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Eine Analyse von Niklas Luhmanns Text "Die Knappheit der Zeit und die Vordringlichkeit des Befristeten"

Hausarbeit 2015 19 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Struktureller Aufbau Luhmanns Aufsatz

III. Inhaltlicher Aufbau und dessen Analyse
1. Ausgangspunkt Luhmanns Betrachtungen zur Zeitproblematik
2. Luhmanns Verständnis vom Sozialem: die drei Dimensionen
2.1 Soziales: Sach-, Zeit- und Sozialordnung
2.2 Mehrdimensionale Problematik in einer komplexen Welt
2.3 Rationaler Umgang mit Komplexität
3. Termine und Fristsachen
3.1 Problematik der Terminierung
3.2 Priorität von Fristsachen – Selektive Effekte des Zeitdrucks
4. Systemstrukturelle Bedingungen des Zeitdrucks
4.1 Zeitknappheit durch funktionale Differenzierung
4.2 Zeitsparende Faktoren
5. Konsequenzen
6. Hilfsinstitutionen und Gegenstrategien

IV. Kommentar zu Luhmanns Argumentationsstil

V. Fazit und Bemerkungen

VI. Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Zeit-, Sach- und Sozialordnung nach Luhmann

I. Einleitung

Zeit verrinnt wie Sand im Stundenglas. Vom Arbeitsplatz zur Kindergrippe, abends zum Sport und nebenbei den Haushalt machen – ein täglicher Kampf gegen die Zeit. Man hetzt durch den Tag und hat kaum Zeit zu entspannen. Kaum einer hat heute das Privileg Zeit zu haben. Zeitmangel ist ein Phänomen, das die heutige Gesellschaft maßgeblich mitzubestimmen scheint

Dabei ist „Zeit an sich [.] nicht knapp“, so Luhmann (1968, S.13). Wie kommt es also zu diesem Phänomen der Zeitknappheit und wie kann man diesem problemlösend begegnen? Dieser Problematik widmet sich Luhmann in seinem 1968 erschienenen Aufsatz „Die Knappheit der Zeit und die Vordringlichkeit des Befristeten“ in der Fach-zeitschrift „Die Verwaltung“.

Dessen Verständnis und Analyse ist Gegenstand der nachfolgenden Arbeit, wobei zunächst auf den strukturellen Aufbau des vorliegenden Textes und anschließend auf inhaltliche Schwerpunkte eingegangen wird. Anschließend folgt ein Leserkommentar zu Luhmanns Argumentations- und Schreibstil und das Fazit zur Analyse des zugrunde liegenden Textes.

II. Struktureller Aufbau Luhmanns Aufsatz

Niklas Luhmanns Aufsatz „Die Knappheit der Zeit und die Vordringlichkeit des Befristeten“ will klären „wie es zu [dem] Orientierungsprimat der Zeit kommt, in welcher Art von Systemen [dieser] sich entwickelt, welche Funktionen er erfüllt und wie seinen Folgeproblemen abgeholfen werden kann“ (Luhmann, 1968, S. 1). Der Text beschreibt, welche Gründe dazu führen, dass Zeit knapp erscheint – und in welchen Systemen dies so ist. Anschließend werden die Funktionen der Orientierung an der Zeit und deren Folgen erläutert, bevor Luhmann zu Ende des Aufsatzes Möglichkeiten unterbreitet den Folgeproblemen zu begegnen. Der Text ist hierbei in mehrere Sinnabschnitte untergliedert:

1. Luhmann beginnt seine Ausführungen mittels empirischer Beobachtungen. Er beschreibt den Alltag im Hinblick auf die Zeit, die diesen maßgeblich mitzubestimmen scheint. Dadurch begründet er, warum man sich auch aus einer wissenschaftlichen Perspektive mit dem Thema beschäftigen solle.
2. Grundlage seiner Untersuchungen ist die Betrachtung dreier unterschiedlicher, unabhängiger und trotz dessen invarianter Dimensionen: die Zeit-, die Sach- und die Sozialdimension. Die Analyse deren Beziehungen zueinander und die Rolle der Zeitkomponente ist dann der Schwerpunkt des ersten inhaltlichen Punktes. Diese mehrdimensionale Schematisierung zeigt nicht nur negative Aspekte, sondern auch Chancen der gegenseitigen Entlastung der Dimensionen.
3. Die Entwicklung einer funktional differenzierten Gesellschaft führte zur Institu-tionalisierung der Zeit, somit zur Terminierung und letztendlich zur Vordringlichkeit des Befristeten.
4. Zeitknappheit, Termindruck und Werteverzerrung sind strukturbedingt und somit ein Phänomen der heutigen funktional differenzierten Gesellschaft. Es gibt Faktoren, die helfen Erwartungsstrukturen und Zeithorizont in Einklang zu bringen.
5. Es zeigen sich typische Konsequenzen des Orientierungsprimates der Zeit für die Verwaltungen zivilisierter Industriestaaten.
6. Es haben sich diverse Gegenstrategien herausgebildet, die den Umgang mit der Zeitnot und dem dadurch entstehenden Druck erleichtern.

