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Der Boykott der Olympischen Spiele von Moskau 1980

Das Spannungsfeld Sport und Politik zwischen Information und Propaganda

Seminararbeit 2015 14 Seiten

Russistik / Slavistik

Leseprobe

Inhalt

1.Einleitung

2.Politische Rolle der Spiele und historischer Hintergrund des Boykotts

3.Sport und Politik

4.Propaganda und Informationspolitik

5.Schlussfolgerung

Bibliografie

1. Einleitung

Diese Arbeit befasst sich mit dem Boykott der Olympischen Spiele 1980 in Moskau. Einführend werden summarisch die geschichtlichen Hintergründe, die zu einem Boykott der Spiele führten, betrachtet. Der Hauptteil dieser Arbeit beschäftigt sich mit der Analyse der politischen Rechtfertigung für beziehungsweise gegen einen Boykott auf medialer Ebene. Das Neue Deutschland als Zentralorgan der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, The Washington Post und The New York Times, sowie die Frankfurter Allgemeine Zeitung listeten für ihre Nationen unterschiedliche Pro und Contra Argumente. In welchem Maße dabei noch von Informationspolitik oder bereits von Propaganda gesprochen werden kann, ist ebenfalls Bestandteil dieser Analyse.

2. Politische Rolle der Spiele und historischer Hintergrund des Boykotts

Die Olympischen Spiele in Moskau waren keine Veranstaltung für das gemeine Volk, denn nur „verdiente“ und „zuverlässige“ Sowjetbürger sollten Zugang zu den Sportstätten erhalten.1 Dies verdeutlicht, dass ein einheitliches, regimetreues Bild an die Außenwelt vermittelt werden sollte. Im Fernsehen sollten keine Bürger gezeigt werden, die beispielsweise durch Plakate eine falsche Botschaft gegen die Sowjetunion und ihre Politik vermitteln könnten. Es handelte sich hierbei nicht um freie Meinungsbildung, sondern um ein explizites Selbstbild, dass das Austragungsland der Welt präsentiere wollte. Alle Bürger und Gäste der Sowjetunion sollten diese Spiele unterstützen.

Es ist offensichtlich, dass eine Großveranstaltung wie die der Olympischen Spiele einen beeindruckenden außenpolitischen Effekt hat. Bernd Knabe ist der Meinung, dass es die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln, nämlich denen auf dem Spielfeld ist. Dabei haben Sportfunktionäre in sowjetischen Ländern nicht viel Spielraum, denn sie müssen das nationale Interesse vertreten. Unterschwellig ist an dieser Stelle schon erkennbar, dass eine solche internationale Sportveranstaltung nicht vom nationalen Interesse entkoppelt werden kann. Die Unabhängigkeit von Sport und Politik ist in sozialistischen Ländern schon allein daher nicht möglich, da alle materiellen Rahmenbedingungen für die Spiele in Jahres- und Fünfjahresplänen der Planwirtschaft einkalkuliert werden müssen. Deshalb sind Parteifunktionäre an leitender Stelle aktiv, wenn es um die Planung der Spiele geht.2

Eine weitere Funktion der Spiele ist die Möglichkeit der Machtdemonstration einer Nation. Die Sowjetunion wollte nicht nur ihre Überlegenheit in der sowjetischen Sportpolitik, sondern damit einhergehend auch ihre Überlegenheit in der Gesellschaftspolitik beweisen. Für die Sowjetunion stehen die Schlüsselbegriffe Sport und Sportpolitik in untrennbarer Verbindung mit Gesellschaft und Gesellschaftspolitik. Wer erfolgreich die Olympischen Spiele austrägt, muss auch erfolgreich eine Gesellschaft führen können. So wurden vor allem positive Werte wie beispielsweise Höchstleistung und Diszipliniertheit immer wieder in den Medien betont. In Wahrheit trieb laut Umfragen zur Zeit der Olympischen Spiele 1980 nur jeder fünfte Schüler Sport, was nicht zuletzt am schlechten Zustand der Sportstätten lag.3

