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Vaterhass oder Vaterliebe? Der innere Konflikt Karl Duscheks in Franz Werfels "Nicht der Mörder, der Ermordete ist schuldig"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2014 42 Seiten

Literaturwissenschaft - Moderne Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Charakteristik des Vaters

3 Ambivalenz der Gefühle Karl Duscheks - Hass oder Liebe?
3.1 Der Vater als Vorgesetzter
3.2 Das Spiel mit der Macht
3.3 Karls Ziel: Kampf oder Versöhnung mit dem Vater?
3.4 Der Sohn zwischen Abgrenzung und Nachahmung

4 Der Vater-Sohn-Konflikt als literarisches Motiv des Expressionismus

5 Fazit

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

„Vater-Sohn-Konflikt endet auf der Anklagebank“ – diese Schlagzeile war am 21.12. 2014 in der Onlineausgabe vom Rottaler Anzeiger zu lesen. Ebenso wie dieses Thema sich durch die Literaturgeschichte zieht, scheint es auch im alltäglichen Leben der Menschen eine Rolle zu spielen und nach wie vor aktuell zu sein. Diese Hausarbeit beschäftigt sich mit dem Gefühlskonflikt des Sohnes Karl Duschek gegenüber seinem Vater in der Novelle Nicht der Mörder, der Ermordete ist schuldig von Franz Werfel. Es soll untersucht werden, worin der Zwiespalt von Liebe und Hass gegenüber dem Vater begründet ist. Dazu wird der Novellentext in Hinblick auf mehrere Einzelaspekte befragt, die Aufschluss über den zentralen Vater-Sohn-Konflikt geben können. Zunächst wird dafür im zweiten Kapitel eine Charakteristik des Vaters angefertigt, um die Ausgangssituation zu verdeutlichen und das Bild des Sohnes vom Vater darzustellen. Anschließend wird die innere Zerrissenheit Karls genauer betrachtet werden. In Kapitel 3.1 sollen dafür die Rolle des Vaters zwischen Vorgesetztem und Familienvater und die damit einhergehenden Gefühle Karls untersucht werden. Danach folgt eine Auseinandersetzung mit dem Machtkampf zwischen Vater und Sohn. In welchem Zusammenhang Karls widersprüchliche Bestrebungen nach Versöhnung und Kampf mit dem Vater mit dessen Verhalten stehen, soll in Kapitel 3.3 geklärt werden. Abschließend wird näher erläutert, inwiefern sich der Sohn von seinem Vater abgrenzt, ihn aber auch nachahmt und welche Schlüsse daraus für Hass und Liebe gegenüber dem General gezogen werden können. Da Franz Werfels Novelle der expressionistischen Bewegung zugeordnet werden kann, innerhalb derer der Vater-Sohn-Konflikt ein viel bearbeitetes Motiv darstellt, soll in Kapitel 4 das literarische Motiv im zeitlichen Kontext untersucht werden, um Rückschlüsse auf den Untersuchungsschwerpunkt dieser Arbeit ziehen zu können. Abschließend sollen im Fazit die gewonnen Erkenntnisse gebündelt und die Fragestellung beantwortet werden.

Franz Werfel war zu seiner Zeit ein vielgelesener und geachteter Autor, geriet jedoch bis heute etwas in Vergessenheit. Von seiner Novelle Nicht der Mörder, der Ermordete ist schuldig distanzierte er sich später zunehmend, was wahrscheinlich dazu führte, dass relativ wenige Untersuchungen sich mit ihr auseinandersetzen. Innerhalb seiner Abhandlung über Das Bild des Jugendlichen in der deutsch-sprachigen Erzählliteratur der Zeit zwischen dem Ersten Weltkrieg (1918) und der Diktatur (1933) von 1980 beschäftigt sich Klaus Karlstetter ausführlich mit der Situation des Karl Duschek, sodass dieser Aufsatz gewinnbringend für diese Arbeit verwendet werden kann. Des Weiteren tragen die Texte von Walter Erhart (Familienmänner, 2001) und Claudia Nitschke (Der öffentliche Vater, 2012) als aktuelle Literatur wichtige, in diesem Zusammenhang relevante Erkenntnisse für die Untersuchung bei. Als Standardwerk zum Thema des literarischen Vater-Sohn-Konflikts kann das zweibändige Werk Kurt K. T. Wais (Das Vater-Sohn-Motiv in der Dichtung, 1931) nicht unerwähnt bleiben.

