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Internationale Migration als Lösung für nationalen Fachkräftemangel. Die Zuwanderung aus mittel- und osteuropäischen Ländern in die BRD

Seminararbeit 2015 40 Seiten

BWL - Personal und Organisation

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.Verzeichnisse
1.1 Abkürzungsverzeichnis
1.2 Variablenverzeichnis
1.3 Abbildungsverzeichnis

2 Einleitung

3 Historische Grundlagen
3.1 Migrationserfahrungen der BRD
3.1.1Anwerbephase
3.1.2 Konsolidierungsphase
3.1.3 Abwehrphase
3.1.4 Akzeptanzphase
3.2 Migrationserfahrungen der MOEL in die EU

4.Determinanten für Zuwanderer aus MOEL
4.1 Wirtschaftliche Determinanten
4.1.1 Lohn und Einkommensdifferenz
4.1.2 Wahrscheinlichkeit einer Beschäftigung
4.1.3 Netzwerke und Verbindungen zu Zuwanderkolonien
4.1.4 Sozialstaatliche Einrichtungen
4.1.5 Bestehende Regulierungen des Empfangsstaates
4.1.6 Demographische Struktur des Sendelands
4.1.7 Höhe der Wanderungskosten
4.2 Sozio-kulturelle Determinanten

5 Ökonomische Effekte der Zuwanderung von Arbeitskräften aus den MOEL
5.1 Grundlegende Migrationsmodelle zur Erklärung der Beschäftigungs- und
Arbeitsmarkteffekte der Zuwanderung von Arbeitskräften aus MOEL
5.1.1 Migration und Vollbeschäftigung: Das Berry-Soligo-Modell
5.1.2 Migration und Arbeitslosigkeit: Das Harris-Todaro-Modell
5.1.3 Zusammenfassung und Kritik an beiden Modellen
5.2Entstehung kurzfristiger wirtschaftlicher Beschäftigungs- und Einkommenseffekte
5.2.1 Geschlossene Volkswirtschaft
5.2.2 Offene Volkswirtschaft
5.4 Effekte der Zuwanderung von Arbeitskräften aus MOEL für den Sozialstaat

6 Gesetzliche Rahmenbedingungen für die Erwerbsbeteiligung von Arbeitskräften aus MOEL in Deutschland
6.1 Rechtliche Grundlagen
6.2 Befristete Beschäftigungsverhältnisse aufgrund bilateraler Vereinbarungen
6.2.1 Gastarbeitnehmer
6.2.2 Saisonarbeitnehmer

7 Schätzverfahren des Migrationspotenzials von Arbeitskräften aus den MOEL-Ländern nach Deutschland
7.1 (Experten-)Befragungen
7.2 Strukturelle (dynamische) Modelle
7.3 Nicht strukturelle Modelle
7.4 Bewertung der Schätzungsverfahren

8 Fazit

9 Literaturquellen
9.1 Literarische Quellen
9.2 Internetquellen

1.Verzeichnisse

1.1 Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1.2 Variablenverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1.3 Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Die vier Phasen der Zuwanderung. Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an Bade (2001).

Abbildung 2: Ausländische Bevölkerung aus den MOEL-8-Staaten in ausgewählten Mitgliedsstaaten der EU. Quelle: O.V.[b] (2011), S.293.

Abbildung 3: Jährliche Migrationsraten der MOEL. Quelle: Straubhaar (2001), S.22-23.

Abbildung 4: Sektorale Struktur der deutschen und ausländischen. sozialversicherungspflichtigen Arbeitnehmer 2000; in 1000 Personen. Quelle: Von Loeffelholz (2002), S.11.

Abbildung 5: Top 10 der Anzahl der Ausländer in Deutschland nach Herkunftsland. Quelle: Statistisches Bundesamt (2014).

Abbildung 6: Altersstruktur in der erweiterten Europäischen Union (Stand: 2002). Quelle: Eurostat (2004), Council of Europe (2002), Berechnungen des ifo Instituts.

