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Physische und psychische Schulbestrafungen zur Zeit des Nationalsozialismus

Unterscheiden sich die Bestrafungsmaßnahmen für Mädchen und Jungen basierend auf den damaligen Erziehungszielen?

von Mona Ullmann (Autor)

Hausarbeit 2014 40 Seiten

Pädagogik - Geschichte der Päd.

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Darstellung der Forschungsmethode: problemzentriertes Interview

3. Vorstellung und Analyse des ausgewählten Quellenmaterials
3.1 Erziehungsziele im Nationalsozialismus
3.2 Die Lehrkraft: Ausführer der Bestrafungen
3.3 Separate Schulerziehung
3.4 Bestrafungen
3.4.1 Körperliche Bestrafungen
3.4.2 Psychische Bestrafungen
3.4.3 Bestrafungen: Jungen
3.4.4 Bestrafungen: Mädchen
3.4.5 Bestrafungsmaßnahmen bei Regelverstoß: Mädchen und Jungen

4. Auswertung der Interviews
4.1 Unterschiede
4.2 Gemeinsamkeiten

5. Fazit: Auseinandersetzung mit der Forschungsfrage

6. Reflektion der Vorgehensweise

7. Möglichkeiten der Einbeziehung des Themas in den Schulunterricht

8. Literaturverzeichnis

9. Anhang
9.1 Transkriptionslegende
9.2 Interview Herr
9.3 Interview Frau E.
9.4 Mögliche Arbeitsblätter im Schulunterricht

1. Einleitung

Die vorliegende Hausarbeit beschäftigt sich mit dem Thema ,,Schulbestrafungen zur Zeit des Nationalsozialismus“. Im Fokus stehen die unterschiedlichen körperlichen sowie psychischen Bestrafungsmaßnahmen, die in der Zeit von 1933-1945 verübt wurden. Unterschieden wird zwischen Mädchen und Jungen. Die konkrete Fragestellung, die in dieser Forschungsarbeit untersucht wird, lautet: ,,Inwieweit unterscheiden sich die schulischen Bestrafungsmaßnahmen zwischen Mädchen und Jungen zur Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland basierend auf die damaligen Erziehungsziele?“ Diese Fragestellung wurde gewählt, da viele, vor allem körperliche Strafen, heutzutage nicht mehr in den Schulen verübt werden und es interessant ist, einen Zeitraum zu untersuchen, in dem diese Bestrafungsmaßnahmen noch aktuell waren. In der Zeit des Nationalsozialismus herrschte vor allem oberste Disziplin. Spiegelte sich diese Disziplin auch in den Schulstrafen wieder?

Vorab wird ein kurzer Einblick in die Erziehungsziele des Nationalsozialismus und den unterschiedlichen Bestrafungsmaßnahmen von Jungen und Mädchen gewährleistet.

Um die gewählte Fragestellung zu analysieren, wird anschließend auf die Erfahrung zweier Zeitzeugen zurückgegriffen, die ungefähr zur selben Zeit zur Schule gegangen sind. Es wurden eine Frau und ein Mann gewählt, damit zwei unterschiedliche Sichtweisen verschiedener Geschlechter analysiert werden können, da männliche Geschlechter im Gegensatz zu weiblichen anderes argumentieren und empfinden. Durch die Befragung der Zeitzeugen kann ermittelt werden, welche Bestrafungsmaßnahmen damals aktuell waren und wie die Befragten diese empfanden. Diese Informationen geben Aufschluss über damalige Erlebnisse und Erfahrungen, sodass ein realer Rückblick stattfinden kann. Im Anschluss an die Befragung wird Literatur hinzugezogen, um die Aussagen zu bekräftigen.

2. Darstellung der Forschungsmethode: problemzentriertes Interview

Die folgenden Zeitzeugenbefragungen richten sich nach dem problemzentrierten Interviewmodell von A.Witzel, H.Reinders und H. Hermanns.

