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Sterbehilfe in der pluralistischen Gesellschaft. Versuch einer ethischen Bewertung der aktuellen Sterbehilfedebatte in der Bundesrepublik Deutschland

Hausarbeit 2015 25 Seiten

Ethik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretische Hinführung
2.1. Begriffsbestimmung und Eingrenzung
2.2. Rechtliche Situation in der Bundesrepublik Deutschland

3. Aktuelle parlamentarische Debatte

4. Ethische Auseinandersetzung und Positionierung
4.1. Rekurs
4.2. Was heißt, in Würde zu sterben?
4.3. Patient*innenrechte vs. Ärzt*innenrechte
4.4. Freiwillige und unfreiwillige Selbsttötung

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Wir treten fremdbestimmt in unser Leben, erlernen dann (bestenfalls) im Laufe der Zeit dieses Leben selbstbestimmt zu führen, um dann am Ende – in der Regel – wieder fremdbestimmt aus dem Leben zu scheiden. Vielen Menschen ist der Gedanke, am Ende des Lebens nicht mehr die Kontrolle zu haben, ein Graus. Aus diesem Grund ist ein nicht unerheblicher Teil der Gesellschaft bereit, das eigene Leben selbstbestimmt zu beenden zu wollen.

Die jährliche Suizidrate in der Bundesrepublik Deutschland liegt bei ungefähr 10.000 Menschen – die Anzahl der versuchten Selbsttötungen liegt dabei laut Schätzungen um das 10 bis 15 fache höher. (vgl. Lewinski 2012, S. 3) Diese Zahlen zeigen, dass es eine nicht gerade geringe Anzahl von Menschen in der bundesdeutschen Gesellschaft gibt, die sich, aus welchen Gründen auch immer, für einen selbstbestimmten Tod entscheiden. Derzeit sind sie in der Bundesrepublik Deutschland bei der Verwirklichung ihres Wunsches größtenteils auf sich selbst gestellt oder sie müssen sich an mehr oder weniger zwielichtige Organisationen wenden – denn: Ärzt*innen ist es aufgrund verschiedener Regelungen und Gesetze nicht möglich, diese Patient*innen aktiv bei ihrer Entscheidung zu unterstützen.

Seit 2014 ist die gesellschaftliche und politische Diskussion über die aktive Sterbehilfe durch einen Vorstoß des Bundesgesundheitsministers Hermann Gröhe neu entflammt.

In der vorliegenden Arbeit soll der aktuelle Diskurs in Ausschnitten wiedergegeben und die wichtigsten Fragestellungen sowie Problempunkte beleuchtet werden. Dazu wird zunächst der Versuch einer Bestimmung und Eingrenzung des Begriffs des assistierten Suizids unternommen. Im Fokus soll dabei die Abgrenzung zu anderen Formen der Sterbehilfe und Sterbebegleitung stehen, um eine klare Sicht auf die, in der vorliegenden Arbeit, betrachtete Form der Sterbehilfe zu ermöglichen.

Daraufhin soll die momentane rechtliche Situation in der Bundesrepublik Deutschland näher betrachtet werden, um darzulegen, warum eine Novellierung bzw. die Schaffung eines sogenannten Suizidbeihilfegesetzes dringend nötig erscheint.

Im Anschluss wird die aktuelle parlamentarische Debatte, anhand der fraktionsübergreifenden Gesetzesvorschläge, skizziert.

Im Hauptteil der Arbeit soll die ethische Auseinandersetzung bezüglich Sterbehilfe und assistiertem Suizid erläutert werden.

Dazu wird anfangs ein Rekurs in die Geschichte der Philosophie und den Ansichten vieler Philosophen zum Thema Suizid unternommen. Dadurch soll die Langwierigkeit und Komplexität der philosophisch-ethischen Auseinandersetzungen mit diesem Thema verdeutlicht werden.

Anschließend werden drei der wichtigsten bzw. am häufigsten angebrachten Probleme sowie Fragen in den Sterbehilfedebatten – und speziell in der Debatte um die Suizidbeihilfe – diskutiert, um abschließend in einem Fazit, anhand der gewonnenen Erkenntnisse, einen kurzen Ausblick auf eine mögliche Positionierung in der aktuellen Debatte zu leisten.

