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Welche Auswirkungen hat die Erwerbstätigkeit von Müttern auf die Sozialisation ihrer Kinder?

Essay 2014 7 Seiten

Pädagogik - Allgemein

Leseprobe

Wer im Laufe seines Lebens eine gewisse Zeit in Frankreich verbracht hat, dem fällt im Bezug auf die Kindererziehung und -betreuung ein deutlicher Unterschied zu den deutschen Nachbarn auf. Die Mütter geben hier ihre erst wenige Monate alten Babys schon in die Obhut anderer, beispielsweise in Kinderkrippen und bei Tagesmüttern. Nach ihren Beweggründen gefragt antworten viele Eltern, dass sie so Beruf und Familie perfekt verbinden können. Einige antworten aber auch, dass sie nur sehr wenig Zeit mit ihren Kindern verbringen, sie sich oft überfordert fühlen und die Eltern-Kind-Beziehung darunter leidet. Auch wenn in Deutschland sich das Ideal der berufstätigen Mutter noch nicht so sehr durchgesetzt hat wie in anderen europäischen Ländern, so haben der Lauf der Zeit und die mit ihm einhergehende Pluralisierung und Individualisierung doch einen erheblichen Wandel in der Familienentwicklung bewirkt. Bei vielen Müttern hat die Dauer der Erwerbsunterbrechung nach einer Geburt deutlich abgenommen. Sie beträgt im Durschnitt zwischen 12 und 24 Monaten (Familienreport 2012). Somit können sie nicht mehr als Hausfrau für ihre Kinder sorgen. Gründe dafür sind nicht immer nur der finanzielle Aspekt, sondern auch das Knüpfen von sozialen Kontakten am Arbeitsplatz und das Gefühl der Selbstbestätigung (Zimmermann 2006). Dies führt nun zu der Frage: Inwiefern verschlechtert oder verbessert der Wandel der Familie und die Erwerbstätigkeit der Mütter die Sozialisation von Kindern? Die Mutter-Kind-Beziehung beeinflusst die Kinder von Geburt an als primärer Faktor und legt somit eine wichtige Basis ihrer weiteren schulischen, beruflichen und persönlichen Entwicklung. Im weiteren Verlauf dieses Essays wird zunächst auf die negativen Folgen des Wandels eingegangen werden, gefolgt von den positiven Konsequenzen. Abschließend soll ein zusammenfassendes Fazit zu der gestellten Frage gegeben werden.

Zunächst ist zu sagen, dass sich durch den Wandel der Familie nicht nur Auswirkungen auf die Kinder, sondern ebenfalls auf die Eltern feststellen lassen. Vor allem in Familien, die nicht dem traditionellen Schema Vater-Mutter-Kinder entsprechen, sondern die Mutter alleinstehend ist, birgt das für den alleinerziehenden Elternteil durchaus einige Herausforderungen. Es stellen sich ihr Fragen über die Entscheidungen, die die Erziehung ihres Kindes betreffen, über ihre berufliche Karriere, über die finanziellen Aspekte und die Versorgung ihres Kindes. Eine solche Lebensweise übt durchaus sehr viel Druck auf die Beteiligten aus. Zumeist entscheiden sich viele Mütter aufgrund der finanziellen Versorgung ihrer Familie für die Möglichkeit, arbeiten zu gehen, sei es Teilzeit- oder Vollzeitarbeit. Folglich müssen sie zumindest in den ersten Lebensjahren ihres Kindes eine Betreuung finden, was zusätzlich finanziell belastend wirkt. Deshalb ist es gut möglich, dass viele Betroffene trotz Beruf in die Armut abrutschen, was nicht nur negative psychosoziale Folgen für die Mütter, die sich auf das Erziehungsverhalten und die Beziehung zu den Jugendlichen ausstrahlen (Hurrelmann/Quenzel 2013), sondern auch für die Kinder mit sich bringen kann. Nach Zimmermann (2006) werden bei diesen ein mangelndes Selbstwertgefühl und Identitätsfindungsprobleme, aber auch schlechtere kognitive und schulische Leistungen festgestellt. Durchaus wäre hier ein Partner für den Alleinerziehenden, der nicht nur finanziell, sondern auch beim Treffen von Entscheidungen hilft, eine gute Stütze und ebenfalls ein Ausweg, das Kind nicht in die Obhut anderer zu geben.