"Das Interview ist eine systematische Methode zur Informationsgewinnung, bei dem Personen durch Fragen oder Stimuli in einer asymmetrischen Kommunikationssituation zu Antworten motiviert werden." [1] Mit systematisch ist hierbei ein planmäßiges, durchdachtes und organisiertes Vorgehen gemeint. Stimuli meint vor allem die Impulssetzung, um Interviewte zum Sprechen anzuregen. Von der asymmetrische Kommunikationsweise gibt es zwei Arten: zum einen verfügt der Befragte über Wissen, welches der Interviewer in Erfahrung bringen möchte. Zum anderen wird der Gesprächsverlauf und zum Teil auch die Gesprächsinhalte durch die Art und die Inhalte der Fragen vom Interviewer vorgegeben.[2]

Besonders wichtig ist es, dass das Interview als „das Gestalten einer sozialen Interaktion («wie man es tut») im Vordergrund“ [3] steht.

In der Regel wird das Interview als persönlich-mündliches Gespräch mit einem geringen Maß an Strukturierung und Standardisierung durchgeführt. Außerdem dient das Interview als offene Befragungsmethode, um so subjektive Sichtweisen, Handlungsmotive und Bedeutungszuschreibungen zu erfassen. Zudem bedienen sich der Interviewer und der Interviewte meist den formalen Regeln der Alltagssprache.[4]

Zunächst bedarf es einer Definition des problemzentrierten Interviews. Hierbei stehen im Mittelpunkt Erfahrungen, Wahrnehmungen und Reflexionen, zu denen der Interviewte ganz gezielt und zu einem bestimmten Problem befragt wird. Im Fokus steht die Darstellung der subjektiven Problemsicht der Interviewten, die möglichst unvoreingenommen sein sollten, wohingegen der Interviewer sich eher zurück hält und teilweise neutral ist.[5] Er nutzt lediglich seine Vorkenntnisse, um die Antworten des Befragten nachzuvollziehen und am Problem gezielte Fragen zu stellen, sodass im Laufe des Gesprächs der Fokus immer mehr auf das Forschungsproblem gelenkt werden soll.[6] Der Gesprächsstil ist eher ein sensibler und akzeptierender, da der Interviewte ein Gefühl des Vertrauens und Offenheit gewinnen soll.

Der Aufbau von Interviews unterteilt sich immer in fünf Phasen. Diese Phasen sind anhand eines Interviewleitfadens festgehalten. Dieser soll die relevanten Themengebiete aufzeigen und systematisieren. Der Leitfaden bestimmt also die Schwerpunkte des Interviews und kann gegebenenfalls nach ersten Interviews noch einmal überarbeitet werden. Für das Interview an sich ist es leichter, wenn ein Leitfaden aus Stichpunkten besteht, sodass es am Ende einen ausformulierten und einen stickpunktartigen Leitfaden gibt.[7] Zudem ist es wichtig, dass ein Leitfaden eine maximale Offenheit gewährt, damit das Alltagswissen sachgerecht rekonstruiert wird. Außerdem ist beim Leitfaden zu beachten, dass er nicht zu überladen ist und zu viele Fragen enthält. Er sollte eine formale Übersicht haben und gut zu handhaben sein, sodass Freiraum für unerwartete Fragen gewährt wird. Des Weiteren sollten die Fragen einem „natürlichen“ Erinnerungsfluss folgen und nicht zu große gedankliche und thematische Sprünge beinhalten.[8] Wichtig ist auch, dass der Leitfaden in großer, gut leserlicher Schrift aufgeschrieben wird und Platz für Notizen enthält. Der Interviewer sollte sich schnell einen Überblick und Orientierung verschaffen können.[9]

Ein Interview beginnt mit der Einstiegsphase. Der Interviewer und der Interviewte lernen sich in einer möglichst vertrauensvollen Atmosphäre kennen. Der Interviewer gibt Informationen über die eigene Person, sowie den Sinn und die Verwendung des Interviews. Außerdem holt er sich eine Einwilligung für die Aufnahme des Gesprächs ein. Es folgt als zweites die Aufwärmphase. Hierbei wird das inhaltliche Gespräch in Gang gesetzt und ein gedanklicher Einstieg in das Thema gegeben. Im Anschluss steht die zeitlich längste Phase des Interviews: die Hauptphase. Hier werden die Fragen und Themen des Leitfadens behandelt. Wie weit der Interviewte die Fragen beantworten möchte, bleibt ihm selbst überlassen. Am Ende dieser Phase steht eine ad-hoc-Phase, bei der die offen gebliebenen Fragen beantwortet werden. Daran anknüpfend ist die vierte Phase: die Ausstiegsphase. Der Interviewte wird gedanklich aus dem Thema geführt und darf selber noch Fragen stellen oder etwas hinzufügen. Im Anschluss daran kann sich noch eine Nach-Interview-Phase ergeben. Diese kommt häufig nach dem Ausschalten des Aufnahmegeräts zustanden, in der der Befragte noch interessante Thematiken anspricht, die er während der Aufnahme nicht preisgeben wollte.[10]