Um die Verständlichkeit des Textes zu erleichtern, werden die identischen Namen von Sohn und Vater durch das hinzugefügte Kürzel ‚jun.‘ (Sohn) und ‚sen.‘ (Vater) ergänzt.

2 Charakteristik des Vaters

Der Vater Karls, Karl Duschek von Sporentritt, ist ein leidenschaftlicher Diener des Militärs. Zu Beginn des Textes ist er als Hauptmann in der Landeshauptstadt stationiert (vgl. Werfel, 1957, S. 4; im Folgenden zitiert unter FW). In dieser nicht genau benannten Stadt bewohnt der Militärbeamte seine weitere Karriere hindurch „eines der schönsten [Häuser] des Gesandtschaftsviertels“ (FW, S. 124; Einfügung: TMK). Der Beschreibung des Sohnes nach zu urteilen, „war [er] ein ausgezeichneter Offizier […] [, dem] das Dienstreglement […] in Fleisch und Blut übergegangen [war]“ (FW, S. 8; Einfügungen, Auslassung & Umstellung: TMK). Dies wird durch seinen steten beruflichen Aufstieg unterstrichen. Obwohl „er das Studium der Kriegsschule einst hatte unterbrechen müssen“ (FW, S. 10), avanciert er zunächst zum Major (vgl. ebd.), später bekleidet er das Amt eines „Korpskommandanten der Residenz“ (FW, S. 34). Der General, inzwischen mit dem Adelsprädikat ‚Edler von Sporentritt‘ ausgezeichnet (vgl. FW, S. 10), hat u. a. durch seinen guten Kontakt zu wichtigen Persönlichkeiten eine mächtige militärische Position im Reich eingenommen (vgl. FW, S. 34 f.).

Aufgrund seines beruflichen Erfolgs zeigt Karl Duschek von Sporentritt großen Stolz auf seine Leistungen und ein enormes Selbstvertrauen. Sein Sohn bewertet dies mit den folgenden Worten: „Alles an diesem Vater war: Von oben herab“ (FW, S. 4). Er beschreibt des Weiteren den „dienstlich verächtliche[n] Blick“ (FW, S. 6), mit dem er, der Sohn, bedacht wurde, sowie den „näselnden, leichtfertigen Ton“ (FW, S. 11), in welchem der Vater zu reden pflegte. Karl jun. empfindet seinen Vater insgesamt als eine „erdrückende Erscheinung“ (FW, S. 13).

Die militärische Etikette prägt sowohl das Äußere von Karl sen. als auch sein Verhalten. Stets ist er den Vorschriften entsprechend gekleidet. Karl jun. beschreibt ihn als eine „infanteriepedantische“ (FW, S. 10) Gestalt und bringt damit u. a. die Genauigkeit zum Ausdruck, mit der der Vater selbst seine Kleidung auswählte und pflegte. Mit dem beruflichen Aufstieg steigt die Feinheit seiner Garderobe. Trägt er als Hauptmann noch „gelbe Waschhandschuhe“ (ebd.), sind es als Major „weiße dünne Glacés“ (ebd.). Aus dem Tschako und dem Salonsäbel (vgl. FW, S. 8) wird eine „weniger vorschriftsmäßige feinere Uniform“ (FW, S. 11). Stets trägt er geputzte, glänzende Lackstiefeletten bzw. -stiefel (vgl. FW, S. 7, 43). Seine militärtypische Montur in Form von Breeches, Kappe und einem Waffenrock (vgl. FW, S. 43 f.) wird durch eine „Reitgerte, die er regelmäßig gegen den Schenkel schlug“ (FW, S. 73) vervollständigt. Im Alter schmückt ihn zusätzlich ein schwarzrandiges Monokel (vgl. ebd.). Als starker Raucher wird er häufig mit Zigarette in der Hand beschrieben (vgl. FW, S. 4). Bei lediglich zwei Vorkommnissen wird Duschek sen. in ziviler Kleidung dargestellt. Eines davon ist der gemeinsame Besuch der Hetzinsel mit seinem Sohn anlässlich dessen 13. Geburtstags. Mit dem Ablegen der amtlichen Uniform verliert er äußerlich an Status und wird zu einem einfachen Mann unter vielen. Dieser Aufzug scheint ihm nicht zu schmeicheln: „tadellos allein wirkten Frisur, - Stock, Hut und Handschuhe“ (FW, S. 13). Die zweite Schilderung entstammt der Nacht, in welcher Karl jun. seinen Vater angreifen möchte. Der Sohn ist ein zweites Mal vom Anblick seines Vaters überrascht, da dieser sonst so adrett gekleidete Herr ihm in Pantoffeln und grauem Schlafrock begegnet. In den zwei schwächsten Momenten des Karl Duschek von Sporentritt wird er in nicht-standesgemäßer Kleidung beschrieben, als wenn diese nur ein äußere, schützende Hülle wäre.

