Lade Inhalt...

Das größte Märchen der Entdeckergeschichte? "Il Milione" von Marco Polo

Hausarbeit 2015 11 Seiten

Geschichte - Weltgeschichte - Moderne Geschichte

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Das Leben des Marco Polo

3. Andere Ostasieneisende

4. Beobachtungen in China
4.1 Beobachtungen am Hofe des Großkahns
4.2 Beobachtungen im Alltagsleben
4.3 Kaufmännische Beobachtungen

5. Kritik

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

8.Quellenverzeichnis

1. Einleitung

"Kaiser, Könige und Fürsten, Ritter und Bürger – und ihr alle, ihr Wi[ss]begierigen, die ihr die verschiedenen Rassen und die Mannigfaltigkeit der Länder dieser Welt kennenlernen wollt – nehmt dies Buch und la[ss]t es euch vorlesen."[1]

So beginnt der weltbekannte Reisebericht des wohl berühmtesten Entdeckers des Mittelalters, Marco Polo. Damals dürfte es Europäern schwer gefallen sein, sich Fernost mit seinen sagenumwobenen Schätzen, Menschen und Gebräuchen vorzustellen. Zu dieser Zeit waren Missionare, Diplomaten und Kaufleute die einzigen Menschen westlicher Zivilisation, die den noch größtenteils unbekannten Orient zu Gesicht bekamen. "Le divisament dou monde “ (Die Aufteilung der Welt) war das Ergebnis einer angeblich siebenundzwanzig Jahre langen Reise Polos nach China, die er in genuesischer Gefangenschaft seinem Mitgefangenen Rusticello da Pisa diktierte. Bereits zu Lebzeiten wurde „Il Milione“ nicht wirklich ernst genommen, Marco als Lügner und Märchenerzähler abgestempelt. Unumstritten ist dennoch seine Bedeutung für nachfolgende Generationen von europäischen Entdeckern, dank seiner geographisch präzisen Angaben. Die vorliegende Hausarbeit beschäftigt sich mit der Frage, ob einer der größten Entdecker der Geschichte tatsächlich in Fernost war, oder sein legendärer Reisebericht lediglich eine Anhäufung von Lagerfeuermärchen darstellt. Hierfür wird zuerst das Leben des Marco Polo genauer geschildert.

2. Das Leben des Marco Polo

Zur Kindheit von Marco Polo ist wenig bekannt, wahrscheinlich wurde er 1294 in Venedig geboren und wuchs dort als Sohn eines erfolgreichen Kaufmanns auf. Als Marco sechs Jahre alt war, begaben sich sein Vater und Onkel auf ihre erste Reise nach China, sie werden von Polo als "edle, redliche und weitsichtige Kaufherren" beschrieben.[2] Als diese gezwungenermaßen zu ihren Familien zurückkehren, um die Wahl eines neuen Papstes abzuwarten, erfährt Nicalao vom Tod seiner Frau.[3] Als Gesandte des Großkhans, war ihnen auferteilt worden, mit etwa einhundert christlichen Gelehrten den Kublai-Khan vom Christentum zu überzeugen.

„[...] der Großkhan bittet den Papst, er möge ihm etwa hundert christliche Gelehrte schicken, die die Sieben Freien Künste beherrschen und fähig seien, gut zu disputieren. Sie sollten die Heiden und die Götzenanbeter jeder Richtung über die christliche Lehre aufklären und ihnen beweisen, da[ss] die Götzenbilder, die sie in ihren Häusern aufstellen und verehren, Werke des Teufels seien. Die Geistlichen sollten im Stande sein, die Überlegenheit der christlichen Religion eindeutig zu begründen.“[4]

Da nach zwei Jahren des Wartens immernoch kein Nachfolger für das Oberhaupt des Christentums gefunden war, entschloss man sich, den Großkhan nicht länger warten zu lassen und aufzubrechen. Ausgestattet mit "Öl von der Lampe auf Chrisi Grab"[5] und den Goldtäfelchen seiner Mitreisenden[6], reiste der damals siebzehn jährige Marco an den Hof des Kublai-Khans. Nach beschwerlichen dreieinhalb Jahren Reise erreichten sie die Residenz ihres Auftraggebers, Clemeinfu.