Außerdem muss ein Interviewer darauf achten, dass er nicht den Redefluss unterbricht und keine Suggestivfragen stellt. Zu lange oder unverständliche Fragen sollten vermieden werden. Auch Belehrungen sollten unterlassen werden, um den Interviewten nicht zu beeinflussen. Wichtig ist auch, dass man während des ganzen Interviews nicht die Anonymität verletzt.[11]

Für die gewählte Forschungsfrage bitte ich die Zeitzeugen zunächst um eine Einverständniserklärung, das Interview mit einem Aufnahmegerät festzuhalten. Um die Zeitzeugen zeitlich einzuordnen wird anschließend nach Alter und Wohnort gefragt. Außerdem soll die schulische Laufbahn kurz geschildert werden, damit der Interviewer sich ein Bild über die Schulform machen kann.

Die Hauptphase wird eingeleitet mit der Frage: ,,Wie hat das nationalsozialistische Schulwesen in Bezug der Disziplin auf Sie gewirkt?“ und ,,Wie haben die Lehrer auf Sie gewirkt? Waren Sie sehr streng?“. Diese Fragen wurden gewählt, um den Zusammenhang der Erziehungsziele und der Bestrafungen herzustellen. Der Lehrer war Ausführer der Bestrafungsmaßnahmen, deshalb ist eine kurze Einschätzung der Lehrerstrenge notwendig um die Sicht der Schülerinnen und Schüler zu verstehen. Danach soll auf die Schülerschaft eingegangen werden. Im Fokus stehen der Verstoß der Gehorsamkeit und die unterschiedlichen körperliche, als auch psychischen Bestrafungen im Unterschied zwischen Mädchen und Jungen. Außerdem wird nach den Hilfsmitteln, die zur Bestrafung dienten und nach der am meisten gefürchteten Strafe, gefragt. Diese Fragen wurden aufgrund der vorausgehenden Forschungsfrage gewählt. Daran anknüpfend soll die Wirkung der Strafe erfragt werde: Haben die Strafen das schulwidrige Verhalten eingeschränkt? Bei dieser Frage ist vor allem interessant zu erfahren, ob und inwieweit Schulstrafen etwas bei der Schülerschaft bewirkten. Auch hier steht der Unterschied von Mädchen und Jungen im Vordergrund.

3. Vorstellung und Analyse des ausgewählten Quellenmaterials

3.1 Erziehungsziele im Nationalsozialismus

Die Schule im Nationalsozialismus war geprägt durch ständige Veränderung in der Zeit der Machtergreifung Adolf Hitlers 1933 bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges 1945. Gründe dafür waren vor allem der durch den Krieg bedingte Unterrichtsausfall, der aufgrund von dem Luftwaffenhelfereinsatz ersetzt wurde. Der schulische Unterricht verlor in dieser Zeit ständig an Bedeutung und wurde gelegentlich wieder aufgenommen: ,,Das nationalsozialistische Erziehungssystem ist seinem Ursprung nach nicht ein Werk der pädagogischen Planung, sondern des politischen Kampfes und seiner Gesetze.“ [12] Das gesamte Erziehungswesen der Schule zielte darauf ab, alle deutschen Schülerinnen und Schüler nicht zu mündigen Menschen zu erziehen, wie es heute im Schulwesen üblich ist, sondern zu ,,einsatzbereiten Gefolgsleuten des Führers“. [13] Sie sollten bewusst nach den Grundsätzen der nationalsozialistischen Weltanschauung geformt werden.[14] Adolf Hitler wollte eine Jugend, die gewalttätig, herrisch und unerschrocken agierte und in der Tat Schmerzen ertragen konnte.[15]

