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Der andere Sonnenkönig. Repräsentationsformen des Absolutismus unter Leopold I.

von Kim Schmid (Autor)

Hausarbeit (Hauptseminar) 2014 22 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Neuzeit, Absolutismus, Industrialisierung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Zeitliche Einordnung und machtpolitische Situation

3. Herkunft und Biographisches zu Leopold I.
3.1. Jugend und Familie
3.2. Herrschaftsübernahme
3.3. Äußeres Erscheinungsbild

4. Leben am Wiener Hof – Das spanisch- burgundische Hofzeremoniell als Repräsentationsform

5. Repräsentationskultur und medienpolitische Bemühungen des Habsburgers
5.1. Feste, Musik und Theater als Hauptinstrumente der Selbstdarstellung
5.1.1. Die Hochzeit von Leopold I. und Margarita von Spanien
5.1.2. Das Rossballett
5.1.3. Die Oper „il pomo d`oro“
5.2. Kunst und Architektur
5.2.1. Schloss Schönbrunn und Versailles

6. Schlussbetrachtung: Leopold I. und Ludwig XIV. als „Sonnenkönige“ – Versuch eines Vergleichs

7. Literaturverzeichnis

1. Einführung

Im Folgenden stelle ich Leopold I. als den anderen Sonnenkönig vor. Den Schwerpunkt werde ich dabei auf die Person Leopolds im Zusammenhang mit seinen Bautätigkeiten, den zahlreichen von ihm veranstalteten Festen, und auf das Leben am Wiener Hof legen. Ich werde ihn als Förderer der Kunst und vor allem der Musik vorstellen und verschiedene barocke Festlichkeiten am Wiener Hof erläutern. Das Hauptaugenmerk soll dabei auf der Urraufführung von „il pomo d`oro“ („Der goldene Apfel“) im Zusammenhang mit der Hochzeit Leopolds liegen. Ich werde aus der Sicht kulturhistorischer und mentalitätsgeschichtlicher Fragestellungen die Weltanschauung und die politischen Ansprüche Leopolds durch verschiedene Repräsentationsformen darstellen. Unter anderem beginnt unter Leopold der Neubau des Schlosses Schönbrunn und die Erweiterung der Wiener- Hofburg. Malerei, Theater und Architektur dieser Zeit sollen als Repräsentationsformen des Absolutismus genauer betrachtet werden, um am Ende eine Aussage über die Gegensätze und die Gemeinsamkeiten zum Versailler Hof und dem Sonnenkönig Ludwig XIV. treffen zu können. Außerdem soll aufgezeigt werden, in wie fern Leopold die Sonnensymbolik für sich beanspruchen konnte.

2. Zeitliche Einordnung und machtpolitische Situation

„Leopold I. hatte wohl die schwerste Aufgabe zu erfüllen, musste er doch die längste Zeit seiner Regierung den schweren Zweifrontenkrieg führen. Dabei war er ein friedliebender Mensch, der das ihm auferlegte Amt als gottgewollte Pflicht ansah und verantwortungsvoll ausübte“[1]. Leopolds Regierungszeit umfasst den Zeitraum 1658-1705. Dies ist das Zeitalter barocker Prachtentfaltung. Gleichzeitig befand sich die österreichische Monarchie im Kampf gegen die Franzosen im Westen und die Türken im Osten. Ludwig XIV. folgte den außenpolitischen Zielen, die Richelieu und Mazarin vorgegeben hatten: Er wollte die Umklammerung Frankreichs durch die Habsburger gewaltsam durchbrechen und sein Land im Norden und Osten abrunden. Im Verlauf des „Großen Türkenkriegs“ wird das osmanisch besetzte Ungarn durch die Habsburger erobert und damit das habsburgische Territorium stark vergrößert. 1963 gelang den Habsburgern unter Leopold der erste Sieg gegen die Osmanen in der Schlacht von Mogersdorf. 1683 griffen die Osmanen erneut an und drangen bis nach Wien vor. Kaiser Leopold war bereits geflüchtet, wodurch ihm immer wieder Passivität und Ängstlichkeit vorgeworfen wurde. Mit Hilfe des polnischen Königs, welcher Truppen bereitstellte, konnte das osmanische Heer geschlagen werden. Die Expansionsbestrebungen Ludwig des XIV, bekannt als der Sonnenkönig, führten zu einer langen Kette von Kriegen und als Höhepunkt der Ausdehnungspolitik zur Einnahme der Reichsstadt Straßburg. Ludwig zählt zu den größten Konkurrenten Leopolds um die Vorherrschaft in Europa und wird auch von zahlreichen Autoren als Gegenspieler Leopolds konstruiert[2].