"Ich bezeuge wahrheitsgetreu, die Ankunft der Venezianer war ein Freudenfest für den Großkhan und seine Hofgesellschaft. Alle erwiesen ihnen Ehre und boten ihre Dienste an; die drei Polo blieben am Hofe und wurden höher geachtet als die Barone."[7]

Dank Polos Auffassungsgabe und Wissbegierde schickte ihn der Großkahn auf etliche Gesandschaftsreisen.[8] Nach siebzehn Jahren im Dienste des Kublai Kahns, " [...] baten [sie] höflich um ihren Abschied. Doch der Khan liebte sie so sehr und behielt sie so gern in seiner Umgebung, da[ss] er ihnen um nichts in der Welt den Abschied gewähren mochte."[9] Schlussendlich gelang es den Venezianern den Großkahn zu überzeugen. Als Geleit der drei Barone und Prinzessin Kököchin, kehrten sie 1295 über den Seeweg nach Venedig zurück.[10] Drei Jahre später wurde Polo während einer Seeschlacht[11] mit Venedigs Erzrivalen Genua gefangen genommen.[12] Dort drängte ihn sein Mitgefangener Rusticello da Pisa, ihm seine Fernost Reise zu diktieren. Marco starb 1324 in Venedig.

3. Andere Ostasieneisende

Nicalao Polo und Maffeo Polo waren nicht die ersten europäischen Entdecker, die sich auf den Weg nach Ostasien begaben. Der Dominikaner Johann von Plano Carpini (ca. 1185–1252) reiste mit einem päpstlichen Brief "An König und Volk der Tartaren (Mongolgen)" zu Großkahn Güyük. Dem Appell des Papstes die Kampfhandlungen gegen die Christen einzustellen, setzte Güyük- Khan die Unterwerfung der europäischen Könige vorraus.[13] Die hoch gesteckten diplomatischen Ziele seiner Mission wurden nicht erreicht, dennoch wurden erstmals die Kultur und Gebräuche der Mongolen durch seinen Reisebericht "Ystoria Mongalorum" beleuchtet.

Im Auftrag der Kurie und des französischen Königs reiste Wilhelm von Rubruk (ca. 1220-1270) nach Asien. Sein in lateinisch geschriebener Bericht behandelt die Verhältnisse in West- und Zentralasien. Außerdem war es ihm möglich mit " [...] dem Nachfolger Güyüks und Bruder und Vorgänger des Kublai-Kahns, ausführliche Gespräche über Europa und die christliche Religion zu führen."[14]

Die Berichte beider Dominikaner sind im Gegensatz zu Polos "Le divisament dou monde“ für einen kleinen Kreis von Personen vorgesehen.

4. Beobachtungen in China

Der Reisebericht Polos lässt sich in drei Sektionen aufteilen, zum einen Beobachtungen am Hofe des Großkahns, zum anderen kaufmännische Entdeckungen und zuletzt die Beschreibung des Alltaglebens.

4.1 Beobachtungen am Hofe des Großkahns

Als Botschafter des Großkahns lässt genannter ihn an seinem Leben teilhaben. Das Geburtstagsfest des Großkahns beschreibt Polo wie folgt:

"Die Tartaren der ganzen Welt, aus allen Provinzen und Regionen, alle seine Lehnsmänner bringen am Geburtstag ihre Geschenke dar [...] beten Heiden, Christen, Sarazenen und alle Völkerstämme inbrünstig zu ihren Götzen und zu ihrem Gott, auf da[ss] ihrem Herrscher langes Leben, Glück und Gesundheit verliehen werde."[15]

Selbst beim Kampf zwischen dem Kublai-Khan und dessen Onkel Nayan ist Polo vor Ort:„Und nun standen auf der erwähnten Anhöhe vier Elefanten, die einen turmartigen Beobachtungssitz für den Khan trugen. Hoch hinauf [...] Beide Parteien sind kampfbereit. Nun hört und sieht man Pauken, Pfeifen und lauten Kriegsgesang. Dies ist [...] Überall sah man Reiter tot vom Pferde stürzen, sah man Pferde verenden.“[16]