III. Inhaltlicher Aufbau und dessen Analyse

Im Folgenden wird Luhmanns Aufsatz hinsichtlich der inhaltlichen Komponenten ana-lysiert und auf Verständnis untersucht. Dazu wird die strukturelle Einteilung des Textes beibehalten, da diese auch dem Leser Luhmanns das Verständnis erleichtert.

1. Ausgangspunkt Luhmanns Betrachtungen zur Zeitproblematik

Luhmann beginnt den Aufsatz mit einer für ihn sehr typischen Herangehensweise: So wie er hinsichtlich seiner systemtheoretischen Betrachtungen davon ausgeht, dass es Systeme gibt (Luhmann, 1987, S. 30), ist der Ausgangspunkt dieser Ausführungen, dass Zeitknappheit und -druck existiert (Luhmann, 1968, S. 1). Es ist diese Annahme auf welcher seine Betrachtungen aufbauen – keine andere der unzähligen Annahmen, die möglich wären. Als Leser muss man sich auf dies einlassen, um den nachfolgenden Untersuchungen folgen zu können.

Dabei untermauert Luhmann seine Ausgangsthese durch Empirie: Für jeden von uns gehört es zu eigenen Erfahrungswerten, dass man gehetzt von Termin zu Termin hastet, dass Prioritäten den Zeitdruck entgegenzuwirken versuchen und dass selbst der langersehnte Urlaub stark zeitstrukturiert ist (ebd.). Deshalb, so Luhmann, benötige es für diese Selbstverständlichkeiten keinerlei weiteren Nachweis und man könne ohne Bedenken von jenem Orientierungsprimat der Zeit ausgehen (ebd.). Die Knappheit der Zeit wird allerdings zur Problematik: durch Zeiteinteilung kommt es zur Verschiebung von Werten, wodurch „Zeitnot [zur] Belastung des Handelns [wird]“ (ebd.). Was Luhmann so kurz umreißt, kennt jeder. Versucht man beispielsweise rechtzeitig zur nächsten Vorlesung zu kommen, werden jegliche Verkehrsregeln inexistent. Man gefährdet das eigene und das Leben anderer. Aber nicht nur hier wird Zeitdruck zur Belastung und verschiebt lang bestehende Werte. Heutzutage ist es beinahe normal, dass man aufgrund von Zeitmangel nicht zur Geburtstagsfeier der eigenen Geschwister fährt, sondern – wenn überhaupt – den Telefonhörer in die Hand nimmt, gratuliert und sich entschuldigt: „Ich wäre gern gekommen, aber ich habe leider keine Zeit“. Luhmann trifft es demnach, wenn er von einer Werteverschiebung und Belastung des Handelns durch Zeitknappheit spricht.

Dies ist jedem von uns bewusst – und trotz dessen fragt keiner nach dem Warum. Die „Bedingungen und Konsequenzen [des Zeitmangels] liegen nicht ohne weiteres auf der Hand“, so Luhmann (1968, S. 1). Um sich den „als selbstverständlich, zwangsläufig und gewiß erscheinenden [Tatbeständen]“ (ebd.) zu nähern, muss man diese verunsichern. Luhmann konstatiert, dass die Herangehensweise wissenschaftlich sein müsse, denn „die Wissenschaft verwandelt Evidenzen in Probleme“ (Luhmann, 1968, S. 4) und dies sei notwendig, um sich einem latent erscheinenden Problem wie der Zeitknappheit zu widmen. Man kann sich nur mit einem Thema ausreichend beschäftigen, wenn man es problematisiert, d.h. hat mein keinerlei Interesse daran, wird das Thema weiterhin latent und evident bleiben. Luhmanns nachfolgende Betrachtungen gehen demzufolge „von solcher Kritik der Prämissen des täglichen Erlebens“ (ebd.) aus.

2. Luhmanns Verständnis vom Sozialem: die drei Dimensionen

Grundlage für menschliches Zusammenleben in der Gesellschaft ist für Luhmann (1968) „eine[.] Lebenswelt, die gemeinsam ausgelegt und verstanden wird, eine er-wartbare Ordnung aufweist und hinreichende Anknüpfungspunkte für übereinstimmende Erfahrungen, Kommunikationen und sonstige Handlungen bietet“ (S. 4).

2.1 Soziales: Sach-, Zeit- und Sozialordnung

Die Strukturen des Sozialen lassen sich in drei Ebenen zerlegen: zeitliche, sachliche und soziale Dimensionen des Erlebens.

Abbildung 1: Zeit-, Sach- und Sozialordnung nach Luhmann

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: eigene Darstellung in Anlehnung an Endreß, 2013, S. 162-165.