Diese Möglichkeit der Machtdemonstration geriet in Gefahr, als sich US-Präsident Jimmy Carter entsetzt über den Einmarsch sowjetischer Truppen in Afghanistan äußerte. Um rebellierende Gruppen niederzuschlagen, hatte die afghanische Regierung einen Hilferuf an die Sowjetunion gesandt. Die US-Regierung interpretierte diesen Einsatz als Expansionsversuch und argumentierte, dass die Sowjetunion ähnliche Übergriffe auch in Pakistan und Iran versuchen könnte, was nicht nur grundlegend die US-Interessen in den Gebieten des Mittleren Ostens gefährden, sondern auch angesichts dieser sowjetischen Machtergreifung die US-Führung als schwach und einflusslos darstellen könnte. Der US-Historiker Nicholas Evan Sarantakes argumentiert allerdings an dieser Stelle, dass diese Behauptung, die Expansionspolitik der Sowjetunion gefährde den Weltfrieden, mehr der Propaganda diente, als sich auf nüchterne Fakten zu berufen. Schon allein die geografischen Gegebenheiten sprächen gegen eine wellenartige Invasion. Für Carter und dessen Regierung destabilisierte die sowjetische Entscheidung die Beziehungen zwischen den beiden Mächten. Carter warnte daraufhin auch Leonid Breschnew, dass diese Aktion die Beziehungen belasten würde. Er erwiderte, dass Moskau lediglich der Bitte der afghanischen Regierung nachgekommen sei und diese Entscheidung für Moskau keinen Einfluss auf die Beziehungen zu den USA habe.4

3. Sport und Politik

Knabe analysiert, dass die Sowjetunion mit der Durchführung der Spiele die Legitimation ihrer Herrschaft auf „populärem Feld“ erreichen wollte. Die Durchführung der Spiele war somit ein essentieller Bestandteil im Propagandakonzept der Sowjetunion, denn sie galten als entkoppelt von politischen Ereignissen und dienten dem Frieden und der Völkerverständigung.5 Weiterhin lässt sich an dieser Stelle deutlich die Verknüpfung von Populärkultur und Propaganda erkennen. Die Olympischen Spiele als vermeintlich populärer Event, der auf sportlicher Ebene die Freundschaft zwischen den Völkern symbolisieren will, wurden somit für propagandistische Zwecke missbraucht.

Der neugewählte US-Präsident Carter verfolgte eine Außenpolitik, die sich auf stetigen Anstand in seinen Werten und auf Optimismus bezüglich der historischen Werte stützt. Der Vorsitzende des International Olympic Committee (IOC) Lord Killanin zeigt sich von dieser Ambition wenig beeindruckt und prophezeite bereits September 1977,I am watching Moscow very, very closely. But so much can depend on the relationships of the major powers at the time. The first Carter impact has been of going away from détente. That can create the atmosphere in which the Games have to take place.6

In den 1970er Jahren begannen sich die Beziehungen zwischen der Sowjetunion und den USA zu verschlechtern. Carter hatte verstärkt begonnen, bei jeder sich bietenden Gelegenheit mit einem Repräsentanten des Kremls die Einhaltung der Menschenrechte zu betonen. Dies beeinträchtigte die sowjetische Bereitschaft für eine Zusammenarbeit zusehends, denn aus sowjetischer Sicht wurden die Menschenrechte ihrerseits bereits eingehalten. Der amtierende Bundeskanzler der BRD Helmut Schmidt betonte 1977, dass die Behauptung Carters, die sowjetischen Bürger seien ihrer Menschenrechte beraubt, deren Leben nicht ändern, wohl aber Einfluss auf die sowjetische Führung haben wird. Mit einer Menschenrechtskampagne sei die sowjetische Führung nicht von Rüstungsbegrenzung oder gar Abrüstung zu überzeugen.7

Zusätzlich zur Diskussion um die Einhaltung der Menschenrechte, argumentierte die US-Regierung, dass die sowjetische Intervention in Afghanistan ein Bruch der Entspannungspolitik und somit des Weltfriedens sei. Grundsätzlich biete dieser Sachverhalt zwei Interpretationsmöglichkeiten: Einerseits ist es eine regionale Angelegenheit mit begrenzter Wichtigkeit für die Weltpolitik, andererseits ist es eine wesentliche Initiative bezüglich zwischenstaatlichen Angelegenheiten.8

Die US-Presse unterstützte zu dieser Zeit eindeutig die aufkommende Idee eines Boykotts der Olympischen Spiele in Moskau. The Washington Post und The New York Times druckten mehrfach Kolumnen ab, die Textstellen wie an effective boycott of the Games this summer, would be a tremendous blow to Soviet prestige [and] a genuine shock through Soviet society [and] could cause the first serious challenge to the legitimacy of Soviet powers in many years.”9

