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Postkoloniales autobiographisches Schreiben in Assia Djebars Roman „L'amour, la fantasia“

Hausarbeit 2015 30 Seiten

Romanistik - Französisch - Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung:

2. Autobiographie
2.1 Autobiographie im europäischen Raum
2.2 Autobiographie im maghrebinischen Raum

3. Postkolonialismus, französische Sprache und Identität
3.1 Postkoloniales französisches Schreiben
3.2 Postkolonialismus und Identität

4. Postkoloniales, autobiographisches Schreiben in der Sprache ‚des Anderen‘
4.1 Assia Djebar – Biografie
4.2 L’amour, la fantasia
4.3 Autobiographie, Sprache und Identität - La tunique de Nessus

5. Abschlussbetrachtung

Primärliteratur

Sekundärliteratur

1. Einleitung:

Assia Djebar schildert in ihrem Werk L’amour, la fantasia die Geschichte und Gegenwart Algeriens. Dabei beschreibt sie in den historischen Abschnitten des Buchs die Zeit der Kolonisation Algeriens bis zu den Unabhängigkeitskriegen, wobei sie sich besonders auf Zeugenberichte französischer Kriegskorres­pondenten bezieht. Diese historischen Abschnitte alternieren mit teils autobiographischen Abschnitten aus Djebars Kindheit, Jugend, und Erwachsenenzeit. Sie verbindet in dem Roman Fakten und Fiktion mit Autobiographie und Geschichte, die sich in Individual- und Kollektivgeschichte unterteilt. Bekräftigt werden ihre (autobiographischen) Ausführungen - insbesondere im dritten Teil - von Djebars besonderer Verbindung zu den Sprachen. Assia Djebar wächst in Algerien auf und spricht das Dialektal-Arabisch ihrer Region. Dank ihres Vaters hat sie bereits in ihrer Kindheit Zugang zur französischen Sprache, die für sie jedoch gleichermaßen Fluch als auch Segen ist.

Im ersten Teil des theoretischen Teils wird auf die Thematik der Autobiographie eingegangen. In diesem Kapitel sollen einige geographische Verortungsversuche der Autobiographie vorgestellt werden. Anschließend wird auf die Besonderheiten des Postkolonialismus eingegangen sowie sozio-kulturelle Hintergründe des Maghreb und der islamischen Kultur aufgezeigt. Darauf aufbauend wird die Bedeutung der Sprache erörtert. Die postkoloniale Literatur ist geprägt von der Sprache der Kolonialmacht Frankreich. Es ist interessant zu beobachten, dass viele maghrebinische Autoren Französisch als Literatursprache wählen. In diesem Abschnitt werden die Gründe für die Wahl des Französischen als Schreibsprache sowie die Rolle der Kolonialgeschichte[1] dargestellt, und abschließend ein Exkurs zur Frage der Identität vorgestellt.

Im sich anschließenden praktischen Teil der Arbeit wird zunächst auf die Biografie der Autorin eingegangen, um so die Erfahrungen und Stationen ihres Lebens in Bezug auf die autobiographischen Elemente in ihrem Werk aufzeigen zu können, die später relevant sein werden für die Analyse von l’amour, la fantasia. Im Anschluss daran wird das Werk l’amour, la fantasia vorgestellt, worauf abschließend eine umfassende Analyse des Kapitels „La tunique de Nessus“ folgt. Hierbei wird insbesondere auf den Konflikt zwischen der französischen und der algerischen Sprache und der Identität eingegangen.

Wegen der Fülle an Informationen kann auf einige Besonderheiten des Werks L'amour, la fantasia und im Allgemeinen zur Autobiographie und Identität nur knapp eingegangen werden. Gerade zum Thema der Identität gibt es sehr viele theoretische Ansatzpunkte, die hier aufzunehmen und zu analysieren nicht möglich war.