Diese drei Dimensionen, die Luhmann als Beobachtungsschema für das Soziale dienen, sind seiner empirischen Beobachtungen zufolge gegenseitig invariant. Das heißt sie sind gegen Veränderungen in den anderen Dimensionen relativ immun. Konkret heißt dies anhand der Dimensionen folgendes: die sachliche Ordnung der Welt muss gegen das Fortschreiten der Zeit in dem Maße immun sein, dass „von Augenblick zu Augenblick [nicht] alles anders werden könnte“ (Luhmann, 1968, S. 4). Innerhalb gewisser Grenzen muss es jedoch die Möglichkeit geben, kommunikative Interaktionen und Zeitpunkte gegeneinander zu variieren – aber eben nicht in dem Maß, dass die sachliche durch die zeitliche Ordnung augenblicklich aus den Fugen gerät. Eine wichtige Rolle spielt hierbei Konsens: Luhmann (1968) konstatiert, dass „Änderungen in der Welt [.] so viel Konsensgrund übriglassen [müssen], daß die Situation gemeinsam neu definiert werden kann“ (S. 4). Dazu muss eben dieser Konsens von der Sachordnung getrennt werden. Ob alle zustimmen oder nicht, darf demzufolge sachliche Entscheidungen nicht beeinflussen. Es besteht demnach eine Invarianz zwischen der einzelnen Dimensionen.

Es stellt sich allerdings die Frage, inwiefern diese Unveränderlichkeiten absolut sind. Als Konsequenz daraus, dass die eben beschriebene Trennung des Sozialen in drei Dimensionen durch die Wissenschaft verstärkt wird[1], kommt es „dem einzelnen […] zunächst gar nicht in den Sinn, nach einer strukturellen Interdependenz [dieser] zu fragen [und die Invarianzen zu hinterfragen]“ (Luhmann, 1968, S. 5). Die Latenz schützt den Einzelnen in einer komplexen Gesellschaft vor Überforderung und Verunsicherung – verschleiert aber auch die Herkunft des Problems der Zeitknappheit. Jedoch stellt Luhmann (1968) fest, dass „die einzelnen Dimensionen des Welterlebens trotz wechselseitiger Invarianzen voneinander abhängig bleiben, und zwar deshalb, weil die Komplexität einer jeden Dimension nur in Bezug auf die anderen zum Problem wird“ (S. 5). Dies bedeutet, dass jede der Dimensionen ihre eigene Problematik bzw. Knappheit hat, welche nur durch die Problematik anderer Dimensionen begründet werden kann.

Obwohl die Zeit-, Sach- und Sozialordnung demnach gegeneinander invariant sind, sind die in dem Maß auch voneinander abhängig, als dass ihre Problematik nur durch die Grenzen anderer Dimensionen sichtbar wird.

2.2 Mehrdimensionale Problematik in einer komplexen Welt

In einfachen Gesellschaften tauchen diese Problematiken nicht auf: Zeit für kom-munikative Verständigung ist reichlich vorhanden womit keinerlei Konsensprobleme entstehen, die sachlichen Strukturen der Welt sind einfach und der Abstimmungsbedarf gering. Die zivilisatorische Entwicklung hat indes dazu geführt, dass die Zeit institutionalisiert wurde: In unserer komplexen Gesellschaft sind, laut Luhmann (19-68), „Zeit, Sinnbesitz und Konsens [allerdings] knappe Güter“ (S. 6). Daraus schließt er, dass die Dimensionen sich gegenseitig begrenzen und verknappen: es kommt zu „einer Steigerung des Verhaltenstempos und der zeitlichen Präzisierung des Verhaltens und andererseits zu längeren Wartezeiten, die sozial zugemutet und institutionalisiert werden müssen“ (Luhmann, 1968, S. 7). In einer sozial komplexen Welt benötigt man mehr Zeit für Konsensfindung, knappe Systemzeit führt allerdings zu weniger optimalen Entscheidungen.

Die Strukturen und Prozesse sind in der heutigen komplexen Gesellschaftsform hoch abhängig voneinander. Somit dient die Schematisierung des Erlebens in mehrere Dimensionen dazu „die äußerste Komplexität der Welt zu erfassen und in lösbare Probleme des Erlebens und Handelns zu transformieren“ (ebd.).

[...]


[1] Luhmann konstatiert, dass Wissenschaftler der Zeit eine eigene Kausalität absprechen und das Sein objektivieren. Nur durch solch eine scharfe Trennung ist die Bewältigung der steigenden Komplexität der Gesellschaft möglich (Luhmann, 1968, S. 5).

Details

Seiten
19
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668065376
ISBN (Buch)
9783668065383
Dateigröße
590 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v308410
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Institut für Soziologie
Note
1,0
Schlagworte
Systemtheorie Niklas Luhmann Luhmann Eigengesetzlichkeiten Knappheit der Zeit Vordringlichkeit des Befristeten Zeitknappheit Zeitdruck

Autor

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Titel: Eine Analyse von Niklas Luhmanns Text "Die Knappheit der Zeit und die Vordringlichkeit des Befristeten"