Abbildung 7: Migrationswirkungen im Berry-Soligo-Modell. Quelle: Kuschenereit (2002), S. 21.

Abbildung 8: Potenzielle Migrationswirkungen nach dem Berry-Modell auf das Volkseinkommen in Deutschland im Jahr 2000. Quelle: Kuschenereit (2002), S. 22.

Abbildung 9: Das Migrationsgleichgewicht im Harris-Todaro-Modell. Quelle: Kuschenereit (2002), S. 25.

Abb. 10: Tabellarische Übersicht zu Schätzungen des Migrationspotenzials nach der EU-Erweiterung. Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an O.V. [a] (2003), S. 103-104

2 Einleitung

Durch den Beitritt der zehn neuen Mitgliedsländer aus dem mittel- und osteuropäischen Raum am 01.05.2004 hat sich die Bevölkerung der EU um 74 Millionen auf rund 455 Millionen Menschen erhöht. Einerseits wird diese Erweiterung der EU-Länder in der Öffentlichkeit nicht nur unter politischen Aspekten sondern auch mit Blick auf die konjunkturellen und wirtschaftlichen Konsequenzen mit Sorge verfolgt. Anderseits ergeben sich für die Einwanderer aus MOEL und für die Arbeitgeber aus den alten EU-Ländern aufgrund der Freizügigkeit des EU-Binnenmarktes neue berufliche Perspektiven. Deutschland ist in der heutigen Zeit mit mehr als 576 Tausend eingewanderten Bürgern aus den MOEL neben Großbritannien der größte Empfangsstaat von Migranten dieser Sendestaaten. Deshalb ist gerade in der BRD die Thematik, welche Konsequenzen die Zuwanderung von MOEL- Bürgern zukünftig haben wird, von hoher Bedeutung.

Da man zu Beantwortung dieser Frage umfassende empirische Studien durchführen müsste, was im Rahmen dieser Arbeit nicht möglich ist, wird die Thematik umfassend aus allgemein- theoretischer Sicht dargestellt und an gegebener Stelle mit bereits vorhandenen Studien und Statistiken belegt.

Als Ausgangspunkt dieser Arbeit dient zunächst die Darstellung des gesamthistorischen Kontextes, der zu der gegenwärtigen Situation - insbesondere in Deutschland - geführt hat. Anschließend sind die aus heutiger Sicht entscheidenden Gründe, die zu einer Migrationsentscheidung führen, zu nennen und deren Relevanz unter Berücksichtigung von Statistiken zu deuten. Daraufhin werden insbesondere die kurzfristigen Lohn- und Arbeitsmarkteffekte, die Zuwanderung für den deutschen Markt hat, näher analysiert. In diesem Kontext werden grundlegende Migrationsmodelle zur Erklärung der Beschäftigungs- und Lohneffekte der Einwanderung von Arbeitskräften vorgestellt. An dieser Stelle ist es wichtig, dass die Effekte von Migration für den deutschen Sozialstaat geschildert werden. Infolgedessen ist es interessant die gesetzlichen Rahmenbedingungen für die Erwerbsbeteiligung von Arbeitskräften aus MOEL in Deutschland zu nennen. Letztlich werden Schätzungsverfahren vorgestellt, mit denen man das Migrationspotenzial messen kann bzw. dieses gemessen wurde. In einem abschließenden Fazit werden die zentralen Erkenntnisse dieser Arbeit zusammengefasst und ein Ausblick gegeben.

3 Historische Grundlagen

Diese Kapitel gibt zunächst einen geschichtlichen Überblick über die Migrationserfahrungen aus Sicht der BRD und anschließend aus Perspektive der MOEL.

