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Kunst und Kunsttherapie. Durch Bilder die Seele sprechen lassen

von Mara Strick (Autor)

Hausarbeit 2014 12 Seiten

Pädagogik - Heilpädagogik, Sonderpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Kunstgeschichtliche Entwicklung

3. Einführung in die kunsttherapeutische Arbeit

4. Reflexion

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Unsere Gesellschaft ist heutzutage geprägt durch eine hochtechnisierte und industrielle Wirtschaftsweise, in der die Prinzipien der Ökonomie auf alle Lebensbereiche zunehmend Einfluss gewinnen. Produktivität und Leistungsdenken bestimmen nicht nur die Arbeitswelt, sondern auch das Privatleben. Die steigenden Anforderungen führen zu einer von Stress geplagten Gesellschaft, in der es jedem einzelnen Menschen immer schwerer fällt, ein persönliches Gleichgewicht zu finden oder beizubehalten. Der Sozialpsychologe Erich Fromm formulierte bereits in den sechziger Jahren, dass wir uns zu Sklaven der Wirtschaft machen.1 Die Folgen sind psychische Störungen wie Depressionen, Angststörungen und Erschöpfungszustände. Aus der Anforderung heraus, stets zu funktionieren, kann sich ein Gefühl der Leere entwickeln, verbunden mit der Unfähigkeit, überhaupt noch etwas zu tun. Neben diesen allgemeinen gesellschaftlichen Phänomenen können individuelle Schicksalsschläge wie Erkrankung, Arbeitslosigkeit, Trennung und zwischenmenschliche Konflikte dazu führen, dass das innere Gleichgewicht verloren geht. Bei seelischen Störungen, die sich aus dem oben skizzierten Konfliktfeld zwischen dem Einzelnen und einer durch zunehmende Ökonomisierung dominierten Arbeits- und Lebenswelt ergeben, aber auch bei individuellen psychischen Erkrankungen kommen neben den klassischen Therapieformen immer mehr kreativ - therapeutische Methoden im Sinne einer kreativen Lebensbewältigung zum Einsatz. Eine dieser Methoden soll im Rahmen dieser Hausarbeit näher vorgestellt werden. In der Literatur wird Kunsttherapie zum Teil als offener Oberbegriff für alle Therapieformen im kreativ - gestalterischen Bereich, Tanz und Musik eingeschlossen, verwendet.2 Meist jedoch wird der Begriff eingegrenzt angewandt als Bezeichnung für das bildnerische Gestalten, oder noch enger gleichgesetzt mit der Bezeichnung „Maltherapie", wie bei Werner Kraus in dem Buch "Die Heilkraft des Malens, Eine Einführung in die Kunsttherapie “ In dieser Arbeit wird der Begriff "Kunsttherapie" verwendet, angelehnt an seine Begriffsbestimmung.

Die vorliegende Arbeit stellt zunächst die Ursprünge der Kunsttherapie dar und geht dabei auf die Kunstgeschichte ein, da es lohnend erscheint, die Wechselbeziehung zwischen Kunst und Therapieansätzen in den Blick zu nehmen. Kunstgeschichtliches Hintergrundwissen kann zu einem vertieften Verständnis von Kunsttherapie beitragen und die Chancen würdigen, die da Gewähren eines künstlerischen Gestaltungsraums mit sich bringen. In den meisten Handbüchern zur Kunsttherapie spielt die kunstgeschichtliche Entwicklung allerdings nur eine Nebenrolle, so dass auch fachspezifische Literatur aus dem Bereich Kunstgeschichte hinzugezogen wurde.

Exemplarisch wird auf van Gogh und die Epoche des Expressionismus eingegangen und später Jospeh Beuys vorgestellt. Dieser prägte den Kunstbegriff so, dass Kunst einen neuen Stellenwert in der Gesellschaft erlangte und der therapeutische Ansatz in der Kunst gefördert wurde. Im letzten Teil wird das Selbstverständnis von Kunsttherapie erörtert. Dabei werden immer wieder auch Bezüge zu den erarbeiteten Erkenntnissen aus der bildenden Kunst hergestellt, um Gemeinsamkeiten und Unterschiede von Kunst und Kunsttherapie deutlich zu machen.

2. Kunstgeschichtliche Entwicklung

Lange bevor es die Disziplin der Kunsttherapie gab, strebten Künstler danach, ihren inneren Bildern und ihrer Sicht auf die Welt Ausdruck zu verleihen. Die äußere Realität wurde dabei bereits in der Epoche der Romantik zugunsten innerer Vorstellungen und philosophischer Aussagen überformt, die Natur wurde Spiegel der Seele, die sich selbst in der Übereinstimmung mit der Natur erkannte und ausdrückte. Die Kunst widmete sich der Aufgabe, der einseitigen Betonung der Vernunft, wie sie im Zuge der Aufklärung proklamiert wurde, entgegenzuwirken und der Intuition, dem Gefühl und dem Unbewussten wieder mehr Raum zu geben.

In radikalerer Weise verschaffte sich die Emotionalität und persönliche Gestimmtheit des Künstlers in der Epoche des Expressionismus Raum, in der die Ausdruckssteigerung zu einer Abkehr von naturalistischen Darstellungsweisen führte.