In Familien, in denen hingegen Vater und Mutter erwerbstätig sind, ist meist die finanzielle Versorgung gesichert. Vor allem bei Müttern mit hohem Bildungsniveau kommt es häufig vor, dass sie ihre Arbeit schnell nach der Geburt wieder aufnehmen (Familienreport 2012). Hierbei kommen die Eltern meist nicht darum herum, eine Betreuungsmöglichkeit zu finden, wenn sie ihr Kind nicht allein zuhause lassen wollen. Es wird somit in den Zeitrhythmus des Berufs eingebettet (Zimmermann 2006). Hier finden sich verschiedene Optionen, beispielsweise Tagesmütter, die auf mehrere Kinder gleichzeitig aufpassen, oder Kindertagesstätten. Die Nachteile einer solchen „Abgabe“ seines Nachwuchses an andere liegen klar auf der Hand. Die Zeit, die die Familie gemeinsam verbringen kann, ist stark begrenzt. Das Kind muss sich an die ständige Trennung von seiner Mutter, neue Bezugspersonen, somit auch andere Erziehungsstile gewöhnen und orientiert sich an diesen. Die Bindung zwischen Eltern und Nachwuchs kann somit durchaus beeinträchtigt werden. Möglicherweise stimmen auch Werte und Normen, die während der Betreuung vermittelt werden, nicht mit den Einstellungen der Eltern überein. Dies könnte zu einer Herausforderung für das Kind werden, da es sich schon in jungen Jahren von verschiedenen Meinungen beeinflusst fühlt, aber noch nicht die nötigen Kompetenzen besitzt, um diese zu beurteilen. Solche Situationen können seine zukünftige Entwicklung prägen. Aber auch das Auseinandersetzen mit anderen Gleichaltrigen stellt für manche eine neue Situation dar. Beispielsweise sind sie für Einzelkinder, so Zimmermann (2006), unbekannte Sozialkontakte, mit welchen sie teilen, spielen und auskommen müssen, was sie aus ihrem bisherigen Familienleben nicht kennen. Dadurch kann es passieren, dass Rivalitäten oder unverträgliches Verhallten entstehen und den Kindern ihre Grenzen gezeigt werden. Zusätzlich kommt hinzu, dass aufgrund der hohen Nachfrage nach Betreuungsangeboten in den letzten Jahren die Qualität vieler Tagesstätten zunehmend abnimmt, da schnell freie Plätze und Mitarbeiter gefunden werden müssen. Die Beschaffenheit außerfamilialer Betreuung ist aber durchaus ein wichtiger Faktor für die Entwicklung des Kindes.