Des weiteren beschreibt Marco "[d]ie kaiserlichen Jagden":

"Sobald der Löwe den Kaiser erblickt, fällt er vor ihm nieder, macht Zeichen der Verehrung und Hochachtung, derart, wie wenn er ihn als Herrscher und Herrn anerkennen würde. Ohne Ketten verharrt er vor dem Kaiser."[17]

Diese Beschreibung wirkt selbstverständlich übertrieben und fiktiv, wie so vieles in Polos Reisebericht. Dennoch verdeutlicht dieser Abschnitt, dass selbst das Tierreich und dessen "König" die Macht und Stellung des Kublai-Kahns anerkennen und diesem huldigen. Aber Marco beschreibt nicht nur glorreiche Siege und prunkvolle Feste, sondern auch das Verhältnis des Großkahns zu seinem Volk.

" [...] der Kaiser schickt überall hin Beamte aus, in die Königreiche und Provinzen, um zu erkunden, ob seine Untertanen Mi[ss]ernten gehabt hätten, sei es wegen schkechten Wetters, wegen Heuschreckenschwärmen oder irgendwelcher Seuchen. Wenn ihm gemeldet wird, die Leute hätten eine schlechte Ernte gehabt und es fehle ihnen an Korn, dann erlä[ss]t er ihnen nicht nur die Steuer für das laufende Jahr, sondern er liefert ihnen von seinem Getreide [...] "[18]

Augenscheinlich zeigt sich der Kublai-Kahn sehr großzügig gegenüber seinem Volk. Jedoch ist anzuzweifeln, inwieweit der Großkahn sein Volk unterstützt hat und ob dieses mit seinem Herrscher genauso zufrieden war, wie Marco Polo.

Die Beschreibungen über den Kublai-Kahn dürften vor allem die Adeligen in Europa interessiert haben. Sie wollten ihre Autorität und Tragweite, ihr Prestige und ihren Reichtum mit dem des Großkahns messen. Als enger Vetrauter des Kublai-Kahns, war es Polo möglich wie wenigen, ausführlich und detailliert über diesen zu berichten. Auffällig sind die häufigen Übertreibungen und Dramatisierungen von Prunk und Pomp des Kaisers, die zwar den Unterhaltungswert des Buches steigerten, mit der Realität jedoch weniger gemein hatten.

4.2 Beobachtungen im Alltagsleben

Neben höfischen Beobachtungen, weist der Reisebericht auch Entdeckungen aus dem Alltagsleben in China auf. Zum einen soll sein Buch Wissen vermitteln, zum anderen könnte man ihn als Landeskunde für Asien verstehen, der natürlich sehr unterhaltsam ausgeschmückt ist. Polo beschreibt des öfteren die unterschiedlichen Beziehungen von Mann und Frau in verschiedenen Provinzen. So geschehen in Tebet, dem heutigen Tibet, wo Mädchen erst geheiratet werden, sobald sie genügend Erfahrung mit Männern gesammelt haben.

"Es ist die reine Wahrheit: hier würde kein Mann, um nichts in der Welt, eine Jungfrau ehelichen. Eine Frau, die nicht mit vielen Männern Verkehr gehabt hat, an viele verschiedene gewöhnt ist, ist nichts wert. [...] Sie bieten sie den Männern an, sie möchten mit ihnen nach Belieben umgehen und mit ihnen schlafen. [...] Es ist Sitte, da[ss] jedes Mädchen mehr als zwanzig solcher Andenken an seinem Halse trägt, um zu zeigen, wieviel Männer schon ihr Vergnügen mit ihm gehabt haben. Die Frau mit dem reichsten Halsschmuck ist die beste und begehrteste [...]"[19]

Die eindeutigen kulturellen Unterschiede zwischen Europa und Asien dürften damals nicht nur bei Polo, sondern auch bei seinen Lesern für großes Aufsehen gesorgt haben. Marco berichtet außerdem von "Steinen, die wie Holzscheite brennen".