3.1 Migrationserfahrungen der BRD

Die Zuwanderung in die BRD unterlag im Laufe der Zeit einem deutlichen Wandel. In der Literatur wird zwischen vier Phasen der Zuwanderung in die BRD unterschieden (vgl. Abb. 1)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Die vier Phasen der Zuwanderung

Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an Bade (2001)

3.1.1 Anwerbephase

In der Anwerbephase, die von 1955-1973 dauerte, immigrierten Gastarbeiter durch Anwerbeabkommen mit Mittelmeeranrainerstaaten. Auch wenn die durchschnittliche Arbeitslosenquote in Westdeutschland im Jahr 1955 bei 5.1 % lag und man somit nicht von einer globalen Arbeitskräfteknappheit reden konnte, herrschten doch erhebliche regionale und strukturelle Unterschiede innerhalb des Landes. So war zum Beispiel in Baden-Württemberg mit einer Arbeitslosenquote von nur 2,2 % bereits ein Arbeitskräftemangel spürbar. Auch für die Landwirtschaftsbranche wurden Arbeitskräfte benötigt, da man das Lohngefüge durch die Beschäftigung billiger ausländischer Arbeitnehmer auf relativ niedrigem Niveau halten wollte. Allerdings wurden bis 1959 nur rund 50.000 italienische Gastarbeiter, die vornehmlich in der Landwirtschaft beschäftigt waren, gezählt.

Erst nachdem die durchschnittliche Arbeitslosenquote auf nur 1,3 % fiel, gewann die Gastarbeiterpolitik an Dynamik und es wurden weitere Anwerbeabkommen geschlossen, u.a. mit Griechenland, Marokko, Portugal, Tunesien und Jugoslawien.

Die geringe Qualifikation der Gastarbeiter hatte zwei wichtige Konsequenzen: Zum einen wurde durch die Besetzung gering qualifizierter Arbeitsplätze mit Gastarbeitern den Einheimischen die Möglichkeit des beruflichen Aufstiegs ermöglicht. Zum anderen wurde aber auch ein Modernisierungsdefizit beklagt, was darauf abzielt, dass die Arbeitsproduktivität in einem weitaus geringeren Ausmaß steigen würde.

Eines der wichtigsten Elemente der Gastarbeiterpolitik war die Vorstellung eines rein auf die Arbeit beschränkten kurzfristen Aufenthaltes, also dass der Gastarbeiter bevor er anfing sich in Deutschland zu integrieren, bereits wieder zurück in der Heimat sein und nach Bedarf ersetzt werden sollte. Diese Vorgehensweise ließ sich aber nur schwer in der Realität umsetzen, denn die Gastarbeiter fühlten sich in Deutschland wohl und ab den 60er Jahren entschieden sich immer mehr von Ihnen längerfristig in Deutschland zu bleiben. Dies begrüßten letztendlich auch die Arbeitgeber, denn so sparten sie Kosten, die entstanden wären, um neue Mitarbeiter anzuwerben und anzulernen. Die gesamtwirtschaftliche KostenNutzen-Rechnung fiel deshalb deutlich schlechter aus als erwartet.

3.1.2 Konsolidierungsphase

Die Konsolidierungsphase, die von 1973 bis 1980 dauerte, wurde durch die Verhängung eines Anwerbestopps im November 1974 eingeleitet. Dieser wurde ausgelöst durch die im Zusammenhang mit der Ölpreiskrise stark erhöhten Arbeitslosenquoten, die ab 1974 bei Ausländern höher lag als bei Deutschen. Damit wurden nicht nur alle Anwerbeaktivitäten gänzlich eingestellt, auch die bereits angeworbenen Ausländer hatten um ihren Arbeitsplatz zu fürchten, denn dieser wurde aufgrund des Inländerprimates in dem 1969 geschaffenen Arbeitsförderungsgesetzes nur an einen Gastarbeiter vergeben, wenn keine Bewerbung von einem Deutschen vorlag. Auch aufgrund dieser Veränderungen versuchten immer mehr Gastarbeiter in Deutschland sesshaft zu werden. Eine zweite Generation wuchs heran.

