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Die Judenverfolgung in Würzburg im 12. Jahrhundert. Ein Vergleich zweier zeitgenössischer Quellen

Hausarbeit 2014 13 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Vergleich der beiden Quellen
2.1 Vergleich der Autoren
2.2 Personenkonstellation in den Quellen
2.3 Schilderung der Ereignisse

3. Fazit

4. Bibliographie
4.1 Quellen
4.2 Sekundärliteratur

1. Einleitung

Im Rahmen des Proseminars „Einführung in die mittelalterliche Geschichte: Die jüdische Gemeinde“ liegt der Schwerpunkt dieser Seminararbeit auf dem Vergleich zweier Quellen aus der Zeit der Judenverfolgung in Würzburg im 12. Jahrhundert Die Anfänge der ersten jüdischen Besiedlung in Würzburg gehen auf das Jahr 1147 zurück und fallen somit in die Zeit des Zweiten Kreuzzuges. Nach den Ausschreitungen des Ersten Kreuzzuges 1096 siedelten sich Flüchtlinge und Überlebende aus den rheinischen Städten in Würzburg an. Die Würzburger Judengemeinde hatte eine erhebliche Anziehungskraft für Juden aus ganz Deutschland, weil sie bereits in den 40er Jahren des 12. Jahrhunderts eine Synagoge, eine Mikwe und einen Friedhof besaß. Letzterer ist auch für die Untersuchung der Quellen von zentraler Bedeutung. Außerdem genossen die Würzburger Rabbiner einen internationalen Ruf, wodurch Würzburg im 12. Jahrhundert zum Zentrum der Gelehrsamkeit wurde.

Das entscheidende Ereignis für die Stadt Würzburg ereignete sich am 24. Februar 1147. In diesem Jahr fielen Kreuzfahrerheere, die auf dem Weg nach Jerusalem waren, in Würzburg ein und es kam zu einem Pogrom, bei dem 22 Juden getötet wurden.

Dies ist auch das Datum, über das die beiden Quellen berichten. Die erste Quelle ist ein hebräischer Bericht und stammt aus dem Gedenkbuch des R. Ephraim von Bonn, welcher die Ereignisse aus seiner Perspektive schildert. Die zweite Quelle hingegen stammt aus einer Jahreschronik, den sogenannten „Würzburger Annalen“, und berichtet aus christlicher Sicht über die Ereignisse der Judenverfolgung während des Zweiten Kreuzzuges.

Ich werde in meiner Arbeit die beiden Quellen anhand verschiedener Kriterien untersuchen und dabei sowohl die Gemeinsamkeiten, als auch die Unterschiede darlegen. Die zu behandelnden Kriterien sind zunächst der Vergleich der beiden Autoren. Danach gehe ich kurz auf die Personenkonstellation in den Quellen ein, indem ich die Verhältnisse zwischen den einzelnen Personen genauer erläutere, da dies für das Verständnis der Quellen von Bedeutung ist. Anschließend untersuche ich die unterschiedlichen Schilderungen der Quellenautoren über die Geschehnisse vom 24. Februar.

Zum Schluss werde ich anhand der verglichenen Quellen ein abschließendes Fazit ziehen, das die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der beiden Quellen herausarbeitet.

2. Vergleich der beiden Quellen

2.1 Vergleich der Autoren:

Die hebräische Quelle1 wurde in den „Hebräischen Berichten über die Judenverfolgungen zur Zeit der Kreuzzüge“ veröffentlicht.2 Sie stammt aus dem „Buch des Erinnerns“, das von Ephraim ben Jacob, auch Ephraim von Bonn genannt, vermutlich im Jahre 1170 verfasst wurde3. Dieser war ein bedeutender deutscher Talmudist, liturgischer Dichter, Chronograf und Rabbiner.4 Er wurde 1132/33 in Bonn geboren und starb im Jahre 1200. Ephraim von Bonn hatte zwei Brüder, Hillel und Kalonymus, und stammte aus der berühmten Gelehrtenfamilie des Eliezer ben Nathan.5 Er wurde in Bonn der Nachfolger des Rabbiners Joel ben Isaac ha-Levi, lehrte aber auch in Mainz und Speyer.6