Als einer der Vorläufer des Expressionismus gilt van Gogh, dessen Leben und psychische Verfassung sich in besonderer Weise in seinem künstlerischen Werk abbildete. Van Gogh war ein Jahr nach seinem früh verstorbenen Bruder geboren worden und hatte dessen Namen erhalten. Es erscheint nicht verwunderlich, dass er immer wieder problematische Phasen der Identitätsbildung durchmachte, und dass er sich als Schatten eines anderen empfunden haben mag.3 Seine manische Produktivität, die auch in den Zeiten von psychischen Zusammenbrüchen und Anstaltsaufenthalten nicht nachließ, könnte man als Versuch deuten, ein doppeltes Leben, gleichsam für den verstorbenen Bruder mit, zu führen.4 Die Überwindung seiner Leiden war Antrieb für seine Malerei, wobei er sein persönliches Schicksal nicht unmittelbar und unreflektiert ausdrückte (-im Sinne eines Maltherapiepatienten-), sondern zu allgemeingültigen, überpersönlichen künstlerischen Aussagen gelangte. Dies betrifft vor allem seinen Umgang mit Farben, die er von der Bindung an die äußere Wirklichkeit löste. Nach Kurt Badt „[…] haben ihn zwei Momente in der Farbenentwicklung seiner Kunst vorangetrieben: Anregungen aus der ihn umgebenden Natur und die Absicht, eine Kunst zu machen, die «schöner, einfacher, tröstender» sein sollte als die Natur.“5 oder „[…] die, wie er ein anderes Mal schrieb «eine vollständige Wiedergeburt all der Dinge» zeigen sollte, «an die man geglaubt hat und die man gewünscht hätte».“6 Was er von seiner neuen Farbenkunst erwartete, war nichts weniger als „[…] den Trost über das Schicksalhafte aller Existenz […]“7, indem er die Farben in ihrer Leuchtkraft, Reinheit und Beglückung sprechen ließ.8 Zu den bekanntesten Gemälden van Goghs zählt „Die Sternennacht“9. Hier sind die erwähnte Leuchtkraft der Farben und der expressive Pinselduktus hervorzuheben. Gleichzeitig lässt sich die dargestellte Natur in Verbindung zu van Goghs psychischer Verfassung setzen. Er erstellte das Gemälde zwischen zwei Anfällen während einem seiner Klinikaufenthalte. Dem Betrachter dieses Gemäldes eröffnet sich der Blick auf ein Dorf bei mystischer Abendstimmung. Im Hintergrund zieht sich entlang des Horizontes eine Gebirgslandschaft. Im Vordergrund steht eine Zypresse, die an eine lodernde Flamme erinnert und sich zum Himmel empor reckt und so den unteren und oberen Bildrand oder, bildlich gesprochen, Himmel und Erde miteinander verbindet. In kreisendem Pinselduktus ist der im Vergleich zu den kleinen Häusern riesige Himmelsraum dargestellt, „[…] der zum Schauplatz eines kosmischen Geschehens wird.“10 Die Erregung, die diese Naturdarstellung vermittelt, findet ihre Entsprechung in der seelischen Verfasstheit van Goghs. So vermittelt das Gemälde ein Bild von der machtvollen Größe und überwältigenden Schönheit der Natur und spiegelt durch die Darstellungsweise der in Vibrationen versetzten Landschaft den seelischen Aufruhr des Malers. Die Umsetzung in Malerei war für ihn notwendig, um seine innere Zerrissenheit auszudrücken und damit eine Möglichkeit der Verarbeitung und Bändigung zu finden. Mit seiner Kunst eröffnete van Gogh den folgenden Künstlergenerationen bis hin zum Abstrakten Expressionismus in der amerikanischen Kunst den Weg zu gesteigerter Subjektivität und emotionalem Ausdruck. Er ebnete ebenso den Weg zur Verselbständigung der bildnerischen Mittel, die zunehmend zu autonomen Bildelementen wurden und bis zur völligen Gegenstandslosigkeit führten.11

Die Erweiterung des Kunstbegriffes, die auch durch den Dadaismus und den Surrealismus gefördert wurde, führte dazu, dass die neuen bildnerischen Ausdrucksformen auch die therapeutischen Wirkungsmöglichkeiten bildnerischen Gestaltens in den Fokus rückten. Die Voraussetzungen für mögliche Interpretationen von seelischen Inhalten in künstlerischen

[...]


1 Vgl. http://www.erich-fromm-online.de/index.php?option=com_glossary&Itemid=55&glossid=3&page=4 18.02.2013

2 Vgl. Heimes, Silke: Künsterlische Therapien. Göttingen 2010 S. 33.

3 Vgl. Frank, Herbert: Van Gogh. Rowohlt Taschenbuch Verlag Hamburg 1976 S. 20.

4 Vgl. Frank, Herbert: a.a.O. S. 106 f.

5 Ebd. Badt, Kurt: Die Farbenlehre van Goghs. Dumont Reiseverlag Ostfildern 1998 S. 70.

6 Ebd. S. 70

7 Ebd. S. 70

8 Vgl. S.71

9 Die Sternennacht ist im Juni 1889 in Saint-Rémy entstanden und befindet sich im Besitz des Museum of Modern Art, New York

10 Ebd. Frank, Herbert: Van Gogh. Rowohlt Taschenbuch Verlag Hamburg 1976 Verlag S. 111

11 Vgl. S. 112 f.

Details

Seiten
12
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668083356
ISBN (Buch)
9783668083363
Dateigröße
477 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v309989
Institution / Hochschule
Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft in Alfter
Note
1,7
Schlagworte
Expressionismus Dadaismus Surrealismus bildnerisches Gestalten als therapeutische Wirkungsmöglichkeit

Autor

  • Mara Strick (Autor)

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Titel: Kunst und Kunsttherapie. Durch Bilder die Seele sprechen lassen