeit vorhanden war. Fakt ist, daß der homo sapiens sapiens vor etwa 40000- 100000 Jahren erschien. So werden diese drei Richtungen zusammengeführt und es entsteht fast eine Bestätigung der Hypothese, die die Sprache als „entwicklungsgeschichtlich jüngste Eigenschaft ausweist“.

Holloway sieht die Sache aus paläontologischer Sicht und behauptet, daß eine rudimentäre Sprache schon beim Australopithecus (vor ca. 2,5- 3,5 Millionen Jahren) möglich war.

[...]

Details

Seiten
50
Jahr
1999
ISBN (eBook)
9783638102254
Dateigröße
472 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v308
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Institut für Psychologie
Note
eins
Schlagworte
Sprache Phänomen

Autor

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