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Interkulturelle Kompetenz. Das Blue-Eyed-Konzept

Hausarbeit (Hauptseminar) 2011 18 Seiten

Pädagogik - Interkulturelle Pädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Was ist Interkulturelle Kompetenz?
2.1. Definition Kultur
2.2. Definition Kompetenz
2.3. Interkulturelle Kompetenz
2.4. Differenz zwischen Rassismus und Interkultureller Kompetenz

3. Analyse des Trainings von Jane Elliott
3.1. Beschreibung des Trainings
3.2. Ursprung der Übung
3.3. Workshops mit Erwachsenen
3.4. Verwendete Stilmittel

4. Beantwortung der Frage

5. Fazit

Literaturangabe

Filme

1. Einleitung

Interkulturelle Kompetenz ist einfach ausgedrückt die Fähigkeit, mit Menschen einer anderen Kultur ohne Missverständnisse oder peinlichen Situationen für beide Seiten erfolgreich zu interagieren. Um diese Kompetenz zu erlernen, gibt es ein vielfältiges Bildungsangebot, das für alle Bildungsgruppen spezialisiert wurde. Eine Form davon sind die Übungen, die nicht nur theoretischen Input bieten, sondern auch mittels Übungen neue Handlungsmuster vermitteln sollen.

Ein besonderes Training ist „Blue-eyed“ von Jane Elliott. Es beschäftigt sich nicht nur mit den eher alltäglichen Problemen, die im Umgang mit anderen Kulturen entstehen, sondern mit den ernsthaften Konflikten wie Diskriminierung und Rassismus. In ihrem Training, bei der sie die Menschen in Braunäugige und Blauäugige unterteilt, können beide Gruppen am eigenen Leib spüren, was es heißt, Diskriminierung bei Anderen zuzulassen (braun), bzw. selbst zu erfahren (blau). Das Anti-Rassismustraining, das sie schon seit 1968 durchführt, erlangte Berühmtheit durch die amerikanische Talkshow Oprah Winfreys und wird heute auch vom amerikanischen Militär oder Geheimdienst gebucht (Schlicher et al. 1998, S. 12). Diese weite Verbreitung ist alleine sicher noch kein Gütesiegel, doch es spricht im ersten Moment für seine Wirksamkeit. Offensichtlich scheint das Training eine Wirkung zu erzielen und Augenzeugen berichten von Lernerfolgen (vgl. ebd., S.18). Bisher gibt es jedoch keine quantitativen oder qualitativen Studien über die Aus-/Wirkungen des Workshops. Elliotts Konzept[1] entspringt einer Philosophie und Lehre, die Zick mit dem „Werbebroschüre einer Sekte“ (Zick 1998, S. 32) vergleicht, doch es fehlt eine theoretische, wissenschaftlich fundierte Grundlage.

Im Folgenden soll das „Blue-eyed“-Konzept analysiert, auf seine pädagogische Begründung hin untersucht und schließlich entschieden werden, ob es Interkulturelle Kompetenz lehren kann. Dazu ist es wichtig zunächst zu klären, was Interkulturelle Kompetenz überhaupt bedeutet und ob es einen Unterschied macht, dass ihre Übung speziell gegen Rassismus gerichtet und nicht als Training interkultureller Kompetenz gedacht ist. Im dritten Schritt wird Jane Elliotts Training beschrieben und die Funktionen ihrer speziellen Stilmittel, wie Macht und Gruppenerfahrung, analysiert.

2. Was ist Interkulturelle Kompetenz?

2.1. Definition Kultur

Eine Definition von Kultur zu finden ist nicht schwierig, da es davon eine Fülle verschiedener Definitionen gibt. Jedoch wird der Begriff Kultur auch als einer der „komplexesten bezeichnet, den >unsere< Sprache – das Deutsche, Englische, Französische, Italienische, Spanische, etc. – zu bieten hat“ (Straub et. al. 2007, S. 7).