3.1.3 Abwehrphase

Durch den Fall des Eisernen Vorhangs wurde ab 1985 ein Migrationsschub von Ost nach West ausgelöst. Höhepunkt bildeten die Monate November und Dezember des Jahres 1989 mit einer Bruttozuwanderung von ca. 1,5 Millionen Menschen. Davon waren rund 400.000 Menschen Ostdeutsche und ebenso viele Aussiedler, also deutschen Staatsangehörigen, die in den ehemals deutschen Gebieten östlich der Oder-Neiße-Linie geboren wurden und zunächst nach 1945 dort verblieben waren und dann nach Deutschland übersiedelten.1

3.1.4 Akzeptanzphase

Verbunden mit dem Regierungswechsel von 1998 setzte die Akzeptanzphase ein, die einen Wandel von der Ausländerpolitik hin zu einer Migrations- und Integrationspolitik darstellt. Meilensteine dieser Phase waren das seit dem 01.01.2000 liberalisierte, offenere Staatsangehörigkeitsrecht, die Einführung der Greencard für IT-Spezialisten im gleichen Jahr und das Wettrennen der Parteien um ein Zuwanderungsgesetz.2 Dieses trat am 01.01.2005 in Kraft tritt.

3.2 Migrationserfahrungen der MOEL in die EU

Zwei historische Ereignisse waren von maßgeblicher Bedeutung für die Migration von MOEL-Bürgern in EU-Länder. Auf der einen Seite war dies der Fall des Eisernen Vorhangs und auf der anderen Seite der Beitritt ausgewählter MOEL in die EU am 01.05.2004.

Die durch den Zusammenbruch der Sowjetunion ausgelöste Öffnung der Grenzen der MOEL war entscheidend dafür, dass viele Bürger dieser Länder die Möglichkeit zur Flucht in den Westen nutzten. 1990 war mit 300.000 Immigranten das Jahr, in dem die meisten Menschen aus den MOEL in die EU einwanderten. Ab dem Jahre 1993 nahmen die Einwanderungswellen aus den MOEL in die EU stetig ab und kamen schließlich fast gänzlich zum Erliegen. Ausschlaggebend dafür waren u.a. die steigende Arbeitslosigkeit in der EU, die verbesserten Wachstumsaussichten und die zunehmende politische Stabilität in den MOEL.

Auch die Verschärfung der Asylpolitik in den EU-Mitgliedsstaaten schloss seit 1993 die Gewährung von politischem Asyl für Staatsbürger der Kandidatenländer in der EU nahezu völlig aus.3 1989 lebten in der EU ca. 850.000 Menschen aus mittel- und osteuropäischen Ländern, was einem Anteil von 0,23 % an der Gesamtbevölkerung der EU entspricht.

Im Zuge der Osterweiterung vom 01.05.2004 waren mit Estland, Lettland, Litauen, Polen, der Slowakei, Slowenien, Ungarn und der Tschechischen Republik acht mittel- und osteuropäische Länder der EU beigetreten. Diese bezeichnet man explizit als MOEL-8. Am 01.01.07 traten mit Bulgarien und Rumänien zwei weitere Länder der EU bei.4 Aus den MOEL-8 wurden die MOEL-10. Am 01.07.2013 wurde Kroatien 28. Mitgliedsstaat der EU.5 Die nun für diese Staaten geltende Freizügigkeit auf dem Arbeitsmarkt wurde aufgrund von Besorgnissen auf Seiten einiger EU-15-Staaten - den Staaten, die die EU vor der Osterweiterung zählte - eingeschränkt, da unerwünschte Arbeitsmarkteffekte befürchtet wurden. Deutschland war zusammen mit Österreich das erste Land was die Inanspruchnahme von dieser Beschränkung nahm, da aufgrund der geographischen Nähe zu den MOEL befürchtet wurde, dass es am stärksten zum Ziel der Zuwanderer würde. Die Beschränkung sah vor, dass Arbeitgeber nur in dem Fall Kandidaten aus den MOEL beschäftigen durften, wenn nachgewiesen wurde, dass es keine geeigneten Bewerber aus den MOEL gab. Die Beschränkung der Freizügigkeit endete am 01.05.2011. Die folgende Tabelle zeigt wie sich die Bevölkerungszahlen aus den MOEL-8 seit der Osterweiterung entwickelt haben (vgl. Abb. 2).6