Diese Zeitungen versuchten gar nicht erst den Gedanken einer Trennung von Sport und Politik zuzulassen, sondern nahmen, nicht zuletzt wahrscheinlich auch um hohe Verkaufszahlen zu erzielen, eine propagandistische Rolle in dieser Debatte ein. Viele US-Tageszeitungen druckten im Januar 1980 Umfragen ab, in denen sich die amerikanische Bevölkerung eindeutig für einen olympischen Boykott ausspräche10. Ob dieses Ergebnis bereits auf der intensiv betriebenen Propaganda der Medien beruht, bleibt noch zu untersuchen.

Die US-Regierung hatte sich nicht mit dem Nationalen Olympischen Komitee (NOK) über die Idee eines Boykotts abgesprochen, sondern führte die Debatte ausschließlich auf politischer und medialer Ebene. Daher ergriffen Robert Kane und F. Don Miller, der Präsident und der geschäftsführende Direktor des US-NOKs die Initiative und betonten, dass this proposal is diametrically opposed to the principles of the worldwide Olympic movement which has been, for more than 80 years, a significant force in creating international amity and engendering goodwill among the youth of the world.“11

Miller betonte auch, dass die Entscheidung über eine Olympiateilnahme allein beim zuständigen nationalen NOK liege und dieses nicht politischen Entscheidungen unterliege. Die US-Regierung begründete im Laufe der Debatte, dass Präsident Carter als Ehrenvorsitzender des NOK das Recht auf Mitsprache habe.12

Auch in der Bundesrepublik wurde argumentiert, dass man das nationale NOK allenfalls bitten, aber ihm nichts befehlen könne. Willi Daume, Präsident des NOK der Bundesrepublik, war überzeugt, dass die Bundesregierung „nicht einer Entwicklung zustimmen [kann], daß die Olympischen Spiele ausfallen müssen, damit politische Auseinandersetzungen ungestörter ausgetragen werden können.“13 An dieser Stelle wird deutlich versucht, Politik und die Olympischen Spiele zu trennen. Am 21. Januar wird Daume zitiert, dass er sich gemeinsam mit dem IOC wehren wird, um zu vermeiden, dass die Olympischen Spiele zum Austragungsort von politischen Auseinandersetzungen gemacht werden.14 Bereits im Januar wagte Hans Evers, Vorsitzender des Sportausschusses im deutschen Bundestag die These, „daß die Olympischen Spiele in Moskau ohne westliche Beteiligung oder gar nicht stattfinden“15 werden. Er bezeichnet einen Boykott weiter als ein ideales Bestrafungsmittel für die russische Intervention in Afghanistan, denn

„ein Boykott bringe keine spürbaren Belastungen für die eigene Bevölkerung, der Beschluß sei leicht durchzusetzen, die Maßnahme erhöhe die Kriegsgefahr nicht unmittelbar, eine Regierung, die den Boykottbeschluß erzwinge, beweise Entschlußkraft, die publizistische Wirkung sei sehr hoch.“16

Unmittelbar auf das Ultimatum durch US-Präsident Carter bezüglich des Abzugs der sowjetischen Truppen bis 20. Februar richtete der US-Senat eine Empfehlung an das IOC mit dem Inhalt, dass die Spiele verlegt werden müssten, ansonsten gäbe es keine Beteiligung der US-amerikanischen Mannschaft an den Spielen.17

In den zeitgenössischen Texten und Analysen der Geschichtsforscher lässt sich immer wieder deutlich erkennen, dass das Schicksal der Athleten wenig Aufmerksamkeit in den Diskussionen fand. Anhänger von Fachverbänden in allen Nationen betonten immer wieder, welche große Enttäuschung ein Boykott für die Hauptpersonen, nämlich die Sportler, bedeuten würde, die bereits einen sehr großen persönlichen Einsatz in die Vorbereitungen der Olympiade gesteckt hatten. Die Regierungen waren im Wesentlichen damit beschäftigt, zu diskutieren, welche Wirkung ein Boykott auf politischer Ebene erzielen könnte und erwägten Maßnahmen, wie beispielsweise die Konfiskation der Reisepässe der Athleten, um sie an der Teilnahme zu hindern.18 Dabei ging es nicht um eine freie Entscheidung oder gar eine angestrebte Trennung von Sport und Politik, sondern die US-amerikanische Regierung diskutiert Szenarien, in denen diese die Freiheitsrechte ihrer eigenen Bevölkerung beschneiden wollte, um gegen die Beschneidung der Freiheitsrechte sowjetischer Bürger zu demonstrieren.

