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Die Schuldfrage in Gotthold Ephraim Lessings Trauerspiel "Emilia Galotti"

Hausarbeit 2014 18 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Fürstenhof und Bürgertum
2.1. Die Pflichten eines guten Fürsten
2.2. Die Pflichten und Vorstellungen eines guten Bürgers im 18. Jahrhundert

3 Textanalyse: Schuldfrage in „Emilia Galotti“
3.1. Odoardo Galotti.
3.2. Emilia Galotti
3.3. Hettore Gonzaga, Prinz von Guastalla

4 Freitod der Emilia Galotti
4.1. „Der Freitod als letzter Ausweg zur Wahrung der moralischen Integrität“

5 Abschließende Reflexion.

6 Quellenverzeichnis

1 Einleitung

„Ich gehe und erwarte Sie als Richter- Und dann dort- erwarte ich sie vor dem Richter unser aller!“1 Seit jeher beschäftigt sich die Menschheit mit, „[…] den Widerspruch zwischen Gottes Allmacht und Güte und dem in [seiner] Welt vorhandenen physischen Übel, moralischen Bösen und vielfältigen Leiden […].“2 Durch die Infragestellung der dramatischen Theodizee in dem Trauerspiel „Emilia Galotti“ von Gotthold Ephraim Lessing, wurde eine Vielzahl von Interpretationen entfesselt, angesichts der Schuldfrage, die insbesonders auf die Dramenfiguren verweist. Die vorliegende Arbeit bezieht sich auf den unausweichlichen Tod der tugendhaften Protagonistin Emilia Galotti, welcher in der literaturwissenschaftlichen Diskussion des gleichnamigen Stückes, alleweil eine beträchtliche Funktion zugeschrieben wird. Warum aber musste Emilia sterben? Und wer trägt die Schuld an ihrem Freitod? Mit diesen Fragen beschäftigt sich nachstehend unter anderem die Ausarbeitung. Folgend werden Ergebnisse einer Auseinandersetzung mit den Fürstenbild und dem Bürgerbild dokumentiert. Auf diese Weise wird erkenntlich, welche Pflichten und Vorstellungen von einem guten Repräsentanten hinsichtlich seines Standes gefordert werden und unbesehen erfüllt sein müssen. Diese Ausführung gewinnt an Wichtigkeit, wenn im dauffolgenden Teil der Arbeit die Personen: Odoardo Galotti, Emilia Galotti und Hettore Gonzaga, der Prinz von Guastalla, anhand von ausgewählten Textpassagen betrachtet und infolgedessen eine mögliche Schuldzuweisung herausgearbeitet werden kann. Zu erwähnen sei, dass es sich bei der Familie Galotti um den verarmten Landadel handelt, deren Werte und Normen jedoch dem Bürgertum zuzuschreiben sind. Aus diesem Grunde werden die Aufgaben eines gewissenhaften Bürgers dargelgt und nicht die des Adels. Ausgewählt wurden die Charakterfiguren hinsichtlich ihres komplexen Zusammenspiels. Fernerhin, weil diese als Hauptfiguren angesehen werden können und somit nicht unwesentlich an dem Ausgang des Stückes beteiligt sind. Nachfolgend wird der Freitod des Mädchens Emilia betrachtet und im Hinblick darauf untersucht, warum dieser „als letzter Ausweg zur moralischen Integrität“ anzusehen ist. In der abschließenden Reflexion wird letztendlich analysiert, inwieweit die Verhaltensweisen der Figuren, denen ihres Standes entsprechen, oder ob diese ihren auferlegten Erwartungen keineswegs gerecht werden. Durch die Handlungsweisen Odoardos, Emilias und Hettore Gonzagas soll somit geklärt werden, ob ihnen eine Mitschuld hinsichtlich der Selbstentleibung des Mädchens zuzuweisen ist und diese schlussendlich zu einer möglichen Beantwortung der Frage, „Warum Emilia Galotti sterben musste?“ beiträgt.