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Ausländische Bevölkerung aus den MOEL-8-Staaten in ausgewählten Mitgliedsstaaten der EU - Quelle: O.V.[b]: (2011), S.293

Den mit Abstand höchsten Anstieg was die Bevölkerung aus MOEL-8-Staaten angeht, erfuhr das Vereinigte Königreich. Seit der EU-Osterweiterung war die Zahl der Bürger aus MOEL-8-Staaten von 123.868 auf 716.861 im Jahr 2009 gestiegen, was einen Anstieg von fast 500 % bedeutete. Zum Vergleich hatte Deutschland lediglich einen Anstieg von 29 % erfahren, was sicherlich auch auf die Beschränkung der Arbeitskräftefreizügigkeit zurückzuführen war. In Großbritannien wurde lediglich der Zugang zu Sozialleistungen eingeschränkt, der Zugang zum Arbeitsmarkt unterlag jedoch keiner Begrenzung. In der BRD hielten sich mit 438.828 Menschen im Jahre 2004 fast die Hälfte aller Bürger aus MOEL-8 Ländern auf. Diese hohe Zahl geht auch auf den Fall des Eisernen Vorhangs und des damit verbundenen Einwanderungsschubs zurück.

4 Determinanten für Zuwanderer aus MOEL

Die Motive für Zuwanderung aus den MOEL in die BRD sind vielfältig. In diesem Kapitel werden in erster Linie die wichtigsten wirtschaftlichen Gründe für Zuwanderung und ferner die soziokulturellen Determinanten vorgestellt.

4.1 Wirtschaftliche Determinanten

Die wirtschaftlichen Gründe von Zuwanderung sind vielfältig und komplex. Im Folgenden werden die einzelnen Ursachen skizziert und mit Statistiken greifbar gemacht. Diese lassen jedoch keine endgültigen Rückschlüsse darauf zu, inwieweit die eine oder die andere Determinante relevanter für eine Einwanderung in das Zielland ist, da sie nur einen kleinen zeitlichen Abschnitt und nur ein Teilgebiet der jeweiligen Ursache beschreiben.

4.1.1 Lohn und Einkommensdifferenz

Der wirtschaftliche Hauptgrund für die Zuwanderung ist offensichtlich die Lohn- und Einkommensdifferenz zwischen Sende- und Empfangsstaat (vgl. Abb. 2), so dass man die Aussicht auf ein höheres Einkommen, egal ob durch legale oder illegale Beschäftigung, bekommt.7

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3: Jährliche Migrationsraten der MOEL Quelle: Straubhaar (2001), S.22-23.8

Die Tabelle zeigt abhängig von der Einkommensdifferenz, welche jährliche Brutto- und Nettoeinwanderungsrate aus den MOEL-10 und den MOEL-8 nach Deutschland zu erwarten ist. Auch wenn die Tabelle im Prinzip nur die Migration im ersten Jahr nach dem Beitritt wiedergibt, ist sie zur Prognose darauffolgender Jahre brauchbarer, da die Zahlen verschiedene Konvergenzszenarien abbilden. Die Tabelle zeigt z.B. folgende Szenarien auf: Wenn zum Zeitpunkt des EU-Beitrittes die durchschnittliche Einkommensdifferenz zwischen Sende- und Empfangsland ca. 70 % betrüge, dann würden 111.000 Menschen aus den MOEL- 8 einwandern. Sollte die Einkommensdifferenz aber nur bei ca. 40 % liegen, würden auch nur 44.000 Menschen aus den MOEL-8 in die BRD immigrieren.9