Ist allerdings die Qualität der institutionellen Versorgung der Kinder auf einem guten und ausreichenden Niveau, so kann die Tatsache, dass erwerbstätige Mütter ihre Kinder nicht selbst betreuen, sondern in die Hände anderer geben, durchaus auch Vorteile mit sich bringen. Der Pädagoge Fthenakis erklärt in einer seiner Studien, dass gute und organisierte Betreuung die soziale und intellektuelle Entwicklung des Kindes fördert. So entstehen im Zusammensein mit Gleichaltrigen beispielsweise positive Interaktionsmuster, partnerschaftliches Denken und soziales Verhalten (Zimmermann 2006). Additiv eröffnet ein bedarfsgerechtes und qualitativ hochwertiges Betreuungsangebot Kindern Bildungschancen und gibt Eltern mehr Möglichkeiten, ihre Vorstellungen von Beruf und Familie zu vereinbaren (Familienreport 2012). Viele Kritiker führen als Nachteil der außerfamilialen Versorgung ebenfalls an, dass Mutter und Nachwuchs aufgrund des Berufs nur noch wenig Zeit miteinander verbringen können, was sich negativ auf die Entwicklung des Kindes auswirken kann. Hiergegen ist aber anzumerken, dass es zum Großteil nicht auf die Dauer der Zeit ankommt, die die Mutter mit ihrem Kind verbringt, sondern vielmehr auf den Nutzen der gemeinsamen Zeit. Es stärkt die Bindung zwischen Elternteil und Nachwuchs, wenn das Kind die Mutter zwar nur wenige Stunden am Tag sieht, diese Zeit aber mit intensiver Beschäftigung und Aufmerksamkeit genutzt wird, als wenn die Mutter den ganzen Tag zuhause ist und das Kind nur als ein zu betreuendes Familienmitglied sieht. Es zählt also nicht die Quantität, sondern die Qualität der gemeinsam verbrachten Zeit. Zusätzlich dazu können das Selbstbewusstsein und die Zufriedenheit, die eine erwerbstätige Mutter mit in die Eltern-Kind-Beziehung bringt, durchaus förderlich für dessen Entwicklung sein.

Abschließend ist zu sagen, dass die veränderte Arbeitshaltung von Müttern nicht nur ihre eigene Selbstständigkeit, sondern auch die ihrer Töchter oder ihrer Söhne fördert. Wo noch vor ca. 200 Jahren das Kind nur als soziale Absicherung der Eltern gesehen wurde, entwickelte es sich im Laufe der Jahre zum Mittelpunkt der Familie, die immer kindzentrierter wurde. Man sah es als Sinnerfüllung des eigenen Lebens an, ein Kind aus Liebe zu zeugen und ihm bei der Entwicklung zu einer autonomen und eigenverantwortlichen Persönlichkeit zu helfen (Zimmermann 2006). Die zunehmende Erwerbstätigkeit von Müttern schließt diese Tatsache nicht aus. Die Kinder wachsen nicht mehr nur wohlbehütet unter dem Schutz der Eltern zuhause auf, wo das Leben zum Großteil auf sie fixiert ist, sondern sie müssen lernen, auch mit Situationen außerhalb der Familie, mit Gleichaltrigen und fremden Erwachsenen umzugehen. Somit können sie an jeder neuen Begegnung wachsen, toleranter gegenüber Veränderungen und folglich auch unabhängiger von ihren Erziehungsberechtigten werden. Sie lernen langsam und vor allem ab der Jugendphase, selbst Verantwortung für ihr eigenes Leben zu übernehmen. Dabei können berufstätige Eltern, die es geschafft haben, Familie und Arbeit zeitgerecht und ausgeglichen zu verbinden, ein gutes Vorbild sein. Studien haben bekanntlich gezeigt, dass die Erwerbstätigkeit von Eltern bei klaren Lösungen hinsichtlich der Zeitaufteilung und Zuständigkeit durchaus positive Wirkungen auf das Familienleben und die Persönlichkeitsentwicklung von Jugendlichen hat. Durch sie wird nämlich eine Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau erreicht, wodurch ein größeres Maß an Gemeinsamkeiten im täglichen Umgang miteinander entsteht. Gleichberechtigte Beziehungen führen zu einem besseren Konsens zwischen den Partnern, welcher sich auch positiv auf Kinder auswirkt. Eine den Beruf betreffende Ausgeglichenheit zwischen den Eltern und eine partnerschaftliche Vorgehensweise erziehen die Jugendlichen zu einem kooperativen Verhalten und regen die Eigenverantwortlichkeit und Selbstständigkeit deutlich an (Hurrelmann/Quenzel 2013). Somit kann die Berufstätigkeit der Mutter sich nicht nur günstig auf ihre eigene psychosoziale Entwicklung, sondern auch auf die ihres Kindes und das Familienklima auswirken.

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Details

Seiten
7
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668088139
Dateigröße
380 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v310075
Institution / Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg – Pädagogik
Note
1,3
Schlagworte
welche auswirkungen erwerbstätigkeit müttern sozialisation kinder

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