"Es ist wahr, da[ss] es in der Provinz Catai schwarze Gesteinsadern gibt. Diese eigenartigen Steine werden abgebaut und verbrannt wie Holzklötze. Wenn man abends die Steine anzündet und für eine gleichmäßige Flamme sorgt, wird sie während der ganzen Nacht nicht erlöschen, und am Morgen findet man noch immer eine lebhafte Glut."[20]

Polo beschreibt Steinkohle, mit der in diesen Provinzen geheizt wurde. Im Italien des 13. Jahrhunderts war man mit Steinkohle kaum vertraut, da der Abbau in ganz Europa nur in sehr geringen Mengen von statten ging und man erst ganz am Anfang dieser Energiegewinnung stand.[21]

[...]


[1] Vgl. Polo, Marco: Il Milione. Die Wunder der Welt, Zürich u.a. 2008. Seite 7.

[2] Vgl. Polo, Marco: Il Milione. Die Wunder der Welt, Zürich u.a. 2008. Seite 9.

[3] Vgl. Polo, Marco: Il Milione. Die Wunder der Welt, Zürich u.a. 2008. Seite 15.

[4] Vgl. Polo, Marco: Il Milione. Die Wunder der Welt, Zürich u.a. 2008. Seite 13.

[5] Vgl. Polo, Marco: Il Milione. Die Wunder der Welt, Zürich u.a. 2008. Seite 16.

[6] „Nachdem der Oberste Herrscher […] ihnen ein Goldtäfelchen zu geben, worauf vermerkt war, da[ss] jedermann überall verpflichtet sei, die drei Abgesandten zu beherbergen und ihnen Pferde und Begleiter zur Verfügung zu stellen für ihre Reise von Provinz zu Provinz.“

[7] Vgl. Polo, Marco: Il Milione. Die Wunder der Welt, Zürich u.a. 2008. Seite 20.

[8] Vgl. Polo, Marco: Il Milione. Die Wunder der Welt, Zürich u.a. 2008. Seite 20 ff.

[9] Vgl. Polo, Marco: Il Milione. Die Wunder der Welt, Zürich u.a. 2008. Seite 22.

[10] Vgl. Polo, Marco: Il Milione. Die Wunder der Welt, Zürich u.a. 2008. Seite 23 ff.

[11] Vgl. Ménard, Philippe: Marco Polo. Die Geschichte einer legendären Reise. Darmstadt 2009. Seite 25.

[12] Vgl. Knust, Theodor A., Von Venedig nach China. Die größte Reise des 13. Jahrhunderts. Seite 9.

[13] Vgl. Knust, Theodor A.: Von Venedig nach China. Die größte Reise des 13. Jahrhunderts. Stuttgart u.a. Bern, Wien 1983. Seite 11.

[14] Vgl. Knust, Theodor A.: Von Venedig nach China. Die größte Reise des 13. Jahrhunderts. Stuttgart u.a. Bern, Wien 1983. Seite 12.

[15] Vgl. Polo, Marco: Il Milione. Die Wunder der Welt, Zürich u.a. 2008. Seite 139.

[16] Vgl. Polo, Marco: Il Milione. Die Wunder der Welt, Zürich u.a. 2008. Seite 122 ff.

[17] Vgl. Polo, Marco: Il Milione. Die Wunder der Welt, Zürich u.a. 2008. Seite 143.

[18] Vgl. Polo, Marco: Il Milione. Die Wunder der Welt, Zürich u.a. 2008. Seite 162.

[19] Vgl. Polo, Marco: Il Milione. Die Wunder der Welt, Zürich u.a. 2008. Seite 183.

[20] Vgl. Polo, Marco: Il Milione. Die Wunder der Welt, Zürich u.a. 2008. Seite 163-164.

[21] Vgl. Knust, Theodor A.: Von Venedig nach China. Die größte Reise des 13. Jahrhunderts. Stuttgart u.a. Bern, Wien 1983. Seite 173.

Details

Seiten
11
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668416000
ISBN (Buch)
9783668416017
Dateigröße
651 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v310105
Note
Schlagworte
märchen entdeckergeschichte Marco Polo Il Milione

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Das größte Märchen der Entdeckergeschichte? "Il Milione" von Marco Polo