Die Eitelkeit des Vaters spiegelt sich auch in seiner Körperpflege wider. Bevor er die Mutter von Karl jun. vor dem Mittagessen begrüßt, kämmt er mit einem Bartbürstchen seinen Bart (vgl. FW, S. 8), welcher kurzgestutzt, aufgezwirbelt und später schwarz gefärbt ist (vgl. FW, S. 44). Beim Diner bemerkt Karl jun., dass des Vaters „wohlangepreßte[] weiße[] Haare dufteten“ (FW, S. 50) und seine Finger mehrere Ringe schmücken (vgl. ebd.), ebenso wie Gold seine Zähne (vgl. FW, S. 132). Erst im hohen Alter sitzt „sein Scheitel nicht so ordentlich wie sonst“ (FW, S. 115), sind seine „weißen[n] Haare zerzaust, der Schnurrbart ungestutzt, ungefärbt, grau, hart hinabstechend“ (FW, S. 132). Über körperliche Merkmale wie Größe, Statur etc. erfährt der Leser nichts. Dargestellt ist nur der mit fortschreitender Krankheit einhergehende äußerliche Alterungsprozess.

Karl Duschek von Sporentritt legt großen Wert auf Tradition. Deshalb ist es für ihn selbstverständlich, dass sein Sohn wie alle Männer der Familie (vgl. FW, S. 33) eine Laufbahn beim Militär absolviert. Den Ausflug zur Hetzinsel begründet er auch mit einem Familienbrauch, bei dem er davon ausgeht, dass auch sein Karl jun. ihn später einmal umsetzen wird:

Gerade an meinem dreizehnten Geburtstag, erinnere ich mich, hatte mir mein Vater, der Oberstleutnant, ein besonderes Vergnügen zum Geschenke zugedacht. Ich will dir das gleiche Geschenk machen, und du magst ebenso an deinem Sohne handeln (FW, S. 12).

Der Vater sieht in seinem Sohn den Repräsentanten seines eigenen Namens (vgl. FW, S. 47). Damit der Junge dieser Aufgabe gerecht werden kann, muss er einer harten und strengen Erziehung unterzogen werden. Der Vater trennt das Privatleben nicht von seinem Beruf, sodass er selbst zu Hause „[…] in der Türe leicht die Sporen aneinander[schlägt]“ (FW, S. 8; Umstellung: TMK) und Ehefrau sowie Sohn „mit einem förmlichen ‚Servus‘“ (ebd.) begrüßt. Der Sohn beschreibt den Vater aufgrund seines reservierten Verhaltens als einen „steifen und klirrenden Menschen“ (FW, S. 13). Im Rahmen der strengen Erziehung spricht der Vater seinen Sohn zumeist nicht mit dem Namen, sondern dem Offiziersrang an (vgl. FW, S. 6, 27). Als Kind muss Karl jun., Schüler einer Kadettenanstalt, jeden Sonntag einen Rapport über die Vorkommnisse der Woche im Büro des Vaters abliefern (vgl. FW, S. 4). Obwohl es dem Vater finanziell zunehmend besser zu gehen scheint (vgl. FW, S. 49), lässt er seinen Sohn alte Uniformen tragen (vgl. FW, S. 7) und schickt ihm „keine Zulage zu [s]einer Leutnantsgage“ (FW, S. 36), sodass der junge Karl jun. „nicht die Mittel hat, [s]ich gut auszurüsten“ (FW, S. 47). Doch wenn der Vater es schaffte, anständig auszusehen, ohne viel Geld zu besitzen, dann muss sein Sohn das auch schaffen (vgl. ebd.). Insgesamt fehlt es dem General anscheinend an Liebe für seinen Sohn. Beim gemeinsamen Mittagessen ähnelt das Gespräch eher einem Verhör, als einer vergnüglichen Unterhaltung (vgl. FW, S. 8). Während sein Sohn sich auf einem Pferdekarussell vergnügt, ruft der Vater ihm Befehle zu (vgl. FW, S. 17). Selbst zum Geburtstag schickt er lediglich Geld in einem Umschlag, „ohne Glückwunsch und Brief“ (FW, S. 36). Seine Briefe an Karl jun. sind unpersönlich mit Schreibmaschine erstellt und „wirkte[n] wie ein kalter Gruß“ (FW, S. 34).

