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Burnoutprophylaxe bei Pflegenden durch E.V.A. auf Basis der Salutogenese

von Dirk Chudaska (Autor) Timon Lukas Bartkowski (Autor)

Studienarbeit 2013 19 Seiten

Medizin - Sozialmedizin, Arbeits- und Berufsmedizin

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Burnout
1.1 Definition
1.2 Diagnostik
1.3 Verlauf von Burnout
1.4 Burnout bei Pflegenden

2. Salutogenese
2.1 Definition
2.2 Charakteristika der Salutogenese
2.3 Relevanz der Salutogenese für Pflegende

3. E.V.A
3.1 Definition
3.2 Ziele des Konzepts
3.3 Anreize und Motivationen
3.4 Punktesystem
3.5 Maßnahmenkatalog
3.6 Einführung in die Praxis

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

Einleitung

In unserer Facharbeit behandeln wir die beiden Themenschwerpunkte: LE II.7 Grundfragen und Modelle beruflichen Pflegens und LE II.6 Persönliche Gesunderhaltung. Aus diesen Schwerpunkten formten wir unser Thema für die Facharbeit: „Persönliche Gesunderhaltung und Burnout-Prävention im stationären Alltag“.

In dieser Facharbeit möchten wir aufzeigen, dass das Burnout-Syndrom längst kein Randphänomen mehr ist, sondern viele Mitarbeiter in stationären Krankenpflegeeinrichtungen betrifft und große Auswirkungen auf den gesamten betrieblichen Organismus hat. Menschen, die unter Burnout leiden, haben in ihrem beruflichen Alltag hohe Ausfallzeiten und sind unter Umständen nicht mehr in der Lage ihren Beruf auszuüben.

In besonderem Maße sind Mitarbeiter in Pflegeeinrichtungen gefährdet. Sie tragen ein hohes Risiko von Burnout und den damit verbundenen Begleiterscheinungen betroffen zu sein. Im Gegensatz zu anderen Berufsgruppen kommt in Pflegeberufen eine deutliche emotionale Komponente in den verschiedenen und vielfältigen Tätigkeitsbereichen hinzu. Pflege ist Arbeit mit und an Menschen, die Pflege bedürfen. Dies umfasst bei weitem nicht allein die körperliche Pflege, hinzukommen psychologische, soziale und kulturelle Aspekte, um nur einige zu nennen. Der Umgang mit Leid, Krankheit und Sterben sind ebenso Alltag.

Dieser Umstand fordert ein hochsensibles und komplexes Handeln. Pflegehandlungen lassen sich nur schwer funktionalisieren. Das bedeutet, Pflegende haben nur schwer die Möglichkeit sich als Mensch von ihrer Arbeit zu distanzieren. Das bringen viele Tätigkeiten des Pflegealltags mit sich, die ein hohes und individuelles Einlassen auf die Pflegebedürftigen erfordert, um überhaupt gute Pflege gewährleisten zu können.

Es ergab sich für uns daraus die Frage: Wie lässt sich eine Burnout-Prävention in den stationären Klinikalltag integrieren?

Für unsere Daten zur Burnout Problematik bei Pflegenden bedienten wir uns unter anderem der RN4CAST Studie, die von der Catholic Unisversity of Leuven (Belgien) in Zusammenarbeit mit dem Center for Health Outcomes and Police Research (Pennsylvania/USA) vom Januar 2009 bis Dezember 2011 durchgeführt wurde, und explizit Gründe aufzeigt die zum Burnout bei Pflegenden führen. Neben der Begriffsbestimmung von Burnout, erörtern wir kurz das Modell der Salutogenese, welches ihren Ursprung 1970 mit Aaron Antonovsky hat.

Das Modell der Salutogenese ist für uns in den Fokus gerückt, weil es unserer Vorstellung von Gesundheit und Krankheit am nächsten ist. Jedoch bietet dieses Modell kein vorgegebenes Handlungsschema für die praktische Anwendung. Deshalb bedienen wir uns bestimmter Elemente aus Antonovskys Modell, um selbst ein Handlungskonzept für die praktische Anwendung zu erarbeiten.