4. Propaganda und Informationspolitik

Nachdem die USA die Nichtbeteiligung ihrerseits an den Spielen offiziell verlauten ließ, feindete die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands die BRD an und drohte „mit Konsequenzen für den innerdeutschen Sportverkehr“,19 falls sich diese dem Boykottentschluss des US-amerikanischen NOKs anschließen würde. Das Neue Deutschland (ND) erinnert Daume an seine Worte von Januar. Nach der offiziellen Verlautbarung des Boykotts von Seiten der USA titelte das ND mit „Weißes Haus erpresst Boykottentscheidung“20 und „Anschlag auf internationalen Sport.“21 Die Zeitung wollte den USA vorwerfen, dass sie eindeutig internationale Regeln verletzt hatten, um die Amerikaner weiterhin als Feinde in der DDR-Landschaft zu deklarieren.22 Dabei bediente sich das ND einer sehr propagandistisch gefärbten Sprache, was sich in Kommentaren wie der „konsequente Friedenskurs von der Sowjetunion […] ist der einzige Weg, der die Zukunft der Menschheit sichert“ äußerte.23 Die USA verfolge „unheilvolle Pläne“ und betreibe eine „antisowjetische Lügenkampagne ohnegleichen.“24 Diese Strategie wurde weiterverfolgt als das bundesdeutsche NOK eine Empfehlung für die Nichtteilnahme an den Spielen an die Sportler aussprach. Das ND bezeichnete es als eine „flagrante Einmischung in die olympische Bewegung und ein Zugeständnis an jene Kreise in der Bundesrepublik, die bereit sind, von der Entspannung zur Konfrontation überzugehen.“25 Abermals wird hier die Vermischung von Politik und Sport betont. Zudem sei es eine „Verleumdung der Sowjetunion und ihrer friedlichen Außenpolitik.“26 Die Sowjetunion wurde als Alleinsteher und Garant für den Frieden dargestellt und jeder, der sich ihr nicht anschloss, stimmte automatisch gegen den Frieden.

Die FAZ entrüstete sich als das ND der BRD vorwirft, sich unrechtmäßig in sportliche Belange eingemischt zu haben – „was in der DDR ja von Anbeginn an gang und gäbe ist“,27 höhnte die FAZ. Die DDR sei nun der einzige deutsche Staat, „dem der Frieden und die Völkerverständigung über alles gehen.“28 Die FAZ kritisierte weiter, dass das ND zu den Vorwürfen der Militärintervention in Afghanistan weiterhin schwieg. Die DDR möchte diesen Zusammenhang nicht in ihrem Parteiorgan und somit in der DDR publizieren. Es sollen lediglich die westlichen Mächte als sport- und entspannungsfeindlich dargestellt werden und die Aktionen, vor allem militärischer Natur, der Sowjetunion sollen nicht großartig in der Presse diskutiert werden. Man kämpft einfach für Frieden und Völkerverständigung und das muss dem DDR-Bürger reichen.

Da die Bundesregierung auch wirtschaftliche Sanktionen gegen den Iran aussprach, bezichtigt das ND die BRD, den Boykott nicht wie angekündigt lediglich als Protest gegen die sowjetischen Interventionen in Afghanistan zu richten, sondern in Wirklichkeit mit dem US-Imperialismus paktiert, der mit dem Feuer spielt, um die demokratische Revolution in Afghanistan und Iran zu ersticken, um die Vorherrschaft der USA über das Öl im Nahen Osten und ihre Stützpunktpolitik gegen die UdSSR zu sichern.29

Anders als sein Vorgänger konzentrierte sich Präsident Carter in seiner Politik mehr auf die Informationsweitergabe. Sarantakes bemerkt, dass obwohl „public diplomacy […] might easily be dismissed as ‘propaganda’, public diplomacy involves many venues.”30 The Washington Post bemerkt zu Carters neuem Kurs folgendes: “a new and stronger emphasis on the role of information – some may call it propaganda – in the implementation of American foreign policy.”31 In beiden Kommentaren ist dem Informationsbegriff auch gleichzeitig der Begriff der Propaganda angeheftet. Auch wenn betont wird, dass Informationsweitergabe nicht äquivalent Propaganda sein muss, kommen diese Begriffe unweigerlich zusammen und die Grenze darüber, ob es eine offene Informationspolitik oder Propaganda ist, verwischt zusehends mit der Komplexität der Sachverhalte.