2. Theoretische Hinführung

Im Folgenden wird kurz die Ausgangslage der aktuellen Diskurse bezüglich des assistierten Suizids dargelegt. Dazu wird eingangs eine Begriffsbestimmung vorgenommen, um Klarheit darüber zu erlangen, welche Form der Sterbehilfe in der vorliegenden Arbeit thematisiert werden soll.

Im Anschluss daran wird die aktuelle rechtliche Situation in der Bundesrepublik Deutschland näher beleuchtet. Hierbei steht neben der strafrechtlichen und ggf. zivilrechtlichen Einordnung auch die standesrechtliche Relevanz für Ärzt*innen und andere Mitglieder des medizinischen Fachpersonals im Fokus. Erst im Zusammenspiel dieser beiden rechtlichen Aspekte kann ein umfassender Überblick über die derzeitige Situation in der Bundesrepublik Deutschland gegeben werden.

2.1. Begriffsbestimmung und Eingrenzung

In Medienberichten zu dem sehr komplexen Thema der Hilfe beim Sterben wird oft pauschalisierend von Sterbehilfe gesprochen. Dabei wird unterschlagen, dass Sterbehilfe nicht gleich Sterbehilfe ist. Um der Komplexität des Themas der Hilfe beim Sterben gerecht zu werden, muss unbedingt differenziert werden, was genau gemeint ist, wenn von Sterbehilfe geredet wird. So muss zwischen Sterbehilfe und Sterbebegleitung unterschieden werden.

Bei der Sterbehilfe ist ein aktiver Schritt vonnöten, um den Tod des*der Patient*in herbeizuführen.

Bei der Sterbebegleitung handelt es sich hingegen nur um „Hilfe im Sterben“. Darunter ist zu verstehen, dass der*die Sterbende beim Sterben begleitet, jedoch kein Schritt zum schnelleren Eintreten des Todes unternommen wird. (vgl. Ach et al. 2012, S. 233)[1]

Im Bereich der Hilfe zum Sterben wiederum muss differenziert werden, zwischen einer passiven und einer aktiven Sterbehilfe: Bei der passiven Sterbehilfe wird das Sterben lediglich nicht aufgehalten.

Dieses Nicht-Aufhalten kann unter Umständen die aktive Tätigkeit des Abstellens lebenserhaltender Maschinen oder das Beenden der künstlichen Ernährung und ähnliches bedeuten. Das Eintreten des Todes ist in diesem Fall jedoch nicht garantiert.

Die aktive Sterbehilfe hingegen verlangt von der*dem Helfenden, dass ein aktiver Schritt unternommen wird, der unbedingt zum Tod führen wird. So kann das Bereitstellen eines Medikaments, welches den Tod des*der Patient*in verursachen wird, als eine Möglichkeit der aktiven Sterbehilfe betrachtet werden. Doch auch hier muss wiederum differenziert werden zwischen dem Töten auf Verlangen und der Beihilfe zum Suizid. Beim Töten auf Verlangen wird, wie der Name schon sagt, von der helfenden Person ein*e Patient*in auf dessen*deren ausdrücklichen Wunsch hin getötet. (vgl. Hillebrand 2015) Die andere Form ist die des assistierten Suizids. Dabei wird dem*der Patient*in nur die Möglichkeit gegeben, selbstbestimmt aus dem Leben zu scheiden. Dies kann unter anderem dadurch geschehen, dass ein tödlich wirkendes Medikament zur Verfügung gestellt wird, welches der*die Patient*in jedoch selbstständig zu sich nehmen muss. (vgl. Flaßpöhler 2014, S. 18) Diese Form der aktiven Sterbehilfe, die Beihilfe zu Suizid bzw. Suizidassistenz, soll das Thema der vorliegenden Ausführungen sein.