Die erste Ehefrau, Karls Mutter, ordnete sich ihrem Ehemann unter, war schweigsam und folgte diszipliniert ihren Aufgaben als Hausfrau. Karl jun. beschreibt sie als des Vaters „verschüchterte, harte Dienerin“ (FW, S. 4), die „[n]ur in der Abwesenheit des Vaters während der Manöver“ (Karlstetter, 1980, S. 99) aufblüht. Sie verstirbt früh, so dass der General eine zweite Frau, Fürstin Natalie, die „eine sehr begüterte Dame der hohen Aristokratie“ (FW, S. 36) ist, heiratet. Lediglich ihr gegenüber zeigt Karl sen. eine liebevolle Art und macht in den Augen seines Sohnes sogar „einen kleinlauten Eindruck“ (FW, S. 51). Er toleriert ihre Religion und ihr Interesse an Musik.

Bevor eine zusammenfassende Charakteristik von Karl Duschek von Sporentritt formuliert werden soll, ist eine Untersuchung der Perspektive, aus welcher die Informationen über den General vermittelt werden, notwendig. In Nicht der Mörder, der Ermordete ist schuldig schildert und wertet der Ich-Erzähler (Karl jun.) das gesamte Geschehen einerseits aus seiner Position und seinem Zustand während der beschriebenen Ereignisse heraus, kommentiert z. T. aber andererseits distanziert-reflektierend die Vergangenheit. Im Rückblick verdeutlicht er seine psychische Verwirrtheit, unter der er während der geschilderten Ereignisse litt, die er mittlerweile jedoch wieder überwinden konnte (vgl. Karlstetter, 1980, S. 98 f.).

Dies führt zu einer Spannung innerhalb der Erzählung zwischen zwei Erzählhaltungen, einer tagebuchartigen und einer autobiographischen, die den Leser zu einer eigenständigen Reflexion und Bewertung nötigt (ebd., S. 99).

Aufgrund dieser von Werfel genutzten Darstellungsweise ist es nur schwer möglich, eine Charakterisierung des Vaters von Karl jun. anzufertigen, bei der ausgeschlossen werden kann, dass sie von den Gefühlen des Sohnes beeinflusst wäre. Insgesamt ist die Anzahl sachlicher Informationen über den General gering (vgl. ebd.), intensiver widmet Werfel sich der aus der Sicht des Sohnes wahrgenommenen Handlungsweisen und Charaktereigenschaften, die zusammengefasst das Bild eines Vaters ergeben, der „sich dem Sohn nur als Rollenträger kundtut“ (ebd., S. 100) und der vollständig in seinem Beruf aufgeht. Dasselbe erwartet er von anderen, so auch von seinem Sohn, dem er „sein eigenes Rollenschema auf[zwingt]“ (ebd.; Umstellung: TMK). Insgesamt folgt Karl Duschek von Sporentritt in seinem gesamten Wirken, inklusive der Erziehung, einem traditionellen Wertesystem, innerhalb dessen es feste Rangordnungen, Verhaltensregeln und Wertmaßstäbe gibt, die auch von seinem Sohn verinnerlicht und anerkannt werden sollen (vgl. ebd., S. 100 f.)