Damit entwickelten wir unserer Konzept E.V.A. welches zur Persönlichen Gesunderhaltung in stationären Krankenpflegeeinrichtungen eingesetzt werden kann. Es basiert auf einem Punkte-Prämiensystem und soll in den Klinikalltag integriert werden. Somit soll eine erhöhte Motivation für die Teilnahme der Mitarbeiter an E.V.A. erreicht werden.

1. Burnout

1.1 Definition

„Verlust der psychischen und physischen Leistungsfähigkeit eines Helfers, der nicht mehr in der Lage ist, diese Leistungsfähigkeit zu regenerieren. Gekennzeichnet ist Burnout durch eine abgegrenzte Art emotionaler Erschöpfung sowie durch den Verlust positiver Empfindungen und Sympathie oder Achtung für den Patienten; Betroffene wirken gefühllos und abgestumpft.“ (Menche 2007, 236)

1.2 Diagnostik

Laut der „Internationalen Klassifikation der Erkrankungen“ (ICD) ist Burnout keine Behandlungsdiagnose sondern lediglich eine Zusatzdiagnose und rechtfertigt somit keine Einweisung in ein Krankenhaus. Erschwerend hinzu kommt, das Burnout viele Merkmale von anderen psychischen Erkrankungen aufweist und somit schwerer zu erkennen bzw. diagnostizierbar ist. Die gängigste Burnout Diagnose-Methode ist das „Maslach Burnout Inventory“ (MBI). Entwickelt wurde der MBI-Fragebogen 1981 von Susanne E. Jackson und Christina Maslach. Bei der Entwicklung des Fragebogens wurde das Hauptaugenmerk auf 3 Dimensionen des Burnouts gelegt:

- Emotionale Erschöpfung
- Depersonalisierung
- Leistungszufriedenheit

Die Befragten haben die Möglichkeit, 22 Fragen über sich und ihren Alltag zu beantworten und können jede Frage/Vorkommnis siebenstufig bewerten (0=nie bis 6=täglich). (Vgl. Busse/Doblier/Zander)

1.3 Verlauf des Burnouts

Das Burnout Syndrom betrifft besonders Menschen die ihrem Beruf mit Leidenschaft und großer Hingabe ausführen. So ist es kein Wunder, dass das Syndrom viele Charakteristika eines Workaholics aufweist. Überengagement ist hierbei das treffendste Schlagwort. Pflegende möchten ihr erlerntes Wissen praktisch anwenden und jedem Patienten die gleiche Aufmerksamkeit widmen. Es werden Arbeitspausen verkürzt oder ausgelassen und die eigenen Bedürfnisse dauerhaft hinten angestellt, um die Rolle als Helfer perfekt auszuführen. Irgendwann jedoch lassen sich die Bedürfnisse nicht mehr verleugnen. Wird das Überengagement nicht von Kollegen/Vorgesetzten wahrgenommen oder die bevorstehenden pflegerischen Tätigkeiten kollidieren mit der zu Verfügung stehenden Zeit, kommt es zu einer Einbruchsphase.

In dieser Phase wendet sich der Betroffene gegen seine Kollegen oder Vorgesetzten, aber vor allem gegen seine Arbeit. Diese erscheint ihm nun wie ein Kampf gegen Windmühlen und erhöht die Frustration. Begleitend für diese Phase sind Symptome wie Müdigkeit und Lustlosigkeit, da sich die vernachlässigten Bedürfnisse jetzt mit voller Härte zurück melden und sich Platz machen. Dies zehrt an den Energiereserven und spätestens an diesem Punkt ist Burnout nicht mehr nur eine Kopfsache, sondern spiegelt sich auch im Körper wieder.

Viele Betroffene rechtfertigen so einen gewissen Hang zum „Krankfeiern“, da ihnen ihrer Meinung nach diese extra Tage für ihren Mehraufwand auf der Arbeit zustehen. Reichen diese zusätzlich unrechtmäßig erworbenen Tage nicht aus, werden oft keine weiteren Maßnahmen mehr unternommen oder auch nur in Betracht gezogen, da diese direkt als hoffnungslos eingestuft werden, um den stressigen Arbeitsalltag irgendwie zu kompensieren. Ist es erst einmal so weit gekommen, verstärken sich die bis hierhin aufgetretenen Symptome und schaffen somit eine Eintrittspforte für andere Krankheiten.