Ephraims Hebräische Berichte über die Verfolgungen der Juden in Deutschland, England und Frankreich zwischen 1146 und 1196 sind von großem historischen Wert. Es sind größtenteils Niederschriften seiner eigenen Erfahrungen und Erlebnisse, die zu den wertvollsten mittelalterlichen Chroniken aus der Zeit der Kreuzzüge zählen und nach Robert Chazan die erste jüdische Quelle über die Ereignisse des Zweiten Kreuzzuges darstellt.7

Ephraim flüchtete aus Bonn „bei Beginn des Zweiten Kreuzzuges im Alter von 13 Jahren nach der Festung Wolkenburg und lernte bei seinem Verwandten Elieser ben Natan aus Mainz, wo er Beisitzer des Rabbinatskollegiums wurde.“8 Dieser war ein in Europa hoch angesehener Rabbiner, der sich nach den Ausschreitungen in Mainz 1096 mit seiner Familie in Würzburg niederließ.9 Die „Würzburger Annalen“ oder „Annales Herbipolenses“ berichten über die Geschehnisse aus dem Jahre 1147 aus christlicher Sicht.10 Annalen sind Jahrzeitbücher, die im Mittelalter zur Protokollierung wichtiger Ereignisse dienten. Meistens stammen Annalen von anonymen Verfassern, so ist es auch bei dieser Quelle.11 Es handelt sich vermutlich um einen einzelnen Verfasser. Das wird in Zeile 13 der Quelle deutlich, als von einem „Ich“ die Rede ist.12 Außerdem deutet Karlheinz Müller an, dass der Autor aus dem Umkreis des Bischofs oder des Kapitels stammen muss, da dies aus seiner Einstellung zu den Kreuzfahrern und der Art seiner Darstellung klar ersichtlich wird.13 Über die Würzburger Annalen ist nur wenig bekannt. Veröffentlicht wurden die Annales Herbipolenses in der Monumenta Germaniae Historica (MGH), deren Herausgeber Georg Heinrich Pertz ist.14 Die Würzburger Annalen zählen zu den wenigen überlieferten Notizen aus dem 12. und 13. Jahrhundert und stammen z.T. aus italienischen Quellen. Die Berichte aus dem Jahre 1147 sind etwas ausführlicher, als die übrigen Aufzeichnungen. Die handschriftliche Fassung der Annales Herbipolenses stammt aus Venedig aus der Biblioteca Marciana Zanetti.15

2.2 Personenkonstellation in den Quellen:

In den beiden Quellen tauchen einige Personen auf, die ich in diesem Kapitel genauer beschreiben werde. Die Beziehungen der Personen untereinander ist für das Verständnis der Quellen relevant.

In Quelle 1 wird in Zeile 12 erstmals der heilige R. Isaak erwähnt, der einer der 22 ermordeten Juden ist, die den Kreuzfahrern zum Opfer fallen. Bei dem Pogrom am 24. Februar 1147 wurde er ü ber seinem Buche sitzend, umgebracht. Er ist der Lehrer von Ephraim ben Jacob, dem Verfasser der Quelle. Ephraim beschreibt seinen Lehrer als einen bescheidenen, sanftmütigen und ausgezeichnet edlen Mann. Sein vollständiger Name lautet Isaak ben Eljakim. Er war der Sohn des R. Eljakim, ebenfalls Rabbiner und lebte bis zu seinem Tod 1147 in Würzburg. Außerdem hatte Isaak ben Eljakim einen Bruder, den in Zeile 48 erwähnten R. Chiskijahu. Dieser nennt sich mit vollem Namen Chiskija ben Eljakim. Er war ebenfalls der „Sohn des Rabbiners Eljakim und daher ohne Zweifel der Bruder des soeben erwähnten Rabbiners Isaak ben Eljakim.“ Chiskija kaufte nach den Judenverfolgungen vom 24. Februar zusammen mit seiner Frau Judith den bischöflichen Garten und machte diesen von nun an zum Würzburger Judenfriedhof. Es wird vermutet, dass er noch um 1170 in Würzburg gelebt hat.16

Ein weiteres Opfer der 22 Ermordeten ist ein hebrä ischer Knabe, der in Zeile 16 erwähnt wird und dessen Name in der Quelle nicht genannt wird. Er ist einer der 21 Schüler des Isaak ben Eljakim. Über ihn ist aber nur sehr wenig bekannt.