2. Autobiographie

Die Autobiographieforschung erfährt erst ab Beginn des 20. Jahrhunderts einen großen Aufschwung. Eine wahrscheinliche Ursache für die relativ späte Wahrnehmung autobiographischer Texte war die Fokussierung auf den historischen Status der Autobiographie, so dass diese eher als Geschichtsphänomen denn als literarische Gattung wahrgenommen wurde. Die Debatte um den literarischen Status der Autobiographie ging von Dilthey und seinem Schüler Misch von Deutschland aus. Georg Misch hat 1907 in einer etymologischen Auslegung eine Definition für die Autobiographie gegeben: „die Beschreibung (graphia) des Lebens (bios) eines Einzelnen durch diesen selbst (auto)“ (Misch 1989, 38). Diese Definition gilt in ihrer Allgemeinheit für alle – sowohl historischen als auch gegenwärtigen – Formen der Autobiographik, d.h. Schreibweisen, in denen das schreibende Subjekt sich selbst im Zentrum des Textes situiert und über das eigene Leben berichtet.

2.1 Autobiographie im europäischen Raum

Sehr schnell manifestierte sich die Meinung, dass autobiographisches Schreiben etwas Europäisches sei. Die Autobiographieforschung wendet sich von Beginn an der Dokumentation einer europäischen Geistes- und Kulturgeschichte zu. So möchte Misch „die autobiographischen Schriften in den verschiedenen europäischen Sprachen als Zeugnisse für die Entwicklung des Persönlichkeitsbewusstseins der abendländischen Menschheit behandel[n]“ (Misch 1949a: 5) Richter beurteilt Mischs Ansichten als ein Projekt, „das wachsende Bewusstsein der Menschen für ihr individuelles Selbst nachzuvollziehen und die Geschichte der sich individualisierenden europäischen Gesellschaften zu dokumentieren” (Richter 2008: 25). Ab den 50er Jahren melden sich französische Gelehrte zur Problematik der Autobiographie zu Wort. Gusdorfs Dissertation La découverte de Soi initiiert die gattungstypologische Debatte der Autobiographie. Gusdorf bestimmt ebenfalls die Autobiographie als europäische Gattung; mehr noch, er glaubt nicht daran, dass sie sich außerhalb Europas manifestiert:

"Il ne semble pas que l'autobiographie se soit jamais manifesté en dehors de notre aire culturelle. On dirait qu'elle traduit un souci particulier à l'homme d'occident, souci qu'il a pu apporter avec lui dans sa conquête méthodique de l'univers et communiquer à des hommes de civilisation différente” (Gusdorf 1956: 105).

Pascal bekräftigt dieser Aussage Gusdorfs, dass die Autobiographie europäisch sei:

“Es würde über den Rahmen dieser Untersuchung hinausgehen, wollte ich erörtern, warum die Autobiographie nicht außerhalb Europas entsteht; [...] Dennoch bleibt es unzweifelhaft, daß die Autobiographie ihrem Wesen nach europäisch ist. Wenn in unserer Zeit Angehörige der östlichen Kultur Autobiographien geschrieben haben, wie zum Beispiel Gandhi, so haben sie eine europäische Tradition übernommen. (Pascal in Richter 2008: 26f // Original Pascal 1965: 33f)

Was die gerade zitierten Autobiographieforscher vereint ist ihr Standpunkt, dass sich nur in Europa und nur zu einem spezifischen Zeitpunkt[2] besondere kulturelle und gesellschaftliche Voraussetzungen finden, die das Entstehen von Autobiographien ermöglichen. Diese recht einseitigen Betrachtungen werden zudem noch durch die Tatsache gestützt, dass sich diese Kriterien vor allem in Werken europäischer, vorwiegend männlicher Autoren[3] wiederfinden, die fortan den normativen Standard für die ‚echte‘, die eigentliche Autobiographie bilden. Das Genre der Autobiographie ist die „Vorstellung eines autonomen, einheitlichen, sich selbst bewussten, d.h. natürlich männlichen, europäischen und weißen Ich” (Gronemann 2002: 23). Diese einseitigen und geschlechterspezifischen Ausrichtungen wurden vor allem von Misch, Gusdorf und Pascal vertreten. Es wird weiterhin unterstellt, dass das andere Geschlecht biographieuntauglich ist. Finck spricht sogar von einem “Androzentrismus der Gattung” (1999:126). Georges May (1979:18) spricht auch noch in den 80er Jahren von einer „idée communément acceptée que l’autobiographie est un phénomène spécifiquement occidental”. Richter verweist darauf, dass May wie auch viele andere Forscher ihre Aussagen mit dem Christentum und der Beichtpraxis in Zusammenhang bringen, da diese die Selbstreflexion und Introspektion, welche für Autobiographien unerlässlich sind, als Grundlage haben.