2 Fürstenhof und Bürgertum

2.1. Die Pflichten eines guten Fürsten

Der Fürst ist der Mittelpunkt, er wird: „[...] zum Zentrum der Macht, des Hofes, des ganzen Landes.“3 Der Fürst und sein Hof gehören im 17. und 18. Jahrhundert unweigerlich zusammen und sind somit unvermeidbar als Ganzes zu betrachten. Die oberste Staatsgewalt fällt nach dem französischen Jurist Jean Bodin unter dem Begriff „Souveränität“4. Diese lässt sich damit erklären, „daß Gesetze und Gebräuche von der Willkür und dem Willen derer abhängen, die die höchste Gewalt im Staate innehaben. Sie kann deshalb mit den Untertanen nicht geteilt werden.“ Der Fürst ist mithin in der Lage eigenmächtig seine Gesetze zu verordnen und diese darüber hinaus unentwegt zu verändern. Somit steht er souverän über dem Gesetz und kann diesbezüglich uneingeschränkt herrschen. Die Macht eines Fürsten ist als wesentlicher Bestandteil aufzuführen. Diese wird allerdings von vielen Autoren unterschiedlich ausgelegt. In der ,Fürstenerziehung´ des Erasmus von Rotterdam ist der Fürst ein Teil eines „Zweckverbandes“, indem dieser eine für sich bestimmte Funktion ausfüllt. Sein Handeln und der Einfluss seiner Macht ist den religiösen Gesetzen und Geboten hörig. Der irdische Staat basiert auf dem Corpus Christianum, indem der Fürst eine Stellung einnimmt, die einer göttlichen gegenübergestellt wird. Seine Herrschaft muss ausgelegt sein, dieser nachzustreben. Der Herrscher ist wie Gott dazu befähigt mit aller Güte zu regieren. Besonders durch seine Weisheit, Gerechtigkeit und Gnade, sollte ein Fürst bestehen und leidenschaftslose, sachgemäße Entscheidungen treffen. Er wird somit stets dazu angehalten sich Kenntnisse anzueignen, die bei einer Regierung des Landes vonnöten sind.5 Unermessliche Strebsamkeit und persistente Eigentätigkeit befähigen ihn zu seinem

Amt. Folglich: „Das Amt eines Fürsten ist eine Arbeit,- eine Arbeit, die gelernt werden muß und beherrscht sein will.“6 Ein Souverän ist keineswegs dazu verpflichtet vor seinem Volk und somit seinen Untertanen Rechenschaft abzulegen. Er ist indes mit dem göttlichen Recht legiert und muss sich folglich nur vor „dem Richter unser aller“ für sein Handeln verantworten. Die Untertanen eines Fürsten werden dazu angewiesen, diesen als Gesandten des ewigen und allmächtigen Gottes anzusehen und dem Herrscher ihre Treue, Sorge und Unterwerfung entgegenzubringen. Da der Fürst besonders das Amt des Richters bekleidet, trägt er die Verantwortung für das Leben seiner Untertanen. Ihm wird gewissermaßen eine enorme Last auferlegt, indem er unter anderem über Leben und Tod entscheiden muss. Eine Obrigkeit sollte desweilen immer mit Bedacht und einem Gerechtigkeitssinn seinen Pflichten entgegentreten und diese nicht durch Leichtsinnigkeit gefährden. Demzufolge ist die fürstliche Gerechtigkeit frei von Willkür und Gunst. Von großer Wichtigkeit sei aufzuführen, dass ein Fürst sich stets dazu verpflichtet, als Staatsmann Entscheidungen zu treffen und nicht als Person selbst.

Das Staatsinteresse geht allen anderen privaten Gedanken voraus. Eigene Bedürfnisse und Leidenschaften sind folglich in den Hintergrund zu stellen. Demgemäß hat sich das Private dem Staatsinteresse zu fügen. Freundschaften und persönliche Neigungen werden einem Fürsten verwehrt, da sein politisches Amt allzeit über die „einfachen“ Menschen stehen wird und somit kein Einklang bestehen kann.7 Es lässt sich festhalten: „Ein Fürst muß nicht fromm, oder tapfer, oder gerecht, oder ein Beförderer der Aemsigkeit allein, er muß dies alles zugleich seyn!“8