[...]


1 Im Folgenden als Quelle 1 bezeichnet.

2 Neubauer, Adolphe/Stern, Moritz (Hgg.): Hebräische Berichte über die Judenverfolgungen zur Zeit der Kreuzzüge. Berlin 1892 (Quellen zur Geschichte der Juden in Deutschland 2), S. 62f.

3 Müller, Karlheinz: Die Würzburger Judengemeinde im Mittelalter. Von den Anfängen um 1100 bis zum Tod Julius Echters (1617). Würzburg 2004 (Mainfränkische Studien 70); Haverkamp, Alfred: Jüdische Friedhöfe in Aschkenas. In: Fried, Johannes/Rader, Olaf B. (Hgg.): Die Welt des Mittelalters. Erinnerungsorte eines Jahrtausends. München 2011, S. 70-82.

4 Jewishencyclopedia, Art. "Ephraim b. Jacob": http://www.jewishencyclopedia.com/articles/5798-ephraim-b-jacob (abgerufen am 15.02.2014); Cohn-Sherbok, Dan: Ephraim ben Jacob of Bonn. In: The Blackwell Dictionary of Judaica. Ders. (Hg.). Oxford 1992. S. 140.

5 Freimann, Jakob: Efraim ben Jakob aus Bonn. In: Jüdisches Lexikon. Ein enzyklopädisches Handbuch des jüdischen Wissens in vier Bänden. Herlitz, Georg/Kirschner, Bruno (Begr.). Berlin 1928. Bd. 2, S. 242-243; Jewishencyclopedia, Art. "Ephraim b. Jacob"; Niesen, Josef: Ephraim ben Jacob. In: Bonner Personenlexikon. Ders. (Hg.). Bonn 2008. 2.,verbesserte und erweiterte Auflage, S. 97-98.

6 Cohn-Sherbok 1992, S. 140.

7 Jewishencyclopedia, Art. "Ephraim b. Jacob"; Chazan, Robert: Medieval Stereotypes and Modern Antisemitism. Berkeley u.a. 1997; Niesen 2008, S. 98.

8 Freimann 1928, S. 242-243; Niesen 2008, S. 97.

9 Müller 2004, S. 31.

10 Im Folgenden als Quelle 2 bezeichnet.

11 Fuchs, Konrad/Raab, Heribert: Annalen. In: Dtv Wörterbuch zur Geschichte. Dies. (Hgg.). München 1972. S. 68.

12 Pertz, Georg Heinrich (Hg.): Annales Herbipolenses. In: MGH SS XVI. Hannover 1859, S. 1- 14.

13 Müller, Karlheinz: „Der Stein schreit aus der Mauer“. Geschichte und Memoria der Würzburger „Judensteine“ (12.-14. Jahrhundert). In: Müller, Karlheinz/Willoweit, Dietmar/Yuval, Israel J. (Hgg.): Recht-Gewalt-Erinnerung. Vorträge zur Geschichte der Juden. Trier 2004 (Kleine Schriften des Arye-Maimon-Instituts 6), S. 13.

14 Pertz 1859, S. 1-14.

15 Wattenbach, Wilhelm/Schmale, Franz-Josef: Deutschlands Geschichtsquellen im Mittelalter. Vom Tode Kaiser Heinrichs V. bis zum Ende des Interregnum. Bd. 1. Darmstadt 1976.

16 Pertz 1859, S. 1-14; Löwenstein, Leopold/ Fischer, Herbert: Würzburg. In: Elbogen, Ismar/ Freimann, Aron/ Tykocinski, Haiin (Hgg.): Germania Judaica. Bd. 1. Von den ältesten Zeiten bis 1238. Tübingen 1963, S. 475-496.

Details

Seiten
13
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668068346
ISBN (Buch)
9783668068353
Dateigröße
462 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v308386
Institution / Hochschule
Universität Trier
Note
2,0
Schlagworte
judenverfolgung würzburg jahrhundert vergleich quellen

Autor

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Titel: Die Judenverfolgung in Würzburg im 12. Jahrhundert. Ein Vergleich zweier zeitgenössischer Quellen