Fasst man die vorangegangenen Argumentationen zusammen, so ergibt sich das Bild eines spezifisch geographischen, kulturellen bzw. religiösen Ursprung der Autobiographie: Ihre Herkunft ist Europa, die okzidentale, christliche Kultur. In diesem Zusammenhang spricht man von 'echter Autobiographie'. Das europäische Genre der Autobiographie wird im Prinzip zu einer Norm erhoben. Außereuropäische Formen werden in der Regel an der westlichen Definition gemessen, die Existenz der Autobiographie außerhalb Europas bestritten oder aber als 'Exportprodukt' einer europäischen Eroberungspolitik bzw. als Imitate europäischer Vorbilder, wie Pascals Aussage (siehe oben) vermuten lässt, bezeichnet. Gusdorf bezeichnet Autobiographien jenseits Europas als Produkte einer “colonisation intellectuelle“. (Gusdorf 1956: 105)

Meiner Meinung nach handelt es sich hier um eine enorm einseitige Perspektive und eine unhinterfragte Übertragung in andere kulturelle Kontexte. “Das Problem liegt [...] darin, dass ein literarisches Genre von der vorgängigen Existenz eines Individuums im westlichen Sinne abhängig gemacht wird – und noch dazu ein westliches Verständnis von Individualismus „als höhere Kulturstufe“ bewertet wird.” (Gehrmann 2004: 7) Somit wird das europäische Genre zur Norm und alles andere als Imitat behandelt. Das Problematische an derartigen Normierungsversuchen ist die daraus hervorgehende Hierarchisierung und Abwertung unkonventioneller und sonstiger Werke bis hin zur grundlegenden Nichtanerkennung anderer Werke als Autobiographien. Andererseits muss man aber entgegenhalten, dass die hier erwähnten Beispiele der Forschungsliteratur aus dem letzten Jahrhundert stammen und die Blütezeit der Autobiographie geprägt wurde durch Autobiographien männlicher, europäischer Zeitgenossen. Mittlerweile haben aber auch Frauen, und auch aus dem nicht-europäischem Raum, Autobiographien publiziert[4] und die maghrebinische Literatur in französischer Sprache ist zunehmend durch eine Dominanz des autobiographischen Schreibens gekennzeichnet. (Grimm 1999: 434)

Interessant ist jedoch der Punkt, dass nicht nur Europäer diese Meinung über die Entstehung und Verortung der Autobiographie vertreten, sondern diese Ansichten auch außerhalb Europas geteilt werden. In der Forschungsliteratur zur Autobiographie im maghrebinischen Raum (Marokko, Tunesien, Algerien, sowie Libyen und Mauretanien) dominieren Aussagen, die diese Ansichten teilen. Der maghrebinische Raum ist geprägt durch die Kolonisation durch Frankreich bis Mitte des 20. Jahrhunderts, wodurch die französische Sprache und das französische Bildungssystem in die maghrebinische Kultur und Gesellschaft implementiert wurden.

2.2 Autobiographie im maghrebinischen Raum

Die These vom Ursprung der Autobiographie in Europa ist auch im außereuropäischen Raum vertreten. Im maghrebinischen Raum ist die Autobiographie eine rezente Textsorte, die erst mit der französischen Kolonialisierung und der somit verbundenen Übernahme europäischer Literatur- und Kulturtraditionen entstanden ist. Jean Déjeux beispielsweise verweist auf den Einfluss Europas, der für die Entwicklung autobiographischer Literatur im Maghreb ausschlaggebend sei:

“Il a fallu attendre l’influence de l’impact de la civilisation occidentale, anglaise et française sur le monde arabo-musulman, à l’époque moderne pour voir émerger ce “je” d’introspection dans des romans et textes littéraires [...] Cette exposition de “je” s’est faite dans le contexte de l’acculturation étrangère. (Déjeux 1994: 61f).