2.2. Die Pflichten und Vorstellungen eines guten Bürgers im 18. Jahrhundert

Zunächst sei festzuhalten, was den Begriff „bürgerlich“ bezeichnet. Es bedeutet nach zeitgenössischem Wortgebrauch: „ ,allgemeinmenschlich´, ,privat´, ,häuslich´, ,nichtstandesgebunden´ […].“9 Nicht der Stand und der Rang werden einzig als höchste Priorität angesetzt, sondern die Tugend und der Verdienst. Die Zugehörigkeit eines Menschen wird somit nicht durch eine ständische Ordnung definiert, sondern durch die Vorstellung von „Gleichheit“ und „Selbst“. Der Vorstellungskomplex, auch als „Gleichheit“ benannt, kennzeichnet sowohl die ökonomischen Interessen, als auch ein Gesellschaftsideal. Dem Bürger scheint das ständische Wesen als Unart. Individuelle Eigenschaften und sich eigen auszuzeichnen, kann nur durch eine Gleichheit der Ausgangschancen erfolgen, die nicht durch den ständischen Vorzug gehemmt werden. Die bürgerliche Gesellschaft ist somit darauf bedacht, dass sich ihre Mitwirkenden durch ihre Verdienste, ihrer Tugend und durch ihre individuellen Begabungen, also aus ihrem „Selbst“ heraus kennzeichnen.10 Wenn der Vorstellungskomplex des „Selbst“ betrachtet wird, so: „erscheint die bürgerliche Gesellschaft als Gesellschaft gleichgestellter, selbst- definierter Individuen.“11 Zu dem wichtigsten Bestandteil des Vorstellungskomplexes des „Selbst“, gehört der Tugendbegriff, dem ebenfalls in der Erziehung eine substanzielle Bedeutung zugewiesen wird. Der Begriff Tugend, wird als das: „[...] vorzeitige Innehaben des Wohls der anderen“12 bezeichnet. Ein tugendhafter Mensch verfügt über moralische Qualitäten wie etwa Bescheidenheit, Fleiß, Aufrichtigkeit, Sparsamkeit und Sittsamkeit. Nach diesen verpflichtet er sein Denken und Handeln zu richten. Tugendhaft verhält sich der, der demnach seine eigenen Bedürfnisse und seine Selbstsucht nicht in den Vordergrund stellt und sich mit dem Fortgang seines Tuns für die anderen Menschen und deren Überzeugungen rechtzeitg auseinandersetzt. Somit sollte schon vor Beginn einer Tat, eine Auseinandersetzung mit den möglichen Folgen geschehen. Die zwischen Gedanken und Tat hingegen aufkommende Reflexion-und Entschlussphase, hemmt sogleich in gewissem Maße das frühzeitige Handeln. Vor allem wenn der Tugende mit dem Übel konfrontiert wird.13 Weiterhin ist nicht nur die Tat selbst ein mögliches Vergehen, sondern vielmehr erweckt die, „[...] Verinnerlichung der gesellschaftlichen Normen [und Werte] eine im Gewissenskonflikt ausgetragene Beurteilung („innerer Richter“) und Bewertung der Tat.“14 Liebe und Zuneigung, sowie freundschaftliche Verbindungen, die auch über die Standesgrenzen hinweg zwischen Menschen entstehen, basieren zudem auf der bürgerlichen Gleichheitsvorstellung. Das Leben des bürgerlichen Menschen ist darauf bedacht, dass er sich durch sittliche Anstrengung immer weiter der sittlichen Vollkommenheit nähert. Diese sei jedoch keineswegs ganz erreichbar. Der Mensch hat nicht nur äußere (Stände),-sondern auch innere Schranken (Gewissen/Moral), die er zu überbrücken gewillt sein muss.15