Eine Möglichkeit der Definition von Kultur soll jedoch einleitend genannt werden, um der Überschrift gerecht zu werden und nicht zuletzt die Komplexität des Kulturdiskurses darzustellen:

Kultur ist „die keineswegs naturgegebene, sondern gedanklich konstruierte und von den einer Kultur Zugehörigen auch erlebte und gefühlte, sympathetische und identifikatorisch „besetzte“ Einheit und Totalität aller möglichen Praktiken, ihrer historischen und strukturellen Voraussetzungen, materiellen und ideellen, sozialen und psychischen Ergebnisse und Folgen – die man summarisch als Objektivationen und Objektivierungen bezeichnen kann.“ (Straub et al. 2007, S. 13).

Desweiteren soll zur Klärung des Begriffes die Geschichte des Wortes „Kultur“ herangezogen werden, um den Ursprung und die Umdeutung des Wortes im Laufe der Zeit zu beschreiben. Daran soll deutlich werden, was Kultur ursprünglich bedeutete und aus welchen Gründen es heute anders verstanden wird. Auf weitergehende Theorien zur Kultur, wie das Kulturstandardmodell und das Kulturdimensionenmodell soll im Rahmen dieser Hausarbeit nicht eingegangen werden.

Kultur wird auf das lateinische Verb „colere“ zurückgeführt, von dem sich „cultus“ und „cultura“ ableiten. Diese Worte bedeuten so viel wie „hegen“, „pflegen“ und „bebauen“. „Kultur“ meint also im ursprünglichen Sinne eine Tätigkeit des Menschen, bei der er durch Planung, Pflege und harte Arbeit dem Boden die lebensnotwendigen Feldfrüchte abringt. Im Gegensatz dazu war der Ackerbau in Urzeiten eher vom Zufall geprägt.

Bereits in der römischen Antike kam es zu einer Verschiebung und Ausweitung der Bedeutung des Wortes von der „Kultivierung“ des Ackers hin zur „Kultivierung“ des Menschen selbst. Die gebildeten Bürger und Philosophen erhoben sich durch ihre Bildung und Erziehung von den auf dem Feld arbeitenden Sklaven. „Kultur“ bezeichnete nun die kultischen und intellektuellen Tätigkeiten der römischen Bürger, die sich mit Philosophie, Wissenschaft, den Künsten und der Religion beschäftigten, bzw. ihren Geist mit der Beschäftigung damit hegten und pflegten.

Bis zum 18. Jahrhundert wurde das Nomen „Kultur“ immer im Zusammenhang mit einem Genitiv verwendet (z.B. „cultura animi“ (Kultur der Seele/des Geistes), „cultura Christi“). Samuel Pufendorf greift die „cultura animi“ auf und beschreibt sie nicht nur als Pflege des Charakters, sondern auch des Gemeinschaftslebens und erweitert „Kultur“ damit noch um kollektive, soziale und politische Komponenten. Sie wird nun als „Inbegriff der Anstrengungen des Menschen über den Naturzustand hinauszugelangen“ verstanden (Fisch 1992, S. 703). Zu diesem Zeitpunkt wird noch nicht von verschiedenen Kulturen gesprochen. Der Begriff „Kultur“ entstand also ursprünglich, als der Mensch sich durch die Anstrengungen der Feldarbeit vom Naturzustand abhob. Doch als die geistige Arbeit, als Lieferant von Wissen, das die körperliche Arbeit leichter macht, an Bedeutung zunahm, transformierte sich seine Bedeutung. Schließlich folgte die politische Komponente, welches als neue kulturelle Errungenschaft mit in den Begriff Kultur integriert wurde.

Erst zum Ende des 18. Jahrhunderts, unter dem Einfluss Johann Gottfried Herders, bürgerte sich die Gebrauchsweise als eigenständiges Substantiv, auch im Gebrauch der Mehrzahl, ein (vgl. Straub et al. 2007, S. 12). Dabei sprach Herder nicht nur Völkern und Nationen eine Kultur zu, die sich aus dem gemeinsamen geschichtlichen Wandel und der Einheit der Lebensweise bildete, sondern auch den umfassenden kollektiven Einheiten, wie der abendländische oder morgenländische Kultur. Aber auch regionale oder lokale Kulturen innerhalb einer Nation waren für Herder denkbar (vgl. Straub et al. 2007, S.13). Er beschreibt die Menschen in ihrer unverwechselbaren Identität aufgrund ihrer Kultur und als Träger eines „Nationalcharakters“, der sie mit anderen Menschen anderer Kulturen vergleichbar macht (Höhne 2001, S. 199). Damit schuf er, neben dem modernen Kulturbegriff, eine neue „eigen/fremd-Differenz qua Kultur“ (ebd.), die nicht nur dazu führte, dass sich ab diesem Zeitpunkt Wissenschaftler mit den Unterschieden zwischen den Kulturen beschäftigten, sondern diese Unterschiede auch als Erklärungen herangezogen wurden.