3. Herkunft und Biographisches zu Leopold I.

3.1. Jugend und Familie

Leopold Ignatius Joseph Balthasar Felician wurde 1640 als Sohn Ferdinand III. und der spanischen Infantin Maria Anna geboren. Maria Anna war die Tochter von König Philipp III. von Spanien. Die Ehe der beiden galt als politische Ehe, die jedoch als eine der wenigen Ehen sehr glücklich verlief[3]. Maria Anna gebar sechs Kinder, von denen drei das Kindesalter überleben sollten: Ferdinand, Leopold und Maria Anna von Österreich, welche im Alter von 15 Jahren König Philipp IV. von Spanien heiratete. Ferdinand III. hatte seinen erst geborenen Sohn Ferdinand IV. als Nachfolger bestimmt. Frank Huss bezeichnet ihn als den absoluten Liebling des Vaters[4]. Ferdinand sollte zur Herrschaftssicherung seine Cousine Maria Teresa, die Tochter von Philipp IV. von Spanien heiraten, jedoch verstarb Ferdinand bereits mit 21 Jahren an den Pocken, und die Hochzeit kam nicht mehr zustande. Maria Teresa heiratete daraufhin Ludwig XIV. von Frankreich. Maria Anna verstarb 1646 und Leopold verkraftete ihren Tod nur schwer, da er ein sehr enges Verhältnis zu seiner Mutter hatte.[5] Nach ihrem Tod bekam Leopold einen eigenen Hofstaat, zu dem Diener, Lehrer und Erzieher gehörten. Ferdinand III. hatte für seinen zweiten Sohn Leopold eigentlich eine geistliche Laufbahn vorgesehen, dem Vorbild Leopolds Onkel Leopold Wilhelm folgend. Sein Vater heiratete 1648 seine eigene Cousine Maria Leopoldine von Tirol. Auch sein zweite Frau verstarb, woraufhin Ferdinand III. Elenora von Gonzaga heiratete. Leopold hegte auch zu diesen Frauen ein sehr enges Verhältnis. Ferdinand III. betraute seinen Sohn Ferdinand, den er zu seinem Nachfolger auserwählt hatte mit politischen Aufgaben, während er bei Leopold Wert auf dessen geistige Bildung legte. Leopold wurde in Chemie, Literatur, Altertumskunde, Geschichte und Astronomie unterrichtet. Zu seinen Lehrern gehörte der Jesuitenpater Philipp Mueller. „Sein „Ajo“, also sein persönlicher Erzieher, wurde Graf Johann Ferdinand Portia, ein vornehmer Adliger aus Friaul, der später Leopolds erster Oberhofmeister wurde.“[6] Leopold genoss eine streng katholische Erziehung, die ihn zum Befürworter der Gegenreformation machte. Die Frömmigkeit und die Zögerlichkeit waren wohl die domminierende Eigenschaften seines Charakters: „Die habsburgische Frömmigkeit fand in Leopold wohl ihren idealsten Vertreter. In seiner auf eine geistliche Laufbahn abgestimmte Erziehung nahmen die religiösen Übungen weit mehr Platz ein als das für einen jungen Prinzen sonst normale soldatische Training. So reagierte er zeit seines Lebens auf Krisen eher mit Gebet als mit einem Konzept zur Bewältigung der Krise. Lieber wartete er auf das Urteil des Himmels oder auf das wunderbare Eingreifen der Vorsehung – denn der Wunderglaube war ein fester Bestandteil seiner Frömmigkeit – , als daß er sich selbst in Aktivitäten gestürzt hätte.“[7] Er sprach neben Latein auch Spanisch, Italienisch und Französisch und wird immer wieder als sehr gebildeter, intelligenter, gelehrsamer, frommer Mann bezeichnet. „Eine gewisse Gelehrsamkeit und Intellektualität sollte er sein ganzes Leben beibehalten. Er unterhielt sich lieber mit Ärzten, Bibliothekaren oder Beichtvätern als mit seinen Ministern.“[8] Darüber hinaus galt er als guter Reiter, passionierter Jäger und Zeichner. Über allem stand jedoch sein Interesse an der Musik. Er zeigte bereits als Kind eine große Begabung im Musikunterricht. „Seine Lehrer waren die Organisten Markus und Wolfgang Ebner, aber auch Hofkapellmeister Antonio Bertali soll sich um die Entwicklung des Kompositionstalents des Erzherzogs bemüht haben.“[9] Auf die Musik möchte ich im Kapitel 5 nochmals genauer zu sprechen kommen.