4.1.2 Wahrscheinlichkeit einer Beschäftigung

Zuwanderung ist zudem von der relativen Wahrscheinlichkeit einer Beschäftigung im Zielland abhängig. Dieser Punkt hängt maßgeblich davon ab, wie hoch die Nachfrage nach Arbeitern im Zielland ist. In diesem Zusammenhang ist von Interesse in welchen Branchen anteilsmäßig die meisten Ausländer beschäftigt sind, denn dies lässt Rückschlüsse darauf zu, ob diese Branchen bei Einheimischen beliebter oder unbeliebter sind und somit die potenzielle Nachfrage niedriger oder höher ist (vgl. Abb. 3).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 4: Sektorale Struktur der deutschen und ausländischen

sozialversicherungspflichtigen Arbeitnehmer 2000; in 1000 Personen Quelle: Von Loeffelholz (2002), S.11 Die Tabelle zeigt, dass im verarbeitenden Gewerbe, das alle Industriebetriebe umfasst, die Rohstoffe und Zwischenprodukte weiter verarbeiten, der Ausländeranteil mit fast 10 % am höchsten liegt und gemessen an der gesamtwirtschaftlichen Branchenverteilung überdurchschnittlich ist. Letzterer Punkt gilt auch für das Dienstleitungsgewerbe, in dem der Ausländeranteil ca. 8,5 % beträgt. In diesen beiden Branchen sind mit insgesamt 1.357.000 Arbeitnehmern die mit Abstand meisten Ausländer beschäftigt. Die ca. 600.000 weiteren ausländischen Arbeitnehmer verteilen sich zu ca. 75 % auf das Baugewerbe, den Handel und den Sektor Verkehr und Nachrichtenübermittlung.

Alle diese Wirtschaftsbereiche sind einerseits dadurch gekennzeichnet, dass nur ein kleiner Teil von Arbeitnehmern eine gehobene Anstellung mit Führungsverantwortung für die große Masse der Beschäftigten hat. Andererseits erfordern die meisten Berufstätigkeiten dieser Branchen keine hohe Qualifikation und weisen Attribute auf, die zu einer geringeren Nachfrage der Einheimischen führt: z.B. ist eine Anstellung im verarbeitenden Gewerbe häufig mit stupider Fließbandarbeit, eine Tätigkeit im Dienstleistungsgewerbe mit arbeitnehmerunfreundlichen Arbeitszeiten und die Beschäftigung im Baugewerbe mit harter körperlicher Arbeit verbunden.

Die deutschen Arbeitnehmer haben ihr Hauptbeschäftigungsfeld hinsichtlich der gesamtwirtschaftlichen Branchenverteilung vornehmlich im tertiären Sektor, zu dem die Sektoren Handel, Kreditinstitute und Versicherungen gezählt werden können, und im Staatssektor, der durch den Bereich Gebietskörperschaften und Sozialversicherungen beschrieben wird. Berufe in diesen Sektoren bedürfen häufig einer hohen Qualifikation, aber bringen auch was Einkommen, Art der Tätigkeit und Aufstiegsmöglichkeiten angeht, ihre Vorteile mit sich.

Die statistischen Verteilungen sind auch gegenwärtig realistisch. Eine stetig wachsende Nachfrage nach Arbeitskräften besteht mittlerweile zudem im Bereich der sozialen Berufe, was u.a. auf den demographischen Wandel zurückzuführen ist, z.B. in der Altenpflege. Da auch hier aufgrund der Art der Tätigkeit viele Einheimische nicht ihre Zukunft sehen, wird der Anteil ausländischer Mitarbeiter erhöht sein, was den erstrebenswerten sektoralen Strukturwandel nicht voranbringt. Allerdings besteht in bestimmten Branchen ein akuter Fachkräftemangel, z.B. in der Informations- und Telekommunikations-Branche oder im Ingenieurwesen. Dies birgt ein gewisses Potenzial für ausländische Fachkräfte, die allerdings hochqualifiziert sein müssen, und könnte zu einer Verschiebung des Lohn- und Beschäftigungsniveaus zwischen der deutschen und der ausländischen Bevölkerung führen.