Auch der marokkanische Linguist und Philologe Abdallah Bounfour ist der Meinung, dass die Autobiographie wie in Europa im arabischen Raum nicht zu finden sei: “Le genre autobiographique tel qu’il a été défini en Occident ne se retrouve nullement dans la culture arabe classique” (Bounfour 1984: 385f). Die Ursachen hierfür sieht Bounfour vor allem in der arabischen bzw. der muslimischen Kultur begründet: Der Mensch konzipiere sein Selbst nicht als Individuum, sondern über Zugehörigkeit zu einer Gruppe; er sei Mitglied in einer Familie und in einem Clan; der Einzelne sei der Gemeinschaft verpflichtet, die sich über Solidarität und Zusammenhalt definiere. Dejeux (1991: 25) spricht von einer Gruppenethik, die der Konzeption des Selbst als Individuum entgegenstehe. Neben der Bindung an Familie spielt auch die Zugehörigkeit zum Islam eine wichtige Rolle der kollektiven Identitätskonzeption. Muslime definierten sich in erster Linie als Mitglieder der Umma (der muslimischen Glaubensgemeinschaft) und nicht als Individuen.

In der Forschungsliteratur zur maghrebinischen Autobiographie werden Begriffe wie “récit de vie”, “témoinage” (Chaulet-Achour, 1996:291), “roman autobiographique”, “récit autobiographique” (El Maouhal 1999:111) “autobiographie plurielle” (Gafaiti 1998) verwendet. Diese Bezeichnungen werden vor dem Gesichtspunkt des traditionellen Genres der Autobiographie verwendet. Dabei werden Gattungsvorstellungen in einen kulturellen Kontext hineingetragen. Die außereuropäische Autobiographie wird als ‘Abweichung’ oder ‘Anleihe’ des europäischen Genres beschrieben: So versteht beispielsweise Bounfour die maghrebinische Autobiographik als “Anleihe” beim europäischen Genre der Autobiographie:

“{...} la thèse de l’emprunt de la forme autobiographique, suggérée par une demande étrangère à la société, est la plus raisonnable même si les études en détail nous montrent que la pratique arabe ou francophone de cette forme n’est pas de la pure imitation (Bounfour in Bonn : 73).

Er betrachtet jegliche außereuropäische Autobiographie und insbesondere maghrebinische Formen der Autobiographie als “Umformungen” und “Abweichungen” von der europäischen Norm. Die autobiographische Besonderheit der französischsprachigen Literatur im Maghreb soll nun aber nicht am Kriterium der Abweichung (von der traditionellen autobiographischen Norm) festgemacht werden, sondern vielmehr die Identitäts- und Subjektkonstitution aus der Verwendung einer ‚fremden‘ Sprache untersucht werden.

3. Postkolonialismus, französische Sprache und Identität

Das postkoloniale Schreiben im maghrebinischen Raum ist gekennzeichnet durch Hybridisierung. Der Maghreb stellt eine kulturell und linguistisch 'durchmischte' Landschaft dar, die durch die Koexistenz von drei Sprachen (Arabisch, Französisch und Berberisch) charakterisiert ist. Hybridisierung bedeutet nicht nur die Koexistenz verschiedener Kulturen und Sprachen, sondern vor allem auch deren Vermischung. Es ist ein Neben- und Miteinander europäischer und maghrebinischer Kultur, unterschiedlicher Sprachen und Religionen, die in Kontakt treten und Beziehungen entwickeln.

Zunächst wird in einem kurzen historischen Abriss dargelegt, warum sich maghrebinische Schriftsteller dazu entschlossen haben, auf Französisch[5] zu schreiben und in einem weiteren Schritt die Frage nach Identität untersucht.

3.1 Postkoloniales französisches Schreiben

“La littérature maghrébine d’expression française ou francophone est fille de la colonisation, mais lui a survécu malgré les prophéties des Cassandre qui lui prommettaient une disparition prochaine dans un Maghreb souverain” (Bouguerra: 3)