In einer seiner Reden betonte Carter, dass eine Teilnahme an den Spielen die nationale Sicherheit gefährde. Die Teilnahme an einer Sportveranstaltung ist nun von so großer Bedeutung, dass sie die nationale Sicherheit zu beeinträchtigen droht.32 Spätestens an diesem Punkt wird klar, dass die Spiele für politische Propagandazwecke missbraucht werden und dass die Spiele unweigerlich mit politischen Interessen verknüpft sind.

Bemerkenswert ist, dass das US-amerikanische Außenministerium Carter vor einem Boykott warnte, denn eine verweigerte Teilnahme der US-amerikanischen Sportmannschaft an den Spielen sei eine viel zu späte Antwort auf den Einmarsch der sowjetischen Truppen im Dezember 1979 und würde amerikanischen Athleten mehr schaden als der Sowjetunion. Präsident Carter ließ diese Bedenken des Außenministeriums unkommentiert.33 Es lässt sich deutlich erkennen, dass Carter die Folgen des Boykotts abwägte. Welchen Einfluss haben die Olympischen Spiele tatsächlich auf die Weltpolitik und welchen Einfluss muss man ihnen zuschreiben, damit ein Boykott auch eine gewünschte Wirkung erzielen kann? Wie stark müssen die Spiele von Seiten der Regierungen her politisiert werden, damit auch Zustimmung für einen Boykott bei anderen Regierungen erzielt werden kann? Die Frage liegt hier also nicht darin, wie politisch die Spiele sind und ob Politik und Sport getrennt sind, sondern zu welcher propagandistischen Waffe lassen sich die Spiele machen. Die USA waren dabei nicht nur daran interessiert, ihre eigene Position zu markieren, sondern starteten auch eine Kampagne, um andere Länder vom Boykott zu überzeugen.34 Dies sind wiederum eindeutig propagandistische Maßnahmen, denn die USA wollte die Macht ihres Systems, dass das Potential besitzt, zahlreiche Nationen zu beeinflussen, zeigen.

Dabei ist zu beachten, dass die Forderung der USA, die Sowjetunion solle ihre „Invasionstruppen“ aus Afghanistan entfernen, nicht konkret formuliert ist. Zu diesem Zeitpunkt waren auch US-Soldaten in Südkorea und der BRD stationiert. Nach Ablauf von Carters Ultimatum am 20. Februar gibt es für die USA keine Möglichkeit mehr, die Spiele ihrerseits nicht zu boykottieren. Die USA suchten hier eindeutig nicht nach einer Lösung des Konfliktes, sondern beabsichtigten, auf jeden Fall die Sowjetunion für den Einmarsch in Afghanistan zu bestrafen und ihre eigene Macht zu demonstrieren.35