3 Ambivalenz der Gefühle Karl Duscheks - Hass oder Liebe?

3.1 Der Vater als Vorgesetzter

Wie in der vorangegangenen Charakterisierung des Vaters bereits festgehalten wurde, versteht dieser seine Vaterrolle gänzlich hinsichtlich der militärischen Vorbildfunktion und nimmt innerhalb dieser die Position eines Vorgesetzten ein (vgl. ebd., S. 99). Als Knabe verbindet Karl jun. damit vor allem Gefühle der Angst und Unterdrückung sowie den Wunsch nach Lob und Anerkennung.

Denn ich mußte Punkt halb elf in der Bataillonskanzlei vor meinem Vater stehen, der mich mit dienstlich verächtlichem Blicke maß und anfuhr: ‚Korporal, wie stehn Sie da?‘ Das wiederholte sich jedesmal. Meine Knie schlotterten dann, und mit Anspannung aller Kräfte nahm ich strammer Stellung. […] Niemals ein Lob, immer aber flogen mir Kommißschimpfworte an den Kopf (FW, S. 6; Auslassung: TMK).

So wenig wie der Vater als Privatperson agiert, so wenig darf der kleine Karl Kind sein. Am Mittagstisch empfindet der Sohn jede Unterhaltung als Prüfung seines Wissens und seiner Fähigkeiten (FW, S. 8). Deshalb ist er maßlos überrascht, als der Vater dieses Muster aufbricht und sich nach einem erfolgreichen Manöver nach seinen Ferien erkundigt (vgl. FW, S. 10). Insgesamt stellt sich der Junge eher als ängstlich als den Vater hassend dar. Wie stark seine Liebe den Hass unterdrückt, zeigt sich im Anblick des Vaters in ziviler Kleidung, bei dem er „[e]ine ungeheure Welle von Wärme und Mitleid für ihn“ (FW, S. 14) in sich aufsteigen fühlt. Auch Karlstetter sieht an dieser Stelle den ersten Hinweis für die Ambivalenz der Gefühle Karls:

Sobald der Vater als Mensch erscheint, sobald er seine Verschanzung hinter einer Rolle, deren sichtbarer Ausdruck hier die Uniform ist, aufgibt, verschwindet der Haß und eine tiefe Sympathie tritt an seine Stelle (1980, S. 101).

Das Glück Karls ist jedoch nur von kurzer Dauer. Hat er eben noch beinahe die Hand des Vaters genommen (vgl. FW, S. 14 f.), ängstigt er sich beim Fahren mit dem Karussell bereits wieder vor dem kommandierenden Vater (vgl. FW, S. 17). Als Karl sen. mit seinem Sohn eine weit vom Militär entfernte, alltägliche Handlung vollführt, indem er Kaffee und Kuchen spendiert (vgl. FW, S. 20), empfindet Karl wieder die starke Liebe für seinen Vater. Er erkennt: „Das war der Papa, der vor mir saß. Der Große, Bewunderte, Alleswissende, Alleskönnende! Wen hatte ich denn sonst noch auf der Welt als ihn? Ich liebte ihn ja!“ (FW, S. 21). Diese Glückseligkeit und Rührung nimmt ein jähes Ende, als der General mit seinem 13-jährigen Sohn die Schießbude aufsucht. Dort versetzt er Karl jun. in eine Prüfungssituation, welche diesen dermaßen unter Druck setzt, dass er die Kontrolle über sich verliert. Der Spielcharakter der Wurfbude verliert sich in den Anforderungen des Vaters, der wieder die Rolle des Vorgesetzten einnimmt (vgl. Karlstetter, 1980, S. 102). Den Jungen überfordern die Umstände, er kann den Erwartungen seines Vaters nicht gerecht werden. Diese Gefühle der Erniedrigung, Scham und des Versagens führen zu einer unbewussten Handlung. Sein Wurfziel wird die Soldatenfigur, die ihn an seinen strengen Vater erinnert, und als würde der Hass in ihm erstmals aufkommen, trifft er nicht die Figur, sondern den General (vgl. FW, S. 21 ff.). Von seinen Gefühlen überwältig, fällt er in Ohnmacht, aus der er nur einen kurzen Augenblick erwacht, in welchem er den blutenden Vater sieht und dabei folgende Gedanken hat: „Ein ungeheures Weh überspülte mich. Dieses Weh wuchs und wuchs. Das Herz vermochte es nicht mehr zu tragen“ (FW, S. 28). Karl jun. bereut seine Tat, es tut ihm leid um den verletzten Vater, für den er wieder liebevolle Gefühle zeigt. „Nach diesem spontanen Übergriff mit unschädlicher Munition bricht Karl mit einem Nervenfieber zusammen, das die reale Aggression hinter der symbolischen Handlung verifiziert“ (2012, S. 406), interpretiert Claudia Nitschke die Szene. Trotzdem kann die Ausgangsthese als bestätigt gelten: In der Betrachtung der Kindheit Karls kann nicht von Hass gegenüber seinem Vater gesprochen werden. Der Sohn erlebt ein Wechselbad der Gefühle, in dem er zwischen Liebe für und Angst vor dem Vater hin- und hergerissen wird. Einher gehen diese Gefühle mit dem Handeln des Vaters. In den seltenen Momenten, in denen er sich Karl jun. als fürsorglich oder als Privatmensch ohne Rang und mit Schwächen zeigt, fühlt sich sein Sohn ihm nahe, empfindet er Liebe und Dankbarkeit für ihn. Agiert Karl sen. als General und Vorgesetzter, fühlt sich sein Sohn minderwertig und unterdrückt. Der Hass als solcher tritt erstmals als Produkt der inneren Zerrissenheit Karls in der Szene an der Wurfbude auf. Es handelt sich hierbei um einen Wendepunkt, ab dem Karl jun. sich seiner Hassgefühle zunehmend bewusst wird.