Der Nationalsozialismus ist gekennzeichnet durch ein hohes Maß an Gewalt und Willkür, sodass auch die Schule durch diese Ideale enorm beeinflusst wurde. Die politische Schulkultur war bedacht darauf, die Schülerschaft ebenso anzupassen. Richtziele wie , ,,Kampfziele der deutschen Schule“ und der gemeinsame ,,Hitlergruß“ beeinflussten die Schulkultur.[16] Zentraler Punkt war die Gemeinschaftserziehung, die vor allem in Internaten stattfand.[17] Adolf Hitler wurde zur zentralen Person schulischen Erziehungswesens. Ihm wurde ein charismatischer Charakter zugesprochen, nach dem sich die Schülerinnen und Schüler sich zu richten hatten. Im Vordergrund stand nach seiner Ideologie die ,,Reinrassigkeit des deutschen Volkes“. Deshalb entwickelte sich in der Zeit des Nationalsozialismus eine Abneigung gegen Ausländer und besonders der gegen die Juden, sodass sich der Antisemitismus im deutschen Reich weit verbreitete.[18]

3.2 Die Lehrkraft: Ausführer der Bestrafungen

Diese Erziehungsziele konnten nur durch die Lehrkräfte ausgeführt werden. Die Lehrkraft besaß zu Zeiten des NS-Regimes oberste Priorität und Autorität. Sie nahm unter Anordnung Adolf Hitlers die Rolle eines Mitproduzenten der Ideologie an, mit der sie die Schülerschaft beeinflusste. Nach 1933 musste die Lehrerschaft zunächst auf nationalsozialistisch getreue Normen umgeschult und gleichgeschaltet werden.[19] Die Hauptaufgabe des Unterrichts bestand darin, die schulische Arbeit mit der neuen Ideologie zu politisieren. Die Lehrerschaft verpflichtete sich, die Schülerinnen und Schüler im nationalsozialistischen Erziehungswillen zu erziehen.[20] Mehr noch: Die Aufgabe der Lehrkraft bestand darin, die Schülerinnen und Schüler zu begeisterten Nationalsozialisten umzupolen.[21] Verweigerte er diese Weltanschauung oder hinterfragte er sie kritisch, wurde ihm die Lehrerlegitimation entzogen. Dem Lehrerministerium standen reichlich Druckmittel zur Verfügung, um die Lehrer zu zwingen, ihren Unterricht im nationalsozialistischen Sinne abzuhalten.[22] Folglich schraken sie nicht vor jeglichen Bestrafungsmaßnahmen, die sie an ihrer Schülerschaft verübten, zurück, um sie im Sinne der nationalsozialistischen Ideologie zu erziehen. Hielt sich eine Schülerin oder ein Schüler nicht an die Schulregeln, erwarteten ihn sowohl psychische als auch körperliche Bestrafungen.[23]

3.3 Separate Schulerziehung

Einer gemeinsamen Schulerziehung von Mädchen und Jungen wurde in der Zeit des Nationalsozialismus grundsätzlich widersprochen, da Geschlechtertrennung üblich war. Daran anknüpfend bestanden die unterschiedlichen Volksschulen aus verschiedenen Schwerpunkten: Eine allgemeine Schulpflicht galt ab 1933 bei Kindern, die das sechste Lebensjahr vollendeten.[24] Nach der Volksschule besuchten die Mädchen zusätzlich ab dem zehnten Lebensjahr neben der Schule den ,,Bund deutscher Mädel (BDM)“. Dort wurden sie vor allem für die Hauswirtschaft und die Familienerziehung ausgebildet.

Die Jungen hingegen besuchten ab 1936 mit Vollendung des zehnten Lebensjahres neben der Schule die ,,Hitlerjugend (HJ)“, eine Jugendverbandspflicht , die als gleichberechtigte Erziehungsinstanz neben der Schule und den Eltern galt.[25] Im Fokus stand die Ausbildung zum Soldaten im Falle eines Krieges. In beiden Schulformen galt die Weltanschauung Adolf Hitlers als höchste Priorität.[26] Parallel wurde in beiden Schulen versucht: ,,die heiligen Gefühle der Vaterlandsliebe und treuen Pflichterfüllung zu wecken“. [27] Die Jugendverbände wurden als wichtiger empfunden, als die Schule selbst und somit auch als Schulinstanz angefordert. Im Fokus stand nicht das Vermitteln von Wissen, sondern die körperliche und charakterliche Erziehung.[28]