2.2. Rechtliche Situation in der Bundesrepublik Deutschland

Die Rechtslage in der Bundesrepublik Deutschland gestaltet sich derart, dass es keinen expliziten Straftatbestand der Sterbehilfe gibt. Vielmehr muss in jedem einzelnen Fall geprüft werden, ob „[…] die den Fremdtötungsparagrafen §211 (Mord), §§212 und 213 (Totschlag) und §216 (Tötung auf Verlangen) des deutschen Strafgesetzbuches (StGB) zugrunde liegenden Tatbestände erfüllt sind.“ (Hillebrand 2015; Auslassung: K.R.) Jedoch werden diese Paragrafen bei der Beihilfe zum Suizid größtenteils nicht greifen, vor allem, da Beihilfe zum Suizid nicht verboten ist. (vgl. Ach et al. 2012, S. 237) Strafrechtlich relevant wäre jedoch unter Umständen das Unterlassen von Wiederbelebungsversuchen und Erster Hilfe. In diesem Falle, wenn der*die Sterbewillige sich den Tod selbst zugefügt hat, könnte der*die Unterstützer*in wegen unterlassener Hilfeleistung bzw. wegen Tötung durch Unterlassen belangt werden. (vgl. Koch 2008, S. 33)

Doch nicht nur strafrechtlich kann die Beihilfe zum Suizid Konsequenzen nach sich ziehen. So drohen Ärzt*innen, die ihre Patient*innen bei deren Wunsch nach einem selbstbestimmten Sterben aktiv d. h. durch das Bereitstellen eines zum Tode führenden Medikaments unterstützen, standesrechtliche Konsequenzen. So wird ein*e Ärzt*in, welche*r eine*r Patient*in den Suizid ermöglicht, höchstwahrscheinlich seine*ihre Zulassung verlieren, denn „[d]ie Tötung des Patienten […] ist strafbar, auch wenn sie auf Verlangen des Patienten erfolgt. Die Mitwirkung des Arztes bei der Selbsttötung ist keine ärztliche Aufgabe.“ (Bundesärztekammer 2011, S. 346; Auslassungen / Einfügung: K.R.) In 10 von 17 Ärztekammerbezirken ist jegliche Beihilfe zum Suizid untersagt. (vgl. BT-Drs 18/5374 2015, S. 2)

Damit begeben sich Ärzt*innen auf einen regelrechten Drahtseilakt. Auf der einen Seite ist ihnen die Beihilfe zum Suizid ihrer Patient*innen strikt untersagt, auf der anderen Seite sollen sie den Wunsch zu sterben respektieren. (vgl. Weltärztebund 2012, S. 251) Jedoch würde sie die Unterstützung dieses Wunsches bzw. die Unterstützung eines vorzeitigen Sterbens die Zulassung und somit die berufliche Zukunft kosten.

Aus diesem Grund, weil in der Bundesrepublik Deutschland die Situation nicht eindeutig geklärt ist, sind viele Menschen, die einen selbstbestimmten Tod planen, darauf angewiesen, in das europäische Ausland zu gehen bzw. sich mehr oder weniger zwielichtigen Organisationen in Deutschland anzuvertrauen, um ihren Plan zu verwirklichen. Da diese Unsicherheiten eine große Belastung für alle Betroffenen darstellen, ist es unbedingt nötig, durch ein eigenes Sterbehilfegesetz rechtliche Klarheit zu schaffen. Der Deutsche Bundestag, der dieses Problem ebenso erkannt hat, plant im Herbst 2015 ein Gesetz dazu zu verabschieden.

[...]


[1] Da es in dieser Arbeit um Sterbehilfe bzw. Suizidbeihilfe gehen soll, wird der Sterbebegleitung kein weiterer Raum eingeräumt.

Details

Seiten
25
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668068889
ISBN (Buch)
9783668068896
Dateigröße
433 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v308642
Institution / Hochschule
Universität Potsdam – Institut für Philosophie
Note
1,3
Schlagworte
Philosophie Ethik Sterbehilfe Suizid Suizidassistenz Autonomie Politik Pluralismus Pluralistische Gesellschaft Medizinethik

Autor

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