3 Textanalyse: Schuldfrage in „Emilia Galotti“

3.1. Odoardo Galotti

Odoardo Galotti war am Hof des Fürsten ein namenhafter Mann, der die Stellung eines Obersten besetzte und somit dem gehobenen Soldatenstand angehörte, bevor er sich aus seinem Amt lossagte. Die Galottis zählten mutmaßlich zu dem mittellosen Landadel, da sie als eine Familie, „[...]ohne Vermögen und ohne Rang.[...]“16 benannt wurden. Besonders ließ sich dies durch Odoardos ländlich- adlige Lebensweise explizieren, inder er sich durch seine Zurückgezogenheit allen Gefahren und Bestimmungen der höfischen Gesellschaft verweigerte. Somit entsagte er sich dem öffentlichen Leben und begehrte stattdessen das private ländliche Zusammenleben. Dort konnte er fernab von den höfischen Zwängen, seinen eigenen Pflichten nachkommen und ein bescheidenes, glückseliges aber vor allem unabhängiges Leben führen.17 Fernerhin beeinflusste das Vermögen allein, welche ständische Stellung einer Familie zugewiesen wurde. Der unvermögende Adel und damit auch die Familie Galotti strebte nach den bürgerlich moralischen Normen und Werten. Hierbei sei besonders der Tugendbegriff aufzuführen, der für die Beantwortung der Frage, „Warum Emilia Galotti sterben musste?“, noch wichtig sein wird. Odoardo wurde zunächst die Rolle eines liebevollen und fürsorglichen Vaters zugesprochen, indem er seine Frau Claudia aufrichtig und gutherzig begrüßte: „Guten Morgen, meine Liebe!“18 und Freude dabei hatte, anlässlich der bevorstehenden Hochzeit seiner Tochter, die Familie mit seinem unerwarteten Besuch zu überraschen. Einerseits wies dies auf seine familiäre Verbundenheit und Fürsorge hin, indem er durch seine unangekündigte Ankunft an den Hochzeitsvorbereitungen teilhaben wollte. Andererseits zeigte sich ein gewisses Maß an Misstrauen, indem er sagte: „Wie leicht vergessen sie etwas, fiel mir ein.- Mit einem Worte: ich komme, und sehe, und kehre sogleich wieder zurück.“19 An diesem Zitat wird deutlich, dass den Angehörigen eine gewisse Unselbstständigkeit nachgesagt wurde Durch seine Abwesenheit befürchtete Odoardo, dass das Wohlergehen der Familie gefährdet war. Als dieser von seiner Frau erfahren musste, dass Emilia allein der Messe beiwohnte, schien Odoardo empört zu sein. Nach seinen Vorstellungen konnte „jeder Schritt zu einem Fehltritt“ werden, wenn nicht ein bestimmtes Maß an Strenge und Gewissenhaftigkeit vorlag. Überdies ließ sich an jenem Auftritt erkennen, dass er durch seine bürgerlichen Tugenden vor einer Achtlosigkeit seitens seiner Tochter warnte und seine Frau mit Nachdruck darauf hinwies: „- Aber sie sollte nicht allein gegangen sein.20.-“ Nach Odoardos Tugendideal stellte sich somit jenes Verhalten als bedenklich und sträflich dar. Seine diesbezügliche Strenge bedarf gewiss keiner Kritik, da es nach bürgerlichen Idealen nicht rätlich war, dass Mädchen ohne Schutz die Öffentlichkeit aufsuchten. Obwohl Odoardo als „freundlicher“, „guter“ und „sorgsamer“ Familienvater dargestellt wurde, galt er dennoch auch als: „- Ein alter Degen, stolz und rau […]“21 und wurde überdies von seiner Frau Claudia als „zorniger“, „wilder“ Vater beschrieben, der eine „strenge“ und „raue“ Tugend verfolgte22 die ihn ferner dazu antrieb, „[...] den unschuldigen Gegenstand des Verbrechens mit dem Verbrecher [zu] verwechselt[n].“23 Sein einerseits liebevoller und wohlwollender, aber andererseits sehr bestimmender und autoritärer Charakter wies darauf hin, dass Odoardo sehr darauf bedacht war, seine Pflichten als Familienvater gewissenhaft auszuführen. Besonders seine Beschaffenheit die Tugend Emilias zu bewachen und somit zu beschützen, deutete auf erhebliche Besitzansprüche des Vaters an seine Tochter hin. Er nahm die Funktion eines Beschützers ein, in dem Wissen, dass nur er selbst seine Familie vor Bedrohungen bewahren konnte. Odoardo zog in Betracht, dass günstige Umstände zu einem lasterhaften Verhalten führen könnten. Als große Gefahr sah er besonders den Hof und somit den Prinzen an, der all das vereinte, was ihm zuwider war. Besonders als Claudia ihren Mann von den Annäherungsversuchen des Prinzen wissen ließ, schien dieser entrüstet. Seine Fassungslosigkeit zeigte sich durch die Wiederholung ihrer Worte: „Claudia. Er unterhielt sich mit ihr so lange-“, „Odoardo. Unterhielt sich mit ihr?