3.4 Bestrafungen

Die Bestrafungsmaßnahmen begannen bereits gegen Verstoß dieser Schulpflicht:

,,Wer den Bestimmungen über die Schulpflicht vorsätzlich oder fahrlässig zuwiderhandelt, wird mit Geldstrafe bis zu 150 Reichsmark oder mit Haft bestraft, sofern nicht nach anderen Gesetzen eine höhere Strafe verwirkt ist.“[29]

Doch nicht nur eigene Handlungen wurde bestraft, sondern auch das Verhalten derjenigen, die andere dazu anstifteten, gegen die Gesetze zu handeln.

3.4.1 Körperliche Bestrafungen

Die am häufigsten verwendete Bestrafungsmethode im Nationalsozialismus war die körperliche Bestrafung in verschiedener Ausführung. Diese Bestrafungsmaßnahme herrschte seit den Klosterschulen, bei der die körperliche Züchtigung vor allem religiös begründet wurde und zur klösterlichen Selbstdisziplin führen sollte.[30] Im neunzehnten Jahrhundert schwächte diese ab, jedoch lebte diese Bestrafung im Nationalsozialismus wieder in Form einer ,,körperlichen Züchtigung“ [31] auf. Die ,,Prügelstrafe“ war in der Schule das zentrale Mittel, um Erziehungsziele wie Gehorsam, Ordnung und Anpassung durchzusetzen.[32] Dieselben Ideale, die der Nationalsozialismus verfolgte. Körperliche Züchtigungen wurden generell als ein Machtmittel der Vergeltung und Abschreckung betrachtet und bei Schülerinnen und Schülern verübt, um sie zu disziplinieren.[33]

Das bekannteste Hilfsmittel, welches der Lehrer für die sogenannte ,,Prügelstrafe“ benutzte, war der Rohrstock, der zur Ausführung der Bestrafungsmaßnahme dienen sollte. Mit dem Rohrstock verpasste die Lehrkraft Schläge auf die Handflächen oder auf das, teilweise bloße, Gesäß. Ebenso wurde mit der bloßen Hand zugeschlagen, vor allem auf die Wange der Schülerinnen und Schüler in Form einer Ohrfeige. Ebenso zogen die Lehrkräfte, vor allem die Jungen bei Verachtung der Disziplin, an den Ohren.[34]

Der Grund, warum die Lehrkräfte diese drastischen Bestrafungsmaßnahmen durchführten, lag vor allem darin, dass sie im nationalsozialistischen Regime neu geschult und folglich gleichgeschaltet wurden. Ihnen fehlte zum Beispiel ein Training im psychologisch sachgerechten praktischen Umgang mit Kindern und Jugendlichen, wie es in der heutigen Lehrerausbildung üblich ist.[35]

3.4.2 Psychische Bestrafungen

Mit psychischen Bestrafungen sind diejenigen Strafen gemeint, die zum Beispiel in Wort und Schrift ausgedrückt werden. Die nationalsozialistischen Lehrkräfte belehrten, wie es auch in den heutigen Schulen üblich ist, vor allem bei unangemessenen Verhalten. Sobald sich eine Schülerin oder ein Schüler nicht verhaltensgemäß benahm, wurde er oder sie belehrt. Meistens wurde diese Strafmaßnahme mit einer körperlichen Bestrafung kombiniert.

Ebenso wurde dauerhaftes unangemessenes Verhalten im Zeugnis festgehalten.

3.4.3 Bestrafungen: Jungen

In der Zeit des Nationalsozialismus wurde das Begehen einer Bestrafung am Schüler vor allem politisch begründet. Dadurch hatte sowohl die körperliche, als auch die psychische Strafmaßnahme eine hohe Bedeutung.