In Lake Placid hielt US-Außenminister Vance während der Abschlussveranstaltung der Olympischen Winterspiele eine Rede und die FAZ hat eine Übersetzung im Wortlaut abgedruckt. Darin meint er, dass „die Welt vor einer schwerwiegenden Bedrohung des Friedens“36 stünde. Angesichts der vielen Kriege, die die USA in den letzten Jahrzehnten in anderen Ländern angefangen haben, ist es sehr fraglich, ob sich Außenminister Vance in der Position befindet, ein anderes Land zu beschuldigen, dass es keinen Frieden möchte. Vance argumentiert weiter, dass die Olympischen Spiele nicht in einem Land stattfinden könnten, dass sich in einem Angriffskrieg befindet und sich weigere, seine Streitkräfte zurückzuziehen, obwohl dies von der Welt gefordert worden sei.37 Auch hier muss man den Begriff Angriffskrieg genauer beleuchten, denn es war tatsächlich ein Hilferuf der afghanischen Regierung an die Sowjetunion gegangen. Zusätzlich haben nur die USA eine offizielle Forderung zum Rückzug der sowjetischen Truppen gestellt und dies setzt Vance gleich mit einer Forderung der Welt. Zusätzlich sind auch die Übersteigerungen, wie beispielsweise die Aussage, die Sowjetunion habe einen „schweren Bruch des internationalen Friedens“38 herbeigeführt, charakteristisch für eine propagandistisch gefärbte Sprache. Der Konflikt des Ost- und Westblockes beeinflusste nicht direkt die Geschehnisse in Südamerika, Afrika und Australien und ist daher nicht auf die ganze Welt zu projizieren. Immerhin fanden die Olympischen Winterspiele auch in den USA statt, obwohl auch sie Soldaten in einigen Ländern stationiert hatten. Vance macht allerdings kein Geheimnis darum, dass „diese Entscheidung […] unmöglich von den politischen Konsequenzen zu trennen“39 ist. Zum Ende seiner Rede verdeutlicht er, dass seine Regierung die Entscheidung für einen Boykott für die amerikanische Bevölkerung treffen wird: „wir widersetzen uns jeder Beteiligung einer amerikanischen Mannschaft bei irgendwelchen Olympischen Spielen in der Hauptstadt eines Landes, das ein anderes überfällt.“40 Die Entscheidung war zu diesem Zeitpunkt bereits getroffen.

5. Schlussfolgerung

Obwohl vom IOC, dem NOK und auch den Sportlern immer wieder versucht worden war zu betonen, dass die Olympischen Spiele keinen politischen Einflüssen unterliegen sollten, ist es bemerkenswert wie hart die nationale Teilnahme der Länder an einer Spotveranstaltung diskutiert und abgewogen wurde mit dem klaren Augenmerk darauf, wie sich eine Teilnahme auf die Stellung des Landes in der Welt auswirken könnte. Nichtsdestotrotz ist allerdings auch zu beachten, wie wenig tatsächlichen Einfluss der Boykott auf die Weltpolitik genommen hat und dass sich außer einer weltweiten Debatte in den Vormonaten der Spiele, es politisch nach den Spielen keine wesentlichen Veränderungen gegeben hat.

Sarantakes wertet die Folgen des Boykotts folgendermaßen: „the boycott had significant impact on the international Olympic movement but very little on the situation in Afghanistan.”41 Nach Beendigung des Kalten Krieges kann festgestellt werden, dass es für die Sowjetunion in Afghanistan nicht darum gegangen war, die Ölreichtümer an sich zu reißen und auch, dass die Entscheidung für einen militärischen Eingriff wenig mit internationalen Aspekten zu tun hatte. Er diente lediglich zur Konfliktlösung in einer lokalen Situation und Moskau sah die Beziehungen zwischen der Sowjetunion und den USA getrennt von regionalen Sicherheitsproblemen. Für Moskau sei die Intervention in Afghanistan weder Teil der Expansions- noch Entspannungspolitik gewesen, sondern diente der regionalen Grenzsicherung.42

Die Spiele als ein weltweites gesellschaftliches Ereignis haben sehr wohl die Kraft, eine gesellschaftliche Diskussion auszulösen, nehmen aber tatsächlich wenig Einfluss auf die Weltpolitik. Beide Fronten hatten sich ausführlich dem Mittel der Propaganda bedient, denn beide Seiten wollten ihrer Bevölkerung explizite Meinungen und Ziele zurecht formulieren, während eine freie Meinungsbildung und die Bitte um Trennung von Sport und Politik von Seiten der Sportverbände und Athleten nur wenig Platz in den Tageszeitungen fand.

Bibliografie

Sarantakes, Nicholas Evan (2011): Dropping the Torch. Jimmy Carter, The Olympic Boycott, and The Cold War. New York: Cambridge University Press.

Knabe, Bernd (1981): Zur politischen Funktion der Olympischen Sommerspiele 1980. Köln: Bundesinstitut für ostwissenschaftliche und internationale Studien. (Berichte des Bundesinstituts für ostwissenschaftliche und internationale Studien 18-1981).

Güldenpfennig, Seven (1981): Internationale Sportbeziehungen zwischen Entspannung und Konfrontation. Der Testfall 1980. Köln: Pahl-Rugenstein Verlag (Sport, Arbeit, Gesellschaft 18).

Zeitungsartikel

NOK-Vertreter nach Washington. Miller: Politiker kennen Regeln des olympischen Sports nicht. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.01.1980, S. 2.