“.24 Odoardo wusste, dass bezaubernde und schmeichelnde Worte eines Prinzen mit einer gewissen Besorgnis anzusehen sind. Überdies war ihm bewusst, dass der Prinz sich nicht scheuen würde, alle Maßnahmen die ihm möglich waren zu gebrauchen, um das Objekt der Begierde zu besitzen. Doch trotz seines Zornes, „- Ein Wollüstling, der bewundert, begehrt.- Claudia! Claudia! der bloße Gedanke setzt mich in Wut.“25, löste er die Gesprächssituation auf, da er an diesem Tag ein unangenehmes Gespräch vermeiden wollte. Inwiefern seine dargelegte Wesensart entscheidend für den Tod an seiner Tochter Emilia Galotti beitrug, wurde im fünften Aufzug und siebten Aufritt ersichtlich. Dort kamen Odoardo und Emilia das erste Mal zusammen. Als Odoardo seine Tochter antraf, befand sich diese schon in ernsthafter Gefahr, da der Prinz von Guastalla über die weitere Verwahrung Emilias entschieden hatte. Nicht wie von Odoardo gewünscht, durfte seine Tochter in ein Kloster oder ein Kerker, damit sie sich der Welt entfernen konnte, sondern müsste in das Haus des Kanzlers. „- Lieber Galotti, […] - Lassen Sie es dabei, ich bitte Sie. […] da soll sie hin; […] und wenn ihr da nicht mit der äußersten Achtung begegnet wird, so hat mein Wort nichts gegolten. Aber sorgen Sie nicht.- Dabei bleibt es! dabei bleibt es!“26 Somit war die richterliche Entscheidung des Prinzen über Emilia gefallen und folglich die Tugend des Mädchens bedroht. Odoardo der wie zuvor beschrieben, als ein autoritärer Familienvater galt, fehlte es hingegen seit seiner Ankunft auf dem „Lustschloss“ des Prinzen, an Selbstvertrauen und Sicherheit. Von Anbeginn waren die Handlungsweisen, die Odoardo erfasste, um die Tugend seiner Tochter und somit seine eigene Ehre zu bewahren, von einer Machtlosigkeit gekennzeichnet. Weitgehend auf der intellektuellen Ebene musste der Familienvater sich der Macht des Hofes und somit dem Prinzen geschlagen geben. Ungeachtet desssen war der Fürst gewillt, eine Unterhaltung zwischen Odoardo und Emilia zu gestatten. Als Odoardo seiner Tochter begegnete, zeigte dieser zunächst Misstrauen und war unsicher, ob sie mit dem Bestreben des Prinzen in Einvernehmen stand. Er zeigte sich sichtlich begierig, die Schuldfrage und somit das Verbrechen an Appiani zu klären. Jedoch belastete ihn die Schuld des Opfers mehr, als die des Täters. Angesichts des tugendhaften Bewusstseins Odoardos, könnte Emilia bereits durch ihre Begehrenswertheit, als schuldig gesehen werden. In dem „Lustschloss“ des Prinzen kam es zum Verhör, indem Odoardo seine Tochter fragte: „Und du so ruhig, meine Tochter?-“27 Der einleitenden Frage folgten weitere, in denen er versuchte das Gewissen von Emilia zu ergründen: „Und du währst ruhig, weil du ruhig sein musst?- Wer bist du? Ein Mädchen? und meine Tochter? So sollte der Mann und der Vater sich wohl vor dir schämen?- Aber lass doch hören: was nennest du, alles verloren?-“28 Es ließ sich erkennen, dass es Odoardo nicht um eine mögliche Mittäterschaft ging, sondern um Denkweisen und Vorsätze. Die bürgerliche Tugend hing wesentlich von der richtigen Ansicht ab und nicht nur von den fehlerfreien Handlungen. Emilia bewirkte erstmalig, dass ihr Vater Zufriedenheit zeigte, als sie ihm den Verdacht der falschen Gesinnung nahm und sich somit einer denkbaren Mittäterschaft an den Überfall auf Appiani entzog. Als Emilia sagte: „Aber was nennen Sie ruhig sein? Die Hände in den Schoß legen? Leiden, was man nicht sollte? Dulden, was man nicht dürfte?“29, sah Odoardo die Tugend seiner Tochter als bewiesen. Er antwortete erleichtert: „Ha! wenn du so denkest!- Lass dich umarmen, meine Tochter! […] - Ha, wenn das deine Ruhe ist, so habe ich meine in ihr wieder gefunden! Lass dich umarmen, meine Tochter!“30 Durch die Umarmungen bot Odoardo seine Vaterliebe an.