Bei den ,,Knaben“ wurde die körperliche Züchtigung bei schweren Begehen durchaus geduldet.[36]

Prinzipiell galt: Wer sich gegen den Kampf um die Einheit des Volkes, die Volksgemeinschaft, Treue, Gehorsam, Ehre und Stolz, sowie auch gegen die Wehrertüchtigung und Kriegsbereitschaft wehrte, sollte bestraft werden.[37]

Für die Jungen war der Sportunterricht von enormer Bedeutung: er sollte zur Gemeinschaftsgesinnung und zu kämpferischem Einsatz erziehen. Er bedeutete ,,das Heranzüchten kerngesunder Körper“ und wurde sogar vor der Ausbildung der geistlichen Fähigkeiten gestellt.[38] Unsportliche Jungen, die nicht Turnen, Boxen oder Fußball spielen konnten, wurden vernachlässigt. Ein schweres körperliches Leiden oder ein dauerndes Versagen, bedeutete sogar den Ausschluss aus den höheren Schulen.[39] Der Sportunterricht war ausgelegt in Form eines ,,militärischen Drills“, der die Schüler auf den voranstehenden Wehrdienst vorbereiten sollte . [40]

3.4.4 Bestrafungen: Mädchen

Im Allgemeinen wurden die Mädchen nicht im selben Maße bestraft, wie die Jungen. Die körperliche Bestrafung war bei den Mädchen geringer, im Gegensatz zu den Jungen. Vor allem die Bestrafung mit dem Rohrstock auf dem Gesäß wurde verboten. Ludwig Sniehotta, Oberschulrat aus Preußen, beteuerte: ,,das diese körperliche Strafform bei Mädchen niemals angewendet werden dürfe, da sie deren Schamgefühl irreversibel verletze.“ [41]

Der Grund für eine Bestrafungsausführung bestand ebenso in politischen Begründungen. Hitler verfolgte das Ziel, die Mädchen zu ,,Müttern des Deutschen Reiches“ zu erziehen, sodass der Haushalt im Mittelpunkt der schulischen Erziehung lag. 1934 bis 1936 wurde ihnen der Besuch einer Jungenschule allgemein verwehrt.[42] Das Mädchen wurde in der nationalsozialistischen Weltanschauung hauptsächlich unter dem Gesichtspunkt der Mutterschaft gesehen.[43]

3.4.5 Bestrafungsmaßnahmen bei Regelverstoß: Mädchen und Jungen

Einer der Grundlagen im nationalsozialistischen Unterricht war ,,klares Deutsch in Wort und Schrift“. Vor allem bei Klassenarbeiten oder Hausaufsätzen, aber auch bei mündlichen Fragen und Antworten im Unterricht galt korrektes deutsch. Sobald der Lehrer bemerkte, dass eine Schülerin oder ein Schüler kein ,,reines“ deutsch sprach und die ,,arteigene Sprachlehre“ nicht beherrschte, wurde die Schülerschaft getadelt.[44] Besonders häufig wurden die Jungen bestraft, indem sie nach vorne zum Lehrerpult kamen und mit dem Rohrstock geschlagen wurden.[45]

Ebenso wurde sowohl Ordnung und Sauberkeit unerbittlich gefordert, als auch eine gute und gerade Haltung, die im Unterricht oberste Priorität gewann. Zu Beginn des Unterrichts wurde zum Besipiel die Sauberkeit der Hände überprüft. Bei schmutzigen Händen bekamen die Jungen häufig den Rohrstock mit einem Schlag auf die Innenfläche der Hand zu spüren.

Das höchste Strafvergehen bestand darin, die Ideologie öffentlich im Unterricht anzuzweifeln. Diese Tat führte sowohl bei Jungen, als auch bei Mädchen zum endgültigen Schulverweis.[46]

[...]


[1] Reinders, H. (2011). Interview (S. 86). In Reinders, H. & Ditton, H. & Gräsel, C. & Gniewosz, B. (Hrsg.), Empirische Bildungsforschung. Strukturen und Methoden (S. 85 – 97).Wiesbaden: VS Verlag.

[2] Vgl.: Ebd. S.85.

[3] Vgl.: Hermanns, H. (2004). Interview als Tätigkeit (S. 360). In Flick, U. & von Kardorff, E. & Steinke, I. (Hrsg.), Qualitative Forschung. Ein Handbuch. 3 Aufl (S. 360 – 368). Hamburg: Rowohlt.