Kultur kann also, sehr verkürzt, als das angesehen werden, dass uns von anderen unterscheidet: so sind wir z.B. Deutsche, Ex-DDR-Bürger und Studenten; bzw. Nicht-Ausländer, Nicht-„Wessis“ und Nicht-Steuerzahler, welche alle ihre eigene Kultur aufweisen und sich somit von denen, die anders sind, unterscheiden. Seien es nun zunächst einmal die andere Sprache, andere Traditionen und Feiertage oder auch die differenten Selbst-und Weltauffassungen, Deutungs- und Orientierungsmuster (vgl. Straub et al. 2007, S. 15). Es gibt viele Differenzlinien, die sich durch die unterschiedliche Kultur erklären lassen. Kultur ist demnach nicht mehr das, was uns von unserem Naturzustand unterscheidet, sondern das, was uns von den anderen trennt.

2.2. Definition Kompetenz

Interkulturelle Kompetenz ist die Schlüsselqualifikation des 21. Jahrhunderts (vgl. Straub et al. 2007, S. 35). Sie gehört zu den neuen Anforderungen in professionell pädagogischen Handlungsfeldern und wird auch für Spitzenpositionen in Wirtschaft und Politik verlangt. Doch was bedeutet es, Kompetenz zu haben?

Neben der Interkulturellen Kompetenz gibt es noch weitere soft skills, wie zum Beispiel Führungskompetenz und Teamfähigkeit. Dabei ist Kompetenz immer ein Prädikator, da es immer einen Bezug benötigt (ebd. S. 37). Straub beschreibt desweiteren Kompetenz, als „Vermögen, Fähigkeit und Fertigkeit aller möglichen „Subjekte“, die in allen möglichen Handlungsbereichen dazu befähigt sein können, in der gegebenen Situation das jeweils Gebotene oder Erforderliche wahrzunehmen, zu denken, zu empfinden, zu fühlen, zu wollen, zu entscheiden und zu tun.“ (ebd.).

2.3. Interkulturelle Kompetenz

Interkulturell kompetentes Handeln orientiert sich an zwei zentralen Kriterien: Effektivität und Angemessenheit (vgl. Straub et al. 2007, S. 18). Die interkulturelle Begegnung soll also im weitesten Sinne effektiv für beide Seiten und in einer angemessenen Art stattfinden. Diese beiden Kriterien lassen sich auf ganz unterschiedliche Dimensionen anwenden. So ist nicht nur das Verhalten gemeint, sondern auch die emotionale und die kognitive Dimension. Es geht also genauso z.B. um Empathie und Rollendistanz, wie um Verständnis der Kulturunterschiede und der fremdkulturellen Handlungszusammenhänge (ebd. S. 19).

Wichtige Eckpunkte zum Erlernen von Interkultureller Kompetenz sind laut einer Zusammenstellung von Straub et al. (u.a.), neben dem Erlernen von Fremdsprachen, zunächst der Erwerb von Wissen über andere Kulturen. Außerdem müssen Ängste vor dem Fremden reduziert und eine Ambiguitätstoleranz in der Interaktion mit Fremden, ebenso wie die dafür benötigte Emotionsregulationsfähigkeit, entwickelt werden. Desweiteren wird eine schnelle Orientierung in fremdkultureller Umgebung mit der dazu gehörigen Haltung einer aufmerksamen Informationsverarbeitung gefordert (vgl. Straub 2010, S.37).