Die Voraussetzungen für das Entstehen französischsprachiger Werke im Maghreb wurden durch die Kolonialpolitik Frankreichs geschaffen. Im Jahr 1830 begann die Eroberung Algeriens[6] in Algier und dehnte sich in den Folgejahren weiter ins Landesinnere aus. Algerien wurde zur „Métropole au-delà de la Méditerranée“, also Teil des Mutterlandes (und somit mehr als eine Kolonie). Von Beginn der Besetzung an versuchte die französische Herrschaft ihre Sprache durchzusetzen. Auch das Bildungssystem wurde nach französischem Vorbild umgestaltet und Französisch als einzige Unterrichtssprache eingeführt. Der Arabischunterricht wurde ab 1883 nicht mehr zugelassen, was im Jahr 1938 sogar darin gipfelte, dass Arabisch den Status der Fremdsprache zugewiesen bekam. Es liegt nahe, dass es Ziel der Franzosen war, das ursprünglich in Algerien vorhandenen Bildungssystem, welches islamisch orientiert war, zu verdrängen und das eigene zu implementieren. Das Bildungsniveau erhöhte sich für die einheimische Bevölkerung dadurch aber kaum. Die Schuldbildung für Mädchen blieb gering (1928: von 55476 Grundschülern waren 3603 Mädchen) und auch die Zahl der Analphabeten war sehr hoch (1948: 91% der männlichen, 98% der weiblichen Bevölkerung)[7]. Doch die Kolonisierung führte zu einer starken Verbreitung der französischen Sprache, durch die der Zugang zum sozialen Aufstieg ermöglicht wurde.

Von November 1954 bis Juni 1962 fand der Befreiungskrieg (auch Algerienkrieg) gegen die Kolonialherrschaft Frankreichs statt. Man spricht von über einer Million Algeriern, die in diesen acht Jahren umkamen, sowie etwa 25.000 französische Soldaten. (Heiler: 49) Die Wunden sitzen tief in der algerischen Geschichte und sind bis heute nicht geschlossen. Bereits während des Befreiungskrieges wurde von der algerischen Befreiungsfront FLN beschlossen, dass die Nationalsprache des freien Algeriens das Hocharabische sein solle. Tatsächlich erfolgte nach der Unabhängigkeit eine „volonté d´arabisation“ basierend auf einer Aufwertung der arabischen Sprache und der islamischen Religion. “Après l’indépendance [...] [l]’Algérie a opté pour une “arabisation” assez brutale et totale, dans un refus du français considéré comme langue de l’ex-colonisateur.“ (Lajri 2005: 243) Die Arabisierungspolitik führte zur Aufwertung der arabischen Hochsprache und wies die französische Sprache zurück. Dies markierte jedoch auch eine Entwurzelung der berberstämmigen Bevölkerung[8]. Im Grunde genommen wurde durch die "Arabisation" die Sprachpolitik der Franzosen fortgeführt, denn nur ein kleiner Teil der Bevölkerung war im Stande, Hocharabisch zu reden, wohingegen der Großteil Dialektal-Arabisch sprach.[9] Die Schriftstellerin Assia Djebar äußerte sich zu der sprachlichen Situation in Algerien wie folgt: „Le monolinguisme de la politique officielle de l´état algérien – entretenant une obsession de la ‘langue nationale’ et d´une mise en suspicion des langues autres que l’arabe classique est bien à la source même de la violence…“ (Winkelmann 2000 : 30)

Der kurze Überblick über die Geschichte Algeriens zeigt klar auf, dass die Entstehung einer Literatur algerischer Autoren in französischer Sprache eng mit der französischen Kolonisierung des Landes und der Einführung der französischen Sprache als einziger Bildungssprache zusammenhängt. Französisch fungiert hier als Symbol des gesellschaftlichen Aufstiegs und der Anerkennung, auch außerhalb des maghrebinischen Raums. Während der Kolonialzeit wurde die Stellung des Französischen mittels des Schulsystems und als Amtssprache verfestigt, in der postkolonialen Zeit jedoch wurde seine Position in Frage gestellt. Von dieser ambivalenten sprachlichen Situation waren auch und insbesondere die französischsprachigen Schriftsteller betroffen. Ihnen wurde vorgeworfen, sie dienten dem Kolonisator.[10] Mit der Verwendung der feindlichen Sprache gingen sie auch das Risiko ein, im eigenen Land nicht anerkannt zu werden.