Im zweiten Teil der Novelle, der 13 Jahre nach dem Wurfbuden-Erlebnis einsetzt, wird geschildert, wie Karl jun. in seiner Position als Leutnant in einer galizischen Garnison durch „seine Ungeschicktheit im Umgang mit Menschen […] unschuldig in Verdacht gerät, in eine Affäre mit Falschspielerei und Dokumentenfälschung verwickelt zu sein“ (Karlstetter, 1980, S. 103; Auslassung: TMK), woraufhin er diesen Posten verlassen und zu seinem Vater fahren muss. In Gedanken an die Residenz, seiner Heimat, fühlt er „ein Prickeln“ (FW, S. 41), im Zug jedoch wird er in Anbetracht des Wiedersehens mit dem Vater unruhig. Zum wiederholten Male spalten sich seine Gefühle. Einerseits empfindet er Aufregung und Vorfreude hinsichtlich der Rückkehr in das Elternhaus, welches wohl als Symbol für den privaten, familiären Bereich und Vater verstanden werden kann, andererseits ist ihm das Treffen mit dem General peinlich und unangenehm, weil dieser als sein Vorgesetzter enttäuscht über, wenn nicht sogar wütend auf ihn sein wird. Auf seiner Reise beobachtet Karl jun., wie sich ein Vater und Sohn freudig und herzlich umarmen (vgl. FW, S. 45). Diese Episode greift ein Erlebnis aus seiner Kindheit auf, bei dem er einen Vater und seinen Sohn beim gemeinsamen Klavierspiel sah (vgl. FW, S. 3) und wiederholt Karls Gefühl, als einziger verstoßen und ungeliebt zu sein, sowie seinen Wunsch nach väterlicher Zuneigung. Im Büro seines Vaters wird er wieder als ein untergebener Soldat behandelt. Der General betont:

Vergiß nicht, daß du nicht für dich allein stehst, sondern auch für meinen Namen, den du trägst, verantwortlich bist. Ich habe meine Pflichten dir gegenüber erfüllt. Jetzt kommt die Reihe an dich, mir gegenüber deine Pflicht zu erfüllen (FW, S. 47), woraufhin Karl jun. das Bedürfnis verspürt, seinen Vater anzuschreien, weil dieser seine Pflicht, Karls Meinung nach, nicht erfüllt hat. Seine Feigheit jedoch lässt diese Worte unausgesprochen bleiben. Während Karl sen. die Soldatenpflichten seines Sohnes erfüllt sehen möchte, versteht Karl jun. es als des Vaters Pflicht, ein liebender Vater zu sein. Der Drang nach einem Schreien zeigt die Intensität der Wut, vielleicht auch schon des Hasses, wobei das Gefühl noch nicht stark genug ist, um die Angst sowie die Hoffnung auf Zuneigung zu überwinden. Nach der Begegnung fühlt Karl jun. sich gedemütigt, möchte seinen Vater am liebsten würgen, verfällt aber direkt im Anschluss wieder in Wehmut und Sentimentalität:

Sehnsucht erfaßte mich nach dem Vater meiner Kindheit, nach dem Plagegeist meiner Knabenjahre. […] Aber er war doch nahe gewesen, so nahe! Und ich hatte es gefürchtet, aber so, wie man Gott fürchtet. Werde ich je loskommen? Ist das Wahnsinn? (FW, S. 49; Auslassung: TMK).