Betrachtet man die Definition von Kultur genauer, muss man den Geltungsbereich von Interkulturellem Training erweitern. Sie soll die Kommunikation und Interaktion zwischen Mitgliedern verschiedener Kulturen erleichtern. Doch Kulturen sind, wie auch schon Herder bemerkte, nicht mit Nationen gleichzusetzen, sondern finden sich auch innerhalb der Nation in unterschiedlicher Form. So müsste man die in den letzten Jahrzehnten wahllos aufgetretenen neuen Zusammenstellungen wie Vereinskultur, Festplatz- und Bierzeltkultur, Fitness- und Wellnesskultur usw. (vgl. Straub et al. 2007, S. 9), ebenfalls mit einbeziehen. Dann müsste jeder Bürger Kurse besuchen, um Interkulturelle Kompetenz zu erlernen, um seinen Nachbarn besser zu verstehen. Doch ist dies wirklich nötig? Es scheint zumindest auch ohne spezielle Veranstaltungen zu funktionieren. Was macht dann die spezielle Notwendigkeit in den Situationen aus, in denen es sich um Menschen anderer Nationen handelt? Es muss sich also um eine größere Differenz zwischen den Kulturen handeln, die das Zusammenleben scheinbar so schwierig macht. Dabei geht es doch nur darum, „die Fähigkeit der Perspektivübernahme hinsichtlich der Erfahrungen des Gegenübers (zu) fördern“ (Lang/Leiprecht 2001a, S. 160), die sich mutmaßlich erheblich von unseren eigenen „normalen“ Erfahrungen unterscheiden.

2.4. Differenz zwischen Rassismus und Interkultureller Kompetenz

Die vorliegende Hausarbeit soll die Frage beantworten, ob Jane Elliotts Training zum Lehren Interkultureller Kompetenz geeignet ist. Elliott selbst beschreibt ihr Training als Anti-Rassismus-Training, das Diskriminierung begreifbar machen soll. Die Differenz zwischen Rassismus und Interkultureller Kompetenz soll und kann hier nicht erschöpfend behandelt werden. Es soll aber eine Definition von Rassismus genannt werden, um den Unterschied zwischen den beiden Gebieten deutlich zu machen. Dazu wird eine Definition von Butterwegge herangezogen, die der von Elliott ähnlich zu sein scheint.

„Rassismus benachteiligt größere Gruppen von Menschen aufgrund ihrer (biologisch und/oder kulturell begründeten) „Fremdheit“, bestreitet ihren Anspruch auf Menschen- bzw. Bürgerrechte sowie die Menschenwürde [...]. Sein zutiefst inhumaner Kern besteht darin, dass er Menschen (anderer Hautfarbe oder Herkunft) nicht als Persönlichkeiten mit eigenen Anlagen und Begabungen, sondern im Grunde nur als Mitglieder ihrer „Rasse“ oder ihres „Kulturkreises“ ansieht und ihnen damit jede individuelle, über vermeintliche Kollektiveigenschaften hinausweisende Entwicklungsmöglichkeit abspricht.“ (Butterwegge 1996, S. 123).

Damit kann man sagen, dass Interkulturelle Bildung eine Möglichkeit der Rassismus-Prävention ist. Die Ziele der verschiedenen Ansätze sind dementsprechend different. Wo die Interkulturelle Bildung Verständnis für den anderen schafft und Möglichkeiten für eine bessere Kommunikation vermitteln will, müssen Anti-Rassismus-Trainings zunächst einmal einen neuen Weg für gleichberechtigte Kommunikation schaffen. Doch wie kann man wissen, wann bei den Teilnehmern (noch) Zeit für Prävention ist, oder wann sich ihre Vorurteile bereits zu Rassismus verfestigt haben? Dementsprechend können Anti-Rassismus-Trainings auch der Kulturellen Kompetenz dienlich sein.

[...]


[1] Zu finden auf ihrer Homepage: http://www.janeelliott.com/

Details

Seiten
18
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783668085114
ISBN (Buch)
9783668085121
Dateigröße
413 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v310180
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster – Institut für Erziehungswissenschaften
Note
1,7
Schlagworte
interkulturelle kompetenz blue-eyed-konzept

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