[4] vgl.: Reinders, H. (2011). Interview (S. 86). In Reinders, H. & Ditton, H. & Gräsel, C. & Gniewosz, B. (Hrsg.), Empirische Bildungsforschung. Strukturen und Methoden (S. 85 – 97).Wiesbaden: VS Verlag.

[5] Witzel, A. (1982). Verfahren der qualitativen Sozialforschung. Überblick und Alternativen (S.1). Frankfurt a.M.: Campus.

[6] Vgl.: Ebd.: S.2.

[7] Vgl.: Reinders, H. (2011). Interview (S. 94). In Reinders, H. & Ditton, H. & Gräsel, C. & Gniewosz, B. (Hrsg.), Empirische Bildungsforschung. Strukturen und Methoden (S. 85 – 97).Wiesbaden: VS Verlag.

[8] Helfferich, C. (2011). Die Qualität quantitativer Daten. Manual für die Durchführung qualitativer Interviews. 4. Aufl. Wiesbaden: VS Verlag, S. 179 f.

[9] Aufl. Wiesbaden: VS Verlag, S. 189.

[10] Vgl.: Reinders, H. (2011). Interview (S. 90 ff). In Reinders, H. & Ditton, H. & Gräsel, C. & Gniewosz, B. (Hrsg.), Empirische Bildungsforschung. Strukturen und Methoden (S. 85 – 97).Wiesbaden: VS Verlag.

[11] Vgl.: Reinders, H. (2011). Interview (S. 96). In Reinders, H. & Ditton, H. & Gräsel, C. &Gniewosz, B. (Hrsg.), Empirische Bildungsforschung. Strukturen und Methoden (S. 85 – 97).Wiesbaden: VS Verlag.

[12] Vgl.: Dithmar, R. (1989). Schule und Unterricht im Dritten Reich (S.2). Neuwied: Hermann Luchterhand.

[13] Vgl.: Ebd.: S.2.

[14] Vgl.: Eilers, R. (1963). Die nationalsozialistische Schulpolitik. Eine Studie zur Funktion der Erziehung im totalitären Staat (S.3). Köln;Opladen: Westdeutscher Verlag.

[15] Vgl.: Herrlitz, H.-G.; Wulf, H; Tietze, H. (1993). Deutsche Schulgeschichte von 1800 bis zur Gegenwart. Eine Einführung (S.145). Weinheim; München: Juventa.

[16] Vgl.: Dithmar, R. (1989). Schule und Unterricht im Dritten Reich (S.3). Neuwied: Hermann Luchterhand.

[17] Vgl.: Bracht, H.-G. (1998). Das höhere Schulwesen im Spannungsfeld von Demokratie und Nationalsozialismus. Band 31 (S.443). Frankfurt a.M.: Peter Lang.

[18] Vgl.: Ebd.: S.449.

[19] Vgl.: Eilers, R. (1963). Die nationalsozialistische Schulpolitik. Eine Studie zur Funktion der Erziehung im totalitären Staat (S.3). Köln;Opladen: Westdeutscher Verlag.

[20] Vgl.: Kanz, H. (1984). Der Nationalsozialismus als pädagogisches Problem. Deutsche Erziehungsgeschichte 933-1945 (S.204). Frankfurt a. M.; Bern; New York: Peter Lang.

[21] Vgl.: Kuropka, J. (1983). Für Wahrheit, Recht und Freiheit – gegen den Nationalsozialismus (S.46). Vechta: Vechtaer.

[22] Vgl.: Kuropka, J. (1983). Für Wahrheit, Recht und Freiheit – gegen den Nationalsozialismus (S.46). Vechta: Vechtaer.

[23] Vgl.: Dithmar, R. (1989). Schule und Unterricht im Dritten Reich (S.6). Neuwied: Hermann Luchterhand.

[24] Vgl.: Kanz, H. (1984). Der Nationalsozialismus als pädagogisches Problem. Deutsche Erziehungsgeschichte 933-1945 (S.227). Frankfurt a. M.; Bern; New York: Peter Lang.

[25] Vgl.: Nyssen, E. (1979). Schule im Nationalsozialismus (S.33).Heidelberg: Quelle&Meyer.

[26] Vgl.: Kanz, H. (1984). Der Nationalsozialismus als pädagogisches Problem. Deutsche Erziehungsgeschichte 933-1945 (S.205). Frankfurt a. M.; Bern; New York: Peter Lang.