3.2. Herrschaftsübernahme

Leopold wurde nach dem Tod seines Bruders Ferdinand bereits sehr jung König von Böhmen und Ungarn. Ferdinand III. bemühte sich jedoch in der Trauer um seinen Erstgeboren Anfangs nicht um die Krönung von Leopold zum König, sodass es zu Verzögerungen kam. Nach dem Tod seines Vaters konnte Leopold als Erster dieses Namens im Reich 1657 die Thronfolge antreten. Jedoch stellte sich diese Nachfolge im Reich als Kaiser sehr schwierig dar. Es begann ein Interregnum, das mit der Dauer von einem Jahr eines der längsten in der Geschichte des Heiligen Römischen Reichs war. Neben Leopolds Onkel wurde auch der junge König von Frankreich für die Thronfolge in Erwägung gezogen. Leopold verzichtete jedoch nicht auf seine Ansprüche auf die Kaiserkrone. Am 18. Juli 1658 wählten die Kurfürsten einstimmig Leopold I. zu ihrem Kaiser. Am 1. August folgte die Krönung im Kaiserdom St. Bartholomäus in Frankfurt.

3.3. Äußeres Erscheinungsbild

Zum Aussehen des Habsburgers führt Huss eine interessante Quelle an. Er zitiert die Beschreibung des türkischen Gesandten Evliya Celebi: „Man möchte bezweifeln, dass mit ihm der Herrgott wirklich einen Menschen erschaffen wollte: Er ist ein junger Mann von Mittelgröße, ohne Kinnbart, mit schmalen Hüften, nicht gerade fett und beleibt, aber auch nicht eben hager. Nach Allahs Ratschluss hat er einen Flaschenkopf, oben zu gespitzt wie die Mütze eines Mevli-Derwisches oder wie ein Birnenkürbis, mit einer Stirne, flach wie ein Brett, und dichten schwarzen Augenbrauen, die aber weit auseinanderstehen und unter denen seine von schwarzen Wimpern umrandeten, kreisrunden und hellbraunen Augen wie die Lichter eines Uhus funkeln. […]. Seine Lippen sind wulstig wie die eines Kamels, und in seinen Mund würde ein ganzer Laib Brot passen. […]. Auch seine Zähne sind groß und weiß wie die eines Kamels. Immer wenn er spricht, spritzt und trieft ihm der Speichel aus seinem Mund und von seinen Kamellippen, als ob er erbrechen würde, da wischen ihm dann die strahlend schönen Pagen, die ihm zur Seite stehen, mit riesigen roten Mundtüchern ständig den Geifer ab. […].[10] Unabhängig von dieser doch sehr voreingenommenen Beschreibung des türkischen Gesandten lässt sich zum Aussehen des Kaisers sagen, dass er ein typischer Habsburger war. Zu diesem Typus gehörten eine ausgeprägte Nase, ein Schlafzimmerblick und der weit vorstehende Unterkiefer. Frank Huss gibt an, dass dieser Vorbiss bereits vielen Habsburgern vorher das Leben bzw. die Nahrungsaufnahme erschwerte. In der gesamten Genealogie des Hauses Habsburg tauchen immer wieder Schwierigkeiten beim Sprechen auf.[11] Wie bei seinen Vorgänger ist davon auszugehen, dass Leopold einige Einschränkungen hatte was die Artikulation betraf.