Im Zusammenspiel schaffen die oben erwähnten negativen Einflüsse ein depressives Loch das nicht nur die Arbeit betrifft, sondern auch das Privatleben und das weitere soziale Umfeld umfasst und sich immer weiter ausdehnt. Bietet das Privatleben nun auch nicht mehr nur den geringsten Rückzugsort oder die Möglichkeit zur Regeneration, kann dies bei einigen Betroffenen die Hemmschwelle des Medikamenten-/Alkohol -missbrauchs senken. (Vgl. Menche 2007, 236f.)

1.4 Burnout bei Pflegenden

Die steigende Gefahr von Burnout wurde 2011 in einem ersten Bericht der Registered Nurse Forecasting (RN4Cast) dargelegt.

„Insgesamt wurden in 13 europäischen Ländern mehr als 34000 Pflegepersonen aus mehr als 500 Krankenhäusern in die Studie eingeschlossen. Mit diesem Volumen stellt RN4Cast die bisher weltweit umfangreichste Studie im Bereich der Pflegepersonalplanung dar.“ (Bäumler, Z. 9 ff.)

Allein in Deutschland wurden 1510 Pflegefachkräfte in 50 Krankenhäusern zu verschiedenen Facetten ihres Pflegealltags befragt. Die Studie machte es sich zur Aufgabe herauszufinden, inwieweit die Arbeitssituation in deutschen Krankenhäusern Einfluss auf die durchgeführte Arbeit und die Arbeitszufriedenheit des Pflegepersonals hat. RN4Cast bedient sich des MBI als internationales Mittel der Wahl, so soll eine fehlerhafte Datenanalyse vermieden werden. Als Ausgangswert wurden Ergebnisse einer vorangegangenen Studie genutzt, welche bereits vor 11 Jahren durchgeführt wurde. Lagen die Werte für Unzufriedenheit und Burnout um die Jahrhundertwende noch bei 15 beziehungsweise 17%, konnte 2010 ein rasanter Anstieg auf 33 beziehungsweise 38% festgestellt werden. Dies entspricht einer Steigerung um mehr als 100% der einzelnen Ergebnisse.

Die von der RN4Cast Studie als stark Burnout gefährdet eingestufte Pflegekräfte 93% (82% aller Befragten), gaben an, dass es nicht genügend Personal gibt, um eine qualitativ hochwertige Pflege zu leisten. 80% aller Befragten gaben an, dass noch nicht mal die täglich anfallende Pflegearbeit zu bewältigen sei. Diese Personalknappheit schlägt sich unter anderem in Überstunden nieder, die 36,4 % aller Befragten laut Auswertung im letzten Dienst geleistet haben. Dabei ist davon auszugehen, dass mit den zusätzlichen Stunden versucht wird, die kontinuierlich steigenden Krankheitsausfälle bei den überlasteten Pflegenden abzufangen. Die in der Literatur oft vertretene Meinung, dass die als hochbelastet eingestuften Menschen oft die engagiertesten Arbeitskräfte seien, die durch ständige Mehrarbeit Gefahr laufen „auszubrennen“, lässt sich auch mit den Ergebnissen aus RN4Cast belegen. Massiven Stellenstreichungen von 50.000 Vollkraftstellen in den Jahren 1996 bis 2008, liefert eine mögliche Erklärung für die drastische Steigerung der Burnout-Problematik. Spätfolgen des Stellenabbaus sind Einbuße an Ausbildungskapazitäten und ein deutlich reduzierter und statistisch überalterter Personalbestand, der zwangsläufig zu höheren Arbeitsbelastungen führt.