Im Rückblick erscheint ihm der Vater seiner Kindheit als ein besserer, weshalb er sich diesen zurückwünscht. „Noch immer befindet sich Karl auf der Stufe unreflektierter Emotionen“ (1980, S. 104), konstatiert Karlstetter. Die Liebe zum Vater sowie die antrainierte Ergebenheit sind noch zu groß, als dass er sich aus dieser Beziehung befreien könnte. Der Hass steht als Gefühl noch nicht für sich, sondern entsteht aus der unerwiderten Liebe für den Vater. Eine für den in diesem Kapitel zu untersuchenden Aspekt interessante Aussage tätigt Karl jun. nach dem gemeinsamen Abendessen mit der Stiefmutter bei seinem Vater. Nachdem er das Treffen vorzeitig und ohne herzliche Verabschiedung verlassen hatte, erfüllte [ihn] ein starkes glückliches Gefühl: ‚Mit diesem Menschen bin ich fertig. Vater ist er nicht mehr! Nicht mehr der Gegenstand dieser beleidigten, herabgewürdigten Knabenliebe. Zitternde Ehrfurcht und zart gekränkte Sehnsucht – vorbei für immer! Wer ist der Mann? Ein gleichgültiger Vorgesetzter, dessen baldiger Tod mich nur vergnügen sollte!‘ (FW, S. 54).

Erstmals nimmt er selbst eine bewusste Trennung zwischen dem Vater, den er insgeheim liebt und dem Vater, der seinen Vorgesetzten darstellt und der ihm unangenehm ist, vor. Karl jun. gesteht seine Liebe zum Vater ebenso wie seine Angst in Form von zitternder Ehrfurcht und zieht innerlich einen Schlussstrich: Den geliebten Vater gibt er auf, da seine Gefühle unerwidert bleiben, auf den Vorgesetzten hat er keinen Einfluss, weshalb der General diese Rolle behalten soll.

In der Zeit, in welcher Karl jun. sich einem Anarchistenkreis angeschlossen hat, der sich dem „Krieg der patriarchalischen Weltordnung“ (FW, S. 59) widmet, und für den er junge Soldaten gewinnen soll, kommt es zu einer überraschenden Begegnung mit seinem Vater (vgl. FW, S. 73 f.). Nachdem Karl jun. die Worte des Generals als „die Worte eines Vorgesetzten“ (FW, S. 74) vernommen hat und ihn „betreten und stramm“ (ebd.) salutierend verabschiedete, überkommt ihn abermals ein Wutausbruch, in welchem er den Vater in Gedanken mit den Bezeichnungen „Mörder, Seelenverkäufer, Menschenschinder, ungebildeter Frechling, roher Schwachkopf“ (ebd.) beschimpft und murmelt „Es kommt der Tag“ (FW, S. 75). Die letzte Aussage bleibt, viele Vermutungen zulassend, unkommentiert. Aufgrund seines gleichzeitigen Gemütszustands liegt die Planung eines Racheaktes nahe, möglich ist aber auch die Hoffnung auf den Tag, an dem der Vater stolz auf seinen Sohn sein wird. Festgehalten werden kann, dass nach dieser Begegnung mit dem General erstmals keine Zerrissenheit Karls erkennbar ist. Seine Gedanken sind von Wut und Hass geprägt, Zuneigung für den Vater äußert sich nicht. Mit dem Eintreten in die Anarchistengruppe scheint sich die Meinung über den Vater zunehmend in die ablehnende, hassvolle Richtung zu manifestieren, was dadurch verstärkt wird, dass dieser sich wiederum nur in der Vorgesetztenrolle zeigt.