4. Leben am Wiener Hof – Das spanisch- burgundische Hofzeremoniell als Repräsentationsform

Das Leben am Wiener Hof wurde nach einer bestimmten Ordnung gegliedert. Man richtete sich nach dem spanisch- burgundischen Hofzeremoniell. Das Zeremoniell sorgte für eine einzigartige Verehrung des Kaisers. Das spanische Hofzeremoniell, dem sich die Habsburger bis zu Karl VI. hingebungsvoll widmeten, sorgte dafür, dass der Kaiser äußerst umständlich und streng bedient wurde. Es herrschte eine strenge hierarchische Gliederung. „Der Kaiser wurde praktisch wie eine Gottheit in der Wiener Hofburg gepflegt. Wie eine Bienenkönigin, um die sich die vielen Arbeiterinnen stellen, um sie zu ernähren und zu schützen, da sie die „Dynastie“ erhält, sammelte sich der Hof um den Kaiser.“[12] Der Mittelpunkt des Hofes war der Kaiser. Er bestimmte den Stil der Hofhaltung. Jede Handlung des Kaisers wurde zu einer Staatsaktion überhöht. Alle Abläufe im Leben des Kaisers folgten einer peniblen Regelmäßigkeit. Auch die Aufenthalte des Kaisers waren geregelt. So befand sich der Hof im Winter in der Hofburg zu Wien, im Frühling in Laxenburg, im Sommer in der Favorita und im Winter in Kaiser- Ebersdorf.[13] Die Kleidung war schwarz und wurde aus Spanien übernommen. Es gab jedoch auch Ausnahmen. Auf den Lustschlössern galt das sogenannte Campagne-Zeremoniell. Die dreifache Verbeugung wurde zugunsten einer vereinfachten Verbeugung abgeändert vollzogen.[14] Dieses Campagne-Zeremoniell ist in etwa vergleichbar mit dem was in Frankreich als normales Zeremoniell galt. So wird die strenge des Wiener Hofzeremoniells deutlich. Leopold duldete keine Neuerungen, beispielweise eine Anpassung an die moderne französische Mode. „Diese prachtvolle, aber antiquierte Haltung war ebenfalls Teil der Leopoldinischen Weltanschauung, die tief in der Überzeugung verhaftet war, Teil einer überzeitlichen Tradition zu sein, die gerade die Würde und Bedeutung des Kaisers aus dem Hause Habsburg unterstreichen konnte. Das Althergebrachte, als Überzeitliches verstanden, wurde zur Würdeformel des Herrschers.“[15] Leopold präsentierte sich im als tugendhafter, der Tradition seines Hauses verhafteter Herrscher. Nur bestimmte Auserwählte durften dem Kaiser dienen. Das Zeremoniell regelte darüber hinaus wer sich in welchen Räumen der Burg aufhalten durfte. So hatten beispielsweise zur Rathstub, dem innersten Heiligtum der Macht, lediglich Fürsten, Geheime Räte, Botschafter, Kämmerer, Reichshofräte, Hofkriegsräte, hohe Offiziere, Präsidenten und der Ungarische Kanzler Zugang. Das Zeremoniell der Habsburger ging so weit, dass die Sitzordnungen bei Theatervorstellungen und auch die Beschaffenheit der Stühle, Teppiche und Baldachine bis ins kleinste Detail ausgearbeitet wurden. In erster Linie ging es am Wiener Hof nicht um die Domestizierung des Adels, sondern kam diesem auch in gewisser Weise entgegen. Der Adel konnte so seine Position und seinen Rang auf dem gesellschaftlichen Parkett angemessen zur Schau stellen. Das Zeremoniell war ein Mittel zur Selbstdarstellung dieser Gesellschaftsschichten untereinander und nach außen. Bezogen und ausgerichtet wurden diese Verhaltensmuster jedoch immer auf den Hofmittelpunkt – den Kaiser. Auch das Hofzeremoniell gehört zu den angewandten Repräsentationsformen des Wiener Kaiserhofs im Barrockzeitalter. Die übergeordnete Stellung des Kaisers wurde der ganzen Hofgesellschaft und auch gegenüber Gesandten demonstriert.

5. Repräsentationskultur und medienpolitische Bemühungen des Habsburgers

Wenn Leopold auch als politisch zögerlich galt, konnte sich sein für damalige Verhältnisse sehr prunkvoller Hof mit Versailles durchaus messen. Gerade wegen seiner vergeistigten, intellektuellen Vorbildung legte er viel Wert auf Architektur, Kunst und, wie bereits erwähnt, auf die Musik. „Leopold verhätschelte seine Musiker dermaßen, daß ihm das manchmal vorgehalten wurde. Wenn er knapp bei Kasse war, was meistens der Fall war, dann wurden zuerst seine Musiker bezahlt.“[16] Neben dem Hofzeremoniell gehörten Kunst, Architektur und vor allem das höfische Fest zu den Repräsentations- und Ausdrucksformen des kaiserlichen Selbstverständnisses in der Barockzeit. Der Potentat kann sich hier der großen Öffentlichkeit prunkvoll präsentieren. Gerade bei Leopold I. waren es seine Hochzeitsfeierlichkeiten, die in einer bisher nie dagewesen Weise gefeiert wurden.