(Vgl. Busse/Doblier/Zander)

„Nachteilige Auswirkungen auf die Sicherheit der Patientenversorgung wurden in Kauf genommen, bzw. es wurde darauf vertraut, dass das „übrig gebliebene“ Pflegepersonal auch weiterhin eine qualitativ hochwertige Pflege leisten kann. Bei der Berechnung der Einsparungen hätte absehbar sein können, dass eine Arbeitssituation die Folge sein wird, in der das Pflegepersonal an seine Grenzen und weit darüber hinausgehen muss, und dass dieser Zustand zwangsläufig Auswirkungen auf die Arbeitsleistung haben wird.“ (Vgl. Busse/Doblier/Zander 98)

2. Salutogenese

2.1 Definition

“Das Wort Salutogenese (lat. von salus = Unverletztheit, Heil, Glück und griech. génesis = Entstehung) bedeutet Gesundheitsentstehung und wurde von dem israelischamerikanischen Medizinsoziologen Aaron Antonovsky (1923-1994) in den 70er Jahren geprägt. Der Begriff ist analog gebildet zu dem Begriff Pathogenese (griech. páthos = Schmerz, Leid), der die Leh-re der Entstehung von Krankheit bezeichnet”. (Vgl. Antonovsky 1997)

Das Modell der Salutogenese kann als ein Gegenentwurf gelten, zu der auch heute noch vorherrschenden Perspektive der Medizin, die in erster Linie von einer pathogenen Sichtweise geprägt ist. Eine wesentliche Grundannahme dieser Sichtweise besagt, dass Entstehungsbedingungen von Krankheiten identifiziert werden können. Zu solchen „Pathogenen“ gehören z.B. Gendefekte, Bakterien, Viren, Chemikalien/Noxen sowie psychosoziale Faktoren, Stressoren und Risikofaktoren. Es wird davon ausgegangen, dass jede diagnostizierte Krankheit eine bestimmte Ätiologie aufweist und für jede Krankheit entsprechende Therapien abgeleitet werden können, welche die Beseitigung der „Pathogene“ vorsehen. Dies sind die wesentlichen Inhalte der Krankheitsbehandlung oder Heilung. (Vgl. Schulz/Wiemann) Die salutogenetische, auf die Entstehungsbedingungen und Erhaltung von Gesundheit ausgerichtete, Frage jedoch lautet: Wie bleibt ein Mensch gesund bzw. wie kann er seine Gesundheit erhalten und fördern?

Laut Antonovsky ist der Mensch nicht abgrenzbar vollständig krank oder gesund, sondern befindet sich immer dynamisch in einem Kontinuum zwischen den Polen von Gesundheit und Krankheit. Das bedeutet konkret, auch wenn ein Mensch an einer Krankheit leidet, so besitzt er auch gesunde Anteile und im Umkehrschluss, wenn ein Mensch gesund ist, besitzt er immer auch Anteile die krank sind. Antonovsky spricht in diesem Zusammenhang von einem Gesundheit-Krankheit-Kontinuum. (Vgl. Schulz/Wiesmann)

2.2 Charakteristika der Salutogenese

Nach Antonovsky wirken auf den Menschen und seinen Organismus vielfältige Stressoren ein. Stressoren im Sinne Antonovskys sind Lebenserfahrungen und Ereignisse, dem jeder Mensch ausgesetzt ist, die durch: „Inkonsistenz, Unter- und Überbelastung, sowie durch Kontrollverlust gekennzeichnet [ist]“ sind. (Vgl.Schulz/Wiesmann).

Stressoren reichen neben größeren Lebensereignissen bis hin zu alltäglichen Ärgernissen.

Auf Stressoren reagieren Menschen mit Spannungszuständen, welche positive, neutrale oder negative Auswirkungen auf den Organismus haben. Dies geschieht, laut Antonovsky, bereits im Kindesalter, wo Kinder erlernen mit Spannungszuständen adäquat umzugehen. Im Laufe ihres Lebens erfahren Menschen immer wieder stressreiche, belastende Umstände, die oft nicht vermieden werden können, sondern vielmehr bewältigt oder gelöst werden müssen. Wie jedoch so eine Bewältigung aussieht, ist individuell verschieden und ebenso individuell effizient. (Vgl. Schulz/Wiesmann)

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Details

Seiten
19
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783668089488
ISBN (Buch)
9783668089495
Dateigröße
465 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v310358
Note
1
Schlagworte
Burnout Prophylaxe Pflege Krankenpflege Altenpflege Krankenhaus Krankenpfleger Burnoutprophylaxe RN4CAST Prävention Erschöpfung Stress Klinik Arzt Ausbildung Konzept Training Antonovsky Modell Salutogenese Gesundheit Krankheit Balance

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