Im Gegensatz dazu wird Karl jun. kurze Zeit später durch einen Brief von seiner Stiefmutter mit dem ‚menschlichen‘ Vater konfrontiert, der an Krankheit leidet. Ihm offenbart sich dadurch, dass auch Karl sen. Schwäche zeigt (vgl. FW, S. 82). Es führt zu zwiespältigen Emotionen: Einerseits empfindet er Mitleid, andererseits ist er empört, dass, laut den Worten der Stiefmutter, der Vater unter der „Kälte und Vernachlässigung“ (FW, S. 83) des Sohnes leidet. Er setzt sich mit dem Idealbild des Sohnes nach den Wünschen seines Vaters auseinander und kommt zu dem Schluss, „Dieser Sohn bin ich nicht. All das, was ihn angeht, was seine Sphäre ist, hasse ich“ (ebd.). Dies schließt nicht den Hass der Person des Vaters ein, sondern beschreibt lediglich den Hass gegenüber den militärischen Dingen, die den Mittelpunkt im Leben des Generals zu bilden scheinen. Auf den Seiten 83 bis 84 wird dem Leser ein Wechselbad der Gefühle präsentiert, das von Mitleid über Rache zu Schuldzuweisungen an dem gestörten Vater-Sohn-Verhältnis sowohl gegenüber sich selbst als auch dem General, letztendlich mit der Frage „Oder – stehen wir beide vor einem unbegreiflichen Gesetz uns in der Ferne suchen und in der Nähe hassen zu müssen?“ (FW, S. 84) ohne Beantwortung derselben endet. Auslöser dieser inneren Zerrissenheit ist wie in den bereits vorher beschriebenen Situationen das Entdecken des Vaters unabhängig von seiner beruflichen Stellung. Es handelt sich nun jedoch nicht mehr nur um unreflektierte Gefühlsschwankungen, sondern Karl jun. stellt erstmals Fragen und sucht Gründe für den Vater-Sohn-Konflikt (vgl. Karlstetter, 1980, S. 108).

Diese Entwicklung führt so weit, dass Karl jun., nachdem die Anarchistengruppe bei einer Razzia festgenommen wurde, den Willen hat, seinem Vater die Meinung zu sagen. Im Büro des Generals verläuft das Gespräch jedoch nicht wie gewünscht und dennoch bringt Karl jun. den Mut auf, den General anstelle der Dienstgradbezeichnung mit „Vater“ anzureden (vgl. FW, S. 117). Er möchte die Situation verändern, bringt damit zum Ausdruck, dass er mit seinem Vater und nicht mit einem Vorgesetzten sprechen möchte, weil er, wie die bisherige Untersuchung zeigen konnte, sich nach dem liebenden Vater sehnt. Doch „[a]uch als Karl versucht, den General durch den Appell an sein väterliches Empfinden auf seine Seite zu bringen, verschanzt sich der Vater hinter seiner Dienstvorschrift, seiner Rolle“ (Karlstetter, 1980, S. 110), wodurch sein Sohn ihn wütend mit den Worten „Ich scheiße auf deinen allerhöchsten Dienst“ (FW, S. 118) anschreit. Noch während der Vater mit der Peitsche ausholt, um Karl jun. zu schlagen, meint der Sohn den Mann hinter der Fassade zu erkennen. „Ich sehe nicht mehr das Gesicht eines kaltsinnigen Truppenführers, ich sehe das schmerzverzerrte Gesicht eines geschlagenen Vaters, ich sehe mehr noch, jetzt...“ (ebd.), sind seine letzten Gedanken, bevor ihn der Peitschenhieb trifft und verletzt. Peter von Matt bemerkt: „Der Verurteilte wird nicht nach den Regeln des militärischen Reglements gerichtet“ (1995, S. 349). In dieser Situation verschmilzt somit die Rolle des Vorgesetzten mit der des Vaters und von dieser Einheit erniedrigt begibt Karl jun. sich in die Vorbereitung seines Racheaktes.

[...]

Details

Seiten
42
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668087231
ISBN (Buch)
9783668087248
Dateigröße
576 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v310330
Institution / Hochschule
Universität Rostock – Institut für Germanistik
Note
1,0
Schlagworte
Germanistik Literatur Franz Werfel Expressionismus Vater-Sohn-Konflikt Prager deutsche Literatur
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Titel: Vaterhass oder Vaterliebe? Der innere Konflikt Karl Duscheks in Franz Werfels "Nicht der Mörder, der Ermordete ist schuldig"