[...]


1 Diekhans, Johannes (Hg.): Einfach Deutsch -Gotthold Ephraim Lessing- Emilia Galotti. Ein Trauerspiel in fünf Aufzügen. Paderborn: Schöningh Verlag , 1998, S. 85.

2 „ Zweifel-Kritik-Meiningsfreiheit“,http://www.gotteswahn.info/Zutaten/ Meinungsfreiheit . htm, 28.08.2014

3 Schmitt-Sasse, Joachim: Das Opfer der Tugend: zu Lessings „Emilia Galotti“ und einer Literaturgeschichte der „Vorstellungskomplexe“ im 18. Jhdt. Band 22. Bonn: Bouvier Verlag, 1983, S. 33.

4 Barner, W., Grimm, Gunter (Hrsg.), Kiesel, H., Kramer, Martin: Lessing: Epoche,Werk,Wirkung. Ein Arbeitsbuch für den literaturgeschichtlichen Unterricht, 3., neu bearbeitete Aufl., München: Beck Verlag, 1977, S. 38.

5 Schmitt-Sasse, Joachim: Das Opfer der Tugend: zu Lessings „Emilia Galotti“ und einer Literaturgeschichte der „Vorstellungskomplexe“ im 18. Jhdt. Band 22. Bonn: Bouvier Verlag, 1983, S, 21.

6 Vgl. ebd. S. 20-21.

7 Vgl. ebd. S. 23- 36.

8 Vgl. ebd. S. 19.

9 Barner, W., Grimm, Gunter (Hrsg.), Kiesel, H., Kramer, Martin: Lessing: Epoche,Werk,Wirkung. Ein Arbeitsbuch für den literaturgeschichtlichen Unterricht, 3., neu bearbeitete Aufl., München: Beck Verlag, 1977, S. 174.

10 Schmitt-Sasse, Joachim: Das Opfer der Tugend: zu Lessings „Emilia Galotti“ und einer Literaturgeschichte der „Vorstellungskomplexe“ im 18. Jhdt. Band 22. Bonn: Bouvier Verlag, 1983, S, 105-112.

11 Vgl. ebd. S. 115.

12 Vgl. ebd.

13 Vgl. ebd. S. 116-117.

14 Vgl. ebd. S. 117.

15 Vgl. ebd. S. 117- 119.

16 Diekhans, Johannes (Hg.): Einfach Deutsch -Gotthold Ephraim Lessing- Emilia Galotti. Ein Trauerspiel in fünf Aufzügen. Paderborn: Schöningh Verlag , 1998, S. 16.

17 Barner, W., Grimm, Gunter (Hrsg.), Kiesel, H., Kramer, Martin: Lessing: Epoche,Werk,Wirkung. Ein Arbeitsbuch für den literaturgeschichtlichen Unterricht, 3., neu bearbeitete Aufl., München: Beck Verlag, 1977, S. 177-181

18 Diekhans, Johannes (Hg.): Einfach Deutsch -Gotthold Ephraim Lessing- Emilia Galotti. Ein Trauerspiel in fünf Aufzügen. Paderborn: Schöningh Verlag , 1998, S. 23. -5

19 Vgl. ebd. S. 23.

20 Vgl. ebd. S. 24.

21 Vgl. ebd. S. 12

22 Vgl. ebd. S .27/30-31.

23 Vgl. ebd. S. 31.

24 Vgl. ebd. S. 28.

25 Vgl. ebd.

26 Vgl. ebd. S. 81.

27 Vgl. ebd. S. 82.

28 Vgl. ebd.

29 Vgl. ebd. S. 83.

30 Vgl. ebd. S. 83.

Details

Seiten
18
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668084254
ISBN (Buch)
9783668084261
Dateigröße
541 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v310205
Institution / Hochschule
Universität Duisburg-Essen
Note
2,0
Schlagworte
Emilia Galotti Trauerspiel Odoardo Galotti Hettore Gonzaga Prinz von Guastalla Freitod Fürstentum Pflichten eines Fürsten

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Titel: Die Schuldfrage in Gotthold Ephraim Lessings Trauerspiel "Emilia Galotti"