“Le choix du français comme langue d’écriture, dans un contexte bilingue, avec comme langue “nationale” et officielle, la langue arabe, est également problématique {...} l’arabe est non seulement une langue d’enseignement, de culture et de littérature, mais aussi celle du texte sacré de la majorité de la population. il ne s’agit donc pas seulement d’un moyen de communication {...} l’arabe est considéré comme une langue qui véhicule une vision du monde, une mentalité, une culture, une histoire. (Lajri 2005: 249-250)

Ein weiterer, wichtiger Aspekt, warum sich AutorInnen dazu entschließen, auf Französisch zu schreiben, lässt sich auf die islamische Kultur zurückführen. Die Verwendung der ersten Person Singular ist im Arabischen aufgrund des kulturellen Kontextes untersagt und somit für algerische Autoren problematisch.[11] Die Verwendung der erste Person Singular ist demnach nur in französischer Sprache möglich, weil sie nicht mit der islamischen Religion und Kultur in Zusammenhang gebracht wird.[12] Das Schreiben auf Französisch bietet somit die Möglichkeit eines freieren Ausdrucks und das Brechen politischer, religiöser und sexueller Tabus. Die Möglichkeit des Tabubruchs ist für Frauen hier bedeutsamer als für Männer, da sie wesentlich eingeschränkter sind.

Was die Wahl des Französisch als Schriftsprache weiterhin begünstigt ist der Umstand, dass das Dialektal-Arabisch sowie das Berberische rein mündliche Sprachen sind, also nicht niedergeschrieben werden.[13] Mit der Verwendung des Hocharabischen wiederum hätte man nach Erlangung der Unabhängigkeit eine noch geringere Leserschaft erreicht, da viele kein Hocharabisch sprechen oder lesen können.

Nicht selten ist es auch die Nachfrage im europäischen Raum, die den Autor veranlasst, auf Französisch zu schreiben.

„[…] les littératures maghrébines sont souvent considérées, encore aujourd’hui, comme un ensemble d’oevres „exotiques“ lorsqu’elles présentent un style, un espace ou une langue qui ne correspondent pas à la norme « francaise » […] (Lajri 2005: 239)

Der europäische Rezipient möchte die maghrebinische Kultur entdecken und zeigt Interesse:

« Un univers qui est étranger au lecteur européen : c´est même cette étrangeté qui sera pour celui-ci le motif principal de sa lecture. C´est pour découvrir une culture maghrébine qui leur est étrangère, mais qui les concerne directement par son interaction avec l´évolution politique et sociale de la France, que les lecteurs français de Mouloud Feraoun, Mouloud Mammeri […] ou Kateb Yacine dans les années 50 ou 60, ceux de Mehdi Charef, Leila Sebbar, Azouz Begag dans les années 80 s´intéressent à leurs textes » (Bonn 1996: 8)

[...]


[1] Die Schilderung des historischen Teils bezieht sich zum großen Teil aus Susanne Heilers Werk “Der maghrebinische Roman”.

[2] Die Blütezeit des europäischen Bürgertums und gleichzeitig die der Autobiographie sind nach Misch das ausgehende 18. Jh. und 19. Jh.

[3] Wie zum Beispiel Confessions von Rousseau, Dichtung und Wahrheit von Goethe, Mémoires von Chateaubriands oder auch Memoirs of the Life and Writing of Benjamin Franklin

[4] Zum Beispiel Jehan Sadat (Ägypten), Waris Dirie (Somalia)

[5] In Algerien sogar lange Zeit die Sprache des Feindes

[6] Für diese Hausarbeit ist insbesondere die Geschichte Algeriens relevant

[7] Siehe Christiane Chaulet-Achour: Noûn. Algériennes dans l’écriture. Biarritz 1998, S. 52.

[8] Das Berberische wurde erst April 2002 in Algerien neben dem Hocharabischen als zweite Nationalsprache anerkannt und rechtlich eingeführt.

[9] „Ce ‚drame linguistique‘ se répète et s´éternise avec, cette fois, non pas le français comme langue dominante mais bien l´arabe classique.“ Ben Rabah, M.: Les dénis de l´arabisation. In: Libération [französische Tageszeitung], 26.06.1998, S. 4-5. In Belkhira, Souad (2013)

[10] Vgl. Winkelmann, 2000 : 34-36.

[11] Vgl. ebd. 48-49.

[12] Vgl. ebd. 4.9

[13] Ausnahme im berberischen: ‚Tifinagh’ (der Tuareg)

Details

Seiten
30
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668081451
ISBN (Buch)
9783668081468
Dateigröße
1.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v309829
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Note
1,0
Schlagworte
postkoloniales schreiben djebars roman

Autor

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Titel: Postkoloniales autobiographisches Schreiben in Assia Djebars Roman „L'amour, la fantasia“