Aktivenbeirat: „Maßnahmen in Moskau“. Das amerikanische NOK hofft auf Carters Einsicht. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.01.1980, S. 17.

Keine Entscheidung der Bundesregierung über Beteiligung an den Moskauer Spielen. Beschränkter Einfluß auf das NOK / Bonn unter Zeitdruck. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.01.1980, S. 2.

Vance und der Olympia-Boykott. Das hieße den olympischen Mantel über Moskaus offene Aggression halten. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.02.1980, S. 7.

Neue Zeit kommentiert. Auf konsequentem Friedenskurs. In: Neue Zeit, 26.02.1980, S. 2.

Ost-Berlin droht Daume. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.03.1980, S. 3.

Der Osten spricht von Erpressung. Kritik an der amerikanischen Olympia-Boykott- Entscheidung. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.04.1980, S. 2.

Erklärung des Präsidiums des DTSB der DDR. Anschlag auf internationalen Sport entschieden verurteilt. In: Neues Deutschland, 24.04.1980, S. 1.

Grobe Einmischung der Regierung der BRD in Angelegenheiten der olympischen Bewegung. In: Neues Deutschland, 24.04.1980, S. 2.

Stellungnahme des Präsidiums des DKP-Parteivorstandes. Zur Boykott-„Empfehlung“ der Regierung der BRD. In: Neues Deutschland, 25.04.1980, S. 2.

„Flagrante Einmischung in die olympische Bewegung“. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.04.1980, S. 2.

Zum Boykott-Beschluß des NOK der BRD. Entscheidung gegen Olympia und gegen die Entspannung. In: Neues Deutschland, 16.05.1980, S. 2.

Ost-Berlin: Eine sport- und entspannungsfeindliche Entscheidung. Das „Neue Deutschland“ nennt den Düsseldorfer Beschluß eine Provokation. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.05.1980, S. 3.

[...]


1 Vgl. Knabe 1981: 2.

2 Vgl. Knabe 1981: 2-8.

3 Vgl. Knabe 1981: 9.

4 Vgl. Sarantakes 2011: 76f.

5 Vgl. Knabe 1981: 1-16.

6 Sarantakes 2011: 53.

7 Vgl. Sarantakes 2011: 53f.

8 Vgl. Sarantakes 2011: 75.

9 Sarantakes 2011: 84f.

10 Vgl. Sarantakes 2011: 86.

11 Sarantakes 2011: 79.

12 Vgl. Güldenpfennig 1981: 149; FAZ 19.01.1980; FAZ 21.01.1980.

13 FAZ 19.01.1980.

14 Vgl. FAZ 21.01.1980; FAZ 24.01.1980.

15 FAZ 19.01.1980.

16 FAZ 19.01.1980.

17 Vgl. Güldenpfennig 1981: 149.

18 Vgl. Sarantakes 2011: 80; FAZ 21.01.1980.

19 FAZ 18.03.1980.

20 ND 14.04.1980.

21 ND 24.04.1980.

22 Vgl. FAZ 15.04.1980.

23 NZ 26.02.1980.

24 NZ 26.02.1980.

25 ND 24.04.1980.

26 ND 24.04.1980; vgl. FAZ 25.04.1980.

27 FAZ 17.05.1980.

28 FAZ 17.05.1980.

29 ND 25.04.1980.

30 Sarantakes 2011: 54.

31 Sarantakes 2011: 55.

32 Güldenpfennig 1981: 152.

33 Vgl. Sarantakes 2011: 80.

34 Vgl. Güldenpfennig 1981: 151.

35 Vgl. Güldenpfennig 1981: 151; FAZ 05.03.1980.

36 FAZ 11.02.1980.

37 Vgl. FAZ 11.02.1980.

38 FAZ 11.02.1980.

39 FAZ 11.02.1980.

40 FAZ 11.02.1980.

41 Sarantakes 2011: 75.

42 Vgl. Sarantakes 2011: 77.

Details

Seiten
14
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668080423
ISBN (Buch)
9783668080430
Dateigröße
404 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v309716
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden – Institut für Slavistik
Note
1,3
Schlagworte
Olympia Olympische Spiele Moskau Sowjetunion Sport Politik Informationspolitik Propaganda Korpus Zeitung Analyse DDR Neues Deutschland Deutschland Frankfurter

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