4.1.3 Netzwerke und Verbindungen zu Zuwanderkolonien

Auch ethnische, nationale und multinationale Netzwerke und Verbindungen zu bereits etablierten Zuwanderkolonien erleichtern die Integration im Zielland. Dies bedeutet im Klartext, dass der Migrationsstrom von den MOEL in die BRD positiv von den bereits vor Ort befindlichen Migranten gleicher Nationalität bzw. gleicher Herkunft abhängt. Dies betrifft nicht nur die kulturelle Anpassung sondern auch die Integration in spezifische Segmente des Arbeitsmarktes. In der Literatur wird dieses Phänomen als Netzwerkeffekt bezeichnet.10

Auch wenn dieser Punkt davon abhängig ist, inwieweit bereits Netzwerke vorhanden sind und inwieweit kulturelle Ähnlichkeiten, also zum Beispiel die gemeinsame Sprache, zwischen verschiedenen MOEL bestehen, ist ein maßgeblicher Indikator die Anzahl der bereits in Deutschland lebenden Menschen aus MOEL (vgl. Abb. 3).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 5: Top 10 der Anzahl der Ausländer in Deutschland nach Herkunftsland Quelle: Statistisches Bundesamt (2014)

Die Tabelle zeigt, dass aktuell Polen mit 674.152 in Deutschland lebenden Menschen nach der Türkei das zweitgrößte Einwanderungsland Deutschlands ist. Daraus lässt sich der Schluss ziehen, dass sich in Deutschland bereits eine polnische Community gebildet hat, die wiederum das Einwandern weiterer Polen erleichtern könnte. Auch Rumänien mit 355.343, Kroatien mit 263.347 und Bulgarien mit 183.263 in Deutschland lebenden Einwandern nehmen Plätze in der TOP 10 der Ausländeranzahl in Deutschland ein. Für diese Länder könnten ähnliche Szenarien gelten. Die Anzahl der in Deutschland lebenden Menschen aus weiteren MOEL sieht wie folgt aus:

Ungarn (156.812); Tschechien (49.985); Slowakei (46.168); Litauen (39.001); Lettland (27.752); Slowenien (25.613); Estland (6.023)11

[...]


1 Velling, Johannes: Immigration und Arbeitsmarkt. Baden-Baden (1995). S. 31ff.

2 Geißler, Rainer: Die Sozialstruktur Deutschlands, Bd. 3. Wiesbaden (2002). S. 289.

3 Brücker, H. The Impact of Eastern Enlargement on Employment and Labour Markets in the EU Member States. Berlin, Milano (2000). S. 25.

4 Hebler, Martin: Arbeitsmarkteffekte der EU-Osterweiterung. Berlin (2002). S. 47.

5 Da die meiste Literatur dieser Arbeit nicht auf dem Stand von 2013 ist, nimmt Kroatien keinen großen Stellenwert ein.

6 O.V.[b]: Auszug aus dem Jahresgutachten 2010/11: Chancen für einen stabilen Aufschwung. Wiesbaden (2011). S. 291.

7 Rotte, Ralph: Schwerpunktthema: EU-Osterweiterung und Zuwanderung. In: Politische Studien, Heftnummer 7. München (2001). S. 20.

8 Entnommen aus: Belke, Ansgar/ Hebler, Martin: EU-Osterweiterung, Euro und Arbeitsmärkte. München/ Wien (2002). S. 139.

9 Belke, Ansgar/ Hebler, Martin: EU-Osterweiterung, Euro und Arbeitsmärkte. München/ Wien (2002). S. 139. 12

10 Rotte, Ralph: Schwerpunktthema: EU-Osterweiterung und Zuwanderung. In: Politische Studien, Heftnummer 7. München (2001). S. 20.

11 Statistisches Bundesamt: Anzahl der Ausländer in Deutschland nach Herkunftsland (Stand: 31. Dezember 2014)

Details

Seiten
40
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668067875
ISBN (Buch)
9783668067882
Dateigröße
820 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v308012
Institution / Hochschule
Bergische Universität Wuppertal
Note
1,3
Schlagworte
internationale migration lösung fachkräftemangel zuwanderung ländern

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Titel: Internationale Migration als Lösung für nationalen Fachkräftemangel. Die Zuwanderung aus mittel- und osteuropäischen Ländern in die BRD