5.1. Feste, Musik und Theater als Hauptinstrumente der Selbstdarstellung

Die Feste, Opern und Theateraufführungen der Casa d`Austria erlebten unter Leopold I. einen bisher nie dagewesenen Höhepunkt. „So ist das Theater des Absolutismus auch die Ausdrucksform, in der sich die Funktion des Hofes als Machtinstrument am deutlichsten zeigte.“[17] In der Regierungszeit von Leopold I. fanden insgesamt 400 „feste teatrali“ statt, während es in dem Zeitraum von 1630 bis 1657 nur 16 Aufführungen von Oratorien und Opern waren.[18] Leopold I. demonstrierte mit den prunkvollen Festen seinen Untertanen und den Adligen am Hofe seinen Herrschaftsanspruch und konnte auch gegenüber anderen Höfen seine politischen Ansprüche demonstrieren und manifestieren. In erster Linie ging es darum, die kaiserliche Herrschaft und Macht zur Schau zu stellen. Außerdem dienten die theatralischen, prunkvollen Aufführungen auch der Beschäftigung des Adels. Obwohl Leopold nie über eine absolute, zentralistische Macht wie Ludwig XIV. verfügte, verlor der Adel auch in Österreich zunehmend an Selbstständigkeit und hielt sich verstärkt am Hof auf. Diese Entwicklung erhöhte deutlich die Zahl der Hofämter und machte es notwendig, den Adel zu amüsieren und zu beschäftigen. Die Inhalte und den Ablauf dieser theatralischen Festlichkeiten möchte ich anhand eines berühmten Beispiels vorstellen: Die Hochzeit von Leopold I. und Margarita.

5.1.1. Die Hochzeit von Leopold I. und Margarita von Spanien

Fast zwei Jahre lang dauerten die Feierlichkeiten anlässlich der Ehebindung zwischen Kaiser Leopold I. und der spanischen Prinzessin Margarita Teresa von Spanien 1666. Als Hauptfestlichkeiten planten der Kaiser und seine Berater ein Feuerwerk für den Empfang der Braut, ein Reiterballett und die Aufführung der eigens für die Hochzeit komponierten Oper „Il Pomo d`oro. Politisch war diese Heirat von großer Wichtigkeit, da Leopold damit seine Ansprüche auf das spanische Erbe gegenüber Ludwig XIV. festigen wollte, der bereits 1659 die erstgeborene Tochter von Philipp IV. geheiratet hatte. Leopolds Hochzeit mit der spanischen Infantin diente der Festigung der Anwartschaft auf den spanischen Thron für den Fall, dass die männliche Linie der spanischen Habsburger aussterben sollte. Denn auch Ludwig XIV. hatte sich die Feierlichkeiten anlässlich seiner Hochzeit einiges kosten lassen. Auch diese Feierlichkeiten setzten Maßstäbe in ganz Europa. Auch er führte seine Herrschaftsansprüche auf prunkvolle Weise vor. Er präsentierte sich beispielsweise als römischer Kaiser bei einem Ritterturnier[19]. Auf eine solche Provokation wollte man in Wien natürlich reagieren und dessen Feierlichkeiten bei weitem übertrumpfen. Als Auftakt der Hochzeitsfeierlichkeiten wurde ein prachtvolles Feuerwerk entfacht. In den Himmel wurden die Initialen L und M für Leopold und Magarita geschrieben. Außerdem ließ man zum Ende hin unter der Verwendung aufwendiger Pyrotechnik den Schriftzug „A.E.I.O.V.“ aufleuchten, der von dem kaiserlichen Bibliothekar Peter Lambeck mit „Austriae est imperare orbi universo“ („Alles Erdreich ist Oesterreich unterthan“) übersetzt wurde.[20] „ Der sinnbildliche Verlauf des Spiels führte den Zuschauer von der idyllischen Verklärung des fürstlichen Ehebundes in der ersten Szene zu den Bildern der ordnungsstiftenden Dynastie im zweiten Teil des Feuerwerks. In dessen Schlußbild korrespondieren die heraldischen Symbole der Staatsgebiete mit der emblematisch und allegorisch überhöhten Darstellung der Herrscherrolle.“[21] Vorwegzunehmen ist an dieser Stelle, dass die Aufführung des Feuerwerks, wie das Rossballett und auch die Opernaufführung auf die Herrschaftstradition und den universellen Anspruch des Hauses Habsburg verweisen.