[27] Vgl.: Eilers, R. (1963). Die nationalsozialistische Schulpolitik. Eine Studie zur Funktion der Erziehung im totalitären Staat (S.15). Köln;Opladen: Westdeutscher Verlag.

[28] Vgl.: Nyssen, E. (1979). Schule im Nationalsozialismus (S.55).Heidelberg: Quelle&Meyer.

[29] Vgl.: Kanz, H. (1984). Der Nationalsozialismus als pädagogisches Problem. Deutsche Erziehungsgeschichte 933-1945 (S.230). Frankfurt a. M.; Bern; New York: Peter Lang.

[30] Vgl.: Rohrback, J. (1962). Die körperliche Züchtigung in der Volksschule. Eine pädagogische und rechtliche Betrachtung (S.10). Essen: Neue Deutsche Schule MBH.

[31] Vgl.: Ebd.: S.19.

[32] Vgl.: Dudek, P. (2012). ,,Liebevolle Züchtigung“. Ein Mißbrauch der Autorität im Namen der Reformpädagogik (S.61). Bad Heilbrunn: Julius Klinkhardt.

[33] Vgl.: Dudek, P. (2012). ,,Liebevolle Züchtigung“. Ein Mißbrauch der Autorität im Namen der Reformpädagogik (S.61). Bad Heilbrunn: Julius Klinkhardt.

[34] Vgl.: Müller-Münch, I. (2012). Die geprügelte Generation. Kochlöffel, Rohrstock und die Folgen. 3. Auflage (S.187). Stuttgart: Klett-Cotta.

[35] Vgl.: Rohrback, J. (1962). Die körperliche Züchtigung in der Volksschule. Eine pädagogische und rechtliche Betrachtung (S.28). Essen: Neue Deutsche Schule MBH.

[36] Vgl.: Dudek, P. (2012). ,,Liebevolle Züchtigung“. Ein Mißbrauch der Autorität im Namen der Reformpädagogik (S.76). Bad Heilbrunn: Julius Klinkhardt.

[37] Vgl.: Nyssen, E. (1979). Schule im Nationalsozialismus (S.39).Heidelberg: Quelle&Meyer.

[38] Vgl.: Nyssen, E. (1979). Schule im Nationalsozialismus (S.29).Heidelberg: Quelle&Meyer.

[39] Vgl.: Eilers, R. (1963). Die nationalsozialistische Schulpolitik. Eine Studie zur Funktion der Erziehung im totalitären Staat (S.21). Köln;Opladen: Westdeutscher Verlag.

[40] Vgl.: Eilers, R. (1963). Die nationalsozialistische Schulpolitik. Eine Studie zur Funktion der Erziehung im totalitären Staat (S.37). Köln;Opladen: Westdeutscher Verlag.

[41] Vgl.: Dudek, P. (2012). ,,Liebevolle Züchtigung“. Ein Mißbrauch der Autorität im Namen der Reformpädagogik (S.76). Bad Heilbrunn: Julius Klinkhardt.

[42] Vgl.: Eilers, R. (1963). Die nationalsozialistische Schulpolitik. Eine Studie zur Funktion der Erziehung im totalitären Staat (S.19). Köln;Opladen: Westdeutscher Verlag.

[43] Vgl.: Nyssen, E. (1979). Schule im Nationalsozialismus (S.29).Heidelberg: Quelle&Meyer.

[44] Vgl.: Eilers, R. (1963). Die nationalsozialistische Schulpolitik. Eine Studie zur Funktion der Erziehung im totalitären Staat (S.15). Köln;Opladen: Westdeutscher Verlag.

[45] Vgl.: Ebd.: S.216.

[46] Vgl.: Ebd.: S.257.

Details

Seiten
40
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668086012
ISBN (Buch)
9783668086029
Dateigröße
559 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v310010
Institution / Hochschule
Universität Hildesheim (Stiftung)
Note
2,0
Schlagworte
physische schulbestrafungen zeit nationalsozialismus unterscheiden bestrafungsmaßnahmen mädchen jungen erziehungszielen

Autor

  • Mona Ullmann (Autor)

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Titel: Physische und psychische Schulbestrafungen zur Zeit des Nationalsozialismus