5.1.2. Das Rossballett

Das Rossbalett „La Contesa dell`Aria e dell`Acqua“ („Der Wettstreit von Luft und Wasser“) wurde am 24. Januar 1667 im Inneren Hof der Wiener Burg aufgeführt. Die Aufführung wurde nicht von professionellen Schauspielern gestaltet, sondern von den Angehörigen des Hofes. Auch der Kaiser selbst nahm mit seinem Pferd Speranza aktiv teil. Die Handlung ist Teilen der Argonautensage entnommen. Es geht um den Kampf verschiedener Reitergruppen, welche die vier Elemente verkörpern, um das Goldene Vlies. In diesem Kampf zeigte sich die „donnernde Stimme der Ewigkeit“ und versprach dem größten Monarch der Welt eine Perle als Siegespreis, worauf Leopold I. erscheint und diesen Preis annimmt. Jutta Schumann beschreibt den wichtigsten Punkt in der Aufführung und sieht die zentrale propagandistische Aussage in der Szene, wenn eine Himmelskugel die Kämpfe unterbricht und die Perle den Habsburgern zuspricht. „Die Kernaussage des Stückes konzentriert sich damit auf das Lob des Hauses Habsburg als mächtigstes Herrscherhaus der Welt. Um die Perle muß nicht gestritten werden, da sie seit unerdenklichen Zeiten bereits den Habsburgern gehört. In übertragenem Sinn wird damit der Weltherrschaftsanspruch des Hauses angedeutet.“[22] Auch hier wird wieder eines der wichtigsten Instrumentarien Leopold deutlich: Die Rechtfertigung durch die Tradition.

[...]


[1] Zöllner, Erich/ Schüssel, Therese: Das Werden Österreichs. Ein Arbeitsbuch für österreichische Geschichte, Wien 1990. S.148.

[2] Vgl. dazu Schillinger, Jean: Les pamphlétaires allemands et la France de Louis XIV., Bern u.a. 1999.S.636.

[3] Vgl. Huss, Frank: Der Wiener Kaiserhof. Eine Kulturgeschichte von Leopold I. bis Leopold II., Katz 2008.S. 12.

[4] Ebd.

[5] Ebd. S.13.

[6] Ebd. S.14.

[7] Spielman, John P.: Leopold I. Zur Macht nicht geboren. Graz 1977. S. 33.

[8] Vgl. Huss, Frank. 2008. S.14.

[9] Hilscher, Elisabeth Theresia: Mit Leier und Schwert: die Habsburger und die Musik. Graz, Wien, Köln 2000.S.121.

[10] Huss, Frank: Die kleinen Ticks der großen Herrscher. S.78 f.

[11] Vgl. Huss, Frank.2008. S.18.

[12] Huss, Frank.2008. S. 214.

[13] Vgl. Rinck, Eucharius Gottlieb: Leopolds des Großen/ Röm. Kaysers/ wunderwürdiges Leben und Thaten aus geheimen nachrichten eröffnet/ und in vier Theile getheilet. Der andere druck/ um vieles vermehret, Leipzig. 1709. S. 91.

[14] Vgl. Pons, Rouven: „Wo der gekrönte Löw hat seinen Kayser-Sitz“. Herrschaftsrepräsentation am Wiener Kaiserhof zur Zeit Leopold I., Heidelberg 2000.S.116.

[15] Pons Rouven. S.120.

[16] Spielman, John.P.: Leopold I.,S.33.

[17] Ehalt, Hubert Ch.: Ausdrucksformen absolutistischer Herrschaft. Der Wiener Hof im 17. Und 18. Jahrhundert, München 1980.S.147.

[18] Ebd. S.149.

[19] Vgl. Burke, Peter: Die Inszenierung Ludwigs XIV., Berlin 1993.S.97-98.

[20] Matsche, Franz: Die Kunst im Dienst der Staatsidee Karls IV. Ikonographie, Ikonologie und Programmatik des „Kaiserstils“, Berlin, New York 1981. S.330-331.

[21] Fähler, Eberhard: Feuerwerke des Barock. Studien zum öffentlichen Fest und seiner literarischen Deutung vom 16. Bis 18. Jahrhundert. Stuttgart 1974.S.138.

[22] Schumann, Jutta: Die andere Sonne. S.248.

Details

Seiten
22
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668084018
ISBN (Buch)
9783668084025
Dateigröße
430 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v310033
Institution / Hochschule
Universität des Saarlandes
Note
1,3
Schlagworte
sonnenkönig repräsentationsformen absolutismus leopold

Autor

  • Kim Schmid (Autor)

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Titel: Der andere Sonnenkönig. Repräsentationsformen des Absolutismus unter Leopold I.